Ainay-Le-Chateau - Chateaumeillant


Georg Sand war die Geliebte von Frederic Chopin. Sollte ich das wissen? Das sollte ich wissen. Vor einem halben Jahr zum Frühstück, wusste ich das noch nicht. Es war mein zweiter Tag auf der Via Lemovicensis und beim Frühstück war ich noch zu dumm und völlig ungebildet. Nach Marmeladen, einer Riesenschüssel Kaffee, Croissants und beseelter Verabschiedung von meinen Herbergseltern, traute ich mir zu, die Auvergne zu beradeln.  Vorher beschaue ich mich kritisch im Spiegel. Ich sehe richtig gut aus und noch viel attraktiver werde ich, als ich die verbrannte Haut mit französischem Panthenol besänftige. Dekoriert als Sahneschnitte passiere ich das Uhren-Tor und Altstadt, die wenigen Ureinwohner nehmen es gelassen. Das Wetter nimmt es auch gelassen und hält sich leicht bedeckt. Was will es, bei meinem Anblick, auch anderes machen. Was gut ist. 

Damit ich gerade beim Wetter bin. Typisch Konjunktiv! Die eben geschrieben Zeilen, ereigneten sich schon vor einem halben Jahr. Quasi vor einer Ewigkeit. Heute Abend ist von der Jahreszeit her Winter. Einen Sonnenbrand, wohlmöglich einen Sonnenstich, sind momentan schwer realisierbar. Anscheinend existieren aber noch Nachwirkungen vom damaligen möglichen Sonnenstich. Sind deutlich vermerkbar. Bevor ich ein pathetisches Zucken im Spiegel entdecke, verharre ich lieber beim Wetter und denke kurz über den Winter nach. Nö! Nö ist ein wirklich positives Nein. Nach Sturm Sabine hatte es mal tüchtig geschneit, nun sind zum Wochenende zweistellige Grade gemeldet. Plusgrade. Ach ja! Der Valentinstag war heute auch und auch nur, weil der Märtyrer der Zärtlichkeit, von Kaiser Gothicus vor genau eintausendsiebenhundertzweiundfünfzig Jahren, zu Tode malträtiert wurde. Wie und warum, habe ich noch nicht genau aufklären können. Vor allerhand Jahren wurde der arme Valentin, dann von den Blumenzuchtkonzernen und der Kerzenindustrie zur Umsatzsteigerung, wieder ausgegraben oder vom Kreuz geholt. Auch ich habe aus Anlass eine Bombe gebaut und mit Rosen geschmückt. Eine Eisbombe, aus Vanille-, Schoko-, Pistazien-, Erdbeer- und Walnusseis. Obendrein gab es heiße Himbeeren und Schoko-Chili-Sauce. Heiße Liebe eben. Sonnenstich hin oder her. Möglicherweise ist auch nur mein Gehirn übergeschnappt und denkt bedenkenlos, wie und wohin es will? Ach ja, Frederik und seine Geliebte Georg haben sich bestimmt auch am Valentinstag geliebt. Nichts genaues weiß ich nicht, aber ich bin schon eine Spur gebildeter. Klüger, als vor einem halben Jahr beim Frühstück. Georg Sand heißt eigentlich Lucie Aurore Dupin und soll eines von den vielen unehelichen Kindeskindern von August dem Starken sein. Klüger? Klüger bin ich nicht! George Sand wird mir in der Auvergne immer wieder begegnen. Drum auch gleich ein Zitat von ihm, ähm ihr: Das Leben gleicht öfter einem Roman, als die Romane dem Leben.

Mit Sahnetüpfeln im Gesicht, radle ich über unbefestigte Feldwege, die spürbar schon lange keinen Pilger mehr gesehen haben.  Nicht unerheblicher Bewuchs, liebkost meine Waden, Knie und Oberschenkel. Ich komme gerade noch ohne Machete durch. Ein verliebtes Kuhehepaar schaut mich an und staunt nicht schlecht. Pure Erholung verursacht später der Canal du Berry, an dem ich gemütlich ins wirklich schöne Saint-Amand-Montrond radeln darf. Nach dem verbindlichen Kaffee Americano, wollte ich die größte Burgruine Frankreichs durchstreifen. Geschah aber nicht. Es war ein nicht so guter Einfall gewesen, den steilen Berg zu erklimmen. Wie gerädert oben angekommen, ist alles verriegelt und verrammelt! Der vielgepriesene Überblick über die freundliche Stadt, gelingt mir erst, als ich unerlaubter Weise eine der historischen Mauern beklettere. Die Sicht hat sich echt gelohnt. Gerädert, Radfahren? Ist das nicht das gleiche? Ich meine worttechnisch, grammatikalisch oder so?

Später! Über das Flüsschen Cher geht es in die goldenen Hügel des Berry. Wie schon gehabt, gibt es auch hier unzählige Sonnenblumen, unzählige weiße Kühe, geerntete und ungeerntete  Felder, Dörfer mit kleinen Kirchen, kleine Dörfer mit großen Kirchen und mich sticht echt der Hafer. Jetzt müsste ich von den psychotropen Wirkstoffen wissen, die Hafer enthält und auf mein zentrales Nervensystem wirken. Nur so lassen sich heftigste Gedankensprünge begründen. Eines der kleinen Minidörfchen trägt den schönen Namen La Bourgeoisie, und es gibt einen harmonischen Garten für kaffeedurstige Pilger oder Radfahrer. Geräderte Radfahrer. Wie man’s nimmt. Ein Schriftzug bekundet in deutscher Sprache: Hier wohnte Georg Sand nicht! Da hatte ich immer noch keine Ahnung von dieser Frau.

Mein Nachbardorf kommt mir in den Sinn. Dort gab es mal einen Bergbauingenieur, der Goethe hieß. Ich kenne dort gefühlte zehn Häuser, mit Schildchen: Hier wohnte Goethe nicht. Ja, und wenn einem der Hafer sticht, was soll man da machen? Und, wie war das mit den psychotropen Substanzen? 

Drei Jahre zuvor, saß ich in Vézeley auf einer Mauer rum, trank Bier, bestaunte einen Regenbogen und grübelte über das Leben. Ich hatte ein Telefon zum Herumtragen dabei, war aus diesem Grunde maximal mobil und konnte telefonieren mit wem ich will. Das folgende Telefonat, sollte mein Leben verändern. Sollte es verbessern! Hat es aber nicht. Noch nicht wirklich! Der Anruf hat wahrscheinlich mein Leben gerettet. Das habe ich nun davon. Ich rief in dem Dörfchen mit den Goetheschildern an und bewarb mich für eine Stelle in einem Haus, in dem Goethe wahrscheinlich einmal etwas gegessen hätte, wenn es zu der damaligen Vergangenheit schon dagewesen wäre. Schnell war ein Termin vereinbart, Köche werden immer gesucht. Blos ist das Dumme nun, dass die Lokführer streikten und für lange schlaflose Stunden sorgten. Wenn ich nach Argumenten suche, warum ich nach zwei Tagen ohne Schlaf, einen Arbeitsvertrag für weniger Gage akzeptierte, fallen mir nur die Arbeitszeiten ein. Feste Arbeitszeiten, mehr Freizeit und jeden Abend zu Hause. Da könnte ich wieder über soziale Berührungen nachdenken. Denkste. Der Regenbogen in Vézeley verblasste, das nächste Gewitter, es kam näher. Der Juni vor drei Jahren, war ein kalter regennasser Juni. Es ist freilich totaler Quatsch, wenn ich behaupte, streikende französische Lokführer sind schuld, dass ich noch lebe. Oder sollte ich dankbar sein? Kühe staunen immer. 

Drei Jahre später ist der bedeckte Himmel, mittlerweile im strahlenden Blau aufgeblüht. Mittags glüht die französische Provinz mit leichten Schäfchen am Himmel. Darum kommen mir frech frisierte Buchsbäume gerade recht. Sie dekorieren die Moulin de Méséreau. Das ist eine Wassermühle am Wasser, ein perfekter Ort um Füße ins Wasser zu baumeln. Georg Sand soll die Mühle im Buch Voyages en Auvergne erwähnt haben. Vielleicht hat er, ähm sie, hier auch die Füße ins Wasser gebaumelt. Waren die Bäume damals auch so wohlgeformt geschnitten. Fragen über Fragen. Chateaumeillant hat nicht nur einen hübschen Namen, obendrein gibt es auch einen hübschen Stausee, in dem bedauerlicherweise nicht gebadet werden darf. Die Füße ins Wasser baumeln, dazu reichts. Am Ufer finde ich die sparsame Pilgerunterkunft und auf der anderen Seite vom Gewässer einen Zeltplatz mit Kneipe. Mit Spaziergängen durchs Städtchen, durch angrenzende Natur und um jegliche Seeufer, kriege ich den Nachmittag gut rum. Nach einem Einkaufsbummel im Supermarche bin ich bestens gerüstet, für einen bierseligen Abend in friedlicher Einsamkeit. Aber nichts am Einsamsein ist so einfach, wie man es sich vorstellt. Ein Engländer, ein Londoner, vom Zeltplatz gegenüber, mit voluminöser Kameraausrüstung, gesellt sich zu mir und zeigt mir Superdetailaufnahmen von der Vögelei rundherum. Ich lade ihn auf ein Bier ein. Wir trinken Bier im Sonnenuntergang.

     

Georg Sand beschrieb die Gegend in etwa so: Hier nimmt das Berry Stil und Farbe an. Alle Anhöhen sind bewaldet, was der weiten Landschaft die schöne blaue Farbe verleiht, die violett wird …  

Morgen ist auch noch ein Tag!



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