Chateaumeillant - La Chatre - Chateau Sarzay - Cluis


Weil, wer hat, der hat. Ich hatte alles und vor allem hatte ich gut geschlafen. Was ich nicht hatte, war ein Frühstück. Die Boulangerie die mir Maps für dem Morgen empfohlen hatte, die gab es bestimmt schon Jahre nicht mehr. Dementsprechend radle ich mit Kaffeeentzugserscheinungen durch das Berry, durch die Auvergne, dass es eine helle Freude ist. Meine reale Materie hörte auf zu radeln. Ich schwinge sanft durch weiße Kuhherden, fliege über Stoppelfelder, hörte dem Wind und den Sonnenblumen zu. Ich sehe alles, jede Kuh, jeden Halm, jeden Mistkäfer, die arbeitsame Sonne. Also doch! Akute Kaffeeentzugserscheinungen oder Sonnenstich! 

Meine Rettung ist Georg Sand. George Sand ist überall, sei es für die Straßennamen, der Marché, die Schule, das Café von La Châtre. La Châtre ist Georg Sand. Zum Frühstück gönne ich mir ein ganzes Städtchen. Es erfolgt ein konsequentes und sehr nachhaltiges Frühstück. Kaffee Americano, Croissants, einen Pulverturm mit Georg Sand Museum, betagte Gassen, antiquarische Häuser, tausende ausgestopfte Vögel, das malerische Rote Fachwerkhaus aus dem Roman "André" (von wem wohl?), buckliges Kopfsteinpflaster, Creusois mit Vanille und Kirschen, Kaffee Americano. Vielen Dank an die katholische Kirche, die einstweilen auf mein Fahrrad achtgab. Als ich das romantische Städtchen, in Richtung romantisches Indrétal verließ, wusste ich es. Georg Sand war eine Frau! Eine Spatzenfamilie hatte meinen Sattel vollgeschissen! So viel wollte ich gar nicht wissen. 

Der weitere Weg, transportierte mich wieder rückwärts bewegend in die Vergangenheit. Aus dem fernen Deutschland kamen keine angenehmen Nachrichten. Mein Papa ist mit Magenbluten im Krankenhaus. Erst zwei Wochen vor meiner Abreise nach Frankreich, wurde sein fünfundneunzigster Geburtstag gefeiert. Fünfundneunzig! Da war er schon nicht mehr gut beieinander. Meine erregbare Natur will sofort zum nächsten Bahnhof. Das machst du nicht! Sagte meine Mutter am anderen Ende der Telefonverbindung. Ich hörte sie förmlich im entfernten Sachsen niederknien. Du machst deinen Urlaub weiter, du hast es dir verdient! Zur Befreiung sagte sie. Der Vater ist schon fünf Tage im Krankenhaus, die Blutungen sind gestillt und es geht ihm schon viel besser! Fünf Tage? Vor fünf Tagen, war ich noch in Deutschland! Vor fünf Tagen war ich zur Krebsnachsorge. Wir hatten schon fünfmal telefoniert. Sie, sie hatte es mir fünfmal nicht gesagt. Im Status anhaltender Aufgewühltheit, verbringe ich die nächsten Kilometer. So ist es kein Wunder, dass ich bald wieder knietief in meinen Gedankengängen herumwate. Verworrene Gedankengänge. Wie war das, als vor drei Jahren die Lokführer streikten? Ich versuche zu überlegen. Vermutlich waren es, zu hastige Schritte gewesen, als ich übermüdet ein neues Arbeitsverhältnis mit einem Handschlag besiegelte. Jetzt konnte ich nicht mehr rückwärts! Zum fixen Tagesende schrieb ich eine Kündigung. Danach überschlugen sich die Dilemmas! Es kann noch etwas Kopfzerbrechen kosten, die Wahrheit aufzudecken, die Frage Was will ich? zu beantworten. Übrigens, mein Papa ist nie wieder zu seiner lieben Couch wiedergekehrt. Hier- und darüber werde ich unter Umständen später mehr schreiben. Mir schwant jedenfalls nicht Gutes. Das Leben geht weiter und mein Weg durch das besonnte Frankreich auch, mit dem besten Wetter, welches ich haben kann. Frau Georg Sand, lobte den Landstrich als bescheidenes Land der Stille und der einsamen Weiten. Menschen und Pflanzen, alles ist ruhig, geduldig, langsam reifend. Suchen Sie dort keine großen Effekte und großen Leidenschaften. Sie werden weder in den Dingen noch in den Geschöpfen etwas Dramatisches finden. Dem ist nicht ganz so, mit großer Leidenschaft zirpen die Grillen.

Im Grunde ist es schade, dass ich das Buch erst jetzt vor der Lesebrille habe. Der Müller aus Angibault, so betitelt sich ein Roman von … war ja klar. Hätte ich das Buch schon gelesen, hätte ich andere Augen fürs Chateau de Sarzay gehabt. Ich hätte die junge Gräfin Marcelle de Blanchemont auf der Bettkante sitzen sehen und ihr zugeschaut, wie sie ihr langes Haar bürstet. Und eifersüchtig wäre ich gewesen, auf den Müller! So aber sah ich es ganz anders, als Bildungsstätte für mittelalterliche Minne. Ich sah Richard Löwenherz auf einem mächtigen gepanzerten Streitross und zwei verzweifelte Knappen die am Halfter zogen, da das arme Pferd gleich durchzugehen scheint und ich sah ganz viele Gießkannen. Was auch in Ordnung ist. 

Ich lege meine Hand aufs Herz, der Roman von Frau Georg Sand ist ein Lesevergnügen, spannend, voll menschlicher Wärme und zauberhafter Bilder, die sich in schönen Worten verbergen. Ein kleiner feiner Reiseführer durch die Auvergne. Es ist kaum zu glauben, der Roman wurde einst zum Skandalon und ich finde ihn fürs Heute unbedingt modern. Eine kleine Buchkritik meinerseits, wenn ich mir so was erlauben darf. Die Burg war ein existenter Höhepunkt, meiner Pilgerfahrt. Eine junge Studentin erklärte dem einzigen Besucher, also mir, ein paar Details. So gut es eben ging. Mein Englisch muss besser werden, mahne ich mir. Vielleicht war die bezaubernde Studentin auch gar keine Studentin, höchstwahrscheinlich war sie die Ururenkelin der Gräfin Marchelle. Das könnte ich mir wirklich ausdenken. Bildlich auch, auf der Bettkante sitzend und die Haare kämmend. 

Wenn Frau Georg Sand behauptet, die Auvergne hätte keine großen Effekte in den Dingen zu bieten, da möchte ich gerne Widerstand leisten. Wie an einer Perlenschnur aufgeschnürt, gibt es schöne Dinge. In Neuvy-Saint-Sepulchre, da steht eine Kirche, die gut zum Weltkulturerbe passt. Die Jakobuskirche, ist das Abbild der Grabeskirche in Jerusalem. Meiner Gemütslage bietet sie wenigstens einen theoretischen Rahmen, um für meine Lieben zu hoffen. Ich spende Kerzen. Meine Mutter würde dazu sagen: Wenn es auch nicht hilft, schaden tut es auch nicht. Da ich abermals alleine bin und obendrein in einem tausend Jahre altem Gotteshaus, gehe ich ein bisschen auf Erkundung. Der Reliquienschrein mit den heiligsten Blutstropfen, ist einbruchsicher vor mir hinter dicken Gittern bewahrt. Tatzenkreuze machen mich neugierig. Lebten die Templer hier? Wer waren die sechstausend Teufel, die als biblische Plage die Auvergne verwüsteten, vor dem Altar vier Ordinarien töteten und die Orgel zerstörten. Fragen, die auch das mächtige World Wide Web mir bis heute nicht beantworten konnte. Neuvy-Saint-Sepulche ist ein schleierhafter Ort, ein schöner reizvoller Ort mit Pilgerladen und nur einem Pilger. Nur ich bin da. Die anderen Pilger sind verschwunden, von der Via Lemovicensis, von der Erde höchstwahrscheinlich evakuiert worden. Was auch völlig in Ordnung ist. Die liebe Kellnerin im Café bringt Kaffee Americano und Liebesknochen mit Vanille-Kirsch-Füllung und wünscht zum Abschied Bon Chemin. Das war so süß, dass ich Sodbrennen kriegte. So radelte ich brennend weiter, auf einer sonnigen Perlenschnur, der nächsten Perle entgegen. 

In Cluis-Dessous, darf ich mir nicht die kunstfertige Schneiderkunst französischer Haute Couture ausmalen, hier steht die Vergangenheit in Form dicker Mauern rum. Überliefert ist, dass die Ruine seit dem Hundertjährigen Krieg Ruine ist. Kriege und Waffen sind eben die Erfindungen der intelligentesten Affen! Mitten in meinen mediävalen Gedanken tauchten die Kampfjets der französischen Luftwaffe auf. Wahrscheinlich nur, weil ich in den Ruinen etwas rumgeklettert bin. Da hilft nur eine Portion Ignoranz und ich radle einfach weiter. 

Cluis ist ein angenehmer Ort, mit kleiner Kirche neben der mittelalterlichen Markthalle. Zu meiner Freude gab es im hübschen Gotteshaus eine Stempelstation mit Pilgerbuch, in das man sich einschreiben konnte. Andere Pilger muss es wohl früher einmal gegeben haben, so kann ich lesen. Aber seit ewigen Zeiten sind sie wie vom Erdboden verschluckt, genau wie die Dinosaurier.  Der letzte Eintrag ist längst, lange vier Tage alt. Ich verweile ein wenig, weil man die kleinen Geschichten lesen kann, Episoden von Pilgern die in längst erloschenen Zeiten einmal hier vorbeikamen. 

In seinem Wesen, ist mein Vermieter, frisch von der Leber weg, tollpatschig und total verrückt, ein Vincent van Gogh, ein holländischer Maler in Frankreich. Er ist Hippie, Maler, Innenarchitekt, Restaurator, Whisky-Gourmet, Weltbürger, Entenfahrer, Impressionist, Alleinunterhalter, Rentner, Gästebetreuer und alles in einer Person. Multitasking bekommt hier eine völlig neue Dimension. Eine buntgemalte Ente CV2 hat er auch. Mein Unterbewusstsein sagt mir sofort, hier bist du richtig. Als ich mich oute und sage, dass ich aus Thüringen komme, knallt der Mitmensch völlig durch die Decke, winkelt die Arme an und ist verschwunden. Im Bruchteil eines Augenblicks später erscheint er wieder, mit zwei Dosen Bier und einer gerahmten Fotografie von einem knallroten Dreihundertelfer Cabrio. Thüringen, schreit er begeistert, Eisenach, Wartburg, I love it. Prost. Wir werden Freunde. Auf dem Foto sitzt der etwas Jüngere van Gogh im geilen roten Zweitakter, dahinter ist ein endloses Häusermeer und viel weiter hinten ist die Akropolis. Das Unterbewusste ist ein Fakt! Der alte holländische Meister, könnte ein Lehrmeister für Lebendigkeit sein. Das ganze Anwesen mit uralten Mauern, Atelier, Bibliothek ist voller Impressionismus. Spätestens nach dem dritten Bier sind wir besoffen und quatschen uns mit Vornamen an. Wir quatschen übers Leben und über das Leben an der holländisch-französischen Grenze. Jan, den Nachnamen weiß ich gar nicht. Vielleicht heißt Jan van Gogh? Ach egal. Was interessieren mich die Nachnamen? Jan ist in Niederländisch-Indien geboren, und schon erzählte er in impressionistischen Farben, von Batavia, von Palmen am Meer, von japanischen Truppen, vom Untergang eines Kolonialreiches und das Batavia momentan Jakarta heißt. Er war wohl auch Staatsdiener auf den niederländischen Antillen, im friedlichen Karibikstaat Sint Maarten. Der Staat ist eine halbe Insel im Paradies, im Steuerparadies. Das ist da, wo auf der anderen Inselhälfte Frankreich lauert und der Liter bester Single Malt zehn Euro kostet. Jetzt bemalt er Bilder in tiefster französischer Provinz und holte den Single Malt aus dem Keller. Beim dritten Glase tauchte von irgendwoher eine Frau auf. Das resolute Wesen ist gefühlte, weiß nicht, Jahre jünger. Aber, gewaltige Marschmusik blasen, das kann sie auch. Für heute reichts.       

Eine halbe Insel im Paradies, würde mir reichen. 


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Kommentare: 2
  • #1

    Karel (Donnerstag, 27 Februar 2020 11:23)

    Hallo Ulla,
    Kannst du mir sagen wie die Unterkunft in Clubs heißt, da ich in April auf Pilgerfahrt gehen will, ich bedanke mich schon mal, deine Berichte sind toll. Lg karel

  • #2

    https://www.ulliunterwegs.de/ (Donnerstag, 27 Februar 2020 20:21)

    Hallo Karel .-) Es war das Gite "Le moulin de Chateaubrun", Ich hoffe, die gibt es noch, da die Webseite nicht mehr funktioniert.