Auf der Via Lemovicencis: Bénévent-l'-Abbaye - Chátelus-le-Marcheix - Saint-Léonard-de-Noblat - Limoges


Der Winter ist spät gekommen. Heute zum Tag des Eisbären, liegt schließlich der Schnee, der den Namen verdient. Übermorgen ist meteorologischer Frühlingsanfang und ich grüble mal wieder übers Leben. Wir leben und wir sterben, der Kohlenstoffkreislauf ist ein endloser Kreislauf. Es ist in kürzester Zeit das dritte Mal, dass ich mich zum Abschiedsgruß auf einem Friedhof begebe. Liebe Menschen schauen nun von ihrer Wolke.  Beerdigungen sind nichts für mich. Ich möchte mich ablenken, so tun, als wäre das Passierte nicht von Bedeutung. Erinnerungen und die Lebensgeschichten bleiben, auch etwas Traurigkeit. Aber. Ich will nicht klagend durch den Tag zu stolpern! Darum verstecke ich mich hinter lauter Musik und schreibe auf, was mir vor einem halben Jahr auf der Via Lemovicensis geschah. 

Winter in Frauenwald

Sommer in Frankreich


Ich sollte mich mittlerweile gut genug kennen, um zu wissen, dass Rotwein ganz und gar nicht gut tut, vor allem mir, meinen Körper und vor allem meinen Kopf. Beim Frühstück schaue ich kleinlaut in Richtung Abfalleimer, drei leere Flaschen schauen empört zurück. Zwei gehen bestimmt auf mein Konto, dem Katzenjammer nach zu urteilen. Wo waren die eigentlich her? Fragte ich mich und stecke sicherheitshalber zehn Euro in die Donativobox. In die Gänge kommen ist heute nicht so mein Ding heute. Die Franzosen sind bestimmt schon eine Stunde auf Pilgerschaft, als ich endlich meinen Drahtesel reisefertig habe. Im Flur entdecke ich das Weinregal mit einigen Flaschen Rotwein, die ich ungetrunken zurücklasse. Fünf Euro steht auf einem Schildchen. Es geht gleich mal anspruchsvoll zu Sache, mein Kater sucht langsam das Weite. Dafür faucht mich ein kleines Kätzchen an. Süß und energisch, regiert sie den Weg. Es wird heute der Tag der Katzen. Nachdem gestern eine liebestolle Limousinkuh mir in heftiger Weise nachstellte, sind mir die Katzen einfach lieber. Limousinkühe gibt es auch reichlich. Die bleiben heute friedlich. Vielleicht war das auch ein eifersüchtiger Limousinbulle. Ne, diese Fiktion ist noch blöder. Der Weg ist ein blühender verwilderter Garten, der immer undurchdringlicher wird. Ich muss dem Sven schreiben, dass die Machete in seiner Packliste fehlt. Wo sind eigentlich die Franzosen hin gepilgert? Die Jakobsmuschel zeigt mir, dass ich richtig bin. Haben sie sich schon in den ersten Minuten ihres Jakobswegpraktikums verirrt, sind sie vor der fauchenden Katze geflüchtet? Die Fragen werden für immer unbeantwortet bleiben. Ich schupse mein Rad durch hüfthohes Gras. Dieser Weg hat seit Ewigkeiten keinen Pilger mehr gesehen. Im Outdoor lese ich, dass es zwei Routen nach Chátelus-le-Marcheix gibt. Erstens: Die historische Route führt auf zum Teil steilen und schlammigen Wegen…  bla, bla, bla, dieser Weg ist anstrengender und länger und lohnt nur bei schönem Wetter. Schöneres Wetter gibt es doch gar nicht. Zweitens: Auf der wenig befahrenen Straße D5 geht es … bla, bla, bla. Der Höhenunterschied ist wesentlich geringer und die Strecke ist kürzer. Aha, denke ich mir und trinke eine Tasse Kaffee Americano in Chátelus-le-Marcheix. 

Mit achtundfünfzig Jahren durch Frankreich radeln ist nicht dasselbe wie mit Zwanzig. Mit Zwanzig hätte ich das nie geschafft, da lebte ich ja noch wohlbehütet hinter dem antiimperialistischen Schutzwall verborgen. Frankreich war zu dieser Zeit ungefähr so weit weg, wie die Rückseite des Mondes. Mit Zwanzig aber, versank ich schon in bunten Träumereien und trampte nach Bulgarien. Unterwegssein, das ist es. In den rumänischen Karpaten gibt es eine Straße, die sich Transfargarasch nennt. Dort in zweitausend Meter Höhe bemerkte ich böse Bauchschmerzen, stechend und immer stechender. Jedoch ich trampte unentwegt weiter, über die Donau, nach Sofia, durch die Rhodophen, ans Schwarzes Meer. Irgendwann wusste ich nicht mehr wo ich war, sank in den warmen Sand am Strand. Aufgewacht bin ich auf einer Intensivstation in einem bulgarischen Krankenhaus. Mein Bauch, war ein operierter Springbrunnen, aus dem unentwegt der Eiter schwappte. Sechs Tage war ich mit geplatztem Wurm herum getrampt. Eigentlich hätte ich tot sein können. Ich bin dem Tod irgendwie noch von der Schippe gehüpft. Glück gehabt. Der Eiter plätscherte ad Infinitum und ich konnte bald die Spreu vom Weizen trennen. Die bulgarischen Schwestern und Ärzte taten alles, der Generalkonsul der Deutschen Demokratischen Republik tat nichts. Der gute Mann war ein Arschloch.

Wenn ich gerade bei unfeinen Betitelungen bin, fällt mir der Glücksmoment den ich vor dreieinhalb Jahren erleben durfte. Da lag ich nun beinoperiert im Krankenhaus, die gebrochene Schulter, verhinderte jedes Aufbäumen, da bekam ich Besuch von meiner Chefin, sie brachte mir die Kündigung. Es war ja noch Probezeit. Sie mutierte zur Ex-Chefin. Nur wenig später am Tage hatten die Ärzte etwas entdeckt.  In meiner Lunge ist etwas, was da nicht sein sollte. Kurz nach meiner Kündigung, offenbarten mir die Ärzte, dass ich allem Anschein nach Lungenkrebs habe. Das sind Tage die brauche ich nicht. Der Nackenschlag war mein psychischer Knockout, an dem ich eine Weile zu knabbern hatte. Den unheimlichen Glücksmoment, der mir passierte, das große Glück begriff ich erst viele Aphorismen später. Solche Tage braucht man, solche Tage retten mir das Leben. Glück gehabt. Es sollten zwar noch ein paar Nackenschläge folgen. Aber! Was mich nicht umbringt, das macht mich stark und man weiß nie wofür so etwas gut ist. 

Daumen in den Wind 1982 - huch war ich mal jung!


Ich atme tief die Landschaft ein, die immer lauter wird. Vorwiegend hörte ich die Zwitschlein vögeln, erhörte ich die Zirpen Grillen? Augenblicklich war es unerhörter Motorenlärm. Der bemuschelte Weg endete am rotweißen Absperrband, direkt an einer vielbefahrenen Motocross Strecke. Ein Wettkampf ist im vollen Gange. Motorräder fliegen, Staub fliegt, alles fliegt vorbei. All die vielen Wege, die ich oder mein Teasy One versuchen, enden an einem rotweißen Absperrband. Es gibt unmittelbar zwei Möglichkeiten, entweder werde ich verrückt oder ich muss urbaneres Denken auf den Weg legen. Erst versuche ich es mit dem Verrücktwerden, das klappt schon ganz gut. Aber, letzten Endes beiße ich in den sauren Apfel und fahre die vielen Höhenmeter wieder runter und auf der Chaussee wieder hoch. Fast oben, begegne ich einem Radfahrerpärchen mit Oberdischingen-T-Shirts und erleide ein üppiges Gespräch. Ich: Hallo! Antwort: Fahrt ihr auch mit Handy App? Ich wollte gerade antworten, dass ich nicht ihr bin, sondern du oder dass ich nicht mit der Handy-App fahre, welche immer das sein mag. Doch ich kam zu gar keiner Antwort. Schnell verstand ich, die Frage war zweifellos rhetorisch gefragt. Das Scheißding hat uns schon dreimal falsch geschickt. Während ich fiberhaft über sinnvolle Worte nachdenke, nur um die nette Konversation aufrecht zu erhalten. erblicke ich den Jakobsweg wieder. Genau im rechten Moment kreuzt er hier die Chaussee. Darum sage ich: Ich muss jetzt nach rechts. Ich habe sie nie wiedergesehen. Saure Äpfel gibt es im Juni ganz und gar nicht, nicht mal in Frankreich. Heute ist der Katzentag.

Als ich auf meiner Radelfahrt den Landstrich weiter inspiziere, fällt mir auf, dass ich wie durch den Thüringer Wald radle. So sehr gleicht sich die Hügelei. Nicht das ich mich nicht darüber gefreut hätte, ich freue mich förmlich mit meinem Fahrrad um die Wette, so eine Freude macht das. Vor ein paar Jahren, in der guten alten Merowingerzeit, lebte hier ein einsamer Einsiedler, der legendäre Leonard und der heilte Leidende und half den Hilflosen. Solche Geschichten mag ich. Mir geht es ebenfalls gleich viel besser. Letzte Rotweinnachwirkungen lösen sich in der wohlwollenden Landluft förmlich auf. In Saint-Leonard-de-Noblat wird schon fleißig der Sturm auf die Bastille vorbereitet, der Platz rund um die Grabeskirche des Heiligen Leonard ist leider Gottes verbarrikadiert. Der Sturm auf die Bastille irritiert mich veritabel. Wenn ich mich hinterher einmal befrage, wieso ich auf die Idee kam, den französischen Nationalfeiertag in Limoges zu verbringen, dann muss ich mir antworten: Die Idee hatte ich gar nicht. Das Unterbewusste sollte man nie unterschätzen. Es ist nicht so, dass ich nicht vom französischen Festtag wusste, ich hatte nur nicht dran gedacht. Nicht die Bohne. Es passierte alles unterbewusst, planlos, was gut ist. Auf dem Weg nach Limoges, der Hauptstadt des Limousin müssen noch ein paar Höhenmeter zertrampelt werden. Das Käuzchen singt dazu. Über allen Wipfeln bist du! Dann wird die Landschaft weniger und die Stadt nimmt zu. Im Café La Pause St-Jaques am Place de Compostelle gestalte ich erstmal eine Kaffeepause. Heute nächtige ich bei den Schwestern des Heiligen Franz von Assisi, im Kloster gleich neben der mächtigen Kathedrale und dem Bischofspalast. Eine wirklich freundliche und sehr heitere Schwester, Schwester Gisele zeigt mir das Zimmer und gibt mir den Schlüssel zur Pforte, die mich von der friedlichen Atmosphäre und dem kunterbunten Trödelmarkt trennt. Schwester Giselle ist Elsässerin, spricht prima deutsch und lädt mich zur Segnung in die Kathedrale ein. Auf dem Spaziergang durch die Zwischenzeit gibt es einiges zu begucken. Trödelmarkt überall, Plunder über alles, Ramsch in jeder Gasse. Ein wahrer Bildband mit den alten Zeiten, tonnenweise Tafelsilber, Mofas, Barock, Geschirre, Biedermeier und Schallplatten. Das ist nur ein harmloser Anfang für eine Stadt in Feierlaune. Der Nachmittag hatte ganz viel für meine Augen und Ohren. Ich weile in der proppenvollen Kathedrale, jemand Berühmtes spielt Orgel, die Phonetik lässt Bach erschallen. Auch ohne jede Orgelmusikahnung, weiß ich, dass es Bach ist. Es ist hingeschrieben auf dem Zettel, den ich im Händchen halte. Es ist die Lehre vom Schall, die in frenetischem Applaus endet. Von den abgerundet zirka tausend Bachliebhabern, bleiben zirka zwanzig zur Abendandacht. 

Meine physisch unstabile Persönlichkeit sitzt neben Schwester Giselle und ich habe keine Textsicherheit in den Gebeten, von französischen Gebeten schon gar nicht. Andächtig bin ich schon. Der Gesang ist, wie vormals in Vézeley, vielstimmig und wunderschön. Ich bekomme den Segensspruch für die Seele, für meinen Weg und ich habe Pipi in den Augen. Ich führe dich auf dem Weg, auf dem du gehst. Wie beruhigend. 

Wie beruhigend ist der Fluss Vienna, der Limoges in zwei Teile teilt. Wie beruhigend ist das Viennaufer. Das Säuseln des Wassers flüstert mir Ausführliches in den Kopf. Auf einer Jakobsmuschel lasse ich meine Gedanken schläfrig kreisen, aber viel zu leise um sie zu verstehen. Ich liege auf einer Jakobsmuschel auf dem Jakobsweg und werde erholungsbedürftig, nicke ein, lese Buch, rufe meine Mutter an und schaue den Bisamratten zu. Müßigkeit tut richtig gut. Spätestens als mein Magen knurrt, fällt mir ein, das heute vor Jahren der Sturm auf die Bastille war. Das wird gefeiert. Meine Esslust ist bald mit Appetit gesättigt und ich schaue den Franzosen beim Tanzen zu.     

Das Unterbewusstsein stellt eine Menge mit mir an. 


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