Mit dem Herz auf der Via Lemovicensis La Coquille - Thiviers - Sorges - Périgueux


Die Vermutung, dass es noch heißer wird, ist schon zum Frühstück keine Vermutung mehr. Wenn wir es ... 

Wenn ich, wenn wir es geschafft hätten früher zu frühstücken oder wenigsten kürzer, dann wäre ich der schlimmsten Hitze auf der Napoleon Route vielleicht entkommen. Was natürlich Quatsch ist und ich in Périgueux vermehrt von der Stadthitze gehabt hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette. Wir frühstücken lang und schwatzen viel. So erfahre ich, dass ein bestimmter Klaus irgendwo vor mir ist. Na mal sehen. Die Ablösung unserer Herbergsmutter kommt und bringt einen Wlan-Router mit. Nachfolgende Pilger können nun über feinstes Wireless Local Area Network verfügen. Falls Ben den Anschluss hinkriegt. Auf geht’s! Kaum bin ich im Wald und weiter Flur treffe ich zwei kolossal beladene Pilger aus den fernen Niederlanden. Seit zwei Monaten sind sie unterwegs und sie haben alles dabei, vom Kochtopf bis zur Tütensuppe. Buen Camino. Nur einen Kilometer später, treffe ich den nächsten Pilger, einen Portugiesen, der in Paris startete. Buen Camino. Dann ist es ein belgisches Pärchen aus Ostende, ihren letzten Tag gehend. Ich meine natürlich den letzten Tag ihres Caminos in diesem Jahr. Buen Camino. Es wird, nach dem Tag in moderner Kunst, dem Tag liebestoller Limousinkühe und dem Tag der Katzen, ein Tag der Pilger, es wird der Tag der großen Hitze. Die Landschaft hat alles zu bieten, was so eine Landschaft braucht. Sonnenblumen, Schmetterlinge, Kühe, Schafe, Gänse, Walnussplantagen und Meditationskurse. Wenn ich dabei an meine Gedanken denke, ist eine Achterbahn, so etwas wie ein gerader Strich. Man kann den Dingen den ersten Anstoß geben, doch sie tragen dich davon. Das schrieb wohl vor einiger Zeit Napoleon Bonaparte, der Kaiser der Franzosen. Foie gras, mein Gewissen jault förmlich auf, und ich sehe glückliche Gänse. Verdampt viele glückliche Gänse. War es nicht Napoleon, der auch sagte, jede Revolution beginnt im Magen. Fette Gänseleber und Trüffel ob das schmeckt? Vor lauter Esssucht erkenne ich die schnurgerade Napoleon-Route erst als ich sie befahre. Die Taiga kommt mir in den Sinn, die Fahrt von Irkutsk nach Bratsk, Russlands schnurgerade Straßen, Napoleon und Moskau. Mein Gott, eine Achterbahn ist da wirklich nichts. Einen Monat vor den Olympischen Spielen, wohnte ich im olympischen Dorf unterhalb der Lomonossow Universität, besuchte Ostankino, das damals höchste Bauwerk der Welt und ich besuchte die Allunionsaustellung, mit der größten Projektionswand der damaligen Welt. Die Schlacht von Borodino, da war er wieder der Napoleon, in 3D und verlustreiche Schlachten schlagend. Es war die Zeit, als die geballte Sowjetmacht in Afghanistan einmarschierte und die olympischen Spiele im kalten Irgendwas vergeudet wurden. Ja und ich war junge achtzehn Jahre alt. Es ist nicht so, dass die Napoleon-Route wirklich schnurgerade ist und fröne dabei dem Konjunktiv. Der würde es so ausdrücken. Wenn nicht die vielen Hügel wären, wäre die Napoleon-Route schön flach. Kein Wunder das die Gedanken auf und ab marschieren. Fürs Marschieren wurde die Straße ja möglicherweise gemacht. Was wäre, hätte, hätte Fahrradkette, wenn die Russen nicht? Hätte ich dann afghanische Flüchtlinge, die im Job an meiner Seite arbeiten. Oder war es Napoleon, der die Russen vereinte und stark machte. In der Politik ist Dummheit kein Handicap! das sagte auch Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen. Oder begann alles mit dem Urknall. Wenn meine Gedanken abdriften, ins Universum oder sonst wohin. Foie gras, üppige Gänseleber, soll ich? Nein! Glückliche Gänse. Ja! Es ist schwierig mit der Selbstmeditation. Ich achte darauf, dass ich einigermaßen gerade sitze, stelle mir vor, an meiner Stirn wäre eine unsichtbare Schur befestigt, mit der ich mich sachte nach oben ziehe, lasse meine Hände locker am Lenker, atme fünfmal tief ein und wieder aus. Um mich noch weiter zu entspannen, schließe ich die Augen! NEIN! Nein, das mache ich nicht.

Warum auch? Ich bin einfach sanft mit mir und dem Weg, der mich ins hübsche Thiviers befördert. Im charmanten Städtchen gibt es Kaffee und Wochenmarkt. Genau in der Reihenfolge. Wenn mich in der Nacht eine Mücke ärgert, nehme ich sie vorsichtig an der Hand und begleite sie zum Fenster, damit ihr auch ja nichts passiert. Ich lasse Foie gras im Glas stehen wo es ist und decke mich mit verschimmeltem Käse ein, der ist sehr lecker und quält kein Tier. Hoffe ich! Es sind ja nichts anderes als verliebte und glückliche Kühe unterwegs. Ich nehme einen schwarzen Le Petit Chose, einen schwarzen mit Loch Le Saint Clement und einen weichen Le Madame mit Herz. Letzteren kann ich nur noch aus meiner Tupperdose löffeln, auf der letzten Pause vor Périgueux. Ob das wohl am Wetter liegt? Wenige Kilometer später treffe ich Klaus. Ich: Hallo Klaus! Der hanseatische Pilger bekommt bei der Anrede, das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Klaus: Ich bin wohl schon eine Berühmtheit hier? Ich: Du bist hier mindestens so bekannt wie Napoleon! Er erzählt vom weiten langen Weg aus Hamburg bis hierher, er ist am Ostersonntag gestartet und will am ersten November am Kap Finisterre sein. Bei meinem Tempo, sagt er: bin ich sicher schon Anfang Oktober dort. Wir schwatzen bestimmt zwei Kilometer lang über Gott und die Welt und übers Wetter.  Buen Camino.  Übers Wetter könnte ich immer reden, es sind bestimmt schon vierzig Grad als ich Sorges die Hauptstadt des Trüffels besuche. In der Kühle der Kirche atme ich noch einmal tief durch, bevor es zum Croix du Rat sehr steil hinauf geht. Sehr steil. Die Affenhitze macht mich echt fertig und Schatten ist Fehlanzeige. Auf dem kleinen Friedhof La Chaumardie hole ich kaltes Wasser. Einem Napoleon sei gedankt, dass französische Friedhöfe per Gesetz immer Trinkwasser haben. Mit Blick auf das ferne Périgueux trinke ich kaltes Friedhofswasser und löffle das Herz von Le Madame auf. Kopfkino. Die heiße Schimmelkäsesuppe ist ein Gedicht. Huch kann ich gut kochen und das mit purer Sonnenenergie. So aufgepäppelt kommt mir Périgueux immer näher. 

Die Unterkunft Voie de Vézeley in der Rue Gambetta 83 steht nicht im Outdoor, die hatte mir Ben gestern vermittelt. Périgueux ist heiß und voller amerikanischer Volksmusik. In der Stadt wird mauerhaft eine Geschichte erzählt, die seit mehr als zweitausend Jahren erzählt wird, eine endlose Geschichte, die in den reichen Stunden ihrer Vergangenheit verwurzelt ist, ölgemalt oder aquarelliert und offen für jede Menge Rock'nRoll. Es ist gerade die Rockabilly Week 2019. Hier bin ich heute genau richtig. Es gibt hier Plätze, da muss man sich einfach ein Bier gönnen und es gibt eine Pizzeria, die für fünf Euro einen Hauch schwarzen Trüffel über die Pizza hobelt. Wenn ich schon mal da bin, ich gönne mir ja sonst nichts. Der Geschmack ist so geil und der edle Nachgeschmack befördert mich zurück in die anstrengende Zeit, in der ich als Souschef in einem Golfhotel im hübschen Westerwald fungierte. Da kaufte ich mal ein Kilo Schwarzen Trüffel per Rungisexpress vom Pariser Großmarkt für glatte fünfhundert Euronen. Eigentlich möchte ich diese Zeit nicht ins Gedächtnis rufen und bestelle mir noch ein Bier. Außerdem gibt es nur eine Straße weiter, richtig gute Livemusik. Da geht mir augenblicklich das Gemüt auf und ich wippe zur Musik von Bill Haley, Little Richard, Eddy Cochran, Gene Vincent und Co. Viel später treffe ich, wirklich nur ganz ganz leicht angeduselt, in der Herbergsküche den australischen Pilger und Philosophen Peter. Wir plaudern lange über Wege, Geschichte und Philosophie und naschen vom Le Saint Clement, vom schwarzen verschimmelten Käse mit Loch. Seine Eltern waren Wiener Juden, die beim Anschluss Österreichs, nach Australien auswanderten. Der rüstige achtzigjährige Pilger, pilgert zirka zehn Kilometer am Tag und lässt sich dann zu nächsten Herberge mit dem Taxi fahren, am nächsten Tag bringt ihn das Taxi zu ebenjenen Punkt am Weg zurück. Undsoweiterundsofort. Respekt Alter! Der gebürtige Australier spricht ein wenig Wienerisch und unter anderem über so verrückte Sachen wie den Objektivismus, demzufolge das Urteilsvermögen wirklich wahr oder ganz falsch liegen kann. Wie man es eben so sieht. Toll.  Zum Glück habe ich noch ein Bier im Rucksack und Käse schließt den Magen zu.                     

Käse ist Milch auf dem Weg zur Unsterblichkeit (Netzfund)

... über ein paar Kommentare freue ich mich


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