9. ... nach Trier

Hurra, Ulli ist in Trier! 

Schon kurz nach dem Frühstück stelle ich die Weiche für den Tag. 

Ich rufe im Trierer Kolpinghaus an und sichere mir ein Bettchen für die nächsten zwei Nächte. Jawohl, Ulli plant einen Ruhetag. 

 

Mission Frühstück! Wer früh aufsteht, der muss auch ordentlich frühstücken! Es ist 7.00 Uhr und zirka 10 Bauarbeiter sind schon vor mir im Frühstücksraum. Die Inspektion des Büfetts lässt keine Wünsche offen. Ich könnte sogar ein Gläschen Sekt zum perfekten Frühstücksei genießen. Dann ist es wunderbar zu beobachten, wie vorprogrammiertes Chaos seinen Lauf nimmt. Die Frühstücksdame ist mit zwei Jobs mehr als gefordert! Zu ihrer Hingabe als Frühstücks-Fee kommt noch die Aufgabe als Rezeptionistin. Als es dort klingelt, setzt sich ein älteres Ehepaar an eine Sechser Tafel. Nun muss eine neue Tafel gedeckt werden. Derweil sind die Brötchen alle, einer fragt lautstark nach Orangensaft. Es klingelt von der Rezeption. Prompt setzt sich ein älteres Ehepaar an die frischgedeckte Tafel! Ich versuche zu helfen und gebe dem jungen Pärchen am Nebentisch von meinem Kaffee ab. Der normale Wahnsinn in der Gastronomie und ich kenne mich da ein wenig aus. Das junge Pärchen aber, kommt aus Antwerpen und ist nach Italien unterwegs. Der junge Mann berichtet mir, dass er ganz toll verliebt sei und es ist ihr erster gemeinsamer Urlaub. Ich wünsche ihnen alles Glück dieser Erde und freue mich über eine halbwegs geglückte Konversation in englischer Sprache. 

 

Beim ersten Pedaltritt, holt mich mein nicht vorhandenes Kurzzeitgedächtnis ein. Stimmt, da war doch was. Das Wort heißt Materialermüdung.  Nach der gestrigen Schlammfahrt haben sich die hinteren Bremsbelege in Luft aufgelöst und es reibt Metall auf Metall. Was eigentlich gar nicht sein dürfte, da ich eine Woche vor Abfahrt neben der Kette auch die Belege wechseln lies. Das Tretlager macht auch Geräusche. Mein gutes altes Fahrrad braucht eine Streicheleinheit und ich eine Pause. Wo? In Trier! Da wird mir geholfen. 


Gedanken: Apropos altes Fahrrad! Ich habe mein Cube LtD vom Mountainbike zum Treckingrad umgebaut. In den Taschen am Gepäckträger lassen sich unglaubliche 65 l Liter verstauen. Und vor Jahren unternahm ich schon eine denkwürdige Fahrt damit. Man muss nicht unbedingt zum Grab des Apostels pilgern, um mit Leidenschaft die Welt zu erkunden. Was zählt, sind die Momente, Erinnerungen und Gefühle, die wir wieder mit nach Hause bringen und für immer bewahren. Ich gebe ja zu, dass die letzten zwei Sätze im Internet gefunden sind. Sie geben aber genau das wieder, was ich schreiben will. Vor ein paar Jahren bin ich mit dem Rad von Mittenwald an den Gardasee geradelt. Ich hatte Regen und hatte Sonnenschein, Hoch und Tiefs. Und ich hatte den vielleicht emotionalsten Moment der die ganzen 19000 Höhenmeter vergessen lässt. Ich finde bis heute dafür keine Worte! Schlammverkrustet und voll bepackt kam ich in Riva’s kleinen Hafen und suchte den größten italienischen Eisbecher zur Belohnung. Unglaublich: Eine Frau kam auf mich zu und sprach mich an: „Wie ich sehe, sind sie gerade über die Alpen gekommen! Meinen herzlichen Glückwunsch, willkommen am Gardasee!“ (Hab gerade beim Schreiben, Pipi in den Augen!) A: Es hat jemand registriert! B: Es hat jemand ausgesprochen! Dankeschön liebe Unbekannte! 


Jetzt muss ich nur noch nach Trier kommen! Das erste Verkehrsschild am Morgen sagt mir 87 km voraus. Linksrheinische Jakobswege, Ausoniuswege und selbstgewählte Wege halten sich aber nicht an solche Versprechen. Bis Moorbach geht es durch typische Hunsrücker Landschaft. Dabei entdecke ich den Flughafen Hahn. Aha, hier ist der! Später komme ich zu einer Wegkreuzung! Manchmal muss man abbiegen um den Weg des Tages zu finden. Spontan radle ich rechts ab und fahre über einen stillgelegten Bahndamm nach Bernkastel-Kues. Das herrliche Moseltal empfängt mich mit Weinbergen, teilweisen Sonnenschein und Rhabarberschmandkuchen. Bilderbuchwetter in Bilderbuchlandschaft. Die nächsten Kilometer gibt es Radelspaß in einem Klima, das den Wein in den steilsten Lagen gedeihen lässt. Warum bin ich nur kein Weintrinker? Das nächste, was ich lerne, Trier ist eine große Hafenstadt. Egon Olson würde „Mächtig gewaltig!“ sagen. Kilometerlang geht es durch Containerhafen, Kieshafen, Ölhafen und Stückguthafen.

 

Das Kolpinghaus liegt, zum Rumschurken in der Stadt, strategisch günstig. Es liegt in einer Seitengasse zum Obermarkt. Dort werde ich leichtsinnig! Katrin ruft an und ich lege den vielbeschäftigten Fotoapparat einfach neben mir auf die Bank. Eine halbe Stunde und kilometerweiter stehe ich vor dem Geburtshaus von Karl Marx und ...! Ihr glaubt gar nicht wie ich rennen kann? Innerlich habe ich mich schon von tausend Bildern verabschiedet! Ihr könnt gar nicht erahnen wie sich meine Kamera freut, als sie mich wiedersieht! Das Wiedersehen wird mit Trierer Löwenbräu in einem Lokal am Dom gefeiert. Der Straßenmusiker sieht aus wie John Denver und singt Country Roads. Ich schaue fasziniert dem Boccia-Spiel zu.     

      

Fazit: Die Welt ist schön! J


Alle Tage findet ihr hier: https://www.ulliunterwegs.de/jakobsweg/


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Kommentare: 2
  • #1

    Elka (Mittwoch, 01 Februar 2017 17:50)

    schön geschrieben, weiter so

  • #2

    Ulli Salzmann (Mittwoch, 01 Februar 2017 17:57)

    Dankeschön!