16. ... in Metz (Teil 2)

Das Problem bei meinem Kurzzeitgedächtnis ist, dass die Kapazität wahrscheinlich stark begrenzt ist.

Da habe ich mir doch extra passend aus der TBW-Reihe „Arthur Schnitzler - Spiel im Morgengrauen“ ausgesucht, und lasse die Einschlafhilfe schon nach der ersten Nutzbarmachung liegen. Blöd! Empfindlicher wirkt sich der nächste Streich aus. Es ist ja schön, wenn man Unwichtiges schnell wieder vergessen kann! Aber! Wenn ich bei der Neuladung der französischen Karte auf dem Rad-Navy das Speichern vergesse, dann ist das schon mehr als blöd. Dabei habe ich doch schon so viel auf dem Zettel notiert, der sich heutiger Tag nennt. So wollte ich nach den Liebesknochen über Kedange sur Caner zum Fort Hackenberg und in die Maginotlinie einfahren. Später plante ich, unter anderem, das Centre Pompidou in Metz zu besichtigen. Nichts davon passiert. 

 

Remerschen, früh am Morgen. Nebelschwaden, grauer Himmel und viel Nass bestimmen über das Wetter im Moseltal. Scheinbar perfekte Bedingungen um die Regentauglichkeit meiner Sachen zu prüfen. Man sieht regelrecht, wie sich der Tag immer mehr verdunkelt. Sollte es nicht umgedreht sein? Im Frühstücksraum regiert die lautstarke Stimmung hunderter Fünftklässler.  Amüsant geht es zu und es gibt sogar Rührei und Schokomilch. Ich gönne mir noch ein Gespräch mit vier Holländern, bevor ich meine sieben Sachen packe. 

 

Noch zweimal sind die Kinder vor mir. Am Fahrradschuppen und a posteriori auf dem Radweg. Klar gibt es das Bonjour hundertfach unter den bunten Regencapes hervor. In Sierck-les-Bains gibt es die erste Pleite, die Boulangerie mit den fantastischen Eclairs hat geschlossen. Kurz vor Kerling-les-Sierk verliere ich den Weg mit der Muschel und der Regen wird immer heftiger. Laufend den Outdoor herausholen, funktioniert gar nicht. Ich gebe kurzentschlossen den Hackenberg auf und rolle wie im letzten Jahr über Thionville nach Metz. Landunter! Ich fahre teilweise durch wadentiefes Wasser. Das Atomkraftwerk ist eine Insel in der neuen Seenplatte. In Thionville wird noch am Ballermann gearbeitet und Kirschen gibt es auch nicht. 

 

In solch einer Regenfahrt können die Gedanken nicht geradeaus fliegen, sie passen sich dem Wetter an. In Anbetracht der letzten Tage kann ich mich nicht gerade als den Glücklichsten aller Sterblichen bezeichnen. Der Kommnikationswissenschaftler in mir stellt sich die Frage nach dem Armleuchter und dem Schuft, oder liegt doch nicht immer alles an beiden oder sind beide alles? Mein Gott! Es gibt einfach schwierige Menschen, da schließe ich mich nicht aus. Die Steigerungsform sind aber schwierige Menschen mit akutem Vitaminmangel! In den Takt kommt das nicht mehr. Bevor sich meine Gedanken weiter in nutzlosem Firlefanz versticken, beschließe ich in der Metzer Kathedrale für alle Störenfriede eine Kerze anzuzünden. 

 

Ohne Vorankündigung hört es auf zu regnen. Möglicherweise nur unbemerkt von unauslotbarem Geistesgut. Alles erscheint mit zunehmender Nähe der Stadt Metz beharrlich heller. Die Sonne blinzelt sogar, als ich den Fahrradkeller in der Auberge de la Jeunesse verlasse.

 

Die Kathedrale von Metz hat nicht nur die weltweit größten und buntesten Kirchenfenster (Marc Chagall), sondern bringt mich auch auf die Spuren von Graoully. Das Bild vom Drachen begegnet mir in der Krypta der Kathedrale. Der Sage nach, soll das schlangenähnliche Ungeheuer bis in das vierte Jahrhundert hinein in den Ruinen des römischen Amphitheaters der Stadt Metz gehaust und es besonders auf kleine Kinder abgesehen haben. Dem heiligen Clemens, dem ersten Bischof von Metz, ist es gelungen, den Drachen an die Mosel zu locken und ihn im Wasser verschwinden zu lassen. Eine schöne Geschichte. Aus der versprochenen Kerze werden zwei, bei der Zweiten gedenke ich meiner Eltern. Das Sonnenspiel in den bunten Glasfenstern lässt mich einige Zeit willenlos treiben. 

 

Nach einiger Zeit des Selbstmitleids erinnere ich mich, dass ich Hunger habe und die Sache mit dem Navy noch unerledigt ist. Das erste Problem löse ich nebenan in der u-förmigen Markthalle und das zweite gehe ich in einer Seitengasse vom wunderschönen Platz Saint-Louis an. Das Inhaberehepaar des Computershops wiederlegt alle Klischees was Deutsche und Franzosen betrifft. Obwohl sprachtechnisch nichts funktioniert, versteht der Chef mein Problem und lässt mich an seinen Computer. Falls ihr noch nicht wusstet, dass die französische Tastatur eine ganz andere ist, so wisst ihr das eben jetzt. Nebenbei lerne ich eine typische Metzer Spezialität und herzliche Gastfreundschaft kennen. Während ich versuche das entschlüpfte Passwort zu erfragen, gibt es Mirabellenkuchen und Kaffee.  So viel verstehe ich nun doch, die Mirabelle ist das unumgängliche kulinarische Wahrzeichen der Stadt Metz und schmecken tut’s auch noch. Über zwei Stunden verbringe ich mit der technischen Knacknuss, bis ich die gegenwärtige Frankreichkarte ins TeasyOne deportiert habe. Eine Bezahlung wird rigoros abgelehnt. Das Widerfahrene ist eh unbezahlbar und dass das Centre Pompidou zeitlich nicht mehr zu schaffen ist, ist gar nicht so schlimm. Alle guten Dinge sind Drei, dann komme ich halt noch mal her. 

 

Es ist dasselbe Sechsbettzimmer, wie im vergangenen Jahr und alle Betten sind noch unbenutzt, als ich in der Herberge einchecke. http://www.ajmetz.fr/  18 € Ü/Fr. Am Abend schlendere ich dann noch mal durch die Straßen dieser unerhörten Stadt. In einer Gasse am Temple Neuf bekomme ich eine riesige Portion vom lothringischen Speckkuchen (Quiche Lorraine) auf den Teller „je ne sais quoi“. Im Aufenthaltsraum der Herberge trinke ich noch mit vier estnischen Motorradrockern ein paar Bierchen und das Zimmer teile ich mit Theophilis aus Bordeaux. Auch wir trinken noch ein Bierchen, zumal ich leicht beschwipst bin. 


Fazit: Ihr blöden Gedanken, ihr könnt mich mal.        


Die vorherigen Gutenachtgeschichten findet ihr hier: https://www.ulliunterwegs.de/jakobsweg/


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Kommentare: 3
  • #1

    Angelika (Dienstag, 21 Februar 2017 17:06)

    Da bekommt man Lust auf Frankreich.

  • #2

    Ulli Salzmann (Dienstag, 21 Februar 2017 18:57)

    ... da regnet es doch.

  • #3

    inga (Dienstag, 21 Februar 2017 20:39)

    Ich mag dein Fazit