Cluis - Crozant - Saint-Germain-Baupre - Bénévent-l'Abbay


Linda schiebt mir zum Frühstück, duftenden in der Tasse gebrühten Kaffee und die Opferrolle zu. Sie erzählt mir. Jan trinkt und redet gerne, aber nie alleine. Wenn er aber ein Opfer findet, dann fängt er mit dem Urknall an und findet nie ein Ende. Übrigens ist Jan stolze Achtundachtzig, sonst wären auch die japanischen Truppen nicht erklärlich. Was Linda nicht weiß, ich trinke und erzähle auch gerne mal. Opfersein fetzt - gelegentlich. Tschüss ihr - Verrückten. Hoffentlich findet Jan öfters immer wieder mal ein Opfer, so machen die Lebensabende Spaß. Positives. Meine Mutter versprüht am Telefon Optimismus und das steckt an. Ferngespräche mit meiner Mutter haben zu jener Zeit immer Nebenwirkungen, wie die ständige Unruhe. Heute bleibt das weitgehend aus. Der Kaffee könnte Tote zum Leben erwecken, hat er auch. Bald hat mich die Landschaft, singt ihre Lieder, alles meine Lieblingslieder. Der Morgen ist warm, der Himmel hat seine Schäfchen, die Landschaft hat den alten Viadukt. 

Bei all der großartigen Umgebung, kommen die Gedanken kaum hinterher, so spottlustig sie auch sind. Es ist ja auch alles bestens. Die Straße belächelt mich. Wirklich. 

Arglos radle ich nach Neuville, dass ich mit meinen Französischkenntnissen, die ich nicht habe, in Neustadt übersetze. Ist ja fast wie daheim, denke ich und tatsächlich wird es immer hügeliger und waldiger. Genau wie der Weg, bergauf, bergab, so ist meine Wirklichkeit. Mit dem Denken ist das so eine Sache, manchmal will ich gar nicht wissen, wie es in meinem Kopf zugeht. Da geht es mal so und mal so zu. Mal bin ich ganz lieb, mal der Choleriker. Das Mischungsverhältnis ist ganz von meiner Tagesform abhängig. Wie gut, dass niemand meine Gedanken hören kann. Eine Kuh schaut mich erschrocken an. Wie war das nun vor drei Jahren, als ich nach zwei Wochen auf dem Jakobsweg entschied, mein Leben zu ändern. Ich, der Klugscheißer ging mit der Kündigung in der Hand in meinen ersten Arbeitstag, nur um zu erfahren, dass mein Kündigungsgrund sich in Luft aufgelöst hatte. Der Ursacher für ein halbes Jahr Gemobbe, die im zerstochenen Autoreifen eskalierte, war vorbei. Der Mensch hatte einfach das Weite gesucht. Zurück ging aber nicht mehr, da ich ja anderswo schon zugesagt hatte. Mit Handschlag besiegelt, ist besiegelt. Zwei Wochen hatte ich mir in einem Frankreich in dem es immer doller regnete, den Kopf zermürbt. Wie viele Gehirnzellen dabei den Gedankentod fanden, das weiß ich nicht. Das Leben hat mitunter einen fragwürdigen Humor. Nun überschlugen sich die Dilemmas. Meine eigene Disqualifikation arbeitete ich ordnungsgemäß ab. Alsdann begann der neue Job, der von der ersten Sekunde keine richtige Freude machte. Das hoben auch die Arbeitszeiten nicht auf. Die Strafversetzung sollte nur einen Monat dauern. In einer leichten Linkskurve, hatte ein Mitbürger drei Felsgesteine so drapiert, dass niemand mit dem Auto auf seinen umsorgten Rasen fährt. Genau diese Stelle, suchte sich mein vorderer Fahrradreifen aus, und lies gehörig Luft ab. Mit etwa dreißig Sachen krachte ich auf das Gestein. Beim Krachen hörte ich die Knochen brechen. Da lag ich nun und sah die Heilige Elisabeth. Es gibt Sekunden, die verändern ein Leben wirklich. Bei der Gelegenheit wurde der Krebs entdeckt, der in meiner Lunge und in den Lymphknoten knabberte. So etwas schreibt nur das Leben. Da habe ich richtiges Glück gehabt und es wird Zeit für eine neue Ära. Zuweilen radle ich eindeutig neben meinem Fahrrad, so fühlt es sich jedenfalls an. Es ist auf jeden Fall gut, dass niemand meine Gedanken hören kann. Ich wende mich wieder der Landschaft zu und werte es als Geschenk, hier radeln zu dürfen, zu können. 

Apropos Landschaft, die wird immer unbescheidener, permanent spektakulärer, immer impressionistischer. Ich stehe auf tolle Landschaften, ich bin hier richtig. Die Biomechanik funktioniert tadellos, ich radle ins Tal der Creuse und verlasse das Land der weißen Kühe. Nun kommt das Land der Limousinrinder, die ganz braun sind. Interessante, außergewöhnliche, liebebedürftige  braune Kühe. Aber davon später. Die Landschaft tut mir gut. Warum denke ich das nicht gleich, zumal ich in einer kleinen Bucht am Stausee schwimmen kann. Übrigens gleich in meiner funktionellen Radbekleidung, da können die drei, in die Jahre gekommen Herrschaften am Ufer, denken was sie wollen. Tschüss Auvergne, Tschüss Frau Sand. Ob im Limousin die Limousine erfunden wurde, dass weiß ich nicht. Wohl aber der Impressionismus. Laut meinem Outdoorreiseführer wurde der bunte Bilderismus in der Malschule von Crozant erfunden. Gut wenn man lesen kann. Einige der früheren Schüler Renoir, Monet, Sisley, Degas, Cézanne oder Pissarro sangen: Ich mal mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt ..... Ich bin mir sicher, der schillernden Malerei hats enorm geholfen, wenn man mit Pipi Langstrumpf, als Dozentin, malt. Zwei mal Drei macht Vier und Drei macht Neune! Zur Schule geht es steil bergauf und mein Weg ist noch weit. Meine Gedanken möchte ich manchmal haben! Meine funktionelle Radbekleidung trocknet schnell. Eine blaue Tafel besagt, dass es noch 1613 Kilometer bis zum Grab des Apostels im fernen Galizien sind und die Ruinen hoch über der Creuse müssen noch angeschaut werden. Einer Frau gefallen meine Jakobsmuscheln und sie outet sich als ehemalige Pilgerin. Wir quatschen ein wenig, so gut es eben geht, wenn jeder eine andere Sprache spricht. Wusste ich es doch, in früheren Zeiten gab es noch andere Pilger. Auf dem Weitern Weg habe ich richtig gute Laune. Wegen dieser drei Sachen aber ganz sicher. 

Die Hügel rundum sind Ausläufer vom Zentralmassiv und haben das Zeug, mir gehörig die Waden zu schleifen. Saint-Germain-Baupré hat nicht nur einen coolen Namen, Saint-Germain-Baupré hat auch eine Schottin, der es in Schottland anscheinend zu kalt ist. Ihr kleines Café versteckt sich im Gebüsch gegenüber der Kirche und es gibt die bisher monströsesten Liebesknochen meiner Pilgerfahrt. Lecker ist der auch noch. Was nützt der effektivste Wadenschliff, wenn ich solche Dinger verdrücke? Damit meine gute Laune erhalten bleibt, werde ich das Wort Kontraproduktiv aus meinem Wortschatz streichen. Beschlossene Sache. Mit einem Klischee muss ich bei der Gelegenheit auch noch aufräumen. Schotten sind nicht geizig. Die gute Frau betankt meine Trinkflaschen mit dem exquisitsten Leitungswasser, das in dieser Gegend zu kriegen ist. Der dritte Grund, für meine gute Laune, sind die braunen Kühe. Weil die manchmal so übertrieben anhänglich sind. Mein aufmerksamer Lektor würde sagen. Mist sage ich zu mir, ich habe doch gar keinen Lektor! Also wirklich oder hypothetisch angenommen, ich hätte einen Lektor! Dieser Lektor würde sagen: So einen banalen Halbsatz, könnte ich nicht so stehen lassen!

Es ist eine fast abgemachte Sache. Indianerehrenwort! Ich werde die Niederschrift bei den undogmatischen Pilgern posten, die können sich dann lektorisch damit befassen. Trallari trallahey tralla hoppsasa. Ich enthülle es mal so, ich habe es verkraftet und wenn ich mich schon als Pipi-Fan oute, möchte ich auch Asterix erwähnen. Mir ging der Arsch echt auf Grundeis. Mein Herzblatt für diesen Tag wäre Grautvornix und Pamplona ist noch weit. Nicht mehr weit ist der Kaffee Americano im Schatten der Porte Saint-Jean. La Souteraine, so sagt mein Outdoor, heißt wohl die Unterirdische. Leider ist die berühmte Krypta gerade nicht zugänglich. Überirdisch ist die Kleinstadt richtig oho. Auf meinen Übernachtungszettel hatte ich für heute Benevent-l-Abbay geschrieben, beziehungsweise im Outdoor unterstrichen. Das mittelalterliche Bühnenbild, hebt sich schon von weitem auf einem Bergrücken ab. Minuziös zum Treffpunkt bin ich da und mit mir, ich glaub es kaum, vier andere Pilger. 

Das gibt es doch nicht. Längst war ich der festen Überzeugung, der Letzte dieser Art zu sein. Emsig ist die französische Pilgerschaft damit beschäftigt, ihre zwei Autos zu entladen. Besonders beeindruckt mich der riesige Picknickkorb. Irgendwann las ich im Vorfeld, dass die Herberge spartanisch wäre. Nun frage ich mich was spartanisch überhaupt heißt. Asketisch, anspruchslos, genügsam, sparsam? Ich finde es fast luxuriös und alles ist an seinem Platz. Links wo immer die Kreativität zu suchen ist, genau da ist die Küche und das liebenswürdige Esszimmer. Wir nehmen Platz und Madame Godson definiert die Regeln, gibt den Stempel, kassiert die Kohle ein. Alles ist gut. Bloß können meine lieben Mitpilger nicht mit Karte zahlen. Auch dieser Tatbestand klärt sich und wir werden noch ganz viel zusammen lachen. Der Abend wird lang. Die zwei Pärchen sind aus der Stadt Nantes und beginnen exakt hier ihre erste Pilgerreise, mit zwei Autos. Ein Automobil wird später zu ihren nächsten Pilgerstation gebracht, morgen wird gepilgert, dort angekommen wird das zurückgelassene Auto geholt. Undsoweiterundsofort. Eine Woche Pilgerprobezeit, wie sie sagen. Die Neupilger kamen aus Staunen nicht mehr raus, als sie meine zwei vollgestempelten Pilgerpässe. Schwingt da etwa Stolz mit, frage ich mich. Ein voller und ein fast voller Pass. Während die Franzosen ihre Autos koordinieren, habe ich Zeit für das Städtchen.

Es ist schön hier, besonders die Bar neben der Kirche hat was oder ist das eine Fünfziger Jahre Autowerkstatt? Oder beides? Das Bierchen habe ich mir verdient.

Später sitzen wir im verwilderten Garten unter der bemalten Zinkwanne, schwatzen, essen, trinken roten Wein, schauen über die Dächer der Kleinstadt hinüber zur mächtigen Abtei mit Kirche, schwelgen im Sonnenuntergang. Falls ich mich in scheinbar unsinnige, falsche Behauptungen verrenne, untermaure ich hier, dass die armen Franzosen viel weniger Bauch als die Deutschen haben. Das sind bildhaft die gemeinen Nebenwirkungen, die ein erhöhter Serotoninspiegel durch tägliche Rotweinsauferei mit sich bringt. Ich habe mir meinen deutschen Bierbauch hart erarbeitet. Dem Anschein nach liegt es an den verschiedenen Broterwerbsfeldern. In Frankreich ist die Önologie verbreiteter und in Deutschland sind es die Brauereien. Oder, mir macht es zurzeit Spaß, beschwipst ins Bett zu gehen. Ich fantasiere auf jeder Stufe die zu meinem Kämmerlein führt, von Rotweinphenolsäuren, die die Bierkalorien verprügeln. Lieber Gott lass mich nicht brechen. Dreams come true!   

Ja, ich weiß alles noch sehr gut.



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Kommentare: 2
  • #1

    Tatjana Schröder (Donnerstag, 27 Februar 2020 11:12)

    Hallo Ulli,
    Deine Route scheint herrlich zu sein und motiviert , endlich mal mich trauen, den Weg zu gehen. Die Bilder sind nahezu malerisch, dein Schreibstile ist ungewöhnlich, jedoch total angenehm zu lesen - über einige Passagen musste ich schmunzeln - wie „ die Telefonate mit der Mutter hinterlassen ein unruhiges Gefühl“ �- ich dache schon, dass es nur mit so geht. Viel Spaß noch auf dem Weg und liebe Grüße aus Norddeutschland.

  • #2

    Ulli (Donnerstag, 27 Februar 2020 11:22)

    Dankeschön :-)