8. ... im Hunsrück

Der Hunsrück ist ein sehr windiges Gebirgsland.

Gefühlte zehntausend Windkraftanlagen beweisen das. Besonders wird das auf dem Salzberg sichtbar. Der Berg mit 628 Metern in der Höhe, kommt meinen Waden als erste morgendliche Herausforderung entgegen. Ich bin zwischen Bingen und Kirchheim auf dem Ausoniusweg unterwegs. Der römische Dichter soll im Jahr 371 auf diesem Weg eine Kutschfahrt unternommen haben. Ich hab da mein Zweifel. Es regnet!

 

Genau wie im Thüringer Wald geht es im Hunsrück entweder bergauf oder bergab und das scheint besonders für den linksrheinischen Jakobsweg gelten. Teilweise geht es sogar über den gepflügten Acker. Aber nun erst mal von Anfang an.

 

Bis halb Sieben ist der Wald um den Waldfrieden ganz friedlich. Dann kräht der Hahn. Schon komisch, gestern die große Stadt Frankfurt und heute die Idylle eines Bauerhofes. Es ist nach dem Regen frisch geworden und ich habe Zeit. Also, warum Hektik machen? Es folgt ein langes Frühstück mit den sympathischen Wirtsleuten. Thema ist, die schönste Insel der Welt, Mallorca. Dann diskutieren wir über Schwierigkeiten in der Gastronomie. Sie betreiben 15 Hektar Landschaft, Gastwirtschaft und die hübsche Pension. Dabei können sie nur noch am Wochenende öffnen, weil sich kein Personal findet. Beide um die 60, wollen noch ein paar Jahre. Heute war ich auf der Website vom Gerhardshof und musste lesen, das der Waldfrieden geschlossen ist. Schade. Übernachten geht aber noch. http://www.gerhardshoefe.de/

 

Gedanken: Es ist manchmal faszinierend, wie unser Gedächtnis Erlebnisse miteinander verknüpft. Vor so gar nicht langer Zeit habe ich schon mal einen Salzberg erklommen. Dieser ist gar nicht weit von meinem Frauenwald entfernt und stellt die erste Herausforderung am Thüringer Gipfelweg dar. Der Anstieg zu dem heutigen Salzberg ist ähnlich. Überhaupt lässt sich der Hunsrück mit dem Thüringer Wald vergleichen. Einiges ist anders, aber das Wetter ist es jedenfalls nicht. Es nieselt und zum Nebel, gibt es Hochnebel und dichte Bewölkung. Genau wie ich es von meinem Heimatort kenne. Trotzdem besteige ich den Salzkopfturm, einem 24 m hohen Aussichtsturm und kann trotz der miesen Witterung den Unterschied deutlich erkennen. Windräder, Windräder, Windräder und nochmals Windräder. Zum Glück ist der Thüringer Wald in der Beziehung noch jungfräulich. Obwohl, ich von der Erfurter Landesregierung und deren Plänen für die Zukunft nichts Gutes höre. Nun stehe ich hier oben und mache mir als unwissender Laie Gedanken über die Energiewende. Entweder-oder? Wenn ich schon kein Windrad im Garten haben will, so muss ich wohl meinen Keller als Endlager für den Atommüll bereitstellen? Über weiteres Pro und Contra will ich gar nicht weiter nachdenken. Wenig später fahre ich über eine Windkraftanlagenbaustelle. Das Argument kein CO2-Ausstoß, möchte ich, anhand der gerodeten Waldfläche und den damit fehlenden Sauerstoffproduzenten, mal erklärt bekommen. Wie gesagt, bin ich Laie.  

 

Vom heftigen Anstieg zum Salzberg und von den Nebelschwaden habe ich glaube schon geschwärmt. Am 7. April 1964 hatte Oberleutnant Frank Seglitz mit seinem Kampfflugzeug Typ F-86-Sabre wahrscheinlich ähnliches Wetter. Der 28-jährige Pilot verlor im dichten Nebel die Orientierung, und die Maschine stürzte gegen 10:45 Uhr nach einer Baumwipfelberührung in den Wald am Salzberg. Die entsprechende Gedenktafel finde ich kurz nach der Turmbesteigung. 

 

Heute Morgen ist mein Gefühleanzeiger im emotionalen Nieselnebelwald zu lang alleine und zu sehr der Gravitation ausgesetzt. Gedankenkarusell! Es heißt aber doch so schön, wenn Gefühle, Gedanken auf die Reise schicken, werden Träume geboren. Ich darf gespannt sein.  

 

Drei Stunden nach dem Frühstück treffe ich auf den heiligen Franziskus aus Bronze und einen echten Franziskaner wie aus dem Bilderbuch.  Er füttert die Ziegen vor dem Puricelli Stift und führt mich durch die herrliche Anlage ins Sekretariat. Ein schöner Stempel ziert nun den Pilgerausweis. http://www.puricelli-stift.de/

 

Rheinböllen, das Fachwerkstädtchen zwischen Binger Wald und Soonwald, hat auch Bäcker und Fleischer, die sich um meine Vorräte sorgen. Aber am Stadtende findet sich eine Großbaustelle, die ganz schöne Forderungen an mein Navigationsvermögen stellt. Die Nieselregentröpfchen werden dicker und feuchter, bis ich den Weg wiederfinde und ihn wenig später im dicken Matsch der nächsten Windkraftanlagenbaustelle wieder verliere. Klar, es geht steil bergauf, nur mit meinem Gefühleanzeiger nicht. Die Beschilderung fehlt mehrfach und als Krönung führt der Weg über den erwähnten frischgeflügten Acker. Soviel zum Thema Kutschfahrt und Aussonius.

 

Die Landschaft wird offener und In Simmern wird alles besser, Weg, Wetter, Laune. Und, nur zwei Euro später an der SB-Waschstraße, schwindet der Schlamm von Rad und Schuhen. Das Ergebnis bringt aber auch nasse Füße. Naja, wer schön sein will muss eben leiden. Eine Werkskantine bietet Tagesessen feil und eine Riesenschüssel Spaghetti mit richtig guter Bolognese füllen meine Kohlenhydratspeicher auf. Geht doch!

 

Im August 1799 gelingt Johannes Bückler, alias der Schinderhannes, eine spektakuläre Flucht aus dem Turm zu Simmern in die Hunsrücker Landschaft. Der Fluchtweg des Ganoven ist im Jahr 2015 ein gut ausgebauter Radweg, der durch Mohnblumenfelder, Kornblumenwiesen und Fichtenwälder führt. Ganz ohne Nebelschwaden und tiefen Matsch.

Das Zwischenhoch endet in Kirchberg. Mit dem Wetter wird das heute nichts! An der Touristinformation finde ich eine Tafel mit Hotels und Telefonnummern. Im Landhotel Karrenberg geling es mir den Preis von 80 auf 60 € zu senken und überschreite zum ersten Mal auf meiner Reise mein gesetztes Limit von 40 €. Es ist ein Hotel mit einem Hauch Schickimicki im Landhausstil. Egal, ich bin im Trockenen und wasche alle meine Schwitzwäsche durch und verteile sie im Zimmer zum Trocknen. Und, während der Regen gegen das Fenster trommelt, gönne ich mir ein Nickerchen.  http://www.landhotel-karrenberg.de/ Ei vor Bipps! 

 

Hier kommt er also her, der Mensch, der an meiner Reise schuld ist. Im Jahre 1817 machte Karl Freiherr von Drais eine geniale Erfindung. Ausgeschlafen erkunde ich das beschauliche Kirchberg. Gönne mir Eis, Flammkuchen und ein Bierchen. Irgendwo lese ich, dass es im Draishaus eine sehr schöne Velozipedausstellung geben soll und diese am Dienstag von 17 – 19 Uhr für Interessierte öffnet. Da ich sehr interessiert bin, bin ich pünktlich 17 Uhr dort und warte. Warte und warte. Es dauert bis mir aufgeht, das heute erst Montag ist. Gutes Zeichen! Im Karrenbergrestaurant ordere ich die Hunsrücker Bauernplatte und füge meinem Tagebuch die wichtigsten Zeilen zu. Das Amuse Geule bitzelt leicht auf der Zunge, die Bauernplatte mit gebratener Blutwurst ist lecker aber schwimmt im Fett. Da lasse ich lieber die Hälfte drauf und trinke lieber ein Bier mehr. Das Fenster sperrangelweit auf, irgendwo steigt die Party. Wahrscheinlich bin ich dann doch eingeschlafen. J   

 

Fazit: Die Draisine ist die Urform des Fahrrads.


Alle Tage findet ihr hier: https://www.ulliunterwegs.de/jakobsweg/


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