12. ... nach Thionville vive la france

Mary winkt zum Abschied! Ich war ja auch ein lieber Gast, der die Betten abzieht, die Wäsche mit herunterbringt und im Garten Erdbeeren klaut. 

Der Tag legte mit einem Gewitterguss los. Kurz vor drei Uhr stehe ich im Bett, draußen wirbelt der Wind und nach dem Blitz kommt verdammt schnell der Donner. Geistesgegenwärtig bewahre ich Marys Herberge vor Schaden. Ich renne durch alle Zimmer und schließe die Dachfenster.  Auch in Wolfgangs Zimmer, dieser hat aber einen gesunden Schnarchschlaf. Hilfe! Meine Wäsche hängt noch im Garten! Für die Rettung ist es zu spät. Schon trommeln dicke Tropfen gegen die Fensterscheiben. Aus Tropfen werden Hagelkörner! Im Wissen einer guten Tat, kuschle ich zurück in die Federn. Halb sieben grollt immer noch ein Gewitter irgendwo in der Gegend herum und die Sonne scheint. Im Garten rufe ich die Wäsche zur Ordnung, hänge sie in die Sonne. Ein T-Shirt finde ich im Erdbeerbeet. Hmm lecker! Einige rote Früchte werden Anlass zum Mundraub. J Dann geschieht etwas Wunderbares.  Da bis zum Frühstück um Acht noch Zeit ist, besetze ich das Tischchen in der Toreinfahrt und schreibe ein paar Zeilen ins Tagebuch und eine Nachbarin bringt mir Kaffee. Einfach so! Klasse! Eine fremde Frau macht mich glücklich und dass vor sieben Uhr. Klar, mit Kaffee schreibt es sich viel besser. 

 

Mary betreibt nicht nur eine urige Herberge für müde Pilger. 32 € für Übernachtung, Frühstück, Abendbrot, Erdbeeren und Bier. Sie ist auch eine gefuchste Schnapsbrennerin. http://www.marys-destille.de/ Ein Fläschchen Marille nehme ich für die schlechten Zeiten mit. Die Wäsche wird auch rechtzeitig mit der Trocknung fertig. Während ich noch packe, ist Wolfgang schon über alle Berge und ich sehe ihn nie wieder.   

 

Bevor ich in den kleinen Grenzverkehr starten kann, führt der Weg in eine Hohle und mit mir sind ca. 300 Schafe unterwegs. Es dauert eine Weile bis der Weg ins Saarland freigemäääht wird. Es läuft alles so wie es soll!

 

Dann bin ich in Luxemburg. Etwas stolz schiebe ich das Rad über die Brücke und der Abstecher ins Fürstentum muss einfach sein. In Schengen fahre ich durch die Feschergaass zur obligatorischen Tasse Kaffee und entdecke die Berliner Mauer. Hier war doch was? 

 

Dann bin ich in Frankreich. Falls ihr einmal nach Sierck-les-Bains kommen solltet und verliebt in Liebesknochen seid, dann müsst ihr unbedingt zu Burg hinauf. Ihr müsst auf halber Höhe die Boulangerie besuchen. Ich verspreche euch eine Geschmacksexplosion und die Auswahl bei gefühlten 20 Sorten Eclairs fällt schwer. Ich nehme Vanille, Kirsche und Kirsch-Vanille. Zurück am großen Fluß treffe ich Andreas, der von Koblenz aus die ganze Mosel erkunden will. Ab hier ist die Geschichte meiner Wegführung ein bisschen durcheinandergeraten. 

 

Schuld sind die drei Liebesknochen, das brütend heiße Wetter und die nette Konversation mit Andreas. Eigentlich möchte mich der Jakobsweg nach links in die Hügel schicken. Na ja, vielleicht beim nächsten Mal. Ich suche mir spontan Thionville als nächstes Ziel. Bis dahin geht es entspannt an der Mosel entlang. Zu sehen gibt es auch hier viel. Viel Natur, gemütliche Dörfer, Bunker der Maginotlinie, vergessene Fabrikanlagen und das riesige Atomkraftwerk. Ob es hier wohl grätenfreie Forellen zu angeln gibt? Riesige Windkraftanlagen wie in Deutschland sehe ich nicht mehr. Ich will jetzt nicht weiter darüber nachdenken! Andreas will sich nicht mehr auf alle meine Fotostopps einlassen und zieht von dannen und irgendwann bin ich in Thionville. Ich lande, durch die Hilfe zweier jungen Damen vom Office de Tourisme, im Hotel Oliviers http://www.hoteldesoliviers.com/ mit 50 € Ü/F leicht über meinem Limit. 

 

Später lerne ich eine hübsche Stadt mit vielen kleinen Lädchen kennen, lerne auch, dass es im Carrefour nur Dosenbier gibt und das Thionville an der Mosel eine Art Ballermann hat. Für das Belohnungsbierchen ziehe ich mich auf eine ruhige Bank zurück und gerate in einen filmreifen Beziehungskrach. Nicht ich und nicht meiner! Während der Schlepper „Tigris“ vorbei schifft, trifft sich ein Pärchen zu einer verbalen Schlacht. Genau vor meiner Bank. Sie im kurzen Roten und Stöckelschuhen, er äh - ich weiß gar nicht. Zwei kleine Kinder stehen mit gesenkten Kopf in der Nähe. O.I.E !! Ich habe schon Angst, dass es nicht verbal bleibt und will desinteressiert flüchten, dann aber schnappt der Mann die zwei Kinder und geht von dannen, die Frau schreiend hinterher. C'est la vie! 

 

Dann passiert mir wieder etwas Wunderbares. Satt und zufrieden, gibt es in einem Park in der Nähe vom Hotel ein zweites Bierchen und ich schaue dem Boccia zu. Alle Generationen sind dabei. Nach einer Weile, ich hatte gerade einen Siegball mit Beifall bedacht, werde ich zum Mitspielen eingeladen. Mit etwas Anfängerglück kann ich die erste Partie sogar etwas spannend halten und es wird ein richtig schöner Abend. Ein älterer Mann kommt hinzu und gibt mit dem Schifferklavier die musikalische Umrahmung. Stimmt es eigentlich, dass die Franzosen, wenn sie die Schule hinter sich haben und nicht täglich eine Runde Boccia spielen, die Staatsbürgerschaft verlieren?  

 

Fazit: Wahrscheinlich ist, dass der liebe Gott nicht nur sprichwörtlich in Frankreich wohnt.    


Was bisher geschah, könnt ihr hier nachlesen: https://www.ulliunterwegs.de/jakobsweg/


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Kommentare: 5
  • #1

    Gustav Sommer (Dienstag, 07 Februar 2017 15:28)

    Wunderbar - Bildet und Geschichten erinnern mich an meine eigenen Pilgeretappen an der Model in Schergen und Thionville.

  • #2

    Anja cubitt (Dienstag, 07 Februar 2017 18:25)

    Ich habe es genossen zu lesen und freue mich schon auf meine erste Erfahrung welche in 10 Wochen startet . ☺️

  • #3

    Ulli Salzmann (Dienstag, 07 Februar 2017 18:50)

    Dankeschön, ich habe den nächsten Tag fast fertig. Der wird dann morgen kommen.

  • #4

    carlo (Sonntag, 25 Juni 2017 17:06)

    kleiner fehler: luxemburg ist kein fürstentum sondern grossherzogtum
    der pedant �
    ansonsten sehr lesbarer interessanter bericht

  • #5

    Ulli Salzmann (Sonntag, 25 Juni 2017 18:17)

    Dankeschön