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Leseprobe


1. Hustenburg

 

Ich habe einen Zauberstab hinter dem bunten Osterspaziergang gefunden! Davon, und von viel mehr, möchte ich dir berichten. Kurz und gut, das Betriebssystem ist hochgefahren, das Schreibprogramm hat ein leeres Blatt in den Bildschirm projektiert. Was fehlt, ist nur noch der erste Buchstabe. Aber? Wo anfangen? Ich erzähle die Geschichte am besten von Anfang an und kümmere mich nicht um solche Kleinigkeiten wie Orthografie oder Grammatik, das überlasse ich später dem Lektorat. So sinniere ich einige Zeit, ohne ein einziges Wort zu schreiben, vor mir her, bis Gott sprach: Es werde Licht! Ja genau! Ich sollte mit dem Atemzug beginnen, ab dem ich und der Zauberstab gemeinsame Sache machten. 

Kein Mensch glaubt an Zauberstäbe. Es hat auch einige Erdentage gedauert, bis ich die schicksalhafte Wahrheit begriffen habe. Es gibt sie doch, jedenfalls wenn du mir Glauben schenken tust. Du bist gefragt, mein lieber Leser. Niemand konnte wissen, welche Kraft der hölzerne Stab haben könnte. Du wirst der Erste sein, der davon lesen wird. Aber? Wirst du meine unglaubliche Geschichte glauben? Da gehört schon eine Portion Mut dazu. 

Zugegeben, mein Pfleger Karl rümpft auch jedes Mal die Nase, wenn ich aus meinem Leben schwatze. Vielleicht sollte ich erst einmal erklären, warum ich überhaupt einen Pfleger habe. Ein zirka dreißig Zentimeter langer Holunderstab war nicht ganz unschuldig daran. Die große Frage muss ich jetzt stellen. Lieber Herr Leser, bist du bereit? Bist du bereit, mir vorurteilsfrei zu folgen?

Als erstes werde ich dir etwas aus meinem momentanen Leben berichten. Das gibt dir einige Gewissheit bezüglich meiner Identität.

Morgens spielte die Sonne oft Seite an Seite mit dem Dunst, der über der Stadt hing. Noch ist es ein dicker, milchiger Nebelschleier, der mich nicht durchblicken lässt. Die schaurige Hektik der quirligen Großstadt blieb mir erspart. Hier oben auf dem Berg ist die Welt noch in Ordnung. Hellster Sonnenschein vom Smog reflektiert. Fasziniert stehe ich stundenlang am Fenster, petrusgleich, es fehlt nur die frohlockende Harfe. Weit und breit wird die Klinik von Groß und Klein die Hustenburg genannt. Die Heilanstalt wurde einst als Lungenheilanstalt praktischerweise an die frische Luft gebaut. Da, wo der Berg die höchste Höhe hat, da thront sie. Vor langer Zeit wurde sie erbaut, im Zuckerbäckerstil. Es ist der Stil, den ganz schlaue Leute besserwisserisch als Jugendstil bezeichnen. Ein imposantes Bauwerk mit grandioser Architektur und grandioser Aussicht. Bronchialkatarrhe, blutende Lungenspitzen, Schleimhautentzündungen oder die arge Tuberkulose werden hier nicht mehr behandelt. Das deutsche Volk hustet nicht mehr so schlimm. Jetzt, da die Farbe an einigen Stellen blättert und Lungenärzte anderswo Patienten mit Raucherbein behandeln, ist aus den Zuckerbäckerpalast eine psycho-somatische Klinik geworden. Eine feine Umschreibung für eine Klapsmühle. So ein Haus will unterhalten sein und die Fenster könnten mal geputzt werden.

Es waren die typischen Dummheiten, befürwortet von meinem Zauberstab, die mich ins Irrenhaus brachten. Das Ganze nannte sich Sicherungsverwahrung. So arg, wie du momentan denkst, ist die ganze Angelegenheit nicht. Mein Auskommen ist ganz in Ordnung. Viele Denkarbeit wird mir einfach abgenommen. Essen kochen, Geld verdienen oder die Steuer erklären brauche ich nicht. Fast alles ist geregelt. Hach, geht es mir gut, auch wenn ich laufend übers Essen meckere. Mein Reich besteht aus vierundzwanzig grandiosen Quadratmetern. Davon sind sechs Quadratmeter für den Abort und die Dusche reserviert, der Rest ist mein Thronsaal. Die Örtlichkeit ist distinguiert mit einem Bett, einem Nachtisch, einem Stuhl, einem Tisch, einem Fenster, einer massiven Tür mit Guckloch und einem Schrank ausstaffiert. Dort ist mein stolzer Besitz aufbewahrt. Letzteres sind sechs Shirts, zwei Hemden, zwei Pullover (einer ist sogar aus Merinowolle) sieben Paar Strümpfe, fünf Schlüpfer, drei Unterhemden, drei Handtücher, zwei Jeans kurz und lang, ein Paar Turnschuhe, eine Jogginghose, ein Paar feste Schuhe für die matschige Witterung, ein Anorak, eine Mütze und ein Regenschirm. Das ist mehr als ein Mensch brauchen kann. Ach ja, auf dem Nachtisch steht mein Laptop und ein Wecker. Meinen Habseligkeiten muss ich natürlich auch einige Bücher hinzufügen. Sie liegen in der Zwischenablage des Nachttisches: Die Ahnen von Gustav Freytag, Gullivers Reisen von Jonathan Swift, Die Blechtrommel von Günther Grass, Nobi von Ludwig Renn, In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne. Ganz hinten liegt noch die Bibel, aber die gehört mir nicht, sie ist Eigentum der Klinik. 

Es ist so, als würde die Welt da draußen nicht vorkommen. Manchmal frage ich mich, gibt es die tatsächlich noch? Der Nebel lichtet sich. Das ferne Häusermeer lässt Straßen erraten. Kennst du, mein getreuer Leser, noch die Schnittmuster aus der längst vergessenen Sibylle, der Zeitschrift für revolutionäre Mode und Kultur. Genauso sieht die Stadt jetzt aus. Unzweifelhaft hat sich der Bau der Hustenburg an der frischen Luft bewährt. Und was für Lungenkranke und jetzt Kopfkranke gut ist, das ist auch für die Toten gut. Von meinem Fenster habe ich einen herrlichen Blick auf meine letzte Lebensstation. Lebensstation? Das klingt gut! Zwischen dem Tumult der Stadt und meinem Fenster liegt der städtische Friedhof. Der Gottesacker ist ein quadratischer Park, übersät mit vielen liebevollen Details. Jeder der angelegten Wege wird von einer einzigen Baumart gesäumt. So gibt es einen Eichenweg, einen Rosskastanienweg, einen Fichtenweg, einen Ebereschenweg, einen Rotahornweg oder einen Weg, an dem ausschließlich Ginkgobäume grünen. Dazwischen reihen sich Gräber, mal pompös im italienischen Marmor, mal schlicht, mal genügsam, mal arrogant, mal Jugendstil, mal anderes. Die halb und halb heruntergekommenen Grabstätten und Mausoleen sind romantisch und gruselig zugleich. Meisterwerke der Steinmetzkunst neben dem verwitterten Eisenkreuz. Hinter dem Heldendenkmal der letzten Kriege reihen sich die weißen Kreuze der Soldaten und am Rosskastanienweg gibt es die grüne Wiese. Hier werde ich bald zu Hause sein. Das erheitert mich. Von Zeit zu Zeit darf ich mit Karl dort spazieren gehen. Ich liebe es, in die kühlen Schatten der Bäume einzutauchen. Gerne würde ich für immer bleiben. Was gibt es Begehrenswerteres als im Schatten von Rosskastanien zu liegen?

Hin und wieder bringt Karl bei seinen Besuchen eine Spritze mit. Und eines muss ich dem Karl zu Gute halten: wenn mein Pfleger etwas beherrscht, dann professionelles Einspritzen. Er setzt die Kanüle an, trifft mit ungeheurer Selbstsicherheit die ausgesuchte Vene. Im selben Moment findet die Injektion ihren trainierten Pfad durch meine Blutbahnen. Der Stich tut nicht weh. Fürsorgliche Benzodiazepine flanieren sekundenschnell in Richtung Kleinhirn. Lauwarm prickelnd finden sie ihren Weg. Sofort erlebe ich mich angenehm matt. Charakteristisch für die Metaboliten ist, dass ihre Wirkung sehr schnell eintritt. Sehr schnell. Nach gefühlten fünf Millisekunden, wahrscheinlich sind es viel weniger, drei Nanosekunden, niste ich auf meinem weißlichen Bett im milchigen Raum. Ich muss mich ablenken, so tun, als wären die medikamentösen Glücksbringer nicht wichtig, ihnen die Beachtung verwehren und mich auf das Wesentliche konzentrieren. Mein fürsorgender Pfleger ist verschwunden, beglückt seine bescheidenen Erdentage woanders.

Ich muss die Füße hochlegen. Die Fähigkeit zur exakten Steuerung meiner Gliedmaßen lässt rapide nach. Die humane Temperatur meiner Blutzirkulation fällt. Sie bewegt sich nun minimal über dem Gefrierpunkt. In kurzen Worten: Ich bin glücklich. In diesem Drehpunkt zwischen Betäubung und relativer Indolenz scheint es mir angebracht, einige Worte zu meiner Phantasie anzubringen. Wie einladend! Karl ist weg, die enge Zelle weitete sich. Das weiße Grau der Wände wird bunt bemalt. Wandelndes Graffiti. Körperlose Dinge aus meinen Leben schwirrten durch den Raum. Vergessene Gedanken bereicherten die kahlen Wände. Die Zelle wird immer bunter. Jeder noch so kleine Zentimeter meiner engen Zelle wird zur Projektionsfläche meiner Schwärmereien. Gedankenflüge schwirren durch den Raum. Mit einem Augenblick sind sie scharf wahrnehmbar und in der nächsten Sekunde verschwommen oder verschwunden. Stimmt! Meinem Gedankenreichtum vermochten die Benzodiazepine aber ganz und gar nichts anhaben. Fast ist es so, als wurden sie noch beflügelt.

 Genau in diesem Moment beschloss ich, die Gedanken aufzuschreiben. Wenn ich ein Buch schreibe, muss ich nur die richtigen Buchstaben abpassen, die im Raum umherirren. Sie, mit einer Art Traumfänger einfangen und anschließend in fehlerfreier unzweifelhafter Reihenfolge in die Tastatur meines Laptops tippen.

Mein lieber Leser, bist du noch da? Möchtest du Abonnent meiner Buchstaben werden?

 

 


2.  Der Zauberstab 

 

Du solltest wissen es ist Mirakel, dass du dich mit meinem Text herumplagen darfst. Hallo mein lieber anonymer Leser, du bist so großartig!

Das ist natürlich versammelter Quatsch, wenn ich schreibe, ich habe den Zauberstab hinter dem Osterspaziergang gefunden! Der Osterspaziergang hängt, wie du dich gewiss auskennen wirst, bei den neuen Meistern irgendwo im sächsischen Dresden rum. Aber da irren wir gemeinsam. Der Osterspaziergang heißt dort nicht Osterspaziergang, nein, dort heißt das Gemälde, Brautzug im Frühling! Alles ist vom Eise befreit durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Das Bild, was da in unserer guten Stube rumhängt, hatte Onkel Günter in schillerndes Öl gemalt. Es war um Längen farbenreicher, als es jemals dieser Ludwig Richter im Original hätte malen können. Nach meiner Ansicht hängt das falsche Bild im Zwinger. Es war Oma Hildes größter Schatz und für Opa Vincent ein ständiger Dorn im Auge. Onkel Günther malte immer bunt, sehr bunt. Ich mag bunt! Die Streitereien über das farbenfrohe Kunstwerk wurden auch nie langweilig. Bei Oma heißt das Bild Osterspaziergang, basta! Schließlich war Onkel Günther Oma Hildes Bruder. Sie duldet da keine Widerrede. Ich mag Onkel Günther. Nur Opa Vincent traute sich hin und wieder ein wenig Widerspenstigkeit zu. Opa Vincent war querköpfig, aufmüpfig. Opa Vincent war äußerst renitent, wenn es um Onkel Günthers Malerei ging. Ich kann mich an einen Besuch in Onkel Günthers Atelier erinnern, das eher an ein Laboratorium für schreiende Farben erinnerte. Opa Vincent bekam wegen eines Bildes, Onkel Günther nannte es Stiller Poet, einen derart starken Lachkrampf, das Oma Hilde mit heftigen Schlägen auf Opas Rücken für Ruhe sorgen musste. Opa schrie: Spitzweg würde sich im Grabe umdrehen. Ich mag meinen Opa. Bevor ich zu meiner persönlichen Bildkritik ansetze, will ich kurz schildern, was passierte, als ich den farbenfrohen Osterspaziergang über dem Chaiselongue philiströs inspizierte.

Es war ein sonniger Tag, der letzte im August, die Sonne brannte so, als hätte sie's gewusst, dass man Stichlinge nicht mit der Hand fangen kann. Jedenfalls nicht als Dreijähriger! Da wusste ich noch nicht alles.

Irgendwo in meinem dreijährigen Hirn, hatte der von Onkel Günter gemalte Bach, eine abgetupfte Ähnlichkeit mit dem Welsbach. Bevor die Kinder mit bunten Kränzen und dem Hündchen den Bach erreichten, wollte ich kurz nachschauen, ob da auch Stichlinge rumschwimmen. Ich kletterte auf die Lehne von plüschigem Chaiselongue. Um die rechte Perspektive zum ölfarbigen schimmernden Bach zu erreichen, musste ich das Bild etwas anheben. Da passierte es. Etwas fiel von der Rückseite herab, kullerte in Zeitlupe auf der Lehne entlang, kippte zwischen Wand und Chaiselongue, landete klackend im Staub, den Omas Stubenbesen jahrelang nicht erreicht hatte. Augenblicklich waren die Stichlinge uninteressant. Neben der Mausefalle unter dem Kanapee fand ich ihn. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte ihn niemals gefunden.

Bitte verzeihe mir, mein unverdrossener Leser. Im Moment kann ich nicht weiterschreiben. Maria Magdalena ist da und serviert mir das Abendmahl. Bevor ich den Laptop zuklappen konnte, bevor ich überhaupt etwas machen konnte, presste die polnische Schönheit ihre Lippen auf die meinen und bewahrt mich so, für unbestimmte Zeit, vor weiteren Ausflügen in die – ja ich weiß nicht? In die Belletristik? Ohne Überdruss, gestattete sie mir so einiges und ich konnte restlos vergessen, wie ich in diese Zelle geraten war. Es ist nicht das erste Mal, dass ich jede Pore ihrer Haut auswendig studieren durfte. In Anbetracht dieser unerwarteten Situation darf ich dir verraten, es ist der Anblick des Dekolletees. HALLO! Ganz großer Quatsch! Wenn es nur so gewesen wäre. Glaube mir nichts! Wie immer, ist es pures Wunschdenken, das mich kaum atmen lässt. Abends zur Abendbrotzeit, wenn Maria Magdalena das Tablett mit zwei Scheiben Graubrot und bescheidener Wurst oder abgemagerten Käse, eine Kanne Pfefferminztee kredenzte. Dann könnte ich unter meinem gestörten Hormonhaushalt verzweifeln. Meine Gedanken kriechen dabei förmlich unter ihr Mieder. Maria Magdalena bleibt davon gleichbleibend unbeeindruckt und unerreicht. Sie lüftet nach dem Stoßlüftungsprinzip frische Abendluft in die Zelle, füllt Klopapiermängel auf, räumt dies und das zur Seite, schließt die Fenster wieder, schüttelt das Federbett auf und lächelt manchmal. Das Hormon, das Serotonin kocht über, während ich in völliger Scheintotphase verharre. Ein Matador bin ich nicht, es sei denn, ich würde den Zauberstab …. Blöd, in meinem Leben habe ich nur mit Zauberstab Erfolg. Doch der Zauberstab ist weit fort, zu weit fort. Ich bleibe auf meinem Bett als seelenloser Torero zurück. Sehr gerne wäre ich in ihrer Umarmung eingeschlafen oder hätte ihre Haare gekrault, ihre Rückenwirbel studiert, wie andere das Vaterunser. Es ist nur Träumerei. So ist es halt! Ein unerfülltes Verlangen ist auch ein Verlangen, ein kleines Glück, das bleibt.

Wenig später ist Maria Magdalena verschwunden, bleibt die Apostolin der Apostel und meine erotische Traumsünderin. Was wäre meine Zelle, mein kleines süßes Gewahrsam, wenn ich keine Träume mehr hätte. Nur die einsamen Nächte kommen mir immer länger vor. Hier rumzuliegen und an Maria Magdalenas Busen zu denken, bringt mich den Zeilen, die ich schreiben wollte, sollte, kein Stück näher. Maria Magdalena, sie ist fort. Es gibt noch mehr Patienten hier im Hause, denen stoßgelüftet werden muss. Maria Magdalena, liebgewonnen habe ich sie.

Verehrter Leser, bevor ich zu weiteren Albernheiten ansetze, will ich dir nun kurz erzählen, was ich im Staub unter dem Chaiselongue gefunden habe. Es war ein verdorrter Stock, den es hundertfach im Holunderbusch hinter der Scheune und dem Hühnerstall gibt. Er musste sehr alt sein, schien fast versteinert. Nichts Besonderes also. Neben dem Kachelofen stand der leere Kohleeimer, in dem noch Platz war für ein vertrocknetes Stück Holunderbusch. Das Beste wäre es gewesen, aber …, davon erzähle ich später noch ganz viel mehr. Meine Geschichte sollte am Ursprung beginnen.

 

Ich weiß nicht, wie es bei dir ist? An welchen Tag deiner Kindheit kannst du dich mit sicherer Klarheit erinnern? Bis zum ersten Angelpunkt in meiner Biographie ist nicht viel passiert. Der erste Wendepunkt in meinem jungen Leben war der Tag, als ich vergebens Stichlinge im Welsbach mit meinen kleinen Händen fischte. Versuchte zu fischen. Es ist der erste Moment, den ich mir, heute im uralten Alter, ins Gedächtnis rufen kann. Bis zu diesem denkwürdigen Moment machte die Zeit, was sie wollte. Möglicherweise machte die Zeit, was sie immer tut, sie verrinnt einfach. Sie verwehte ohne irgendwelche bemerkenswerten Erinnerungen. Ich muss wohl bis dahin eine glückliche Kindheit bewältigt haben, da mir für diese Zeit nichts Negatives einfällt. Im Grunde fällt mir gar nichts dazu ein. Absolut gar nichts. Sicherlich habe ich friedlich in dem weißen Kinderwagen vor mich hingeträumt und als erstes Wort Mama oder Papa gebraucht, wie es wohl jedes Kind einmal tut. Aber nichts Genaues weiß ich wie immer nicht. Der Stichlingtag hat sich aber memoriert. Oma Hilde kochte am selben Abend noch Holunderlikör und ich durfte probieren, ich probierte noch, als Oma gar nicht mehr dabei war, bis ich auf die Hinterbacke fiel. Es war der letzte Abend in einem friedlichen Leben. Es war der letzte Abend, bevor der Ernst des Lebens mit voller Wucht auf mich einschlug. Am nächsten Tag durfte ich in den Kindergarten und ich hatte meinen ersten Kater. Wie ich dir schon erzählte, musste ich am ersten Septembertag in den Kindergarten. Es stimmt alles, was ich der Kindergartenzeit vorwerfe. Es war wohl der erste Angelpunkt in meiner Biographie. Der erste Wendepunkt im Kindsein, im Lebenslauf, passierte. Mit anderen Worten, die unbeschwerte Kindheit war an diesem Septembertag jäh zu Ende, Schluss aus, bums. Die Zeit bis dahin war eh nur Babykram, mit Windel und so. Bis dahin machte die Kinderzeit das, was sie immer tut, sie enteilte ohne irgendwelche großen Gedanken und viel zu schnell. War es bei dir etwa anders?  Die Kindergartenzeit ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium, wenn ich mal den Churchill frei zitieren darf. Mir fallen die Stichlinge im Welsbach ein. Und bei den Stichlingen ist einiges anders als bei anderen Fischen. Wusstest du, mein lieber Leser, dass Stichlinge Nester bauen? Und noch was, die Erziehung der vielen Stichlingskinder ist reine Männersache. Die flinken Schwimmer als Dreijähriger mit den Händen fangen, ist ein aussichtsloses Unterfangen, so wie viele Unterfangen sinnlos sind. Stichlinge kennen keine Zeitlupe. Apropos Zeitlupe, Und schon lag ich in der Erinnerung. Ich lag wieder auf dem Bauch am letzten unschuldigen Sommertag. Ich beschaue mein Spiegelbild im Welsbach an. Stimmt, die Zeit verflüchtigt sich schneller als ohne Stichling Jagd. So schwammen die Stunden bäuchlings dahin und der Zauberstab kam näher. Und der Kindergarten. Und der Herbst. Das Wetter wurde völlig anders.










 

13. Schwarzer Kater Stanislaus

 

Die Dinge kann ich besser beschreiben, wenn ich etwas Schmackhaftes zur Digestion bringe. Vielleicht verstehst du mich, mein treuer Leser. Da keine Spargelzeit ist, sollten es Königsberger Klopse sein..

Oma Hilde wusste wie das geht, von ihr hatte ich viel gelernt. Auch in der Essensküche hatten Frau Weinbein und die anderen Frauen, ein gutes Händchen. Mit Milch wird ein Brötchen aufgeweicht, Zwiebel, Knoblauch, Sardellen, Kapern feingehackt, dann kommt Gehacktes, Ei, Salz, und Pfeffer hinzu. Dann wird geknetet, Klopse geformt und in Gemüsebrühe gegart. Die Brühe sollte nur fast kochen, keinesfalls sprudeln.  Für die Soße, gute Butter auslassen, darin feine Zwiebelwürfel schwenken, Mehl dazu stäuben, rühren mit Brühe auffüllen, mit etwas Sahne verfeinern, gehackte Kapern und einen Hauch Sardelle dazu. Oma machte meistens Rote Beete und Kartoffeln dazu. Frau Weinbein und ihre Frauen brauchten ein paar Brötchen mehr, sie mussten auch hundertfünfzig Mäuler stopfen.

Mein lieber Leser, ich möchte dich nicht mit Klopsen langweilen, doch die Klopse, die Karl servierte, sind ein völlig andere Geschichte. Ich nehme an, die Haltbarkeit dieser Büchsennahrung, war schon zu Zeiten abgelaufen, als Königsberg noch Königsberg war. Die Konsistenz glich den Bällen, die beim Tennis in Wimbledon Verwendung finden. Es dauerte volle zwei Tage, bis die ärgerlichsten Königsberger Klopse meines Lebens, quälend alle Windungen meines Verdauungstraktes durchlaufen sind, letztendlich ihren Weg in die Kanalisation gefunden haben. Zwei Tage konnte ich keine Buchstaben für Dich in die Tastatur drücken. Du bist ein geduldiger Leser. Lieben Dank dafür. Ich muss nur noch mal das letzte Kapitel lesen, damit ich nicht an völlig falscher Stelle fortsetze. Ach ja, da steht es geschrieben: Wir hatten so viel Spaß.

Die Schlittschuhbahn wurde ein voller Erfolg, am Samstagnachmittag spielte ganz spontan die Welsbach-Combo zum Eistanz auf. Opa hatte Visionen, dachte über neue Infrastrukturen nach, wie Geländer, Sitzmöglichkeiten, Kiosk mit Senf und Bockwurst, kleiner Tribüne und Flutlicht.  Der Kegelklub versuchte sich in Eistockschießen. Während beim Curling schwere Granitsteine, wurden beim Eisstockschießen die Kegel aus der Kegelbahn eingesetzt. Aber egal. Am Montag waren die Ferien zu Ende, und der neue Bürgermeister, du weißt schon, Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf, hatte Silvester im Krankenhaus verbracht, mit Verdacht auf Gehirnerschütterung. Es blieb beim Verdacht. Ich weiß nun nicht, ob eine Gehirnerschütterung mehr geholfen hätte. Zweifelsohne aktivierte er den Gedanken an Steppard, dem Deppert. Nur war der Steppard kein Deppert mehr. Das erfuhr ich von Frau Weinbein, die hin und wieder bei Mama eine Tasse Kaffee trank. Steppard lebte förmlich auf, trank keinen Alkohol mehr, machte den Hausmeister, die Lagerverwaltung, räumte das Alte nach vorn, das Neue nach hinten, notierte wenn irgendwo Knappheit herrschte, war gründlich im Abwasch. Frau Weinbein schwärmte regelrecht. So etwas fand ich gut, solche Leute braucht das Land, außerdem hatten wir einen neuen Deppert. Der Bau auf- Bürgermeister kam mit dem Linienbus dem Ikarus, ging in direkter Folge zu seiner ehemaligen Unfallstelle, ignorierte die Pappe die vor Glatteis warnte, wirbelte ohne Schlittschuhe einen olympiareifen Dreifach-Axel, nur an der Landung müsste er noch üben, diesmal war das Steißbein dran. Hans Georg holte einen Eimer Sand aus der Scheune. Als ich von der Schule kam, lag der Bürgermeister mit nackigen Hintern bäuchlings auf Mamas moderner Couch und Doktor Seebach gab ihm eine Spritze. Das Bild, das ich sehen musste, möchte ich dir nicht in allen Farben ausmalen. Doktor Seebachs Diagnose, nichts gebrochen, aber zur Sicherheit und zum Röntgen kommt der Krankenwagen. Alles wird ein Nachspiel haben, drohte er zum Abschied. Opa Vincent sagte nur zu Hans Georg: Beim nächsten Mal holst du keinen Sand aus der Scheune.  Dass ich diese Warnung nicht verstand, lag an zwei Dingen erstens hatte ich eine Eins in Schönschrift bekommen, zweiten wusste ich nicht exakt, was ein Nachspiel ist. Brockhaus, verriet mir: Nachspiel ist ein kurzes, heiteres und teilweise derbes, possenhaftes Stück im europäischen Theater. Nun war ich schlauer. Am nächsten Tag brachte ein S 400 drei Tonnen dampfende Asche aus der Malzfabrik. Die Jugendbrigade der Fabrik tauchte, mit blauen Hemden über dicken Pullovern auf und ließ mit Schaufeln, unseren Winterspaß unter der Asche verschwinden. Das Nachspiel begann. Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!

Das könnte meinem Zauberstab überhaupt nicht gefallen. Nur wo war er? Mit Schrecken durchsuchte ich die ganze Diele, suchte unterm Chaiselongue, im Kohlekasten, hinterm Brockhaus, hinter Meyers Lexikon, schließlich überall. Hatte Irmchen Staub gewischt? Ich fragte! Nein hat sie nicht. Was? Irmchen glaubte sowieso nicht an meinen Zauberstab. Ich suchte tagelang, wochenlang. Mir wurde bewusst, dass ich mit einer Ascheschicht vor dem Hof zurechtkommen durfte. So verging eine Weile. Zu jener Zeit, ist uns ein kleiner schwarzer Kater zugelaufen. Mama nannte ihn immer Schwarzer Kater Stanislaus und sang dazu: Schwarzer Kater Stanislaus schnurre-di-burri-di-bum, war der Schreck im ganzen Haus, schnurre-di-burri-di-bum. Als ich Penelope vom Schwarzen Kater Stanislaus erzählte, hatte sie die Christenlehre geschwänzt. Die Beiden wurden sofort Freunde und als ich nach einigen Tagen ins Bett wollte schnurrte mir Kater Stanislaus entgegen. Ich erzählte ihm von früher, von schönen Zeiten, von der Eisbahn, von dem Spaß.

Es war noch mal recht eisig geworden. Wie jeden Morgen ging ich mit Mama zur Arbeit, heute war unser letzter Schularbeitstag vor den Winterferien. Mir und Mama klappten die Kinnladen herunter, eine aschfreie Eisbahn funkelte uns vor der Haustüre an. Upps, dachte ich, Stanislaus konnte auch zaubern. In der Schule gab es mal wieder Noten, drei Einsen, ein paar Zweien und eine Vier, diesmal in Musik, aber das war Nebensache.  Hans Georg Schorsch hatte das Eisvergnügen mit einem roten Seil abgesperrt. Überall hingen Pappen: Herzlich Willkommen auf der Eisbahn. Unsere Torfahrt stand weit offen. Auf einem Tisch standen zwei Waffeleisen für Waffeln mit Pflaumenmus. Ein Topf mit Kinderpunsch und eine Thermoskanne mit Glühwein. Es dauerte nicht lange, bis die Welsbach-Combo zum Eistanz aufspielte. Ein Trinkgeldglas füllte sich. Fast das ganze Dorf war anwesend, außer dem Bürgermeister, der zufällig in einer Parteischule im fernen Berlin mehr Sozialismus  erlernte. Es musste so gewesen sein, jemand hatte in der Nacht einige Arbeit gemacht, irgendwer hatte mit einem Hydranten-Schlüssel das Wasser aufgeschlossen, einen Gully geöffnet, die Asche weggespült, den Gully und einige Zeit später, den Hydrant verschlossen. Wie ich von den Erwachsenen vernehmen konnte, kamen nur die Feuerwehr oder Kasimir in Frage. Aber alle schwören Unschuld. Die Welsbach-Combo spielte als Letztes einen Schlager von Siw Malmkvist: Schwarzer Kater Stanislaus, schnurre-di-burri-di-bum, er war der Schelm im ganzen Haus, schnurre-di-burri-di-bum, alle Mäuse wurden blass, schnurre-di-burri-di-bum. Mama und Schorsch, Penelope und ich, tanzten im Eis.  Irmchen wirbelte Pirouetten. Der schwarze Kater Stanislaus schaute zufrieden und miaute Beifall.  


14. Ach du schöne Spargelzeit

 

Ich muss nachhelfen, mit altbekannten Tricks. Gulliver tut mir richtig leid, als ich alle seine Reisen samt dicken Einband an die Tür prügelte und lautstark meine Freiheit einforderte. Sie kamen zu dritt, allen voran Karl, bereit zur intramuskulären Injektion. Geht doch! Als mit einem Mal die Bilder kommen, ist es wie sprießender Spargel. Ich klappe den Laptop auf, starte das Schreibprogramm, damit du meine Landwirtschaftsgeschichte weiterlesen kannst.

Die Zeit machte damals, was sie jedes Jahr in dieser Zeit machte, sie wehte die Wintertage und die Winterferienzeit in die Vergangenheit. Vom Zauberstab fehlte immer noch jede Spur. Ob der Schwarze Kater Stanislaus jemals zauberte, da habe ich ernste Bedenken. Bürgermeister Bau auf, war wieder da, er brachte viele sinnvolle sozialistische Entschlüsse von der Parteischule mit. Die Kleingeistigkeit im Dorf sollte ein für alle Mal ein Ende haben. Hans Georg Schorsch war gerade dabei, die Weiden anzuordnen mit Zäunen, als er Besuch erhielt. Der Bürgermeister präsentierte einen studierten Bauern mit Diplom und blauem Hemd. Der junge Mann hatte Ideen, die schauderhaft klangen. Er wollte die Erntezahlen doppeln und Weiden dezimieren. Er wollte die LPG nicht nur fachlich leiten, sondern auch politisch idiologisch lenken. Der Bau-auf Bürgermeister explizierte mit Sachkenntnis, das ohne Parteibuch die Rinder nicht politisch korrekt kultiviert werden können. Und preiswerte Silage, könnte die luxuriösen Weide ersetzen. Hier könnte geackert werden und der

Sozialismus noch schöner blühen. So kam es dann.

Ich spürte, wie meine Beklemmung zunahm, setzte mich zum Schwarzen Kater Stanislaus auf Omas Chaiselongue. Streichelte ihn, drückte ihn ans Herz. Der Schwarze Kater Stanislaus konnte nichts dagegen tun.

Bald muhten keine Rinder mehr hinter der  Scheune im Offenstall und der Wiese. Alles wurde besser. Die Rinder wurden politisch korrekt und maschinell im neuen LPG-Stall mit Silage gefüttert. Hans Georg Schorsch sorgte nun in der Malzfabrik dafür, dass dem Hopfen nicht das Malz ausgeht. Irmchen blieb im Gesindehaus, mit kleiner aber sehr gemütlicher Wohnung und schaffte nun mit Frau Weinbein in der Essensküche. Mama kaufte einen Omega-Staubsauger.

Mein lieber Leser, ich weiß jetzt nicht, wieviel du von politisch-korrekter Landwirtschafft verstehst. LPG heißt Landwirtschaftliche-Produktions-Genossenschaft der alle Bauern ihre Landwirtschaft übergaben. Natürlich freiwillig, wie uns Fräulein Seifurt in Heimatkunde erklärte. Und, Silage ist ein stinkendes Gärfutter, das wiederkäuende Kühe kauen konnten, aber nicht so schmeckte wie frisches Gras von der Weide. Das wusste ich von Opa Vincent, der immer noch mit dem Kopf schüttelte.

Ich sah dabei den Schwarzen Kater Stanislaus an, der schüttelt auch den Kopf.

Was ging mich aber politische korrekte Landwirtschaft an, weil ich meine erste eigene und private Landwirtschaft gründete. Kurz nach Ostern fing der Spargel an zu sprießen und bevor ich mit Mama zur Arbeit in die Schule ging, war ich schon bei der Ernte berufstätig. An guten Tagen bis zu zwei Kilo, das sind immerhin zweitausend Gramm.

Fräulein Seifurt war regelrecht begeistert in der großen Pause, als ich fragte, was damit geschehen könnte. Lud mich und Penelope zum Spargelkochkurs ein. Damit war der einstige Zoff für immer beseitigt. Als ich an der Neubauwohnung klingelte, öffnete die Schwester mit einer Freundlichkeit, die ich damals in der Kindergartenzeit nicht wahrgenommen habe. Wir lernten mit einem Rasierklingenschäler Spargel schälen und Hollandaise schlagen. Dann spargelten wir zu Viert bis die zwei Kilo alle waren.

Die Hollandaise passierte so:  Butter klären, in dem wir die Butter erwärmen und die klare Butter von der Molke trennen. Eigelb mit etwas Spargelfond, Zitronensaft, Weißwein und etwas Salz in eine Schüssel gebe und auf ein heißes Wasserbad stellen. Kochen sollte es wegen der Gerinnung nicht. Nun rühre ich bis mir der Arm abfällt, bis die Masse cremig und voller Volumen ist. Die Schüssel nehme ich aus dem Wasserbad. Dann gebe ich geklärte Butter nach und nach esslöffelweise rührend dazu. Mit Salz, Pfeffer und einem Hauch Worcestersauce lassen wir uns die Spargelsauce schmecken. Am besten mit Spargel und neuen Kartoffeln. Nur die gab es kurz nach Ostern noch nicht. Bei der Verabschiedung, konnte ich in den Flur meiner ehemaligen Kindergartengärtnerin blicken. Da hing ein Setzkasten mit allerlei Krims, obenauf thronte ein Matchboxauto, ein silberner Mercedes-Benz W 198, ein Coupé mit aufklappbaren Flügeltüren. Der kam mir sehr bekannt vor.

Meine kleine Landwirtschaft florierte. Bald hatte ich feste Kundschaft, die Seifurt Schwestern, Penelopes Tante und der Deutsche Hof. Ferner bekam ich staatliche Hilfe. In Meyers Lexikon, las ich über Subventionen: finanzielle Beihilfe aus staatlichen Mitteln mit spezieller Zweckbindung.  Es war die Eierelse mit ihrer Aufkaufstelle für Obst, Gemüse und Eier, die dabei als Mittlerin zwischen mir und dem Staat fungierte. Ich bekam zehn Mark für das Kilo Edelgemüse. Vorne im Laden kaufte Penelope anschließend für zwei Mark meinen Spargel wieder zurück. Ich mochte die sozialistische Planwirtschaft, mit ihren Hilfsgeldern für kleine Spargelbauern. Ach du schöne Spargelzeit. Irmchen sagte, ich sollte mir die Fingernägel putzen, ich würde aussehen wie ein Totengräber.   

 


15. Briefe

 

Der Wind hatte zugenommen, der Himmel sich verdüstert. Es wird ein Gewitter geben, sprach ich zu Maria Magdalena. Sie nickte mit dem Kopf. Ich sprach es und schon fing das Wetter an zu leuchten. Das nenne ich Wetterleuchten. Ich fahre den Laptop herunter, ziehe das Netzkabel. Aber selbstverständlich nicht zufällig, ich neige nicht zu zufälligen Gesten. Maria Magdalena nickt ihr zustimmendes Nicken. Eigentlich wollte ich das fünfzehnte Kapitel für dich schreiben, mein zuverlässiger Leser. Das wird erst mal nix, weil das Wetter leuchtet. Jetzt flackert es sogar. Rumms, jetzt ist es dunkel. Zum Glück sind die Buchstaben im Laptop in Sicherheit. Stell dir mal vor, so ein Blitz nimmt alle Konsonanten mit, dann könnte ich mit Vokalen komische Sätze schreiben. Das Gewitter war arglos, so geschwind es kam, war es dahin. Die Elektrizität ist auch wieder vorhanden. Es wird tränenreich, aber ein klein wenig schmunzle ich, während der Laptop hochfährt. Früher kam der Strom aus dem Schweinestall, dachte ich. Nun bin ich bereit, dich mit ins fünfzehnte Kapitel zu nehmen. Hast du Taschentücher parat? Du wirst sie brauchen.

Ein ganzes Jahr mit Höhen und Tiefen schlitterte durch die Endmoränenlandschaft, die sich dabei stark umorganisierte. Fast wie damals vor einundzwanzigtausend Jahren als kilometerdickes Inlandeis Geröll und Steine vor sich herschob und die Landschaft umformte. Diesmal war es der sowjetische Kirowez K-700, der die Landschaft beackerte. Vom Welsbach bis zum Horizont und noch drei Moränen weiter war jetzt Acker, ein Kartoffelacker. Ein lückenloser Kartoffelacker, alle Büsche, Hecken, Wiesen sind politisch perfekt verschwunden. Die Kleingeistigkeit im Dorf hatte sich endgültig großen Zielen zugewandt. Wen stört es, dass Ansel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar es ablehnte fröhlich Beifall zu zwitschern. Auch im Dorf geschahen Sachen. Ich war nun ein Jungpionier, der in die Christenlehre ging. Das alte Seifurthaus hatte ein neues Dach und einen neuen Hausherrn. Bürgermeister Bau Auf, hatte nun ein Domizil mit kleinen Schulungsraum, wo sich die gesinnungstreuen Eliten trafen und neue Ziel besprachen. Der Eistanz fiel im Winter klimatechnisch aus. Der Schneematschwinter war für den Spaß unpraktisch. Ach ja, Oma hatte keinen Hasen geschossen. So mein lieber Leser, das ist schon traurig genug. Aber im Offenstall sind vier Gänse als Weihnachtsessen eingezogen.

Zu Pfingsten war ich fast am Ende meiner zweiten Spargelsaison, die noch üppiger verlief. Hans Georg Schorsch hatte mir geholfen ein zweites Beet zuzulegen. Im Herbst hatte ich fleißig die roten Beeren gesammelt. Dann haben wir den neuen Haufen mit Dung gefüllt, die Beeren verstreut und waren fertig. Wir nahmen Schweinemist, der Rindermist war nun im neuen LPG- Stall. Am Pfingstsonntag, hatte Oma keine Lust zum Kochen und bestellte für sich, Opa, Mama, Irmchen, Hans Georg Schorsch und mich, einen Tisch im Deutschen Hof. Du kannst es glauben oder nicht, wir aßen alle Schweineschnitzel nach Wiener Art, mit neuen Kartoffeln und wir aßen alle Spargelgemüse. Oma, Opa, Mama, Irmchen, Hans Georg Schorsch. aßen zum ersten Mal im Leben Spargel und waren begeistert. Es gab keine Sauce Hollandaise, sondern holländische Soße.  Während die Sauce Hollandaise geschlagen wird, wird holländische Soße mit Spargelbrühe und Mehlschwitze gekocht. Ich glaube, zur nächsten Saison darf ich privaten Eigenbedarf anmelden.

Es geschah noch einiges im Dorf, aber ich will dich nicht mit Belanglosigkeiten langweilen. Doch eine Begebenheit möchte ich noch erwähnen. Steppard wurde kurzzeitig wieder zum Deppert. Penelope und ich kamen gerade vom Essen in der Essensküche, als es passierte. Der gute Steppard wollte was Gutes tun, wollte das Klettergerüst streichen. Dazu benutzte er eine Stehleiter als normale Leiter. Das war gar nicht gut. Die Leiter lehnte sehr instabil an einem Eisenrohr, Steppard stieg drei Stufen hinauf und wurde zum Deppert. Gerade wollte er den Fleischerhaken mit dem Farbeimer einhaken, als die Stehleiter zu Seite kippte. Die Farbe lief ihm durch die Haare, über die Stirn zur Nase und weiter in den und auf den Hemdskragen. Mit einer Hand am Gerüst hängte ein olympiablauer Deppert, der wie einst Tarzan in den Urwald schrie. Dann zog er sich aus, bis zum grauen Feinripp, das eigentlich olympiablau war. Glaub mir mein lieber Leser, ein Bild, dass ich so schnell nicht vergessen kann. Das olympiablaue Haar sah längere Zeit richtig blau aus. Das wird mal Mode.

Bürgermeister Bau Auf, lief in dieser Zeit mit geblähter Brust herum. Kein Wunder leuchtet doch dort die goldene Medaille Aktivist der sozialistischen Arbeit. Alles könnte so schön sein, wenn nicht hinter einem Schutzwall der imperialistische Kapitalismus neidisch alles unternahm um den blühenden Sozialismus und seine Früchte zu ärgern. Er hielt in der Aula vor uns Grundschülern eine flammende Rede. Wir saßen mit weißem Hemd und blauen Pionierhalstuch auf den Stühlen und hörten gebannt zu. Spannend wie uns der Imperialismus keine Kartoffeln gönnte. Amerikanische Flugzeuge hatten über dem riesigen Kartoffelacker der vom Welsbach weiter als der Horizont reicht, Kartoffelkäfer abgeworfen, die …  

Jedenfalls, mussten wir ein paar Tage ohne Schulbildung auskommen, weil die Grundschüler für die Erhaltung der volkswirtschaftlichen Landwirtschaft gebraucht wurden. Mit Fleißigkeit und mit Einmachgläsern sammelten wir die imperialistischen Kartoffelkäfer ein. Opa Vincent bemerkte nur, früher sangen Amsel, Drossel, Fink und Meise und die ganze Vogelsch… . Er benutzte ein Wort, das ich nicht in die Hand nehme und schon gar nicht in den Mund. Ich war ein Jungpionier, der eine Christenlehre machte. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Irgendetwas lief schief im Pfarrhaus. Statt Heiligkeit praktizierten sie Scheinheiligkeit. Penelope machte sich große Sorgen.

Einen Tag vor Johanni, stach ich den letzten Spargel der Saison. Penelope und ich waren geladen. Fräulein Seifurt unsere Lehrerin und meine ehemalige große Liebe gestaltete eine Spargelkreation. Wir halfen beim Kreieren. Es gab einen Spargelsalat, mit knackigen Salat und frischen Erdbeeren. Dazu eine Salatsoße, für die wir Erdbeermarmelade und Senf benutzten. Beim Abschied sah ich ihn wieder, den silbernen Mercedes-Benz W 198, das Coupé mit aufklappbaren Flügeltüren.

In der Nacht träumte ich Träume, träumte vom Zauberstab, von Papa, der mich vergessen hatte, von Matchboxautos. Irgendetwas war in dieser Nacht. Irgendwas war passiert. Es dauerte drei Tage bis ich es kapierte, ich konnte im Traum zaubern. Nur ob das Gut ist, das weiß ich nicht. Es war der Gedenktag für die sieben Schläfer von Ephesus. Es regnete am Siebenschläfer, Opa sagte: Wie das Wetter am Siebenschläfer sich verhält, ist es sieben Wochen lang bestellt. Sieben Regenwochen hatte ich nicht gezaubert, darin war ich sicher. Nach der Kartoffelkäferwoche, war ich mit Mama in der Schule zum Arbeiten, nur hatte ich früher Feierabend und Hausaufgaben. Ich war pitschenass, und kleidete mich trocken. Diszipliniert wie ich nun mal war, kümmerte ich mich um die nasse Wäsche. Zu diesem Zweck gab es eine Wäscheleine mit Klammern auf dem Dachboden. Für die Hausaufgaben gab es den alten Sekretär in der Diele. Nicht was du denkst, mein lieber Leser. Ich weiß nicht wie du dich mit nützlichen Möbelstücken aus kennst. Ein Sekretär ist eine Mischung aus Schrank und Schreibtisch. Als ich die Schreibtischklappe herunterklappe, erblicke ich eine Reihe von verschlossenen Schubladen. Normalerweise! Aber nun? Eine Schublade war halb herausgezogen. Ich sah Briefe, ich las meinen Namen. Irgendetwas schnürte meinen Hals, Tränen umschlangen meine Pupillen. Ich zog die Lade ganz heraus, ließ sie auf die Schreibplatte plumpsen. Heulend rannte ich in meine Kammer und gebrauchte erstmalig den Schlüssel an der Tür.

Fast gleichzeitig störte ein heftiger Sonnensturm drei arktische Anlagen, in Kanada, Schottland und Grönland. Es fielen Apparate eines Frühwarnsystems aus.  Atombomben wurden daher in Alarmbereitschaft versetzt und die Raketen startklar gemacht.

Papa hatte mich nicht vergessen, hatte bestimmt zwanzig Briefe und Matchbox geschickt. So wie ich die kleinen Buckel in den Briefen verstand. Mama war die erste die zaghaft an der Tür rüttelte, weichliche Sätze von sich gab, die ich nicht erfasste, meine Ohren waren schalldicht unterm Kopfkissen versteckt. Dann war das Irmchen, die Waffelherzen backen wollte. Ich ließ mich nicht bestechen. Dann war sogar Penelope vor der Tür. Hans Georg klimperte mit dem Werkzeugkasten. Ich klemmte eine Stuhllehne unter die Klinke. Der Schwarze Kater Stanislaus war schlauer, er tapste über etliche Dachziegel, zu meinem Erkerfenster, miaute durch die Fensterscheiben. Das erreichte mein Herz, das erweichte mein Herz. Nun war mein Kummer nicht mehr so allein. Irgendwann kehrte Ruhe ein und ich schlief an der Seite vom Schwarzen Kater Stanislaus den Schlaf der Gerechten. Ich wünschte mir, dass alles gut wird.

Am nächsten Morgen, musste Mama alleine auf die Arbeit gehen, nahm ich an. Oma kam, die Treppe hoch, blieb auf der Hälfte stehen, rief Frühstück und kehrte wieder um. Ich schaute den Schwarzen Kater Stanislaus an, wir waren uns sofort einig, dass Frühstück ein Argument ist. Ich klemmte den Stuhl von der Tür ab. Der Schwarze Kater Stanislaus und ich stiegen die Treppe hinab. Da waren sie alle! Oma Hilde, Opa Vincent, Irmchen, Mama, Hans Georg Schorsch und schauten erwartungsvoll. Ich bekam sofort Pipi in die Augen. Mama nahm mich in die Arme, erklärte mir, dass ich ihre große Liebe sei. Auch Oma und Irmchen drückten mich an die Brust. Mama gab ihren Fehler zu, zählte aber viele Gründe auf, warum sie Fehler macht. Viele Argumente leuchteten mir ein. Mama  streckte wieder die Arme nach mir aus, wir verharrten lange in herzlicher Umarmung. Die neuste Nachricht war der Heiratsantrag von Hans Georg Schorsch an Mama. Und es sollte zur Hochzeit Spargel geben. Damit war der Termin ziemlich klar, so zwischen Ostern und Johannistag.

Später gingen Mama und ich die Briefe durch. Ich besaß nun einen grünen Ferrari Berlinetta 75, einen roten Lesney Routemaster London-Bus mit grüngelber BP- Werbung, einen rosa Chevy, einen grünenweißen Polizei-VW-Käfer mit Blaulicht auf dem Dach, und einen mintgrünen Mercedes W 198 mit Flügeltüren und eine halbe Schwester, die Maria heißt.

In einem fünfeckigen Gebäude, einen Erdteil weiter, bemerkte ein argwöhnischer Mitarbeiter, das Fehlverhalten von den Sonnenstürmen, griff zum roten Telefon und der amerikanische Direktor pfiff die Atombomben zurück. Alles wird gut, so hatte ich es gewünscht. Papa ist auch ohne mich glücklich, ich bin es auch. Einen Brief werde ich schreiben, Danke sagen für das Spargelbeet und der mintgrüne Mercedes W 198 mit Flügeltüren, sieht viel schöner aus, als der silberne Mercedes W 198 mit Flügeltüren, der auf dem Setzkasten bei Fräulein Seifurt thront und dass ich aus der Zeit raus war, in der ich mit kleinen Autos spielte. Und, dass ich ihn lieb habe.

 


16. Penelope

 

Je nachdem, wie innig du den Verlauf der Ereignisse beurteilen willst. Ich fand das letzte Kapitel traurig, mir ist beim Schreiben, manche Träne in die Tastatur getropft.  Kopf hoch, sonst kann ich die Sterne nicht sehen, die über allen leuchten, fauche ich mir zu. Der Sozialismus blüht gerade so wunderschön, bevor es radikal traurig wird. Ich hatte damals eine schöne Kindheit, mit oder ohne Zauberstab. Keine Frage. Ich musste nur das Beste daraus backen. Maria Magdalena hatte mich mit einem Stückchen Erdbeertorte verblüfft. Ein viereckiges Stück Erdbeertorte, hallo!!! Wir haben bald Winter, es ist dunkler Herbst! Ja nichts ist so wie früher. Jedenfalls habe ich nun einen Wasserkocher und brühe mir eine dekadenten Jakobskaffee, natürlich auf armenische Art. Ja, ich weiß, was du dich gerade fragst.  Was ist armenische Art? Du machst zwei gehäufte Teelöffel voll dekadenten Jakobskaffee in eine große Tasse und schüttest kochendes Wasser drüber. Auf der Tasse steht Eriwan, darüber ist Prometheus an den Ararat gekettet. Eriwan ist hundertprozentig armenisch, beim Ararat bin ich mir nicht ganz so sicher und ob Prometheus ein Armier war, das glaube ich auch nicht. Egal. Ich hatte dir im zwölften Kapitel angekündigt, dass ich im fünfzehnten Kapitel etwas von Penelopes Rätsel löse. Da hast du aber vergeblich gelesen, ich werde es nachzuholen. Ich versuche es zumindest. Die Erdbeeren in der Erdbeertorte schmecken irgendwie nach nichts. 

Alles hätte so schön sein können. Unser bewunderter Bürgermeister Bau Auf, wurde nach der Zeugnisausgabe in der Aula feierlich zum Aktivisten der ersten Stunde ausgewählt. Wichtige Leute der Bezirksleitung saßen feierlich links und rechts, hielten wichtige Reden. Im Übrigen bekam ich vier Einsen, eine sogar in Betragen, ein paar Zweien und eine sportliche Vier. Gunnar war sitzen geblieben. Alles war so schön, dann erfolgte sowas!  Als ich nach Schularbeit und der Christenlehre Feierabend machen wollte, saß Bürgermeister Bau Auf bei uns am Küchentisch. Das italienische Imperium wollte keine Devisen zahlen, wollten nichts vom großen Geist politisch korrekter Rinderzucht wissen, Sie behaupteten in imperialistischer Manier, das Rindfleisch würde schmecken, wie große S…… . Es fiel das Wort, dass ich nicht in den Mund nehme, auch nicht in die Hand. Sicher waren den Italienern kleingeistige Rinder lieber. Ich weiß auch nicht ob die Italiener dieses Vokabularium nutzten. Unbestreitbar hat Bürgermeister Bau Auf dieses goldene Wort für sich und die goldenen Zeiten in Anspruch genommen. Opa Vincent spendete Beifall, als der Bürgermeister wieder von dannen war. Der Schwarze Kater Stanislaus schüttelte den Kopf. Jedenfalls lebte nun ein Ganter mit seinen Gänselinnen in unserem ehemaligen Kuhstall, sicher nicht politisch korrekt, aber glücklich.

Ein Jungpionier trug ein blaues Halstuch, Jungpioniere wie Penelope und ich trugen blaue Halstücher und gingen ins Pfarrhaus zur Christenschule. Wie war das, mit der unbefleckten Empfängnis? Ich war bald mit dem Pfarrer im hitzigen Meinungsaustausch. Ich berief mich auf Meyers Lexikon, behauptete zwischen unbedarft und unbunt steht nichts. Pfarrer Schmidt wollte mir etwas über die Erbsünde offenbaren. Auch so, hing irgendwie der Segen im Pfarrhaus schief. Penelope klappte immer mehr zu. Als ich fragte ob sie frei von der Erbsünde sei, sagte sie, das weiß sie noch nicht. Ich sah dabei traurige Augen.  

Mit meiner Behauptung, wäre ich der Blasphemie und der Wahrheit sehr nah gekommen, explizierte Opa Vincent beim Frühstück. Bald konnte ich im Pfarrhaus nicht zwischen Heiligkeit und Scheinheiligkeit unterscheiden. Nur Penelopes traurigen Augen hielten mich in der Christenschule. Ein Jungpionier mit heiliger Ausbildung hatte auch Vorteile. In den Ferien gab es eine Pionierrepublik, zwei Wochen lang.  Die ganze Klasse und noch ganz viele Jungpioniere von überall her, fuhren mit der Eisenbahn und Sonderzug. Wir lebten in Holzhäusern, an einem riesigen See mit Lagerfeuer, mit Nachtwanderung, Baden, Fahnenappell, Singen, Spielen und Schnipsel Jagd. Dort lernte ich schwimmen und mit dem Bogen schießen. Meine spartanische Prinzessin Penelope, feuerte mich an und nannte mich Odysseus. Als ich zweimal den schwarzen Punkt in der Mitte getroffen hatte, gab mir die Prinzessin einen Kuss auf die Wange. Penelope hatte in der Republik keine traurigen Augen. Nach zwei Wochen Spaß, fuhren wir mit der Eisenbahn wieder nach Hause.  Dann ging es weiter, wir fuhren mit einem Barkas-B-1000 und Pfarrer Schmidt in ein fremdes Land zu einer Spindlermühle. Wir waren sieben heilige Schüler, drei Mädchen und vier Jungs, wir schliefen in einer Holzhütte hinter dem tschechischen Pfarramt, mit Plumpsklo hinter der Hütte. Fein getrennt zwischen Männlein und Weiblein, durch einen gemusterten Vorhang. Ein schwarzes Fass auf dem Dach, sorgte für drei warme Duschen. Wir waren Ehrenmänner durch und durch. Die drei Damen konnten warm duschen und Herr Pfarrer Schmidt ein bisschen lauwarm. Es war schön dort, mit hohen Bergen. Im Wald hinter dem Plumpsklo waren die Heidelbeeren süß. Bald hatten wir blaue Zungen und Hände, auch Herr Pfarrer Schmidt. Wir wanderten, wo die Elbe so kleinlich durch meine Beine fließen konnte. Eine lächerliche Elbe, unser Welsbach war viel größer. In einer Baude aßen wir böhmische Knödel, die sich Knedelik nannten mit Gulasch und Sauerkraut. Und wir fuhren mit einem Lift, mit einem Sessellift zu einer Schneekoppe. Über einem Abgrund, machte der Sessellift einfach eine Pause. Uns schlodderten die Beine. Ich fand es dramatisch reizvoll, weil Penelope meine Hand hielt. Wir hatten alle Ängste, die man freischwingend hundert Meter über festen Boden, haben kann. Auf der Koppe ohne Schnee liefen wir zu einem weiteren Land, das sich Polen nannte.  Es waren schöne Ferien, bis dahin.

Karl holt mich zum Spaziergang, der Pullover aus Merinowolle wärmt unterm Anorak, ziehe die Bommelmütze über die Ohren. Einzelne Schneeflocken flocken vom Himmel herab, irgendwie feierlich. Wir nehmen die Freitreppe, ich schenke der Venus von Milo und ihrem blanken Busen ein vertrautes Zwinkern. Der Rotahornweg lotst uns zu den Rosskastanien und zu einer Urnenfeier. Darf ein Begräbnis so schön sein. Zwei Fackeln brannten, in einem Lautsprecher sang Lale Anderson: Ich schau den weißen Wolken nach! Ein Mann sprach kurze Sätze aus einem Leben. Ich spitzte die Ohren unter der Bommelmütze und beim Namen zuckte ich zusammen. Die Narbe auf der Stirn fing mit leichten Juckreiz an. Dann wurde die Urne in das Loch gegeben, es waren nur wenige Trauerleute da, sie warfen bereitgestellte Blüten in das Loch. Auch ich reihte mich in die kleine Reihe, warf ein paar Blüten. Ich nahm die Bommelmütze ab und sagte leise:  Mach‘s gut Arschloch! Normalerweise benutze ich dieses Wort nicht, aber In diesem Moment konnte ich Gunnars Bösartigkeiten vergeben. Mit großer Erleichterung beschritt ich mit Karl den Rückweg. Wie kommt Gunnar auf Lale Anderson?

Mein lieber Leser, du darfst mir glauben, ich glaube nicht an Zufälle. Das Schicksal hat mich zu Gunnars Grab geleitet. Das heißt, ich muss meine Zukunft noch mal überdenken und Karl um eine Spritze bitten.

Im Krkonoše, so nannte unser Gastgeber und Wanderleiter Pfarrer Karell das Riesengebirge. Im Riesengebirge wurde Penelope immer stiller, ihre Augen immer trauriger. Ich verspürte ihre Angst, vordem das vor ihr liegt. Ich hielt es nicht länger aus und fragte, was los ist. Da sprudelten Tränen wie in einer Fontäne, sprudelte Wörter, wie aus einem Springbrunnen. Sie bedanke sich bei mir für das wenige Glück in ihren Leben und sagte, zu Hause kommt die Zeit des Abschieds und wir werden uns nimmer wiedersehen. Sofort hatte ich Pippi in den Augen, sprudelten, auch bei mir, die Tränen wie aus einem Springbrunnen. Danach sagte Penelope nichts mehr! Wir verharrten ewige Zeit in einer schmerzhaften Umarmung.

Bei bester Gelegenheit fragte ich Pfarrer Schmidt und wie ich was verstehen könnte. Er zeigte auf den Barkas B 1000, ich sollte Beifahrer sein. Wir fuhren nach Spindlermühle, das  Spindleruv Mlyn heißt, keine Mühle aber einen Bäcker hat, der Medovnik, den Honigkuchen gebacken hatte. Pfarrer Schmidt bestellte zwei Stück, eine Tasse Kaffee für sich und eine Malina-Fassbrause, eine Himbeer-Fassbrause für mich. Dann saßen wir in der Sonne und ich erfuhr die Geschichte mit ganz viel Schicksal, von vielen Fehlern. Pfarrer Schmidt fing despektierlich mit sich selbst an. Er redete von Beziehungen, von Eskalationen, von Sünden und bat Gott, dass er barmherzig sei. Erst erzählte er, warum der Segen im Pfarrhaus schief hing. Eine Zeitlang schlief Frau Schmidt schon im alten Seifurthaus mit dem neuen Dach, sie hatte sich umverliebt in den neuen Bürgermeister, der etwas sicher besser konnte. Dann offenbarte er seine eigenen Sünden. Er sprach vom Eichsfeld, das eine andere Heiligkeit an den Tag legt und einen protestantischen Pfarrer nicht unbedingt braucht. Jedenfalls war er zu einem Klassentreffen, bei einer Jugendfreundin, bei einer Sünde, die nicht bei der Unbefleckten Empfängnis blieb. In der katholischen Landschaft, gibt es eine kleine evangelische Schar, die gerade einen Pfarrer braucht. Er wird bald das Dorf mit neuen Aufgaben und als baldiger Vater verlassen.  Pfarrer Schmidt klaubte letzte Krümel Honigkuchen vom Teller, nahm einen Schluck Kaffee und holte dreimal tief Luft, bat Gott um Vergebung.

Mein Honigkuchen war unberührt, schob ihn über den Tisch. Aber, meine Fassbrause war alle und ich musste Pippi. Pfarrer Schmidt zeigte auf eine Tür mit einem kleinen schwarzen Männchen. Danach stand ich vor einer Reihe weißen Urinalen, nur wusste ich damals nicht, was ein Urinal ist. Bei uns Dorf gab es so etwas nicht, im Deutschen Hof gab es eine geteerte Wand über der Pippirinne. Zuerst wusste ich nicht, aber dann kam ein Mann und machte es vor. Ich musste auf den Zehnspitzen stehen und gleichzeitig Pippi machen. Mein lieber Leser, bitte lösche das Bild aus deinem Kopf.  Ich drückte artig den Knopf, damit Wasser mein Pippi wegmachte. Das Wasser ging von alleine aus. Als ich zurückkehrte stand ein neues Glas Fassbrause, diesmal eine grüne Waldmeisterfassbrause.  Das Geschirr war verschwunden, dafür stand ein Glas Bier vorm Pfarrer Schmidt. Er brauchte es sicher, damit er die traurige Geschichte erzählte.  Penelope war im Grunde ein ganz normales Kind in einer Stadt. Eine Stadt ist da, wo Kinder mit einer Straßenbahn zum Kindergarten fahren. Penelope wurde von ihrer Mutter innigst geliebt, so weit war alles gut. Ihr Vater, hatte die Schwierigkeit, die man Trunksucht nennt und ein inhumaner Mensch. Ihm rutschte öfters die Hand aus. Penelope wollte gerade ihren fünften Geburtstag feiern, als ihr Vater und ihre Mama in Streit gerieten. Es setzte brutale Hiebe, so sehr, bis ihre Mama mit Genickbruch am Boden lag. Penelope muss es mit ansehen.  Penelopes Mama, die soviel wusste, starb in ihren Armen. In den letzten Sommerferien nach über einem Jahr musste Penelope vor Gericht schildern, wie es war. Im Sozialismus wurde Mord nicht gern gesehen, und Penelopes Papa beteuerte einem Unfall. Das Gericht glaubte Penelope, weil ihre Aussage mit den Details der Spurensicherung und der Pathologie übereinstimmte.  Nur der Alkohol rettete Penelopes Vater vor dem Galgen. Pfarrer Schmidt weiß aber auch nicht, wie er dem Mädchen wirklich helfen kann, schließt jeden Abend Penelope in seine Gebete ein. Gottes Wege sind manchmal unergründlich.  

 

Ich weiß nicht wie es Dir gerade ergeht, mein tapferer Leser, mir schnürt es gerade beim Schreiben den Hals zu. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Barkas B 1000 nach Hause. Ich war der Beifahrer, musste oft in der Karte schauen, ob der rechte oder linke Blinker gebrauch wurde.. Die drei Mädchen saßen ganz hinten, Penelope in der Mitte. Mir fehlte ihre Nähe., aber ich musste navigieren. An der Grenze wurden wir gefragt ob etwas zu verzollen wäre, Dittmar der Jüngste im Kleinbus, war der erste der begeistert ja rief. Pfarrer Schmidt versuchte nutzlos zu erklären, dass wir Kinder wären und nicht wüssten was Zoll bedeutete. So dauerte es etwas länger bis wir in ein Land reisen konnten, dass Lausitz heißt. Auf der Autobahn ging die Heimreise schneller. In einer Stadt, die Dresden genannt wird, fuhren wir über eine Brücke und über die Elbe. Die hier schon groß ist, größer als der Welsbach. Mit der Autobahn rotierten meine Gedanken schneller, ich hatte keine Ahnung wie ich dem Unheil entgegentreten sollte. Penelope sollte ins Kinderheim. Seit vieler Zeit glänzte der Zauberstab mit Abwesenheit, meine Hoffnung versteifte sich auf den Schwarzen Kater Stanislaus, aber ich hatte mächtige Zweifel, dass er zaubern könnte. Wir waren gerade bei einer Stadt, die sich stolz Karl-Marx-Stadt nannte, als ich brechen musste. In aller Eile kurbelte ich das Fenster herunter und übergab bei voller Fahrt allen meine Inhalte dem Fahrtwind. Ein Auto, ein Schiguli Kopeika hinter uns, hupte wie verrückt. Pfarrer Schmidt sprach mit Gott. Am Hermsdorfer Kreuz holte Pfarrer Schmidt einen Schrubber und eine Gießkanne aus der Tankstelle. Penelope und ich schlenderten derweil über den Parkplatz und sahen uns Westautos an. Ich brauchte frischen Sauerstoff, die Übelkeit war verschwunden. Ich hielt Penelopes Hand, blieb stehen. Ich versprach jeden Moment meines Lebens an sie zu denken. Ich meinte es im vollen ernst. Ich sagte auch, dass ich am Wochenende nicht mit Mama und Hans Georg Schorsch an die Ostsee fahre. Da blieb Penelope stehen sah mich so streng an, wie sie es konnte. Du fährst an die Ostsee, sonst würde ich alles viel schlimmer machen. Dann machten wir etwas Unmögliches. Wir küssten uns wie Julie Christie den Omar Sharif in Doktor Schiwago küsste. Erschrocken liefen wir infantil zum Barkas B 1000. Es war Dunkel und sehr spät, als wir zu Hause ankamen. Ich war der Erste beim Ausstieg. Dann fuhr der Barkas B1000 weiter, verschwand im endlosen Dunkel. Ich sah Penelope nie wieder.  Fast! Das war auch unendliche Zeit so. Aber, wie heißt es so schön, sag niemals nie, denn erstens kommt alles anders und zweitens, als man denkt.


16. Mit der Faust

 

Mit blutendem Herzen beschreibe ich gerade eine meiner beklagenswertesten Lebensphasen. Ich weiß nun nicht mein tapferer Leser, ob du auch ein wenig mitleidest. Du weißt geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber, sag niemals nie, denn erstens kommt alles anders und zweitens als man denkt.

Karl kredenzt das Frühstück. Normalerweise sind die raren Frühstückseier hart gekocht, sieht das Gelbe vom Ei eher blau aus. Doch heute muss sich der Koch vertan haben, oder er hatte keine Zeit. Jedenfalls bin ich froh, dass ich das Ei geköpft habe. Manchmal schäle ich auch, wenn vergessen wurde einen kleinen Löffel beizulegen. Mein Frühstücksei hat eine Garstufe knapp über roh. So nun weißt du über mein Frühstücksei Bescheid.

Wie versprochen dachte ich jeden Moment an Penelope, nebenbei sprach ich mit dem Schwarzen Kater Stanislaus über meinen sehnlichsten Wunsch. Der schaute traurig, machte einen Katzenbuckel und schlich von dannen. Das wird nichts. Stattdessen packte ich erneut meine Tasche, Penelopes Wunsch. Diesmal blieben Oma Hilde und Opa Vincent zu Hause, stattdessen machte mir Opa richtig Sorgen. Er war nicht der Opa, wie noch im Frühjahr. Noch etwas fiel mir auf. Irmchen hatte nun einen Freund, der Steppard heißt. Die blauen Haare sahen doch gut aus, fand ich. Jetzt schmückte er sich mit extrem kurzen Haaren.  Wir fuhren an die Ostsee, Familie Weinbein im DKW F 9, Mama, Schorsch und ich im Kugelporsche Trabant 500. Die Stimmung auf der ellenlangen Autobahn, war gedrückt. Bis Hans Georg Schorsch der Geduldsfaden riss, er auf einen Parkplatz fuhr die Handbremse anzog und sich zu mir drehte. Er lässt sich die Urlaubsfreude nicht vermiesen. Da erzähle ich die ganze Geschichte, die ich beim Honigkuchen in Spindlermühle erfahren hatte. Danach war die Stimmung auch nicht besser, aber geteiltes Leid ist halbes Leid. Irgendwie ging es mir besser. Bald hatten wir den DKW F 9 wieder eingeholt und irgendwie war der Urlaub ganz anders. Familie Weinbein wohnte im Schilfdachhaus, wir wohnten in der Garage, ich schlief in der Hängematte. Alles wie gehabt. Das Klima war rauer. Der Weststrand begrüßte uns mit heftigem Sturmwind und riesigen Wellen. Baden ging ich nur im Bodden und lernte von Hans Georg Schorsch den perfekten Köpfer. Die Beine keinesfalls anwinkeln nach dem Absprung und vor allen abspringen. Ich studierte die griechische Vergangenheit mit publiziertem Sütterlin aus der Faschistenzeit. Ich las von Prometheus, Phaethon, Niobe, Kadmos, Pentheus, Perseus, Tantalos, den Argonauten, Herakles, Theseus, Ödipus, Daidalos und Ikaros. Zum Schluss las ich noch einmal die Irrfahrten und die Heimkehr des Odysseus, immerhin fast dreihundert Seiten in der schönen Schrift Sütterlin. Ich könnte dich, mein aufmerksamer Leser, seitenlang mit klassischem Altertum unterhalten. Zum Beispiel ist der vorsehende Prometheus, Anführer im Kampf der Titanen, dann wird‘s traurig, als die Leber ins Spiel kommt.  Ich bin schon traurig genug. Außerdem war viel Regen und wir fuhren zu einer Stadt, die Stralsund heißt und ein riesiges Museum hat und ganz bunte Fische. Dann war der Urlaub zu Ende.

Gefühlsmäßig und klimatisch sicher nicht der großartigste Urlaub, aber wir hatten das Beste daraus gemacht. Herr Weinbein, mein Schuldirektor staunte nicht schlecht, als ich ihn Schachmatt setze, mit einem verdeckten Schäferzug. Zum Abschied wanderten wir am wellenreichen Weststrand bis Ahrenshoop und fuhren mit dem Linienbus, einen Robur LO 2500, zurück nach Born. Am nächsten Tag ging die Heimreise los. Mama, Hans Georg Schorsch und ich saßen im Kugelporsche Trabant 500, und Familie Weinbein im DKW F 9. Wegen dem Transitverkehr am Berliner Ring, standen wir eine halbe Ewigkeit im Stau. Damals hatte ich keine Vermutung, was Transitverkehr ist. Dann bog auch noch Direktor Weinbein falsch ab, Frau Weinbein winkte aus dem Fenster, dass wir folgen sollten. Das war sehr gut! Gerade noch rechtzeitig gab es an der Raststätte Michendorf lebensnotwendige Bockwürste mit Senf und Brötchen. Ich war dem Verhungern schon sehr nah. Wegen der Bockwurst und dem blöden Transitverkehr kamen wir erst, als die Nacht im Dorf im Tiefschlaf war nach Hause. Die Tiefschlafphase war immer dann, wenn der Mond nach Mitternacht, die Straßenbeleuchtung ersetzt. Mama verabschiedete Direktor Weinbein, die Weinballons wären bald so weit. Mitten in der Nacht konnte ich nicht mehr den Kirchberg besteigen.  Wie versprochen dachte ich jeden Moment an Penelope und der Schwarze Kater Stanislaus wollte trösten, fand später einen Weg zu meinem Bett. Er kam übers Dach und miaute solange mein Fenster an, bis ich aufmachte. Dabei sah ich eine Sternschnuppe.

Vor dem Frühstück rannte ich den Kirchberg hinauf, blieb aber abrupt stehen und verbarg mich hinter der fünfhundert Jahre Linde. Was ich sah, war gar nicht gut. Ich sah Gunnar, den Bürgermeister Bau Auf und Frau Schmidt beim Ausräumen zu. Vor der Tür stand der Maulwurf RS 09, mit dem ich in den Welsbach rollte. Diesmal hatte er eine Ladefläche montiert  Frau Schmidt war damit beschäftigte, das Klavier in karierte  Decken einzuwickeln. Hier wohnte keine Penelope mehr. Bevor ich umkehrte, tat ich etwas Unvernünftiges. Als alle im Pfarrhaus waren, sprang ich zum Maulwurf RS 09, drückte die Kupplung, nahm den Gang raus und löste die Handbremse. Ich verschwand so schnell es geht. Hinter einer Eibenhecke blieb ich liegen. Der Maulwurf RS 09 stand immer noch, als Frau Schmidt und Bürgermeister eine Truhe mit aller Kraft versuchten hochzuheben. Dann ging das Geschrei los, die Truhe fiel herunter, verteilte Bücher auf dem Kirchberg. Ich hatte ein Déjà-vu, Gunnar sicher auch, nur waren wir damals noch Freunde. Der Maulwurf RS 09 rollte schräg den Hang herunter, auf dem wir im Winter mit dem Schlitten sausten. Erst hob sich das rechte kleine Rad, danach das Große. Eine ganze Welt drehte sich einmal um den Maulwurf RS 09. Anschließend stand er auf Rädern, schaute so, als wenn nichts gewesen wäre, nur ohne Ladung. Gunnar schaute sich um, guckte verdächtig lang in meine Richtung. Ich weiß nicht was er gesehen hatte. Als er sich umdrehte, war ich verschwunden.

Zwei Tage später hegte Mama einen Verdacht, als die Maulwurfrolle bis zu ihr durchgedrungen war. Sie wusste, dass ich zur Tatzeit am Tatort auf dem Kirchberg war. Sie fragte mich. Die Mama konnte ich nicht anlügen.  Es blieb unser Geheimnis.

Das neue Schuljahr begann mit einem Fahnenappell, dabei wurden wir feierlich mit roten Halstüchern verehrt. Dann schworen wir! Wir Thälmannpioniere lieben unser sozialistisches Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, wir tragen mit Stolz unser rotes Halstuch und halten es in Ehren.  Der wichtige Schwur würde mehr als eine Buchseite beanspruchen, ich belasse es bei einer beschränkten Version. Wir Thälmannpioniere halten unseren Körper sauber und gesund, treiben regelmäßig Sport und sind fröhlich!

Dann erfuhren wir, neue Neuigkeiten. Bürgermeister Bau Auf hielt eine weltpolitische Rede. Die imperialistischen Amerikaner bewarfen unsere vietnamesischen Freunde mit Bomben. Es war Krieg, den wir nicht gut finden sollten. Es kam selten vor, dass Bürgermeister Bau Auf und ich, der gleichen Meinung waren. Auch im Dorf sollte vieles neu werden. Neben der alten Schule aus der Gründerzeit, aus dem vergangenen Jahrhundert, sollte eine neue Schule wachsen. Beide Schulen werden eine polytechnische Oberschule, für uns und die Dörfer der Umgebung. Auch das fand ich richtig gut, juhu, wir brauchten nächstes Jahr nicht in den Schulbus und nicht in die Schule in der Stadt. Eine schöne Zukunft, in der wir länger schlafen konnten. Einen schönen Namen sollte die Schule auch bekommen. Fritz Weineck, dann sangen wir voller Fröhlichkeit, das Lied vom kleinen Trompeter. Wenngleich das Lied so traurig ist:  Von all unsern Kameraden, war keiner so lieb und so gut, wie unser kleiner Trompeter, ein lustiges Rotgardistenblut. Da kam eine feindliche Kugel, bei einem so fröhlichen Spiel, mit einem mutigen Lächeln, unser kleiner Trompeter, er fiel!

Mein Schwur zur Fröhlichkeit war keine Stunde alt, als ihn beweisen musste.  In der großen Pause, stand Gunnar plötzlich hinter mir und äußerte etwas wirklich Entsetzliches. Die Wiedergabe fällt mir wirklich schwer mein tapferer Leser, aber ich muss es dir wörtlich wiedergeben, damit du vielleicht ein klein wenig Feingefühl für mich entfaltest. Gunnar raunte mir zu: Na! Ist deine Schlampe jetzt auch im Knast? Ich weiß gar nicht, wo alles herkam, meine Wut, mein Zorn, mein Entsetzen, meine Traurigkeit, meine Erregung, mein Willen, meine Kraft, meine Faust. Ich verstauchte mir dabei mein Handgelenk, Gunnar lag mit gebrochener Nase am Boden und blutete wie ein Schwein beim Ausbluten. Danach ging es mir eindeutig besser. Alle waren plötzlich da, der Sportlehrer Winfried leistete erste Hilfe, versuchte die Blutung zu stillen und gleichzeitig hielt er den Kopf so, damit das Blut nicht rückwärtsläuft.  Später kam Doktor Seebach, noch später kam das Krankenauto, ein weißer Barkas B1000 mit rotem Kreuz und blauen Licht auf dem Dach. Und, ich fand mich im Direktorenzimmer wieder, ich erzählte haarklein, was geschehen war. Als Direktor Weinbein rügte, ich hätte doch beim Fahnenappell geschworen fröhlich zu sein. Da sagte ich, dass ich jetzt fröhlich sei. Der Direktor nickte und beließ es bei einer Verwarnung und einer Fünf in Betragen. Mama wickelte mir eine Silastikbinde um meine Verstauchung. Eigentlich sollte ich froh sein, dass ich den Zauberstab immer noch nicht gefunden hatte, sonst wäre dem Gunnar noch viel mehr passiert. Meinen hochgeschätzten Leser möchte ich noch schreiben, dass ich in meinem ganzen Leben nie, wirklich nie, nie wieder körperliche Gewalt verwendet habe. Das liegt, vielleicht daran, weil ich im nächsten Kapitel den Zauberstab aufspürte. Als ich nach dem argen Schultag nach Hause kam, hatte Oma Hilde einen Brief für mich.

 

Gute Nacht lieber Leser, für heute müssen die Buchstaben reichen. Maria Magdalena liefert das Abendmahl. Es gibt Brathering. 


17. Beatles

 

Über meinem Kopf hörte ich, wie die Spatzen überraschend ein geschäftiges Gezwitscher anfingen. Ich sitze in der Wintersonne, auf der Bank neben der Venus von Milo. Ich bin in einer dicken Decke eingemummelt. Karl hat mich hier einfach sitzen gelassen und mir eine Stunde Frischluft verordnet. Wenn ich wollte, könnte ich das Weite suchen. Wie weit würde ich kommen, nur mit einer Mummeldecke unterm Arm, mitten im Januar? Ich höre lieber den Spatzen zu. Ihr Lieblingsaufenthaltsort ist der immergrüne Buchsbaum, etwas oberhalb. Mit einer Mummeldecke unterm Arm zu fliehen wäre megagroßer Schwachsinn. Aber, ich muss mir neue Gedanken machen. Ich stehe jetzt immer früh auf, stets ostentativ früh. Seit Gunnars Beerdigung beginne die Stunde vor dem Frühstück mit Frühsport. Direkt nach dem Aufwachen, sind die Kohlenhydratspeicher nicht so üppig gefüllt, deshalb gewinne ich Energie aus den Fettreserven, die rund um meine Hüfte einen Schwimmring bilden. Ich muss irgendwie neue Ziele finden! Neben Gunnar unter Rosskastanien den Tod zu verbringen, ist keine Option mehr. Wenn ich so weit bin, werde ich meiner halben Schwester Maria einen Brief schreiben. Vorher möchte ich dir alles aus meinem gezauberten Leben erzählen. Es ist ein regelrechter Schwarm voller Spatzen, der fluchtartig den Buchsbaum verlässt. Karl naht, er holt mich.

Der Brief kam aus dem goldenen Westen und ich musste zweimal lesen. Papa hatte ein Bild von meiner halben Schwester Maria geschickt, einem Wonneproppen. Er schrieb mir, dass er der Scheidung von Mama zustimmt. Sogar einer Adoption würde er zustimmen, falls Hans Georg Schorsch mich adoptieren möchte. Gleichzeitig schrieb er, dass er immer mein Papa bleibt. Nun ja, ich muss nicht alles verstehen. Die Welt der Erwachsenen war kompliziert. Er fragte auch, was ich mir statt Matchboxautos wünschen würde. Ich brauchte einige Tage bis ich wusste, was ich wünschen würde. Klar Penelope, aber Papa meinte sicher materialistische Dinge. Ich wünschte mir HELP von den Beatles. Help ist Englisch und heißt Hilfe. Genau das schrieb ich so: Ich wünsche mir Penelope und Hilfe von den Beatles. Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Dem war nicht so, ich musst zwei Wochen später, meine Wünsche noch mal definieren. Aus dem nächsten Brief, erfuhr ich, dass Langspielplatten aus dem Goldenen Westen nicht über den antiimperialistischen Schutzwall in den blühenden Osten durften. Das wäre große Politik, die wir verstehen müssen. Nun gut, ich hatte ja meinem Anteil am Mauerbau. Das hatte ich fast schon vergessen. Am liebsten hätte ich den Gunnar vergessen, der mit allen bläulichen Farbtönen im Gesicht herumlief. Immer öfter an der Seite vom Bürgermeister Bau Auf. Der Heilige Geist musste auch ohne mich auskommen, ohne Pfarrer empfing ich auch keine heiligen Lehrstunden. Das dauerte bis zum Advent. Opa Vincent machte mir echte Sorgen, er wollte kein Schach mehr spielen, und erzählte wunderliche Geschichten aus dem Krieg. Er sprach immer von armen Kindern und dem Zug. Mama erzählte mir später, Opa hätte in Polen einmal einen Güterzug gesehen, der voller Kinder war. Ich dachte gerne an die Zugfahrt zum Werbellinsee, zur Pionierrepublik. Nun erfuhr ich eine qualvolle Geschichte über ganz andere Zugfahrten. Auschwitz! Klar hatte ich den Begriff schon gehört, aus Mamas Mund erfuhr ich schrecklichen Dinge, die ich mir schwer vorstellen konnte. Mama erzählte noch viel mehr über Opa Vincent, dass ich mal kurz für dich, meinem lieben Leser, kurz zusammenfasse. Opa Vincent hatte in einem Drei-Kaiser-Jahr das Licht der Welt erblickt, hatte zwei Kriege mit Verdun und Ostfront überlebt, war zweimal Bürgermeister bis er zweimal nicht zum System passte und wurde verhaftet, weil er gerne Skat spielte.  Das mit dem Skat muss ich dir mein treuer Leser, später, irgendwann mal berichten. Weil, so viel passierte.

Es war eine junge Pfarrerin, die nun, nebst Mann und einem kleinen Kindergartenmädchen im Pfarrhaus auf dem Kirchberg lebte. Die Pfarrerin hieß mit Vornamen und wollte Sie und Tabea. Ich möchte dir das erklären. Wir sollte Frau Tabea sagen.  Klingt besser als Frau Krüger. Ich fand das gut, dachte an Penelope. Frau Penelope. Letztlich dachte ich immer an Penelope. Bald übten wir das Krippenspiel. Alle waren sich einig, dass ich den Joseph spiele, nur ich nicht. Stellte mich stur, ohne Penelope kann ich nicht den Joseph machen. Jetzt probte ich als König aus dem Morgenland durchs Krippenspiel. Und ich heiße Baltasar. Tabea, so wirst du sicher wissen, war die biblische Gazelle an Jesus Seite. Felix Krüger, ihr Mann sollte in der neuen Polytechnischen Oberschule, Geschichte und Geografie vermitteln. Er wurde später mein Lieblingslehrer. Als ich einmal nach der Baltasar-Probe nach Hause kam, sah ich eine Simson SR 1 in der Toreinfahrt ruhen. Machte sicher Pause, von der Fahrt aus dem Nachbardorf. Die Polizei, in Uniform des wohlbeleibten ABV, in der Figur des mächtigen Abschnittbevollmächtigten, ließ sich von Oma Hilde in der Küche mit Schittchen und Kaffee bewirten. Arme Simson SR 1! Falls du nicht weißt, was ein Schittchen ist: Schittchen schmeckt total lecker. Heute weiß ich, im Rest der weiten Welt, also außerhalb vom Dorf, wird Schittchen, Stollen genannt. Was nicht das Gleiche ist, Oma Hilde hatte ihr eigenes Rezept mit Marzipan und tschechischen Rum und eine Simson SR 1 ist ein Mofa, was ein Motor-Fahrrad war.  Der ABV wartete wegen mir auf Mutti, wegen einer blöden Anzeige. Es geht um einen fast vergessenen Schneemann und einem Bürgermeister Bau Auf, der von Mama die Reparatur vom Moskwitsch 408 bezahlt haben wollte. Oma sagte nur, Blödsinn! Selbst wenn da ein Schneemann gestanden hätte, stand er genau wie der Hydrant auf ihrem Grundstück.  Dort einen Schneemann zu überfahren, wäre Hausfriedensbruch und einen Hydranten zu überfahren Sachbeschädigung von Volkseigentum und Gefährdung des Allgemeinwohles. Es war zwar ihr Land, aber nicht ihr Hydrant. Dahinter konnte nur der Gunnar stecken. Der ABV lobte das Schittchen, sah die Sachlage genau wie Oma, aber Anzeige ist Anzeige, da müsse er nachforschen. Endlich waren auch Mama und Hans, Georg, Schorsch da. Der freundliche Meinungsaustausch endete mit einer Gegenanzeige. Der ABV lobte noch mal das Schnittchen und er würde gern das Rezept für seine Frau mitnehmen. Oma Hilde suchte ihr Backbuch. Ich fand die Polizei sympathisch.

 

Wenn Hans Georg Schorsch, so dachte ich, wenn er anfängt hört er nicht mehr auf.  Seis drum, er hatte schon die kleine Wohnung im Torhaus renoviert, sogar zwei moderne Heizkörper montiert, die an die altertümliche Zentralheizung angeschlossen werden sollten. Die Zentralheizung hatte noch der Papa von Opa Vincent einbauen lassen, sollte nun aber einen neuen Ofen bekommen, nach vierzig Jahren, ja wenn es irgendwann einen passenden Ofen gibt. Aber ich ermüde dich gerade mit Details die erst viel später wichtig werden.

Jedenfalls hatte nun Hans, Georg, Schorsch die Tapete hinter meinem Bett im Visier, die sich nicht richtig klebend an der Wand befand. So wurde mein Bett entfernt, aber nicht weit genug. Als mit der Tapete, die halbe Wand hinterherkam. Das Gepolter rief Irmchen auf den Plan, die geistesgegenwärtig das Bettzeug aus der Staubwolke rettete und befahl, ich sollte die Matratzen zur Teppichstange in den Garten bringen. Natürlich konnte ich nicht alle drei Matratzen gleichzeitig transportieren und fing mit dem Kopfende an, ließ die Matratze einfach die Treppe runter purzeln. Dann folgte der Mittelteil und zum Schluss sah ich ihn. Der Zauberstab hatte sich in den Stahlfedern unter dem Fußteil verheddert. Schlagartig wurde mir etliches klar. Ich steckte den Holunderstab in meinen Hosenbund, zog das Hemdheraus und ließ es drüber hängen. Auf der Treppe kam mir Steppard entgegen, den Irmchen zur Hilfe schickte. Der kräftige Kerl nahm mühelos alle drei Matratzen, brachte sie zur Teppichstange, wo Irmchen mit dem Teppichklopfer wartete.

Oben in der Kammer war nun ein Durchschlupf zum Heuboden über dem Schweinestall. Der Schwarze Kater Stanislaus blinzelte neugierig von der anderen Seite. Steppard wurde Mann der Tat, kam mit zwei Eimern, Besen und Schaufel, brachte beim nächsten Gang ein paar Backsteine mit, bestimmte Hans, Georg, Schorsch zur Mörtelherstellung. Mama und Oma fuhren mit dem Berliner Roller, durch milde Dezemberluft zum VdgB-Laden, bestellten zehn Sauerkrautplatten und einen Sack Glaswolle. Die von Herrn Weigelt mit einem Dumper Picco I, einem dreirädrigen Vorderkipper, prompt geliefert wurden.

Du fragst dich jetzt bestimmt, mein lieber Leser, was ist ein VdgB-Laden? Die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe betrieb Märkte, so ähnlich wie Raiffeisen.

Als Steppard gerade, die letzten Steine vermauern wollte, sprang der Schwarze Kater Stanislaus gekonnt durch die letzte Lücke, landete zielbewusst in der Mörtelwanne. Steppard entschied, dass ich den Schwarzen Kater Stanislaus duschen sollte. Ach du großer Gott. Ich spritzte ihn mit einem Schlauch in Torfahrt ab, dabei wurde ich mindestens so nass wie der Kater. Schon gut rief ich, der Schwarze Kater Stanislaus schrie ein furchterregendes Miau. Es war nicht einfach, den Kater zu halten und gleichzeitig den Beton aus seinen Fell zu duschen. Das wurde ein Spektakel. Oma Hilde kam rettend zur Hilfe, drehte das Wasser kleiner und wusch mit einem Waschlappen sein Fell sauber.  Statt Dankbarkeit erntete ich eine apathische Woche, nicht mal einen Blick gönnte er mir, der undankbare Schwarze Kater Stanislaus. Bei nächster Gelegenheit verschwand der Zauberstab hinter dem buntgemalten Osterspaziergang. Ich durfte die nächsten Nächte im Torhaus verbringen, die mir nachts ganz andere Geräusche schenkten, als meine Kammer.     

Über Nacht fiel das Klima ins Minus, der Regen wurde Schnee. Ich hatte eine ganze Nacht zu denken. Mir fiel ein, als ich zum letzten den Zauberstab ans Herz drückte, da lag ich verkehrt im Bett. Weil der Schwarze Kater Stanislaus das Kopfkissen für sich beanspruchte. Mir fiel auch ein, dass der Schwarze Kater Stanislaus das Kissen brauchte, als ich dachte er könne zaubern. Der Zauberstab lag die ganze Zeit unter meinen Füßen und zwei- oder dreimal nahe an meinem Herz. Nach ewiger Grübelei, war ich wie ein Dieb zum Osterspaziergang geschlichen.  Blöd nur, dass das Torhaus nur eine Verbindung zum Haupthaus hatte, mitten durch Omas Wohnung. Ich entschied mich für den Umweg über den Hof. Zurück im Bett drückte ich den Zauberstab an mein Herz, ich hatte wesenhaft nur einen Wunsch und einige Andere auch. Eigentlich erzählte ich ihm alles was mein Herz bedrückte. Am nächsten Morgen war die Endmoränenlandschaft mit einer dünnen Schicht Puderzucker dekoriert. Mama fragte mich, was ich in der Nacht auf den Hof treiben würde. Im Hof waren meine Spuren im Schnee. Es wurde das erste und einzige Mal in meinem Leben, das ich meine Mama anlog. Ich sagte ich hätte schlimm geträumt, von Opa auf dem Chaiselongue, dem es schlecht ging. Mama sagte nur: Dann will ich das mal glauben! Mama anlügen das geht nicht! Aber bevor ich vor Scham im Boden versinken konnte, klingelte es an der Haustüre. So früh am Tag, eigentlich noch Nacht. Vor der Türe stand ein saharagelber Opel Olympia Rekord im Laternenschein und die junge Frau Beninsky, also die Mama von meiner halben Schwester Maria. Sie sah gar nicht so jung aus. Sie hatte ein Päckchen für mich und sie müsste kurz mit Mama reden, die aber auch schon hinter mir stand. Die alte Frau Beninsky, der ich ganz früher mal, ein Huhn gestohlen hatte, war gestorben.  Falls jemand Interesse am Beninsky-Hof hätte, sollte Mama sich melden. Sie hätte nur ein Tagesvisum, müsste noch viel erledigen, im Pfarrhaus, im Einwohnermeldeamt und so. So früh klingeln, machte sie nur weil wir in die Schule müssen. Ach ja, ob wir zehn Hühner übernehmen würden. Sie käme aber zur Beerdigung wieder und falls ich mir noch eine Platte wünsche, dann sollte ich es sagen! Whatever will be, will be  que sera sera, von Doris Day, sagte ich so schnell ich konnte. Das Lied würde ich gerne mit Penelope tanzen. Überhaupt würde ich gerne mit Penelope tanzen. Komisch, Schallplatten hatte ich erwähnt, als ich den Zauberstab an mein kleines Herz schmiegte. Hatte erzählt, dass Schallplatten große Politik sind und dass die Beatles helfen würden.

 

Mama lobte auf dem Arbeitsweg meinen Musikgeschmack, an die Beatles müsste sie sich erst gewöhnen, aber Doris Day, alle Achtung. Whatever will be, will be! Würde auf Deutsch so klingen, übersetzte Mama. Es kommt, wie es kommt! So kam es auch.  


18. Schittchen

 

Es ist die Zeit, in der ich Schittchen zum Kaffee mag. Hier, nur fünfzig Kilometer entfernt, nenn man das Gebäck Stollen. Stollen schmeckt recht nett, aber nicht wie ein Schittchen schmeckt., das Oma bäckt. Aber wem soll ich das erzählen, weder Karl oder Maria Magdalena würde es verstehen. Also darf dir ein Licht aufgehen in der Schittchen Geschichte. Du brauchst Sultaninen, Zitronenschale, Orangeat, Zitronat, gemahlene Walnüsse alle so um die 50 Gramm, Sultaninen können mehr sein. Marzipan nicht vergessen, eine halbe Hand voll.   Wichtig sind vier Doppelte Tschechischen Rum, je ein halbes Kilo Mehl und Zucker, einen Würfel frische Hefe, eine Tasse Milch, ein halbes Stück gute Butter, eine Vanilleschote, je eine Prise Salz, gemahlener Muskatnuss, Kardamom und einen Teelöffel gemahlener Zimt. Für Oma war es nicht immer leicht, alles zu besorgen. Rosinen, Zitronenschale, Orangeat und Zitronat zusammen mit Rum und gemahlenen Walnüsse mischen und über Nacht durchziehen lassen. Mehl in eine Schüssel geben, mit den Fingern eine kleine Kuhle bilden. Hefe dort hinein bröseln. Etwa zwei Esslöffel lauwarmen Milch und eine Prise Zucker dazu und etwas mischen. Mehl darüber streuen. Diese Mischung abgedeckt neben den warmen Ofen stellen. Später Butter in kleinen Butterflocken auf das Mehl geben. Eier, Zucker, Milch und Salz zusammen mit den Gewürzen darüber geben. Zunächst alles kurz miteinander vermischen, dann musst du kneten, bis dir der Arm abfällt, Zum Schluss kurz die Früchte-Rum-Nuss Mischung unterkneten und neben dem Ofen, wo es warm ist eine weitere Nacht ziehen lassen. Nachher einen Laib mit den Händen zurechtformen. Dann rauf aufs Bachblech und zugedeckt wieder gehen lassen. Nun schneidest du eine Kerbe in den Laib bäckst bei zirka hundertachtzig Grad bis zur goldbraunen Farbe. Das war für Oma Hilde ein kniffliger Akt, mit ihrem Kohleherd. Noch mit Butter bestreichen und Puderzucke drüber. Nach zwei Wochen fängt er an zu schmecken. Nun ja, heute ist das für dich leichter, du stellst deinen Herd auf hundertachtzig Grad und Umluft. Ich habe überhaupt gar keine Ahnung, wie du bei der Bäckerei routiniert bist, aber vielleicht bäckst du zu Weihnachten Schittchen, statt Stollen. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Aber nun wissen  wir Beide wie Oma Hildes Schittchen gebacken wird. Ich dachte auch, Stollen kannst du kaufen, Schittchen nicht. Ich weiß, ich sollte nicht so viel denken, lieber schreiben, wie die Geschichte weitergeht. Ich wollte dir noch erzählen, warum Opa wegen einem Skat verhaftet wurde. Möglicherweise hatte er einen Grand mit Vieren auf der Hand, oder nicht mal eine Achtzehn. Wer weiß das schon? Sie saßen im Deutschen Hof, als ein wichtiger Herr Göbbels im Volksempfänger, sich mit einer aufmunternden Rede an das deutsche Volk wandte. Opa sagte wohl: Wollen wir Skat spielen, oder dem Mist zu hören. Das geht ja gar nicht, man kann doch kein Skat spielen, wenn Herr Göbbels wichtige Reden redet. Er wurde noch am selben Abend ins Gefängnis gesperrt. Opa hatte Glück und kam gegen eine übermäßige Geldsumme wieder frei. Und musste schließlich, als erfahrener Kämpfer an die Ostfront. Da steckte sicher ein Denunziant dahinter. So ein Denunziant lief nun auch im Dorf herum und der hieß Gunnar. Da war ich mir ziemlich sicher. Er erzählte jeden Kleinkram unseren lieben Bürgermeister Bau Auf. Jedenfalls bekam Mama einen Brief und eine Verwarnung aus dem Einwohnermeldeamt, weil sie ohne Genehmigung Westbesuch empfangen hatte. Sie stand auch nicht auf der Besuchsliste, die Frau Beninsky ins Amt reichte. Wer will da nichts Böses ahnen. Wenn ich mit Mama morgens zu Arbeit ging. Wir waren nicht nur Verwandte, wir waren sogar Verwarnte. Meistens lief Gunnar hinter uns, oder vor uns. Je nachdem! Schlimm, diese Familie, sagte Irmchen dazu und lachte ein wunderbares Lachen. Mama sagte nur, sie hätte mit der Frau Beninsky vor einiger Zeit im Sandkasten gespielt und tippte sich an die Stirn. Der Schwarze Kater Stanislaus miaute zustimmend. Opa, sagte nichts dazu, noch nicht. Aber Opa Vincent ging es mit jedem Tag besser. Ob mein Zauberstab irgendetwas damit zu tun hatte, dann hatte ich ihn pünktlich gefunden. Es kam der Tag, an dem der Schwarze Kater Stanislaus mir die Dusche verziehen hatte. 

 


19. Klavier

 

Ich habe nicht prinzipiell etwas gegen Ärzte, es ist ein neuer junger hoch motivierter persischer Arzt, der etliches untersuchen wollte und feststellen wollte, dass ich völlig gesund wäre. Da musste ich ihn spontan umarmen, seine Wangen küssen, ihm mit schönster Freude, freundschaftlich den Rücken klopfen und kräftig Bestätigung nicken. Etwas irritiert und etwas verunsichert in seiner Diagnose verzog er sich aus meinem Reich. Ich musste tief nach Sauerstoff schnappen. Das geht nicht mehr lange gut. Seit Gunnars Beerdigung, hatte ich täglich Sport geübt, etwas abgenommen, ein paar Muskeln aufgebaut und keine von Karls Spritzen genossen. Mein Blutdruck liegt bei perfekten Hundertzwanzig zu Achtzig. Mir ist völlig klar, dass ich irgendwann die Hustenburg verlassen muss. Tod oder lebendig. Bisher dachte ich, am besten mit den Füßen voran. Das ist keine Option mehr, aber der jetzige Zeitpunkt gefällt mir nicht. Zuvor möchte ich dir mein lieber Leser weiter aus der gezauberten Kindheit berichten.  

 

Es war November. Aurich der Metzger war da, wir feierten Schlachtfest in der. Torfahrt und im Kesselhaus. In der Brühe schwammen, gefüllte Blasen mit Rotwurst, Leberwurst und Sülze. Ich durfte abends etliche Kannen mit Fleischbrühe im Dorf verteilen. Da es überall Plätzchen oder sogar Schokolade gab, machte ich das sehr gerne. So kann der Winter kommen, der nach Fleisch und Majoran roch. Dann leierten wir den Fleischwolf, kneteten in der großen Holzwanne, leierten den Wurstfüller und machten die Därme voll. Hängten ganz viele Würste in die Räucherkammer. Wir würden im Winter nicht verhungern. Dem Schwarzen Kater Stanislaus gefiel es.  

 

Mitten im Advent waren Oma Hilde und Mama mit dem Linienbus, mit einen nigelnagelneuen Ikarus 56, in der Stadt und kamen mit Taschen voller Zeugs zurück. Der Schwarze Kater Stanislaus und ich waren sehr erstaunt, als ich nachher in die Diele kam, die wie Weihnachten aussah. Wer fernsehen wollte, ging in die modernisierte gute Stube, wer es gemütlich wollte blieb in der Diele. Der Schwarze Kater Stanislaus miaute vor der Stubentür. Hans Georg Schorsch stellte ihm den Fernseher an, als das Sandmännchen Sand streute, schlief er sofort ein. Die Aktuelle Kamera weckte ihn wieder  auf und er wollte unbedingt in die Diele. Die Aktuelle Kamera, mein lieber Leser war die Sendung, in der von erfüllten Plänen und über den imperialistischen Westen berichtete, der gerade dabei war, vietnamesische Reisfelder mit Napalm zu bombardieren. Mama sagte, Oma Hilde hätte einen dicken Teppich gegen die Fußkälte gekauft, der noch vor Weihnachten geliefert wird. Das hieß, die Diele musste von allem befreit werden, dass den Teppich beim Hinlegen stören würde. Wenn er dann rumlag, könnten Chaiselongue, Sessel und Tisch die Diele wieder nutzbar machen. Ich spitzte die Ohren. Bei nächster Möglichkeit musste ich den Zauberstab evakuieren. Meine Kammer hatte nun, wegen der Sauerkrautwand, eine akkurate senkrechte Wand, was seltsam wirkte. Eine gerade und drei hügelig gewundene Wände. Onkel Günther hatte diesen Abend sein Atelier in der Stadt verlassen, war zu Besuch. wegen Oma Hildes vorzüglichen Schittchen. Er schenkte mir ein bunt gemaltes Bild, mit dem Namen: Der stille Poet. Das hing nun an der glattverputzten geweißten Sauerkrautwand über meinem Bett. Opa Vincent begutachtete das Bild mit schallendendem Gelächter, quiekte, bei dem Kunstwerk, wäre Spitzweg ein Stümper. Mir und allen anderen gefiel es, mehr oder weniger. Gleich sah meine Kammer viel behaglicher aus und der Zauberstab bekam ein neues Zuhause. Oma hatte sich auch zwei Schallplatten gekauft. Ganz weihnachtlich: Morgen wird’s was geben von Eterna und Portrait von Bärbel Wachholz auf Vinyl von Amiga. In der Diele tanzte Oma Hilde und Opa Vincent den Tennessee- Waltz. Ich weiß jetzt nicht, mein lieber Leser, aber falls du Bärbel Wachholz nicht kennen solltest, dann hast du eine schlagermäßige Bildungslücke. Sie sang die für mich die beste Übersetzung von Tennessee-Waltz. Oh, oh, sie tanzten verliebt nach dem Tenn-Tenn-Tennessee Waltz.

Zwei Tage später, frühmorgens vor der Schularbeitszeit klingelte die Klingel. Die nicht mehr ganz junge Frau Beninsky, die Mutter meiner halben Schwester, parkte ihren Opel Olympia Rekord vor der Haustüre, brachte mir, es kommt wie es kommt- whatever will be, will be que sera, sera, meine zweite Schallplatte. Diesmal lies sie sich auch zu Schittchen und Kaffee überreden. Mama bat nur ihren Namen auf die Besuchsliste zu setzten, wegen dem Ärger. Schlimm dieses Überwachungsland, sagte Frau Beninsky, und im Westen gibt es nur wenige Kindergärten. Das soll mal einer verstehen. Es gab wenig Mittagsschaf im goldenen Westen! Damit wir pünktlich waren, fuhren wir die anderthalb Kilometer mit dem Opel Olympia Rekord zur Arbeit in die Schule.  

Am Samstag waren dann Leichenfeier und Begräbnis von der alten Frau Beninsky. Nach der Schule, beeilte ich mich, dass ich nichts verpasse. Pfarrerin Tabea hielt eine schöne Rede und am Sarg entschuldigte ich mich für das gestohlene Huhn und versprach, dass es ihre Hühner es bei uns guthaben. Letztlich war Gunnar schuld, aber das sagte ich nicht, war ja keine Petze wie dieser Denunziant. Und! Beim nächsten Begräbnis ziehe ich mir keinen roten Pulli an. Auf dem Heimweg, sah ich Gunnar, der auf der Friedhofsmauer saß.

Später! Hinter der Küchentür wurde gelacht, Ich hörte nur Satzfetzen, typisch mein Sohn, sagte Mama, der einzige leuchtende Punkt, sagte Oma Hilde. Opa Vincent musste so lachen, dass er anfing zu hyperventilieren. Na ja fast, er musste so heftig husten, dass Oma Hilde seinen Rücken mit etlichen Schlägen aus der flachen Hand bedachte. Als ich die Küche betrat, strafte ich Mama mit einem Blick, der imaginäre Kräfte besaß. Sie biss sich auf die Lippe. Ich fragte, warum sie mir den roten Pulli hinlegte. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ich zur Beerdigung wollte. Es klingelte und bevor mir die Tränen kamen, lief ich durch die Diele, zur Haustüre.  Vor der Tür stand in zweierlei Grau ein Moskwitsch 408, die Lackierer hatten bei der Kühlerhaube den originalen Farbton irgendwie verfehlt, Bürgermeister Bau Auf. Er stürmte einfach an mir vorbei, in Richtung Küche. Dort hielt er eine flammende Rede, dass Beziehungen mit einer Verräterin an der Sache, in seinem Ort nicht geduldet wird. Schließlich sei die Frau Beninsky zu den westlichen Imperialisten gegangen um der sozialistischen Idee zu schaden. Mit so einer Person ist jede Freundschaft zu unterbinden. Er würde Maßnahmen ergreifen! Dann lobte er meinen roten Pulli, den ich auf der Beerdigung anhatte, die Farbe der Arbeiterklasse. Besser wäre gewesen, der Pulli hätte eine Sichel mit Hammer gehabt. So schnell er auftauchte, war er verschwunden. Wir schauten etwas wunderlich in der Küche rum. Ich besuchte den stillen Poeten, streichelte den Holunderstab. Später, es klingelte wieder. Pfarrerin Tabea Krüger und mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix Krüger standen vor der Tür. Ich biss mir auf die Lippen, dachte nur, hört die Geschichte mit dem roten Pulli überhaupt nicht mehr auf! Aber Beide grüßten freundlich, in der Küche ging es anschließend um das Klavier.  Felix mein zukünftiger Lieblingslehrer, wollte die Predigten seiner Frau musisch untermalen, auch das baldige Krippenspiel. In der Bestandsliste vom Pfarramt stand ein Klavier, das mit Abwesenheit glänzte. Ich flüsterte Mama ins Ohr, ich wüsste wo das Klavier war, soufflierte auch ganz leise, dass ich keine Petze bin, ein Denunziant schon gar nicht. Opa hatte das Flüstern bemerkt, meinte er müssten dringend mit Oma die Hühner füttern, fragte mich ob ich etwas Gerste aus dem Torhaus hole. Mama stand auch auf. Draußen wollte Mama wissen, was los ist. Das Klavier steht beim Bürgermeister Bau Auf im alten Seifurthaus, ich hatte es gesehen als der Maulwurf RS 09 die Maulwurfrolle auf dem Friedhofsberg rollte. Aber ich wollte, keinesfalls eine Petze und überhaupt kein Denunziant sein. Ich schaute bedenklich drein. Opa, fragte nach einigen Details und sagte nur, ich mach das schon liebes Enkelkind. In der Küche präsentierte Hans, Georg, Schorsch dem Ehepaar unsere bescheidene Plattensammlung. Mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix hielt ehrfurchtsvoll die Hilfe von den Beatles in den Händen. Opa sagte, er war mit Oma zum Morgenspaziergang, als das Klavier auf einer Sackkarre im alten Seifurthaus entschwand. Er könne genau das Karomuster der Decke beschreiben, die das Klavier verhüllte. Aber eindeutig das Klavier aus dem Pfarrhaus.  Er würde, wenn es drauf ankommt schwören. Liebes Enkelkind, so hatte Opa mich noch nie genannt. Zum Abschied luden wir meinen zukünftigen Lieblingslehrer Felix und seine Pfarrerin Tabea zu einem Plattenabend in der Diele ein. Als wir wieder unter uns waren, sagte Opa Vincent nur. Ich bin auch keine Petze, schon gar nicht ein Denunziant, ich bin ein Lügner, aber manchmal geht es nicht anders.  

Am nächsten Morgen stand eine Simson SR1 und die Polizei in Gestalt des Abschnittsbevollmächtigten in der Toreinfahrt. Opa hatte gerade eine Wurststange voller Knacker aus dem Rauch geholt. Sie aßen frisch geräucherte Knackwürste aus der Hand, Oma Hilde bewirtete mit Brötchen und Kaffee. Der ABV notierte gewissenhaft jede Kleinigkeit in sein Dienstbuch und sagte, dazu bräuchte er Unterstützung. Die kam vier Tage später mit einem Polizeiauto, mit einem Wartburg 311 Combi, mit einem Staatsanwalt und einem Durchsuchungsbeschluss. Kurze Zeit später wurde das Klavier und anderes Diebesgut, anhand der Bestandsliste, sichergestellt. Pfarrer Schmidt aus dem fernen Eichsfeld kam angereist. Er hatte Fotos dabei, die er beim Verlassen des Pfarrhauses gemacht hatte, die der Identifizierung dienten. Ich sag dir, da war richtig was los und die Nebenwirkungen waren nicht ohne. Bürgermeister Bau Auf, wurde zwar nicht verhaftet, aber er war bald kein Bürgermeister mehr und seine geliebte Partei mochte ihn auch nicht mehr so gut leiden.

 

Ehe ich noch Mitleid bekomme, reicht die Schreiberei für heute. Ich klappe den Laptop zu. Maria Magdalena will sich verabschieden, sie hat Überstunden und Urlaub, fährt Weihnachten bis Ostern zu ihrer Familie nach Polen. Also den ganzen Winter. Vielleicht bin ich ihr Lieblingspatient. Ich wünsche ihr: Udanej podróży do widzenia! Sie lächelt ein schönes polnisches Lächeln. 


20.Dorfpolitik 

 

Ich versuche meine Gedanken wieder in die Vergangenheit zu lenken, aber das braucht starken Kaffee. Said die afghanische Urlaubsvertretung, schaute misstrauisch meine armenische Kaffeetasse an. Ich weiß nicht, ob die armenisch afghanische Freundschaft gerade eine Krise hat oder ob Said eine denunzierende Petze ist. Da nichts passiert, sind meine Sorgen wohl gegenstandslos.

Mama und ich saßen am Küchentisch und genossen schweigend Bratklopse, sowie sie nur bei Oma Hilde schmeckten. Immer mehr fanden den Weg in die Küche, damit die Bratklopse knapp wurden. Erst kam Irmchen und Steppard, Oma Hilde, Opa Vincent, Hans, Georg, Schorsch, dann kamen Kasimir aus der Schlosserei, der diplomierte LPG-Vorsitzende, mein Schuldirektor Herr Weinbein und Frau Weinbein von der Essensküche. Zum Schluss traf der Schwarze Kater Stanislaus ein, aber da waren die Bratklopse alle. Opa Vincent schnitt einen Ringel Knackwurst in mundgerechte Häppchen, drapierte sie mit Senfgürkchen auf einem Holzbrett, bevor die Kommunalpolitik in Oma Hildes Küche losging. Der junge diplomierte Agraringenieur von der LPG und Schuldirektor Weinbein waren nun kommissarische Bürgermeister, so wurde von höchster Stelle in der Kreisleitung verfügt. Bis ein Mensch mit richtigem Parteibuch aufgefunden würde. Der Schwarze Kater Stanislaus machte dazu einen Katzenbuckel, freute sich als Irmchen ein Bruchstück von ihrem Stück Knackwurst abgab. Dann wurde weltkluge Dorfpolitik in Oma Hildes Küche gemacht. Zu den Winterferien, bei passender Witterung, würde eine Eistanzfläche entstehen. Kasimir würde sich um genügend Wasser kümmern. Die Feuerwehr sollte keine Angst, immer ausreichend Wasser haben. Falls irgendwo, irgendwas oder Irgendwer gelöscht werden muss. Kasimir sagte er kümmert sich, und als Feuerwehrmann würde er die Sorgen der Feuerwehr verstehen. Obendrein übernimmt die Feuerwehr die Absperrung und Getränkeversorgung. Hans Georg Schorsch und Opa Vincent sollten Bockwürste heißmachen, aber keinesfalls kochen lassen. Opa Vincent zeigte mit dem nackten Finger auf Hans Georg Schorsch. Beide feixten. Ich kann mir die Tage ins Gedächtnis rufen, Tage lang gebratene Bockwurstwürfel mit Spirelli und Tomatensoße zum Abendessen. Weil niemand den Kocher abstellte, beim gemeinsamen Eistanz. Dann ging es um Finanzpolitik, was, was kosten sollte. Auch fehlten noch Genehmigungen und bunte Lichterketten die bunt leuchten sollten. Ein wichtiges Wort hätte noch ein Gemeinderat und das Wetter. AHA! So funktioniert Politik. Diplomatische Dorfführung zum Wohl der Allgemeinheit, der Bürokratie und der Wetterkunde. Als die Knackwurst alle war und für dem Schwarzen Kater Stanislaus nur zwei Stücken Senfgurke übrig waren, leerte sich Oma Hildes Küche. Der Schwarze Kater Stanislaus miaute unzufrieden Oma Hilde und Mama an. Oma Hilde fand eine offene Dose Gehacktes im kühlen Schrank, kratzte den Inhalt auf eine Untertasse. Der Schwarze Kater Stanislaus miaute, na endlich. Dann waren nur Mama, der Schwarze Kater Stanislaus, Ich und Familie Steinbein übrig.

 

Dann zog der Schrecken durch den Vormittag. Die bisher friedliche Unterhaltung wechselte das Thema. Schuldirektor Weinbein und seine Frau könnten keine Kinder bekommen dachten über eine Adoption nach und wollten mit mir darüber reden. Papa hatte mich zur Adoption frei gegeben. Wie ein Blitz zog der Satz durch meinen Körper. Meine Augen weiteten sich, drohten vor Entsetzen herauszufallen. NEIN! Schrie ich in die Küche. Der Schwarze Kater Stanislaus fauchte das lauteste Fauchen das je von ihm hörte. So schnell war ich noch nie die Treppe hoch. Zwei Stufen mit einmal. Fast so schnell sprang auch der Schwarze Kater Stanislaus nach oben, den ich fast in der Tür einquetschte, die ich hinter uns abschloss. Wir suchten Beide Schutz unter der Bettdecke. Vorher nahm ich dem Stillen Poeten den Zauberstab weg und drückte ihn an mein pochendes Herz. Dann klopfte Mama an die Türe, ich hielt mir die Ohren zu schrie, sie sollte aufhören ich will nicht adoptiert werden. Dann stopfte ich mir die Finger tief in Ohren, die sich verstopft und dumpf anfühlten. Das Klopfen schwand aus meinem Kopf, das nannte ich Hörverlust. Durch ein Wunder konnte ich wieder hören, Mama saß vor der Tür und sang ihr Lieblingslied: Für mich soll's rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen, die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten und später, sagte ich noch, ich möchte verstehen, viel sehen, erfahren, bewahren und später, sagte ich noch, ich möchte nicht allein sein und doch frei sein. Mama sang fast schöner als Hildegard Knef. Nach den Ohren wurden die Augen ein Thema, sie füllten sich mit Pippi. Ich schloss die Tür auf, zitternd stand ich wie ein Häufchen Unglück in der Tür. Mama umärmelte mich, ich fragte bedrückt warum ich zum Schuldirektor umziehen sollte? Warum denkst du so etwas? antwortete Mama mit einer Gegenfrage. Papa hatte mir geschrieben, er hätte mich zur Adoption freigegeben. Mama sagte dann etwas sehr schönes: Ich wäre das Herz, dass sie am liebsten schlagen hört, und drückte ihr Ohr an meine Brust. Dann sagte sie etwas Wunderbares: Familien Weinbein wünscht sich eine spartanische Prinzessin als Tochter. Penelope! Sie wollten Penelope im Kinderheim besuchen, zum näher kennenlernen, und mich fragen ob ich dabei sein möchte. Ich sah zum Schwarzen Kater Stanislaus, der zufrieden schaute und sich die Pfoten lutschte, aber gleichzeitig den Zauberstab verdeckte. Ich gluckste vor Freude, vor Glück. Am zweiten Weihnachtstag würde ich Penelope im Kinderheim besuchen. Dann sangen wir gemeinsam: Für mich soll's rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen, das Glück sollte sich sanft verhalten. Es soll mein Schicksal mit Liebe verwalten. Mama sang viel schöner als die Knef. Dann mussten wir los, es klingelte, der neue Teppich stand vor der Tür..


21. Weihnachten

 

Es klopfte. Herein wenn es kein Lichtschein ist! rief ich. Said öffnete mit dem Abendbrot auf einem Tablett und bemerkte: Uiuhu, hier dunkel! Er benutzte klares perfektes Deutsch, dass sogar ich verstand. Mit der Grammatik würde ich noch mit ihm üben. Obwohl ich auch nicht perfekt bin. Mit dem Ellenbogen betätigte er den Lichtschalter. Also geschickt, ist der Junge. Er fragte: „Warum dunkel?“ Ich erklärte, dass ich gerne die Dunkelheit verdunkle, damit ich besser denken könne. Said nickt verständnisvoll. Irgendwie erinnert er mich an den Schwarzen Kater Stanislaus, der nickte auch immer verständnisvoll. Ach wie lange ist das her? Weißt du es, mein treuer Leser? Ich weiß es genau, es sind fast fünfzig Jahre. So richtig dunkel ist es gar nicht, neben der Venus von Milo leuchtet eine elektrische Weihnachtsfichte. Die Venus von Milo, hat jetzt beleuchtete Arme, vor allem weil diese Venus Arme hat und Zeit für Weihnachten ist.

Vor fünfzig Jahren war auch zufällig Weihnachtszeit mit mildem Klima. Die Sekunden schwammen viel zu langsam durch die Zeit. Außer Sekunden zählen, lernte ich nebenbei Roller fahren. Als Kind hatte ich einen Holzroller, Oma Hilde hatte einen Berliner Roller SR59. Bei gezogener Kupplung legte ich den ersten Gang ein, ließ langsam die Kupplung kommen, gab gleichzeitig Gas. Das war eigentlich die schwerste Übung, bis ich das Gefühl dafür bemeisterte. Das brauchte ein paar Experimente. Opa Vincent hatte die Sitzbank abgeschraubt, stattdessen ein seichtes Sitzkissen befestigt. Das machte er, damit meine Beine lang genug wurden. Vom Torhaus, durch die Scheune bis zum Gartentor waren es keine dreihundert Meter, dann musste ich wenden. Eine Übung, die ich mehrfach üben musste. Dabei lag das gute Stück mehrfach auf der Seite. Mit aller Kraft versuchte ich die hundertfünfunddreißig Kilo hochzuwuchten, das ich sogar einmal schaffte, dann fiel der blöde Roller auf die andere Sete und ich hinterher. Die Darbietung hatte so ein drolliges Temperament, dass Alle feixten. Sogar der Schwarze Kater Stanislaus miaute seinen Senf dazu. Dann hatte ich es raus, das Anfahren, das Wenden und ich meisterte mindestens eine Stunde lang, alle befahrbaren Pfade, sogar den schmalen Pfad zwischen meinen zwei Spargelbeeten. Mit jeder Sekunde die ich zählte, kam Weihnachten herangeeilt. Da hatte ich genug genug Sekunden gezählt. 

Es war der Heilige Morgen vorm Heiligen Abend. Mit unseren Kugelporsche Trabant 500 klapperten ich und Hans, Georg, Schorsch, die Gärtnereien der ganzen Gegend ab. Nirgends waren rote Rosen zu haben. Es ist Weihnachtszeit und keine Rosenzeit, bekamen wir zu hören, da gab es keine Rosen. Für Mama sollte es rote Rosen regnen, ich wollte eine für Penelope. Der Rosenklau damals auf dem Friedhof sauste durch mein Kleinhirn, auf jeden Fall bekamen wir in der Friedhofsgärtnerei in der Stadt, rote Rosen aus dem beheizten Gewächshaus. Am Nachmittag wurde ich zum König aus dem Morgenland, ich wurde Balthasar und zerrte ein großes Strohkamel mit Rollschuhen über die Bühne. Das meisterliche Kamel hatte Kasimir und Felix mein zukünftiger Lieblingslehrer gebastelt, so wie andere Kleinigkeiten. So erschien auf einmal ein leuchtender Stern mit Kometenschwanz über der Krippe in der, der kleinen Heiland schlief. Dazu spielte Felix gekonnt Klavier, wir sangen das Hirtenlied: … Auf, auf, ihr Hirten, nicht schlaft mir so lang, die Nacht ist vergangen! Mama sagte später: Es war das schönste Krippenspiel, auch Oma Hilde, Opa Vincent, Irmchen und fast das ganze Dorf waren gerührt. Dann war Bescherung in der Diele und für Mama regnete es rote Rosen. Sie schluchzte vor Freude. Wir sangen die Knef, Mama am schönsten: … Für mich soll's rote Rosen regnen, mir sollten ganz neue Wunder begegnen, mich fern vom alten neu entfalten. Von dem, was uns erwartet, das meiste halten. Eine große Freude war das diamantene Fahrrad, dass Steppard mit roter Zipfelmütze und weißen Wattebart, hereinschob. Ein rotes Diamant 66 mit drei Gängen und silberner Diamantschrift. Damit würde ich im Sommer zum Born fahren und baden. Ich musste, den Weihnachtssteppard ein Gedicht erzählen: Lieber Weihnachtsmann, ich danke dir, zum Glück bist du auch mal wieder hier. Lange her, viel passiert bei mir, ein Jahr älter, bin immer noch ein Kavalier. Alle spendeten Beifall. Auch, der Schwarze Kater Stanislaus miaute Anerkennung.

Zum Abend gab es Kartoffelsalat und Wiener Würstchen. Zum Weihnachtsfest gaggerte eine Gans weniger im alten Kuhstall und im großen Kessel im Schlachthaus wohnten zwei Karpfen die später blau glänzen sollten. Zum Gänsebraten machte Oma Hilde Apfelrotkohl, Mama und Irmchen schälten und rieben Kartoffeln, füllten sie in kleine Säcke, pressten mit der Kloßpresse Wasser und die Stärke raus. Den Schab brühten sie mit Kartoffelbrei, kullerten Klöße mit gerösteten Weißbrotwürfeln. Herrlich, ich liebe Thüringer Klöße. Thüringer Klöße sind nicht immer gleich Thüringer Klöße. Das solltest du glauben, mein lieber Leser, Oma Hildes Thüringer Klöße sind die Allerfeinsten, sie zerliefen eine Winzigkeit, so wie es muss.  Dann zog Mama immer mit zwei Gabeln die Klöße auf dem Teller auseinander und goldbraune Weckbröckle kamen zur Geltung. Weckbröckle, mein lieber Leser sind in guter Butter gebraten und leicht gesalzene Weißbrotwürfel. Hier in der Klinik nannte sich die Klöße auch Thüringer Klöße, Klöße die nichts mit Oma Hildes Thüringer Klößen auch nur im Entferntesten zu tun hatten. Hier kugelten die Klöße, wie Tennisbälle, durch die Mondaminsoße, die es zur Entenkeule gab. Darf ich dich fragen, mein teurer Leser. Was gab es eigentlich bei dir zu Weihnachten?   

Für die noch nicht blauen Karpfen, schälte und rieb Opa Vincent eine scharfe Wurzel in der Torfahrt. Er hatte dabei eine Gasmaske auf. Mir brannten die Augen, trotz frischer Luft und etlichem Abstand. Die scharfe Wurzel war frischer Meerrettich. Aber! Die blauen Karpfen und den scharfen Meerrettich, musste ich verpassen. Ich hatte eine Brotbüchse im kleinen Rucksack. Mama hatte mir Fettbemmchen geschmiert mit Knackwurst und Apfel. Im Rucksack musste noch eine rote Rose in Zellophan, Drin war schon ein kleiner Talisman, den ich selber gemacht hatte.  In der Werkstatt hatte ich eine kleine Holzscheibe so lange mit Schleifpapier bearbeitet, das die Kanten rund wurden, dann habe ich mit einem Lötkolben ein kleines Herz gebrannt, den Rand verziert. Mit dem kleinsten Holzbohrer, den ich fand, ein kleines Loch gebohrt, dann die ganze Sache farblos lackiert. Der Talisman hatte die Dimension einer Zwei Mark Münze, war von einem Walnussbaum, der schon Jahre nicht mehr lebte. Steppard sagte, das ist das beste Holz für einen Talisman und würde ewig halten. Ich war mächtig stolz. Mit der dünnen Lederschnur konnte der Talisman eine schönen Hals schmücken. Penelopes Hals. Irmchen fädelte mir je zwei Perlen auf die Lederschnur.

Als Opa Vincent am zweiten heiligen Tag, mit gewetztem Messer die Karpfen besuchte, stand der DKW F9 in der Torfahrt. Ich fuhr mit Familie Weinbein zu Penelope. Juhu! Fast hätte ich vor Aufregung die die rote Rose in Oma Hildes Küche vergessen hätte und nicht in den Rucksack reingetan. Im Auto erklärte mir Direktor  den Unterschied zwischen einen 

DKW F 9  und einem IFA F9, es gibt keinen. Dieser DKW F 9 gehört zu den vierzig Wagen, die vor Gründung der IFA ausgeliefert wurden. Was heißt den IFA?? Die Abkürzung steht für den Industrieverband Fahrzeugbau der im blühenden Osten gegründet wurde. Im goldenen Westen wurde daraufhin eine Autounion geründet. Die baute auch den DKW F 9 aber mit dem schwachen F 8 Motor. Dieser DKW F9, verkündete Direktor stolz, hat einen modernen Drei Zylinder Motor mit Direkteinspritzung, da schwächelt der goldene Westen etwas hinterher, mit dem Zwei Zylinder Moter mit Vergaser. Der IFA F 9 wurde in Zwickau gebaut, genau wie euer Trabant 500. Also ist der Trabant 500 unser Kugelporsche, der Nachfolger vom IFA F 9. So schlussfolgerte ich. Nein, der Nachfolger ist der EMW 309 und der wurde in Eisenach gebaut eigentlich nur ein verbesserter IFA F 9. Das war mir zu hoch. 

Mein lieber Leser, du wirst dich erinnern, da schrieb ich im fünfzehnten Kapitel, den letzten Satz: Ich sah Penelope nie wieder. Das war auch unendliche Zeit so. Aber, wie heißt es so schön, sag niemals nie, denn erstens kommt alles anders und zweitens, als man denkt.

Meine Vorstellung von einem Kinderheim passte nicht zur Realität. Irgendwie hatte ich ein Gebäude in einem Garten erwartet. Wir fuhren Landstraße, es ging bergauf, bergab, bergauf, um die Kurve, wieder bergab. Das erste von der Stadt sah, war ein Hügel, mit einem Palast obendrauf. Ich fragte Herrn Weinbein, ob das, das Kinderheim wäre. Ich erfuhr von einer Lungenheilanstalt, die Hustenburg genannt wurde. Mein lieber Leser, aufgepasst! Genau dort schreibe ich ein halbes Jahrhundert später, Wort für Wort gerade diese Zeilen. Nur wusste ich damals nicht, dass aus der Hustenburg mal mein Heim wird. Ich hoffe, mein hochgeschätzter Leser, du erträgst meinen Zeitgeist, der nur von der Geschichte ablenkt.

In der Stadt gab es Straßen, in denen ein Haus an das andere gebaut wurde. Fünf Etagen hoch, mindestens. Direktor Weinbein hatte hier studiert und fand schnell die Pestalozzi Straße. Aber am Kinderheim sind wir dreimal vorbeigefahren. Straßenbahnen, viel Verkehr und vor allem sah das Kinderheim nicht wie ein Kinderheim aus. Irgendwie grau! Ebenso gräulich starrte ein Erzieher bei der Begrüßung auf mich, als wollte er mit aller Kraft meinen Enthusiasmus dämpfen. Jedenfalls fühlte es sich so an. Ich schluckte zweifelnd, und wir warteten in einem Raum, der sich Besuchszimmer nannte. Für ein Haus voller Kinder war es erstaunlich still, fast wie ohne Leben. Einer Grünlilie baumelten die Lilienblätter kraftlos herunter. Ich holte meine Trinkflasche aus dem Rucksack und gab der dürstenden Pflanze, das Wasser, dass sie zum Überleben brauchte. An der Wand hing ein Portrait vom großen Genossen Walter, der mit großer Klugheit unser Land führte und der mich anguckte, mich regelrecht durchbohrte. Ich wechselte meinen Standpunkt. Unglaublich, der große Genosse Walter hatte mich im Visier, egal wo ich rumstand. Mutmaßlich durchschaute er meine doppelte Moral, ein Thälmann-Pionier, der in die Christenlehre geht. Möglicherweise sah er auch nur, wie aufgeregt mein Herz pocht.

 

Dann waren wir fertig mit Warten. 


22. Kinderheim

 

Entschuldigung, mein lieber Leser, ich habe gerade laut gedacht. Penelope hat bei Gott, keine leichte Kindheit gehabt. Ihre Kindheit hat mehr Unrecht erleben müssen, als es gerecht ist. Ich stehe am Fenster, fixiere hinweg über den Friedhof die Dächer Stadt. Bei besten Willen, das Dach von dem Kinderheim lässt sich nicht identifizieren. Wie alles zusammenhängt.

Ehemals, so vor ungefähr fünfzig Jahren, saß ich mit Familie Weinbein und einer unglücklichen Grünlilie in einem Wartezimmer, das Besuchszimmer genannt wurde und ließen uns, von einem Portrait von einem hochgeachteten Vorsitzenden, begutachten. Dann waren wir fertig mit Warten. Jemand kam ins Wartebesuchszimmer. Penelope kam durch die Tür. Ich verstand erst nicht, erkannte erst nicht, was ich sah. Ein dürres Mädchen in einem ausgewaschenen und viel zu großen braunen Trainingsanzug und mit Glatze. Mein Herz das bis dahin heftig pochte, machte sekundenlang keinen Schlag mehr. Ungewollt hatte ich einen hinkenden Vergleich vor Augen, ich sah Kinder hinter Stacheldraht, in einem Konzentrationslager, dachte an Opa Vincent, der in Polen einen Zug mit Kindern sah, die wahrscheinlich zur Gaskammer fuhren. Ich weiß mein lieber Leser, das sollte ich nicht vergleichen, aber genau diese Bilder kamen aus dem Schreck heraus und verschwanden wieder. Direktor Weinbein warf dem Bewacher einen fragenden Blick zu. LÄUSE! Sagte der Wärter, der Blicke verstehen konnte. Penelope gewährte der Familie Weinbein ein kurzes Nicken und dann kam sie mir sehr nah. Ich erkannte ihre Augen, zählte die Sommersprossen. Der Erzieher oder Wärter setzte sich auf einen Stuhl, genau unterm Portrait vom gewichtigen Staatsmann. Nun wurden wir im Doppelpack angestarrt. Tollpatschig entfernte ich das Zellophan von der roten Rose. Wir bekamen gleichzeitig Pipi in die Augen. Mein Herz fing wieder an zu pochen. Eigentlich fand ich Penelope war auch mit Glatze schön. Mir fehlte nur ihr freches Lächeln. Direktor Weinbein übernahm die Initiative, bat dem erziehenden Wärter ruhig aber konsequent hinaus auf den Flur, zu einem Vieraugengespräch. Einige Momente später war Direktor Weinbein zurück, fragte Zoo oder Museum? Zoo, bestimmte Frau Weinbein. Wenig später tauche ein völlig veränderter Wärter auf, brachte, einen dicken Anorak, eine Mütze und feste Schuhe für Penelope und eine Wasserflasche für die Rose. Der Erzieher ermahnte bittend pünktlich halb sechs zurück zu sein. 

Ich weiß bis heute nicht, mein interessierter Leser, was auf dem Flur geschah, aber ich habe im Heute einen Verdacht, damals war in unserer blühenden sozialistischen Landschaft für Westgeld alles möglich. Genau wissen tue ich es bis heute nicht. Damals kursierte das Gerücht, für Westgeld würden sogar Männer Kinder kriegen. Ich weiß nicht wie das organisch passieren könnte, aber an jedem Gerücht ist etwas dran.

Im Zoo gab es viele Tiere, Elefanten, Zebras, Affen, Mäuse, Meerschweinchen, Gnus, Büffel und perfektes Weihnachtsessen. Brötchen mit Senf und Bockwurst. Überdies gab es Mohnkuchen, Kaffee und Fassbrause. Ein Pfau kreuzte auf und bat um ein kleines Stückchen Mohnkuchen. Frau Weinbein ließ sich erweichen. Der Pfau bedankte sich mit einem farbenprächtigen Federrad und wollte mehr. Aber ein Tierpfleger scheuchte den Vogel aus dem Wintergarten. Heute weiß ich, der Pfau schlägt sein berühmtes Rad um seine Gegenspieler zu irritieren. Wenn er dann keinen Mohnkuchen bekommt, lässt der Pfau gefährlich seine Federn rascheln. Soweit kam es nicht. Bis halb Sechs gab es viele Fragen, viele Neuigkeiten. Penelope berichtete von vielen Briefen für mich. Aber es gab keine Möglichkeit für Briefcouverts oder Briefmarken. Als sie in einem Büro danach Ausschau hielt, wurde sie erwischt und bekam eine Woche Stubenarrest. Wir hatten wieder gleichzeig Pipi in den Augen. Direktor Weinbein erzählte, dass sie gerade den Beninskyhof übernehmen und fragten ob Penelope mit ihnen eine kleine Familie bilden könnten. Er versprach ihr ein eigenes Zimmer und alle Liebe die er und sie bedarf. Frau Weinbein nahm Penelope in den Arm. Penelope erzählte, wahrscheinlich erst zum zweiten Mal, von ihrer geliebten Mama, die vor ihren Augen erschlagen wurde, von der Angst vor ihrem Vater. Du erinnerst dich, mein lieber Leser. sie musste es einmal dem Gericht schildern. Solche Wahrheiten tuen weh. Danach saß Penelope viel aufrechter, als wäre eine Last runtergefallen. Ich fragte ob sie Läuse hätte, bestimmt sehr passend und lernte etwas über Prophylaxe. In dem Kinderheim wurden Glatzen rasiert, bevor die Läuse da sind. Direktor Weinbein tippte sich den Zeigefinger an die Stirn und fragte Penelope, wieviel Briefe sie geschrieben hätte. Zwanzig, sagte sie. Dann ging es um Strategie und Taktik. Die Strategie war, dass Direktor Weinbein sich um die Adoption kümmert, dass Penelope im neuen Schuljahr die Neubau-POS besucht. Die Bürokratie braucht immer ihre Zeit! Die Taktik aber wären Winterferien quasi zur Probe, wenn Penelope von der Stadt in das Dorf zieht. So wie Osterferien und Pfingstferien. Ihr Entschluss wäre so, Direktor Weinbein und Frau Weinbein nickten sich beherzt zu. Aber auch dafür bräuchte Direktor Weinbein und seine Frau, ein paar Behördenstempel mit Unterschrift. Frau Weinbein drückte Penelope an ihre Brust, Penelope drückte zurück und ich hatte ein gutes Gefühl. Wir hatten alle ein gutes Gefühl. Was noch fehlt: Penelope willst du das? Sie könne noch nachdenken, was sie aber nicht bräuchte. Penelope stand auf, fasste sich an die Brust und sagte: Ja ich will! Sie wird diesen kurzen Satz, viele Jahre später noch einmal sagen. Wir besuchten noch drollige Erdmännchen, die im Strahl einer elektrischen Heizsonne die Kälte genossen.

Auf dem Rückweg hielt der DKW F 9 am Hauptbahnhof. Direktor Weinbein ging zu einem Zeitungskiosk und kam mit zehn Briefmarken und zehn Umschlägen zurück. Tja, mehr wollte der Kioskmann nicht verkaufen, also zwei Briefe in einem Umschlag. An dem Bahnhof war ich schon einmal, als ich wir, Oma Hilde, Opa Vincent, Mama und ich, mit der Eisenbahn von der Ostsee kamen und mit der Straßenbahn zur alten Zitrone mit den sechs Zylindern fuhren. Ich erzählte vom diamantenen Fahrrad und der Hilfe von den Beatles, von Felix meinen zukünftigen Lieblingslehrer, von der Pfarrerin und der heiligen Gazelle, die Tabea heißt. Der Abschied war traurig und voller Hoffnung. Als Penelope sich für den Zoo bedanken wollte, sagte Frau Weinbein etwas Bemerkenswertes: Ich werde deine Mutter nicht ersetzen, aber wir werden eine Mannschaft, in der die Liebe zählt! Ich bat sie zum Schluss, dass sie sich um die unglückliche Grünlilie kümmert.

 

Durch das Heckfenster, sah ich Penelope und den erziehenden Wachmann. Sie standen nebeneinander und winkten. Leise rieselte Schnee aus dem Himmel. 


23. Koma

 

Blauer Karpfen, ich kenne einen Ort an der Elbe, der heißt Karpfenschenke, die Gaststätte im Ort heißt Karpfenschenke, da gibt es in der Karpfenzeit blauen Karpfen, mit Apfelmeerrettich, brauner Butter, Kartoffeln und Rotkraut. Schon der Gedanke überzieht meine Geschmacksnerven mit einem leichte Freudenschauer. Dabei ist die Zubereitung simple, wenn das Totmachen nicht wäre. Ich könnte für dich jetzt blutige und zapplige Einzelheiten farbenprächtig ausmalen. Keine Angst, ich gehe nicht ins Detail. In meiner Kindheit, machte dass Opa Vincent. Dann ist blauer Karpfen wirklich sehr leicht, wenn das Ausnehmen und das Stückeln nicht währen. Da arbeitete Opa Vincent mit einer riesigen Geflügelschere, währen der der Karpfen noch zuckelte, schnitt er ihn entlang der Rückengräte in zwei Teile. Wichtig ist die Schleimhaut, die muss ganz bleiben. Dann ist blauer Karpfen wirklich sehr einfach. Der Sud besteht aus Wasser, Salz, Wurzelgemüse, Essig, Pfefferkörnern, Lorbeerblätter, Zwiebel. Das Geniale daran, der der Karpfen kann nicht überwürzt werden, er nimmt nur so viel aus dem Sud, bis er schmecken tut. Der Sud sollte nicht vor Hitze sprudeln, aber leicht wallen. Gut ist der blaue Karpfen, wenn er hellblau ist, oben schwimmt und die Flossen leicht rausgehen. Auch der Apfelmeerrettich ist einfach, tja, wenn das Reiben nicht wäre! Wenn Opa Vincent frischen Meerrettich reiben sollte, setzte er eine Gasmaske auf. Danach ist es einfach, geschlagene Schlagsahne mit geriebenem Apfel und dem geriebenen Meerrettich verrühren. Wie du Salzkartoffeln kochst, musst du selber rausfinden. Falls du jetzt überfordert bist, mein lieber Leser, dann ist es einfacher, du fährst in der Karpfenzeit nach Karpfenschenke an der Elbe, gehst in die Karpfenschenke und bestellst einen blauen Karpfen. Ich weiß nicht wie es dir beim Lesen ergeht, mir lief beim Schreiben das Wasser im Mund zusammen. Du wirst dich vielleicht fragen, warum ich eine ganze Buchseite lang mit blauen Karpfen belade. Opa Vincent sagte immer: Eine Schuppe vom Weihnachtskarpfen bringt eine Schuppe voll Glück. Ich weiß jetzt nicht, ob du Karpfen interessiert bist, aber du sollst einfach ahnen wie wichtig solche Dinge sind. Said ist gerade da, er hat einen Wischmopp dabei und moppt den Fußboden. Da will ich nicht hinderlich sein und hebe die die Füße nach oben, dabei frage ich ihn, ob es in Afghanistan zu Weihnachten blauen Karpfen gibt. Er schüttelt energisch den Kopf. Also genau wie hier, in der Klinik, hier gibt auch keinen blauen Weihnachtskarpfen, nicht einmal Linsensuppe zu Silvester. Said sagt: In Afghanistan gibt es Taliban. Nun gut, bestimmt auch lecker. Aber nun zurück zum blauen Karpfen.

Durch dichtes Schneetreiben fand der betagte DKW F 9 schließlich nach Hause.  Dort wurden wir ganz weihnachtlich empfangen. Opa Vincent öffnete das Tor am Torhaus und winkte uns samt DKW F 9 herein. Oma Hilde hatte die blaue Karpfenidee, warum nicht abends schlemmen? Familie Weinbein sollte zum blauen Karpfen bleiben, konnte gar nicht anders. Ich musste sprachlos die Augen reiben, so schön! Oma Hilde und Mama hatten sich ins Zeug gelegt. Der Tisch war zur Tafel ausgedehnt worden. Alle waren da, Mama, Hans Georg Schorsch, Opa Vincent, Oma Hilde, Irmchen, Steppard, Familie Weinbein, Ich und der Schwarze Kater Stanislaus. Oma hatte ihr edles Porzellan gesucht. Eine schneeweise Damast Tischdecke wurde dekoriert von weißem Goldrandgeschirr, in der Mitte der Tafel leuchteten Mamas Rosen und weiße Kerzen. Jemand hatte rote Servietten kunstvoll gefaltet, vermutlich Irmchen. Die Tafel war mir grünen Tannenzweigen, zwei Porzellanplatten voll blauer Karpfenstücken, Saucieren mit brauner Butter, Schüsseln mit Rotkraut und Kartoffeln garniert. Opa Vincent schenkte Sekt in kristalline Gläser, Hans Georg Schorsch verkündete die Verlobung von Mama und Hans Georg Schorsch, den ich ab diesen Moment Schorsch nannte. Seit diesem Abend liebte ich blauen Karpfen. Die Gläser klangen beim Anstoßen.  Auch ich bekam einen Schuck Sekt. Der Schwarze Kater Stanislaus, mehrfach mit kleinen Häppchen bedacht, ein Feinschmecker durch und durch, leckte sich die Pfoten. Draußen zog kalte Ostluft den Winter in die Endmoränenlandschaft, brachte Väterchen Frost mit. Wie machten es uns so mollig warm wie es ging. Irmchen hatte mir eine umhäkelte Wärmflasche ins Bett gelegt. Da war es auch mollig warm, aber richtig. Draußen rappelte der Ostwind an den Schindeln entlang. Der stille bunte Poet übergab mir den Zauberstab, den ich mit unter die Bettdecke ins mollig warme Bett nahm. Ich herzte ihn, bedankte mich für den schönsten Weihnachtstag in meinem Leben. Ich dachte an alle denen es gut gehen sollte, sogar die putzigen Erdmännchen im Zoo bedachte ich. Nur mich vergaß ich, dass sollte ich aber nicht.

Dann machte die Zeit, dass was sie immer macht, sie vergeht in trödeligen Sekunden. Wie ich fand, viel zu langsam. Silvester gab es dann Linsensuppe mit gebratener Blutwurst. Nach dem leckeren Eintopf, stopfte ich mir die Schuppe voller Glück vom Weihnachtskarpfen in die Hosentasche, ging ich hoch zur Kirche um meinen zukünftigen Lieblingslehrer am Klavier musikalisch mit Gesang zu unterstützen. Ich stapfte den Kirchberg hinauf, gleichzeitig übte ich den Text, mit einem Blatt in der Hand. Laut murmelte ich vor mir her: Das alte Jahr vergangen ist, das neue Jahr beginnt, Wir danken Gott zu dieser Frist, wohl uns, dass wir noch sind! Wir sehn aufs alte Jahr zurück und haben guten Mut: ein neues Jahr, ein neues Glück! Ich begegnete gerade dem Kirchhoftor und der Schlag kam aus dem Nichts, kurz sah ich Gunnar mit einer Zaunslatte, dann sah ich Dinge die ich noch nie so gesehen hatte. Ich sah Gunnar, wie er mir das tote Beninskyhuhn in die Hand drückte. Ich sah Gunnar wie er ans Lenkrad griff und dem Maulwurf RS  09 einen Überschlag beibrachte. Ich sah Gunnar, wie er gekonnt den Namen am Seifurtgrab verdeckte und mir rote Rosen in die Hand gab. Dann sah ich nichts mehr.

Als ich halbwach wurde, lag ich in einem völlig unbekannten Bett. Ich bemerkte leise Stimmen, die durch völlig unbekannten Raum tänzelten. Ich steckte mir den Zeigefinger ins Ohr um besser zu hören, das natürlich völlig sinnlos war. Auf meiner Stirn lag ein angenehm kühler Lappen, der die Augen fast überdeckte, so dass ich schräg sehen musste. Etwas piekte meinen Arm, hörte Worte: Er wird jetzt schlafen, sich ausruhen. Ich hörte Mama schluchzen. Ich wollte etwas sagen, doch es wurde dunkel, ich machte die Augen zu. Ich bemerkte einen Kuss auf der Wange und merkte zärtliche Finger in meinem Haar. Jemand nahm meine Hand und zog meinen Finger aus dem Ohr, dann merkte ich nichts mehr. Die Silvesternacht erlebte ich in tiefer Bewusstlosigkeit, verbrachte ich im Koma.

Als ich endlich ausgeschlafen hatte, schien die Sonne, war der Lappen weg, war ein neues Jahr. Ein Doktor mit grauem Bart und großen Nasenlöchern, tupfte mit einem kühlenden Tupfer meine Stirn ab. Der Doktor wünschte mir ein gesundes neues Jahr und schwebte von dannen. Mama schwebte an seinen Platz. Ich setzte mich auf und freute mich. Jetzt merkte ich die Stirn, die Aua machte. Mama sagte, dass ich riesiges Glück gehabt hätte, es könnte viel schlimmer sein. Eine kleine Narbe wird bleien, mehr nicht. Alles wird gut und ich musste Pippi. Weißt du was eine Pippiente ist, nö, das wollte ich auch nicht wissen. Mama half mir auf und brachte mich zur richtigen Tür. Bis dahin dachte ich, Urinale gibt es nur in der Tschechoslowakei. Dann wechselte der Doktor mit grauem Bart mit Mama die Plätze, verlangte komische Sachen von mir. Mit dem Finger an die Nasenspitze tippen, seine gestreckten Finger zählen, ich sollte sagen was er mit diesen Fingern macht, wenn er sie kreiseln ließ und noch mehrere komischen Sachen. Nach einer Weile schien er sehr zufrieden mit mir und sagte ich soll meine Mama nach Hause bringen. Nächste Woche sollte ich wiederkommen, wegen den Fäden, die er ziehen wollte. Selbstbewusst ging ich zur Fahrerseite vom Kugelporsche Trabant 500 und wollte Mama nach Hause fahren. Mit einem Lachen wechselten wir die Seiten.

Mein lieber Leser, wer weiß schon was alles passiert wäre, wenn ich damals nicht die Schuppe Glück dabeigehabt hätte. Mit der flachen Hand streiche ich mir über die Stirn, spüre die kleine Narbe. Die man nur sieht, wenn man sehr genau danach sucht. Der Doktor mit dem grauen Bart und großen Nasenlöchern hatte die Platzwunde mit vier Stichen genäht, bloß, das wusste ich noch nicht als ich Mama nach Hause fahren wollte, ich hatte einen Verband mit Kopfschmerzen, einen weißen Turban auf dem Kopf.

In der Torfahrt stand eine Simson Schwalbe KR 51. Die Polizei hatte ein neues Dienstfahrzeug.  Die Schwalbe bewahrte die Kniee vom Abschnittsbevollmächtigen vor zu vieler Zugluft. Der ABV erwartete uns in Omas Hildes Küche. Oma Hilde hatte Fettbemmchen geschmiert und ein Glas Senfgurken aufgemacht. Oma Hilde verkündete stolz, alles selbstgemacht. Bei solchen Delikatessen bekam ich auch Hunger. Nur der Schwarze Kater Stanislaus schaute unzufrieden. Oma Hilde wühlte solange im großen Kühlschrank, fand ein Stück Gehacktes in einem Einmachglas. Der Schwarze Kater Stanislaus schaute zufrieden. Der ABV wollte von mir wissen, was passiert sei. Ich erzähle von Gunnar und der Zaunslatte.  Der ABV fragte. Ob ich sicher sei. Es war sicher eine rhetorische Frage. Glaub mir mein lieber Leser, zu der Zeit hatte ich keinen Schimmer von Rhetorik. Hier geht es um schwere Körperverletzung, sogar um versuchten Mord. Der ABV glaubte mir aufs Wort, hatte aber Schwierigkeiten mit dieser Wahrheit.  Dieser Gunnar hatte ein unglaubliches Alibi, er hatte den ganzen Nachmittag dem EX-Bürgermeister Bau Auf beim Holzmachen geholfen. Der Ex-Bürgermeister Bau Auf hackte Holz und Gunnar stapelte Holz. Der ABV schnaufte, sprach von schwierig, fragte Schorsch nach dem Schlüssel vom Bürgermeisteramt. Schorsch nannte die Adresse vom diplomierten LPG-Vorsitzenden. Na dann, schnaufte der ABV, zog Handschuhe an und setzte eine dicke Mütze auf, fuhr mit der Simson Schwalbe KR 51 von dannen. Irgendwann knisterte der Ortsfunk los, berichtete von den Silvesterereignissen, Zeugen sollten sich im Deutschen Hof melden. Bis 16.00 Uhr würde der ABV dort sein. Die Eierelse von der Obst und Gemüseaufkaufstelle gab an, sie hatte gerade ihre Jahresabrechnung fertig und sah einen jungen Menschen, der über die Hauptstraße rannte. Vielleicht Gunnar, aber sie sei nicht sicher. Absolut nicht sicher! Die Ermittlungen gerieten ins Stocken.

Ich wollte mit Mama wieder an die Arbeit gehen, aber solange ich Fäden in der Stirn hätte, sollte ich zu Hause bleiben. Ich bekam viel Besuch, einige Klassenkameraden, Pfarrerin Tabea, mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix, die Postfrau, sogar meine Lehrerin Fräulein Seifurt mit ihrer Schwester Fräulein Seifurt aus dem Kindergarten. Schließlich kam Familie Weinbein mit guten Nachrichten. Penelope würde im Februar im Dorf Ferien machen. Am ersten Februar würden sie, sie abholen. Das ist mein zehnter Geburtstag freute ich mich riesig. Fräulein Seifurt hatte ein paar Hausaufgaben für mich, die Postfrau sieben Briefe. Sechs von Penelope und einen aus dem goldenen Westen. Papa schrieb vom Ultraschall und ich würde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen halben Bruder bekommen. Beim Ultraschall, dachte ich an die neuartigen Düsenflieger, die hinterm Welsbach regelmäßig gegen eine Schallmauer knallten, aber glaubte nicht, dass die Kinder machten. Noch war ich Neun und konnte nicht alles wissen. Penelope war sehr klug, aber das war mir nicht neu, sie hatte drei bis vier Briefe in einen Briefumschlag, damit sie noch weitere Briefe schreiben könnte. Auf einer extra Seite sollte ich alle grüßen, die sie mochten. Fand die Erdmännchen süß, auch die Weinbergs, sie würde die Sekunden zählen bis zum Wiedersehen. In Liebe Penelope. Sie hatte ein Herz darunter gemalt. Ach der Aufpasser, so erfuhr ich, ist nun die Freundlichkeit in Person und die Grünlilie wohnt jetzt neben ihrem Bett mit erhobenen Blättern. Sie sind vier Mädchen auf dem Zimmer, die eigentlich ganz nett sind, ihre eigene Geschichte haben aber nichts von Grünlilien verstehen. Die Grünlilie hätte ein Kindel, braucht Fürsorge.

 

Nach einer Nacht in der guten Stube, mit knisternden Koksfeuer im Ofen, zog ich wieder in meine Kammer. Der Schwarze Kater Stanislaus stapfte ebenso die zwei Treppen hoch. Oma Hilde gab mir die umhäkelte Wärmflasche mit. Der Schwarze Kater Stanislaus kroch wegen der Wärme mit unter die Bettdecke und schnurrte zufrieden. Ich ließ mir vom bunten Poeten den Zauberstab geben, dem ich alles offenbarte. Die Offenbarung dauerte. Dann wollte ich es fast nicht glauben, der Schwarze Kater schnurrte nicht mehr, der Schwarze Kater Stanislaus schnarchte. Ich träumte von Erdmännchen und einer Heizsonne. 


24. Kakao mit tschechischem Rum

 

Said verkündet: Wetter Mist heute! Ich erklärte pädagogisch: Das Wetter ist heute nicht schön. Said schaute verständnisvoll, stellte das Tablett mit dem Frühstück ab und zog von dannen. Ich esse statt immer zwei, ein Brötchen mehr als üblich, Nicht, dass ich unterernährt gewesen wäre, aber das Brötchen war nun einmal da. Ich schaute mir den Zettel auf dem Tablett an, demnach hatte ich einen völlig anderen Namen. Fehler passieren, irgendein Dittmar wird heute Morgen Hunger leiden. Es soll etwas Winter kommen, aber was interessiert mich der Schnee von übermorgen. Die Erwärmung des Klimas, nicht zu verwechseln mit dem Wetter, das sich vor der betagten Hustenburg aufhält. Der architektonische Jugendstil kann sich sicher noch richtige Winter ins Gedächtnis rufen, mit meterhohem Schnee. Damals war die Ostsee zugefroren und Eisbrecher brachen das Eis, damit keiner auf die Idee kommt nach Bornholm zu spazieren und aus Versehen im goldenen Westen zu landen. Man verläuft sich ja so schnell. Wetter Mist heute!

 

Es war der dritte Tag im Jahr, die Fensterscheibe dekorierte sich mit wunderlichen Eisblumen. Der Schwarze Kater Stanislaus und ich hatten ausgeschlafen und wir zählten gemeinsam die Treppenstufen, die dreißig Stück bis zur Diele. In Oma Hildes Küche. saßen Oma Hilde, Opa Vincent und Kasimir beim Frühstück. Kasimir wollte entlüften. Lieber Leser, ich sollte dir von den verschiedenen Heizungen berichten. Im Haus gibt es unten neben der Diele, die Wohnung von Oma Hilde und Opa Vincent, mit Küche, guter Stube, Stube, Schlafzimmer, und Vorratskammer. Oma Hildes und Opa Vincents Wohnung wurde von einem mächtigen Kachelofen beheizt, der auch etwas Wärme an die Diele spendete, aber nicht die gute Stube erreichte. Die gute Stube, besaß einen Glutofen mit Glasscheibe. Die Diele wurde noch von einem Heizkörper der zentralen Heizung erwärmt, die das ganze Obergeschoss, mit Mamas Wohnung, einschließlich Torhauswohnung erwärmte. Der Ofen befand sich neben der Diele Richtung Hof. Der Schornstein ging durch meine Kammer und war meine spärliche Heizung. Damit das alles funktionierte, wollte Kasimir entlüften. Zwischen Torhaus und Oma Hildes Küche war noch eine Treppe, die zu Mamas Wohnung und weiter zur Torhauswohnung lotste. Im Treppenhaus war noch das Schlachthaus mit Kesseln und ganz viel Krimskrams zum Wurstmachen Seite an Seite mit Thumperle der elektrischen Holzbottich-Waschmaschine. Auf der anderen Seite der Torfahrt, war noch die Räucherkammer. Ich hoffe, mein gewissenhafter Leser, du bist von so viel bäuerlicher Architektur begeistert. Bevor ich dir noch von den fehlenden drei Seiten vom vier Seitenhof berichte, werden noch drei Kapitel vergehen. Wo war ich eigentlich stehen geblieben? Ach ja, Kasimir war zum Entlüften und mit neusten Dorftratsch da. Ex-Bürgermeister Bau Auf, wollte kein Ex mehr sein. Er hatte ein Verfahren gewonnen. Frau Schmidt behauptete stock und steif, auf dem Klavier hätte sie Klavierspielen gelernt und da stand es in ihrem Elternhaus in der guten Stube. Ein Eintrag in der Kircheninventarliste behauptete zwar, das Klavier wäre schon 1938 ins Pfarrhaus gezogen, da war Frau Schmidt noch Quark in der Molkerei. Kasimir murmelte etwas von einem jüdischen Klavier. So eine Liste kann sich auch irren, immer hin lag seit Achtunddreißig, mehr als ein Krieg in der Zeit.  Danach entlüftete Kasimir, was es zum Entlüften gab., hauptsächlich heiße Luft. Oma Hilde belüftete meine Stirn, wickelte meinen Turban ab, tupfte die Stirn mit Primasprit ab. Das Verrückte ist, mein gelehrsamer Leser, dass es sich dabei um fünfundneunzig prozentigen Schnaps handelt. Schon der Geruch machte mich beschwipst. Oma Hilde legte mir einen kalten Waschlappen auf die Stirn, drückte mir einen Eimer mit Schnee in die Hand, schickte mich zum Kühlen. Bei der Gelegenheit erzählte ich dem Zauberstab, was ich von Kasimir wusste.

Mittags gab es Reste, hauptsächlich Linsensuppe mit gebratener Rotwurst. Ich fand die schmeckte noch besser als sie im vergangenen Jahr zu Silvester schmeckte. Dann durchzog Betriebsamkeit Oma Hildes Küche. Mama kam ungewöhnlich früh von der Arbeit, begutachtete kurz meine offene Wunde, küsste meine Stirn neben der Wunde. Entgeistert prallte sie zurück, noch so ein Kuss und ich bin sternhagel. Prima Sprit verkündete Oma Hilde. Mama machte ein Geräusch, das ich nicht wiedergeben möchte. Dann ging die Hektik los. Ich sollte mich dick einmummeln, zur Malzfabrik laufen und Schorsch holen. Oma Hilde sollte das Waffeleisen anheizen und Waffelteig rühren und Kakao kochen. Kommt der Kindergarten? überlegte Opa Vincent halblaut. Nein es kommt der halbe Dorfsowjet, antwortete Mama. Auch schön, das ist ja fast dasselbe, der Kindergarten kommt! stellte Opa Vincent klar. Ich koche Kaffee, sagte Mama.

Ich fand im Schneetreiben die Malzfabrik, ich fand Schorsch in der riesigen Malzhalle, dort er saß auf einem winzigen Gefährt, das mit einem Kabel, von der Elektrizität abhängig war. Mit dem urigen Gefährt wendet er die Gerste, die Malz und in der Brauerei Bier werden wollte. Schorsch fuhr Autoscooter kreuz und quer durch malziges Getreide. So sah es jedenfalls aus.  Schorsch beeilte sich mit dem Fertigwerden und wir liefen zusammen heim. Gunnars Eltern steuerten gleichzeitig den Kirchberg hoch, das konnten wir gerade noch so erblicken, im dichten Schneetreiben. Derweil war es in Oma Hildes Küche eng und behaglich geworden. Es roch nach Waffeln, es roch nach Kakao, Opa Vincent hatte Stühle unter Treppe hervorgekramt. Der Dorfsowjet bestand aus allerhand wichtigem Menschen, Schorsch, Pfarrerin Tabea, Familie Weinbein, der diplomierte LPG-Vorsitzende, der Eierelse, Kasimir, Mama, Irmchen, Steppard, Oma Hilde, Opa Vincent, mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix, ich und der Schwarzen Kater Stanislaus machten Dorfpolitik. Ich hoffe ich habe keinen vergessen.  Zu frischen Waffeln schmeckt am besten Kakao, den Oma Hilde noch mit tschechischem Rum geschmacklich veredelte. Mama hatte Mühe ihren Kaffee loszuwerden. Es könnte nur ein dilettantischer Versuch werden, wenn ich große Politik in Worte fassen könnte. Es ging hauptsächlich um die Bürgermeisterstelle, die wieder in EX-Bürgermeister Bau Aufs Hände gelangen könnte. Keiner in Oma Hildes Küche glaubte an Gunnars Alibi. Was tun? Ahnungslosigkeit machte sich breit. Dann war es Zeit, dass man von ganz normalen Sachen redete.  Das Thema wechselt zum Beninskyhof, Familie Weinbein wird in nächster Woche umziehen und könnte Hilfe gebrauche. Mama, Irmchen, Steppard, Schorsch und ich sagten Hilfe zu. Egal wie es kommen würde, die Eisbahn würde kommen, der halbe Dorfsowjet ging noch Einzelheiten durch. Als gefragt wurde, ob irgendwer, noch Vorschläge hätte, schnipste ich die Finger und hob die Hand. Alle Augen richteten sich auf mich, als wollten sie sagen, was will der Bengel im Dorfsowjet. Ich fragte zögerlich ob auch Fasching auf dem Eis möglich wäre? Alle guckten mich entgeistert an, bis mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix in die Hände klatschte, Mama, Irmchen, Opa Vincent folgten in den Applaus, Oma Hilde konnte nicht klatschen, weil neue Waffeln im Waffeleisen fertig waren. Mein Vorschlag wurde sogleich angenommen und heftig besprochen, jeder machte Vorschläge. Prämierte Faschingskostüme und solche Sachen.

Dann schlug mein Zauberstab zu. Es klingelte an der Haustüre. Ich hatte neben dem Schwarzen Kater Stanislaus die jüngsten Beine und keinen tschechischen Rum im Kakao. So marschierte ich arglos in die Diele und öffnete die Haustüre. Am meisten überrascht war selbstverständlich mein Herz, dass erst nicht, dann mit voller Wucht pochte. Dann ritt mich der Teufel oder sonst wer. Ich wünschte voller Inbrunst und ungeahnter Freundlichkeit zu Gunnar und seinen Eltern ein herzliches Willkommen! Oma Hilde hätte Waffeln gebacken und es gibt Kakao mit tschechischem Rum und bat die Besucher die Schuhe auszuziehen, er hätte Pantoffeln. In Oma Hildes Küche kam die große Überraschung für Alle.  Der Schwarzen Kater Stanislaus sträubte seine Nackenhaare. Gunnars Vater murmelte leise, sein Sohn hätte etwas zu beichten. Dann beichtete Gunnar, sprach von Rache für das gebrochene Nasenbein. Schließlich haute mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix die flache Hand auf den Tisch. Erklärte Gunnar, seinen Eltern und dem halben Dorfsowjet, den Unterschied zwischen Vorsatz und Emotion, den Unterschied von einer Zaunslatte und einer Faust. Danach zählte er mögliche Konsequenzen auf, redete vom Jugendwerkhof der eine Kinderabteilung für straffällige Kinder hätte und möglichen Strafen. Gunnars Vater stupste seinen Sohn in den Rücken, der nun als Heulsuse um Entschuldigung bat. Ich und der Schwarze Kater Stanislaus spürten seine Falschheit. Was sollte ich aber tun? Wir gaben uns die Hand und wollten Frieden. Danach sprachen sie über das falsche Alibi, schließlich schrieb der diplomierte Vorsitzende der LPG das Gesagte auf Blätter mit Blaupapier. Alle unterschrieben. Oma reichte Waffeln und schenkte etliche Becher Kakao mit und ohne ein. Gunnars Mutter sagte noch, dass sie nicht Gunnars Lügen geglaubt hätte. Ich glaube sie kannte ihren Sohn am besten. Als der überraschende Überraschungsbesuch vorbei war, bemerkte Opa Vincent, dass es für Ex- Bürgermeister Bau Auf schwer würde, seine Bürgermeisterträume zu erfüllen. Dann löste sich der Dorfsowjet langsam auf. Der Schwarze Kater Stanislaus schaute etwas komisch drein. Ich roch an seinem Kakao, alles klar, der Schwarze Kater Stanislaus war ein beschwipster Schwarzer Kater Stanislaus und bekam Schluck Auf.  Er hickste ohne aufzuhören. Ich brachte ihn in die gute Stube, bettete ihn auf der modernen Couch, schaltete den Fernseher an. Beim Sandmännchen war er dann eingeschlafen, verschlief sogar die Aktuelle Kamera.

 

Zur selben Zeit startete vom Kosmodrom im kasachischen Baikonur Luna 9 zu einer Mondfahrt. Als die beflügelte sowjetische Sonde im Ozean der Stürme, auf dem größten dunklen Fleck im Mondgesicht gelandet war, war es mit der Ruhe auf dem Mond vorbei und ich fuhr mit Mama Kugelporsche Trabant 500, wegen der Fäden, in die Stadt, ins Krankenhaus.  Der Doktor mit Bart und großen Nasenlöchern sagte: Es tut nicht weh! Und es tat nicht weh, naja, fast nicht weh, viermal schnipp und ich hatte keine Fäden mehr. 


25. Nasser Ulbricht

 

Wo bleibt er nur, Said war bis heute ein sehr pünktlicher afghanischer Frühstücksbringer und nun? Ich trank armenischen Kaffee, schaute aus dem Fenster, es schneite und schneite, es schneit und schneit, es schneit einfach immer mehr. Vermutlich wird der Winter ein richtiger Winter. Said kommt nicht, Karl kommt zur Tür herein Ich hatte fast schon seine Existenz vergessen, aber nicht ganz. Wir wünschten uns gegenseitig ein gutes neues Jahr. Karl blickte argwöhnisch auf meine armenische Kaffeetasse, sagte aber nichts. Es war schon merkwürdig, wie kulinarische Vorlieben auseinanderdriften. Karl findet blauen Karpfen grauenhaft, mit dieser Aussage entschwindet er in den Gängen der Hustenburg. Es schneit und schneit weit und breit. Mein lieber Leser, zieh dich warm an!

Es schneit und schneit, ich sah es, als ich das Eisblumenfenster zum Stoßlüften öffnete. Der Schwarze Kater Stanislaus, verschwand unter der warmen Bettdecke. Es war eisiger Winter, es war frostiger Winter, der in die Endmoränenlandschaft einzog. Eisbrecher verhinderten, dass die entlegene Ostsee völlig zufror. Auch unser bewunderter und staatsführende Walter, der nun in allen Klassenzimmern die Schüler beobachtete, war es in der gefrierenden sozialistischen Landschaft zu kalt geworden. Er machte mit unserem stolzen Urlauberschiff MS Völkerfreundschaft eine sonnige Kreuzfahrt durch die Adria, durchs östliche Mittelmeer nach Alexandria, zum hochgeschätzten Pharaonen Gamal Abdel Nasser, nach Ägypten, wegen der Völkerfreundschaft. Ägypten ist ein heißes Land. Im offenen Cadillac Eldorado Cabrio, fuhren Gamel und Walter durch die Hauptstadt der Pharaonen, durch das alte Theben. Millionen ägyptische Pharaonen jubelten begeistert, riefen lautstark Gamel Walter, Gamel Walter durch die betagten Steine vom eindrucksvollen Luxor-Tempel und den Karnak-Tempel. Mit einer Fähre ging es weiter und über den berühmten Nil. Am Westufer hatten es sich die ägyptische Jubeltruppe überlegt. Im Tal der Könige und im Tal der Königinnen feierten Millionen ägyptische Pharaonen frenetisch beide Staatsführer, riefen Nasser Ulbricht, Nasser Ulbricht bis in die Heiserkeit. An diesem triumphalen Tag wurde ich zehn Jahre alt, es war Winter, es war erster Winterferientag. Zur selben Zeit wurde die Eistanzfläche eröffnet. Bis Vier war noch Zeit, die Welsbach Combo, getarnte Clowns mit roten Haaren, begutachtete die kleine Bühne, Schorsch und Steppard eindeutig Mexikaner schmückten mit Wimpeln, Kasimir als Kosmonaut, gab die letzte Wasserschicht zu. Der Deutsche Hof, platzierte einen Kickelhahn hinter der Theke in Stellung, Fleischer Aurin, ein Pirat, erhitzte die Holzkohle. Für alles hatte ich keine Augen. Ich wartete, ich wartete, ich wartete auf Penelope. Es füllte sich, sogar aus der Stadt kamen maskierte Menschen. Mama und Oma Hilde, eindeutig Engelsfiguren, heizten in der Torfahrt die Waffeleisen, es gab Kakao mit und ohne. Es gab jede Menge Cowboys, Komantschen, Sioux, Huronen, Sheriffs, Piraten, Volkspolizisten, Feuerwehrmänner, Prinzessinnen. Mama hatte mir eine griechische Tunika Gewand aus leichtem Leinen genäht, mit roten Bändern, die mit riesigem Knopf an meinen Anorak genäht war und hatte goldige Lorbeerblätter an der Mütze. Ich war Odysseus. Dann war ich fertig mit warten, der DKW F 9 hielt direkt an der Eisfläche. Die Überraschung war perfekt. Penelope war eine Prinzessin mit Schlittschuhen! Jemand ließ die Lampions leuchten. Der kommissarische Bürgermeister und diplomierte LPG-Vorsitzende, mit einer Elferratsmütze, redete eine kurze Rede, gratulierte mir zu der Faschingsidee und zum Geburtstag. Begrüßte Penelope in der Heimat. Dem Geburtstagkind gebühre der erste Tanz. Papa hatte den Plattenspieler an den Verstärker der Welsbach Combo angeschlossen. Es kommt, wie es kommt! Penelope hatte schon Schlittschuhe an, Penelope war verhüllt, wie eine spartanische Prinzessin. Ich schaute perplex, mit Augen, die vor Freude weinen wollten, zur spartanischen Prinzessin, hörte Doris Day im Lautsprecher: Whatever will be, will be, the future's not ours to Qué será, será, that will be, will be. Was auch immer sein wird, wird sein, die Zukunft gehört uns nicht, das wird sein, wird sein. Gut, dass ich mit Mama übte, ich tanzte mit Penelope, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Odysseus und Penelope. Das Publikum klatsche mit Handschuhen. Penelope drehte eine kleine Pirouette mit dem letzten Takt. Der Schwarze Kater Stanislaus, mit einer roten Schleife um den Hals, hätte auch sehr gerne geklatscht. Er miaute anerkennend. Dann war die Eisfläche für alle frei, die Welsbach Combo spielte den Tennessee Walz. Oma Hilde und Opa Vincent tanzten in der Torfahrt. Oma Hilde hatte Flügel auf dem Rücken, Opa Vincent einen Zylinder auf dem Kopf.    

Mein lieber Leser du wirst es ahnen, diese Geburtstagsüberraschung war von langer Hand geplant, ein verschworenes Kollektiv, hatte sich das ausgedacht. Mamma, Schorsch und Direktor Weinbein. Fast das ganze Dorf war anwesend, die Seifurt Schwestern tanzten Schwanensee, andere den sterbenden Schwan. Wer Schlittschuhe hatte, war auf dem Eis. Von etlichen Lampions beleuchtet, saß auch mancher, manchmal auf dem Hintern. Sieger im Kostümwettbewerb wurde Kosmonaut Juri Gagarin, als Kasimir verkleidet. Der Reporter vom Volk, von der Landeszeitung, knipste sich die Finger wund. Penelope und ich saßen später in Deckeneingemummelt in der Torfahrt, tranken heißen Kakao mit ganz wenig mit. Wir hatten uns viel zu erzählen. Es war fast Mitternacht, als ich mit dem Schwarzen Kater Stanislaus die Stufen zu meiner Kammer bewältigte. Dort überraschte mich eine stattliche Grünlilie. Ein kleiner Zettel belehrte mich, bitte pflege mich, ich brauche täglich eine Tasse Wasser und viel Licht. Die Grünlilie und ich waren alte Bekannte. Dann drückte ich den Zauberstab an mein Herz und bedankte mich für den schönsten Geburtstag. So einen zehnten Geburtstag werde ich nie vergessen. Jetzt bin ich so  alt, sagte ich kurz vorm träumen zum Schwarzen Kater Stanislaus, und habe schon so viel erlebt, vielleicht schreibe ich später einmal ein Buch darüber. Bis dahin braucht es aber noch ein paar Seiten.

 

Unser Dorf kam in die Schlagzeilen, gleich nach acht Seiten Nasser Ulbricht und großer Weltpolitik, gab es eine halbe Seite Eisfasching, mit drei schwarzweißen Fotos: Juri Gagarin alias Kasimir, die Seifurt Schwestern beim Schwanensee, Penelope und ich aus der griechischen Vergangenheit. Das volle Gelingen der Eisfläche zeigte sich gleich am nächsten Tag, die Kegler vom Sportverein Traktor veranstalteten die Dorfmeisterschaften im Eisstockschießen, nachher übten die Fußballer Eishockey, mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix kam mit Gitarre untermallte musikalisch Ballettübungen der Seifurtschwestern und der großen Kindergartengruppe. Mama, Frau Weinbein, Pfarrerin Tabea, Penelope, der Schwarze Kater Stanislaus und ich, wir übten mit. 


26. Osterhase

 

In solchen Sachen bin ich ganz schlecht, sagte ich zu Said, davon habe ich keine Ahnung. Das machen nichts! Said nimmt mir den kleinen Zettel wieder ab, setzt sich an meinem Laptop, gibt ein paar Befehle ein, richtet ein mir ein kostenloses Google-Konto ein, mit den Nummern auf dem kleinen Zettel, einem Wlan-Passwort, erklärt er, verbindet Said meine abgeschirmte Welt mit dem Internet. Die ersten Schritte in die digitale Welt unternehmen wir gemeinsam, ruckzuck besuchen wir seine Heimat am Hindukusch, die ganz schön bergig ist und Weintrauben wachsen. Er zeigt mir auch, wie man Reklame ausblendet und wo Argwohn angebracht ist, und man solle nicht alles glauben was man liest, Said versucht vergeblich das richtige Wort. Ich sage: Fingerspitzengefühl. Said nickt und verschwindet. Es mir klar, dass muss ein Arkanum zwischen meinem afghanischen Freund und mir bleiben. Als erstes, google ich das Wort Arkanum. Das gleichzeitig: Geheimnis, Allheilmittel oder Wundermittel, bedeutet. Das schreibe ich mit Bleistift, in meinem Notizblock. Nebenbei entdecke ich Wikipedia das World Wide Web-Lexikon. So verbinde ich die digitale Welt mit Analogie. Das Wort bedeutet Korrespondenz. Als Zehnjähriger, hatte ich acht Bände faschistisches Brockhaus-Lexikon von 1936 und acht Bände sozialistisches Meyers Neues Lexikon von 1958. Mir fiel ein, dass ich vor langer Zeit, die unbefleckte Empfängnis suchte. Die im sozialistischen Mayers Lexikon gar nicht vorkam. Erstaunt stellte ich fest, die faschistische Meinung aus dem faschistischen Brockhaus hat sich in der heutigen digitalen Wikipedia etabliert: Die unbefleckte Empfängnis Marias ist ein verkündetes Dogma der römisch-katholischen Kirche, nach dem die Gottesmutter Maria vor der Erbsünde bewahrt wurde. Damit habe Gott Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins an vor der Sünde bewahrt, weil sie die Mutter Gottes werden sollte. (Wikipedia) Im faschistischen Brockhaus stand nichts anderes. Wohin driftet die Welt? Ich habe Zweifel an der unbefleckten Empfängnis.  Du meine Güte, mein lieber Leser ich wollte nämlich das nächste Kapitel schreiben, damit du erfährst, wie es weiter geht. Aber ich bin völlig durch den Wind. Dieses Internet ist ja unendlich, wie das Universum. Ich muss nur noch den Brief fertiglesen, dann geht das Internet aus und meine Geschichte weiter, versprochen! Ein Brief vom Goethe. Im Brief schwärmt Goethe über einem gargantuesken Speisezettel: Wachteln, Gänse, Truthähnen, Enten, Rebhühner, Schnepfen, Feldhühner, Forellen, Hasen, Wildbret, Hechte, Fasanen, Austern, das erscheint täglich. Nichts von anderem groben Fleisch – nix Schwein, Rind, Kälber, Hammel. Das weiß ich nicht mehr, wie es schmeckt. Armer Goethe denke ich, und ich habe keine Ahnung, wie Schnepfen schmecken. Obgleich es mir schwerfällt, ich schalte das World Wide Web ab. Said bringt mir gargantueske Leber, lässt mich gebratene Leber mit Kartoffelbrei, mit vielen Zwiebeln, essen. Ich könnte auch, eine grotesk große Portion schreiben. Trotz kulinarischer Ablenkung, mein lieber Leser, werde ich mich um eine möglichst lesbare Prosa bemühen, versuchen ordentliche Sätze aneinanderreihen.

Einen zehnten Geburtstag werde ich nie wieder haben, einen solch schönen zehnten Geburtstag schon gar nicht. Fast das ganze Dorf hat gefeiert. Aber nicht alle, Gunnar und sein Freund Ex-Bürgermeister Bau Auf waren immer schon unkontrollierbar, zumal ich erfuhr, das Ex-Bürgermeister Bau Auf von der Partei einen neuen Auftrag hatte, er war jetzt für die staatliche Dorfsicherheit verantwortlich und Gunnar sein Sicherheitsgenosse.  Wahrscheinlich war die Staatssicherheit auf einer Eistanzfläche gefährdet. Jedenfalls wurde in einer Nacht und Nebel Aktion Sand gestreut. Das Sandmännchen war es gewiss nicht, das hätte eher im Sandmännchen Kostüm die Schlittschuhe angezogen. Nach einer Woche war die Eislaufsaison zu Ende. Kasimir zuckte resigniert mit der Schulter, es war nicht frostig genug für eine Sofortreparatur. Besonders sauer reagierte der Kegelverein, der fürs Wochenende die offenen Kreismeisterschaften im Eisstockschießen organisiert hatte.  Sechs auswärtige Mannschaften hatten schon gemeldet. Fast das ganze Dorf, war sich bei den Verdächtigungen einig, aber was wollte man tun. Die dörfliche Staatssicherheit war wichtig und die Eistanzsaison vorbei, dann die Ferien. Am letzten Ferientag, gingen wir mittags in den Deutschen Hof. Familie Weinbein mit Penelope, Irmchen, Steppard, Oma Hilde, Opa Vincent, Mama, Schorsch und Ich. Der Schwarze Kater Stanislaus schaute traurig, als wir loszogen. Ich versprach ihm, etwas vom Schmaus mitzubringen. Ist doch Ehrensache. Wir waren gute Gäste, wir hätte auch jeder, etwas anderes wählen können. Wir schwankten zwischen der Müllerinforelle und dem Steak au four mit gebackenen Kartoffelecken. Wir einigten uns völlig demokratisch auf das Steak mit acht zu zwei Stimmen. Nur Oma Hilde machte sich Sorgen, wegen eventueller zahntechnischer Probleme. Aber das Fleisch war zart. Mein lieber Leser, hast du eigentlich eine Ahnung, wie lecker ein Steak au four, ist?

Es ist ein Schweinesteak mit Würzfleisch und Käse überbacken. Dazu brauchst du zweierlei Schweinefleisch. Schweineschulter für das Würzfleisch, Schweinerücken für das Steak.  Zuerst kochst die Schweineschulter mit Wurzelgemüse, Wacholderbeeren, Salz Pfefferkörnern, Lorbeerlaub, Piment. Mein Tipp für dich, gib das Fleisch ins kochende Wasser, damit sich die Poren schließen und das Fleisch saftig bleibt. Danach das Fleisch in feine Würfel schneiden. Mit Butter, Zwiebel, Mehl eine Mehlschwitze bereiten und mit der passierten Brühe eine cremige Soße bereiten. Eine Liaison aus Sahne, Weißwein und Worcestersauce zugeben. Die Sauce mit dem Fleischwürfeln vermengen. Die Steaks klopfen mit Salz und Pfeffer würzen, mit Mehl bestreuen von beiden Seiten goldbraun anbraten, das Würzfleisch auf die Steaks verteilen, danach mit geriebenen Käse bestreuen und im Backofen goldbraun überbacken. Worcestersauce und eine Zitronenecke gehört unbedingt dazu. Die Kartoffelecken sind auch einfach und zehnmal besser als diese Pommes, die es damals nicht gab. Da es im Februar keine neuen Kartoffeln gibt, gibt es Lagerkartoffeln, Kartoffeln schälen, vierteln mit Salz und Pfeffer bestreue, Butter bestreichen und in der Röhre goldbraun backen. Das Schälen entfällt bei neuen Kartoffeln.

Ich weiß jetzt nicht, wie es dir gerade ergeht, mein lesender Gourmet, mir läuft gerade das Wasser im Mund zusammen.

Der Koch im Deutschen Hof beherrschte sein Handwerk. Er kam zum Tisch, fragte nach dem allgemeinen Wohlgeschmack. Alle klatschten die Hände. Mama und Schorsch dankten, fürs leckere Essen, besprachen bei der Gelegenheit, die bevorstehende Hochzeitsfeier. Der Koch schlug bei der Größe ein Büfett vor, wo sich jeder selbst bedienen könnte, der Deutsche Hof verfüge über Marmorplatten, die Wärme speichern konnten, ich sollte für genügend Spargel sorgen. An einem Tisch auf der anderen Seite wurde es laut, ein Mann fing mächtig an zu röhren, wie ein Hirsch in der Brunftzeit. Schnappte würgend nach Luft. Schorsch und Steppard sprangen auf, sausten durch den Gastraum, schnappten sich den Oberkörper beugten ihn so weit wie möglich vornüber. Schorsch schlug mit der flachen Hand dem Würgenden kräftig zwischen die Schulterblätter. Alsdann machte die Forellengräte keinen Ärger mehr. Ich musste zweimal schauen, wem das Leben gerettet wurde. Ex-Bürgermeister Bau Auf bekam wieder Luft zum Atmen. Opa Vincent äußerte nur, das wäre das dritte Mal, das Schorsch dem Arsch das Leben rettete. Ich möchte das unanständige Wort nicht wiederholen, mein lieber Leser, aber mir fällt dabei eine Begebenheit unzählige Jahre später ein. Ich war auf einem Ersthelferlehrgang und wurde gefragt, was ich denn tun würde, wenn da Einer liegt, der nach Luft schnappt? Ich antwortete, ich schau erstmal, wer da liegt. Dann fuhr die Familie Weinberg mit ihrer zukünftigen Adoptivtochter zum Kinderheim, versprachen alle Hebel zu setzen, das Penelope zur Hochzeit kommt.

Also, mein braver Leser, ich schwöre dir, mit der Fischgräte hat der Zauberstab nichts zu tun. Oder es war jedenfalls keine Absicht. Unser großer Vorsitzende Walter steuerte die Völkerfreundschaft durch Straße von Gibraltar, dem Ärmelkanal, durchs Skagerrak in die heimatliche Eisrinne und war zurück von der internationalen Weltbühne.

Nachher verging die Zeit nicht nach herkömmlichen Maßstäben, es war viel Vorbereitung im Gange. Ich kam zufällig dazu, als die Schneiderin und Mama letzte Nähte am Brautkleid benähten. Ich war sprachlos über so viel Schönheit. Auch ich hatte zu tun, die Spargelzeit rückte näher, und ich brachte die Beete auf Vordermann. Im Dorf geschah viel, die neue Schule war fast fertig. Ich staunte, wie riesige Betonplatten zum Plattenbau gefügt wurden. Auf der Angerwiese stand eine Antonow An-2 ist mit über 18 m Spannweite. Und, wenn sie nicht stand, flog der Doppeldecker über die Felder, bekämpfte den imperialistischen und heimtückischen Kartoffelkäfer. Schorsch und Opa Vincent waren immer noch der altmodischen Ansicht, ein paar Hecken und Singvögel hätten auch gereicht um den vom Westen gesteuerten Angriff der Kartoffelkäfer abzuwehren. Sie glaubten ohnehin nicht an eine Invasion mit amerikanischen Flugzeugen und Kartoffelkäferbomben. Da war Fräulein Seifurt im Heimatkundeunterricht anderer Meinung. Nun ja, es war blühender Sozialismus, hauptsächlich weil der Frühling zum Dorf kam und der Osterhase. Der stand riesengroß auf dem Kirchberg. Eine Gemeinschaftsarbeit on Kasimir, Felix meinem zukünftigen Lieblingslehrer, Pfarrerin Tabea und dem studierten Diplomagronom von der LPG. Kasimir hatte ein Stahlskelett aus alten Eisenstangen zusammengeschweißt. Der LPG-Vorsitzende hatte Stroh geliefert, Felix hatte die Eisenstangen solange mit Stroh umwickelt bis ein Hase mit einem geknickten Ohr neben der Kirche stand. Tabea die geschickte Gazelle hatte eine rote kurze Hose mit marineblauen Hosenträgern genäht. Hinten schaute ein Puschel aus der Hose raus, hatte weißbraune Plastikaugen, aus dem Hasenmund leckte eine rote Zunge und er hatte eine Kiepe auf dem Rücken, gefüllt mit riesigen Eiern aus bunter Alufolie.  

 

Ich weiß nicht, ob es an der neuen Pfarrerin lag, oder am großen Osterhasen es kamen viel mehr Leute als erwartet in die Kirche. Ich hatte in der Christenlehre die Auferweckung Jesu Christi geübt und am dritten Tag nach meiner Kreuzigung erschien ich meinen Jüngern in leiblicher Gestalt. Mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix spielte Klavier, die Jünger sangen:  Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!  Sogar das Strohkamel aus dem Krippenspiel hatte seinen Auftritt. Ein Scheinwerfer erleuchtete meine Auferstehung. Dann geschah ungeheuerliches. Einige Anwesende standen auf und klatschten Beifall, einige schauten sich ungläubig um, dann standen Alle. So eine Ostermesse hatte das Dorf noch nicht erlebt. Es gab auch Leute, die die Sicherheit des Dorfes und des Staates in Gefahr ahnten. Doch davon werde ich erst später berichten, mein aufmerksamer Leser. Ich sah auf einmal Familie Weinbein mit Penelope in der Mitte. Nach der Messe, durften die Kinder des Dorfes den Kirchberg nach kleinen Osternestern absuchen. Penelope und ich suchten auch und fanden eins. Nachher saßen wir alle friedlich in der Diele zu Osterkuchen, Oma Hilde, Opa Vincent, Mama, Schorsch, Irmchen, Steppard, Direktor Weinbein, Frau Weinbein, Penelope, Ich und der Schwarze Kater Stanislaus. Es gab Eierpunch und später Würste vom Grill. Es war schon dunkel als die Sirene aufjaulte, die Feuerwehr tatütata machte. Auf dem Kirchberg loderte ein Feuer. Irgendein Idiot hatte den riesigen Osterhasen angezündet. 


27. Hochzeit

 

Die Abenddämmerung überraschte uns mitten auf dem Friedhof und hatte Märzenschnee im Gepäck. Karl beschleunige seine Schritte, ich konnte trotz trotzigen Frühsportes kaum mithalten, auf der Treppe zur Veranda und der Venus von Milo mit Armen, blieb ich einfach stehen, schnappte nach Luft. Das ist mir peinlich, zumal mir eine Venus zuschaut. Die Venus hieß Aphrodite bei den altertümlichen Griechen, die griechische Göttin der Liebe, der Schönheit, der sinnlichen Begierde, und der Sexualität. Dass weiß ich von Wikipedia, wozu ich das weiß, das weiß ich nicht. Die Venus bestaunte mich eindringlich. Wieso frage ich, schaust du so? Irgendein Witzbold hatte ihr, mit einem Edding, Pupillen gemalt, so gekonnt, dass ich an die großartigen Vorsitzenden vom Zentralkomitee dachte, die früher in allen Schulräumen hingen. So ein Bild hing auch im Standesamt. Wobei ich, mein lieber Leser, mal wieder in den jüngeren Jahren meines Lebens weile, aber das Standesamt muss noch etwas warten im Text.

Kurz nach dem nächtlichen Brandanschlag nahm ich mir den Zauberstab zur Brust, wünschte dem ganzen Dorf viel Wohlbefinden und keine feigen Brandanschläge mehr. Nebenbei kraulte ich dem Schwarzen Kater Stanislaus den Nacken, weil er das mochte. Manchmal agiert der Zauberstab völlig ungewöhnlich. Ich fand es hochgradig interessant, wie sich der Zauberstab meiner Sache annahm.

Kurz nach dem feigen Brandanschlag auf den friedlichen Osterhasen, traf sich mal wieder die Elite vom Dorfsowjet zum Meinungsaustausch in Oma Hildes Küche, man beschloss raffinierte Gegenmaßnahmen. Im nächsten Jahr sollte die Auferstehung mit einen Strohhasenfeuer gefeiert werden. Die Häuser im Dorf sollten Strohosterhasen dekoriert werden, der schönste wird prämiert. Nach der Auferstehung, bei Anbruch der Dunkelheit, sollte ein Umzug durchs Dorf passieren, die Strohhasen eingesammelt und auf dem Kirchberg verbrannt werden. Nur Pfarrerin Tabea hatte heidnische Bedenken. Mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix klärte auf, dass es vor dreihundert Jahren nur Osterlämmer gab, die auch sehr gut schmeckten. Pfarrerin Tabea bedachte ihren Felix mit einem räsonierenden Blick. Die alten Germanen hatten schon Osterfeuer, da gab es noch gar kein Ostern, Osterhasen schon gar nicht. Das Osterhasenfeuer wurde Tradition. Die Tradition gibt es heute noch, mein lieber Leser. Von Nah und Fern strömen Gäste ins Dorf, bestaunen die vielen kreativen Osterhasen, vor den Häusern, werden Zeugen vom Osterhasenumzug zum Kirchberg und trinken beim Osterhasenfeuer Eierlikör aus Waffelbechern. Obwohl kaum noch einer weiß, wie die Sache anfing.

In Oma Hildes Küche gab es damals Eierpunsch für den Dorfsowjet. Jeder im Raum wusste, wer hinter dem Brandanschlag steckte. Aber, aus der Bredouille eine Tradition machen, die ganzen Systeme überlebte, das hat schon was. So war höchstwahrscheinlich Gunnar und der Bau Auf Sicherheitsverantwortliche, Urheber vom Brauch des schönen Osterhasenfeuers. Aber nichts Genaues weiß ich nicht. Der Schwarze Kater sträubte seine Nackenhaare. Vielleicht wurde er vom Ex-Bürgermeister Bau Auf dazu angestiftet, vielleicht war es gar nicht Gunnar. Sondern der Ex-Bürgermeister in persona. Gunnars Mutter bekräftigte jedenfalls beharrlich, dass Gunnar in der Osternacht zu Hause war. Warum sollte sie lügen? Dann tagte der Dorfsowjet über den Fünfjahresplan zur Förderung der Landwirtschaft und zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, sowie der weiteren Erhöhung des Lebensstandards. Es war damals so, alle Küchenbeschlüsse passierten den Gemeinderat, ganz ohne Bedarf an autoritären Herrschern. Wenn es in den Fünfjahresplan passte, war es gut, das andere wurde passend gemacht. Opa Vincent hatte Bedenken wegen dem Doppeldecker Antonow AN 2 und den Singvögeln. Die allgemeine Meinung war, es finden moderne Zeiten statt, Singvögel seien nicht relevant für den blühenden Sozialismus. Der Schwarze Kater Stanislaus schaute misstrauisch.

Tage später geschah der Polterabend, mit allerlei kaputtem Geschirr. In der Torfahrt stand ein Sägebock mit einem kolossalen Bierfass. Es gab Fassbrause, Biertische, Bratwürste, Schmalzstullen und Musik vom Plattenspieler. Die bunten Girlanden von der Eistanzfläche, leuchteten den ganzen Hof in bunte Farben.  Familie Weinbein samt Penelope erschien zu meiner Freude und das halbe Dorf. Als Steppard die Knef auflegte, sang Mama mit strahlendem Gesicht: Für mich soll's rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen. Schorsch nahm Mama in die Arme und sie tanzten los, Oma Hilde, Opa Vincent, Penelope und ich folgten dem Beispiel. Bald tanzte die Hälfte des halben Dorfes. Pünktlich zum Feierabend, waren hundert Liter Bier alle und der Sägebock brauchte nicht mehr so schwer tragen. Sogar die Beatles halfen bei der Musik. I need somebody, help not just anybody!

Am nächsten Morgen hatte ich Arbeit, die letzte Tönung der Nacht beleuchtete ich mit einer Narva-NVA -Artas-Taschenlampe, hängte diese um den Hals und begann Spargel zu stechen. Nach fünf Spargelstichen musste ich die Flachbatterie wechseln, die Alte fing schon an auszulaufen. Drei Tage hatte ich gesammelt und stolze achtzehn Kilo gestochen. Zur Freude des Koches im Deutschen Hof, überreichte ich noch zwei Spargelschäler, die ich mit Steppard aus alten Rasierhobeln und neuen Rasierklingen gebastelt hatte. Eigentlich hatte nur Steppard gebastelt und ich nur achtsam geguckt. Auf dem Rückweg kam mir Steppard entgegen und rollte das riesige Bierfass vor sich her. Irmchen wollte mir beim Ankleiden helfen, war aber nicht mit meinen ernteschwarzen Fingernägeln einverstanden. Einem Totengräber wollte sie nicht helfen. Ein Spargelgräber bin ich, trotzte ich. Also schrubbte und feilte ich die Fingerspitzen. In der Torfahrt stand mein altbekannter Maulwurf RS 09, Mama fegte und Schorsch schaufelte den riesigen Berg zerschlagenes Porzellan auf die Ladefläche. Mein zukünftiger Lieblingslehrer Felix tauchte auf und schleppte den Sägebock von dannen. Familie Weinbein und Penelope kamen im geschmückten DKW F 9, Steppard kam, ich glaubte es nicht, er trug einen dunklen Anzug mit Fliege, Irmchen trug ein sehr weißes Kleid, sah wie eine Braut aus. Penelope war auch sehr hübsch anzusehen, ihre blonden Haare waren gewachsen und mit Blumen geschmückt. Jetzt kapierte ich, da war eine Doppelhochzeit im Gange Mama und Schorsch stiegen in ein geschmücktes Taxi, eine Wolgalimousine M 21. Irmchen und Steppard stiegen in den DKW F 9, Opa Vincent, Oma Hilde, Penelope und ich in unseren Kugelporsche Trabant 500 und fuhren in die Stadt zum Standesamt. Dort schaute Staatsvorsitzende Walter, von der Wand hinter der Standesbeamtin, achtete sehr genau, ob die wichtigsten Fragen richtig beantwortet werden. Erst heirateten Irmchen und Steppard, Mama und Schorsch waren Trauzeugen. Dann war es umgedreht und alle waren verheiratet. Alle hatten JA gesagt. Oma Hilde weinte, Opa Vincent hielt Händchen. Penelope und ich hielten auch Händchen, genau wie Familie Weinbein. Nur unser lieber Walter starte alle an, völlig unbeeindruckt. Dann war der amtliche Teil vorbei, dann begann die richtige Hochzeit. Was für eine Pracht? Blauer Himmel die Sonne lachte, ließ zwei prächtige Kutschen glitzern. In der Torfahrt gab es einen kleinen Imbiss, der Deutsche Hof hatte Bemmchen geschmiert, schöpften eine Gemüsesuppe aus einem großen Topf. Die Schüsseln kannte ich aus der Essensküche. Dann kamen noch vier Pferde mit Birkenlaub geschmückten Planwagen ohne Plane, aber voller Kinder und den Seifurtschwestern, die den Weg zum Altar in ein Blumenmeer verwandelten. Nicht Walter, Christus war nun Zeuge, als Bräute und Bräutigams die wichtigste Frage mit JA beantworteten. So eine Hochzeit geschieht in der Kirche viel andachtsvoller. Mein zukünftiger Lieblingslehrer spielte Klavier und die Kinder sangen: Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf!  Vor der Kirche flatterten weiße Tauben, Friedenstauben in den blauen Himmel, wartete der Sägebock mit einem Baumstamm und einer Zweimannsäge. 

Mein lieber Leser, das war die schönste Hochzeit, die ich je erleben durfte. Im festlich geschmückten Saal vom Deutschen Hof, gab es Kaffee und Kuchen VOM Büfett. Abends gab es Hochzeitssuppe mit Fleischklößchen, Rinderbraten mit Klößen und Rotkohl, gegrillte Hähnchenkeulen mit Letscho und Gemüsereis, kleine Schnitzel mit Spargelgemüse und neuen Kartoffeln. Alles sehr klein gehalten, dass wir von allen probieren konnten. Die Idee mit dem warmen Büfett war gut. Dann gab es noch Erdbeeren mit Vanillesoße, und gekonnte Zitronencreme. Ein Klassiker!

Für die Zitronencreme musst du, mein lukullischer Leser, Gelatine in kaltem Wasser einweichen. Zitronen heiß waschen, trocken tupfen, die Schale fein abrubbeln und den Saft auspressen. Dann darfst du Eier trennen und die Eigelbe mit dem Zitronensaft, der gerubbelten Zitronenschale und dem Zucker über einem heißen Wasserbad cremig aufschlagen. Die ausgedrückte Gelatine unterrühren, alles abkühlen lassen. Die Sahne und das Eiklar jeweils steif schlagen und erst die Sahne, dann den Eischnee unter die abgekühlte Creme heben. In Weingläser füllen und eine Nacht kaltstellen. Mit Minze dekorieren und servieren. Ich glaube, der Koch hier, in der psycho-somatischen Hustenburg, wäre völlig überfordert. Nach der Zitronencreme, spielte die Welsbach Combo zum Tanz auf. Wir tanzten bis mitten in die Nacht.

 

Welch Freude, Maria Magdalena ist aus dem polnischen Urlaub zurück. 


28. Der kleine Trompeter

 

Und alle sind meine Lieblingslieder, Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar besingt den Frühling, der sich gerade durch meine Blutbahnen windet. Auf dem Weg zu meinem Herzen. Die Balustrade leuchtet orange, mit der Sonne um die Wette. Maria Magdalena, zieht ab die Verbrauchte, zieht auf die frische Bettwäsche. Das gefällt mir. Said ist auch da, hilft beim Auf- und Abziehen und beim Schütteln. Du siehst mein lieber Leser, ich habe es gut. Aber mein Gaumen leidet fürchterlich, es ist Frühling, da müsste gespargelt werden. Ich denke dabei an die Seifurtschwestern. Ihr Spargelsalat mit frischen Erdbeeren und ihrer französischen Senfsalatsoße. Kaum sind die fleißigen Bettenbauer verschwunden, hole ich den kleinen Wasserkocher aus dem Versteck hinter den Büchern. Bald duftet der Kaffee. Ich fahre den Laptop hoch und nehme dich wieder mit in meine verzauberte Vergangenheit.

Nach der filmreifen Hochzeit ging der Frühling weiter, meine Spargelsaison verlief so erfolgreich, dass der diplomierte Landwirt und LPG-Chef über Spargel im großen Stil nachdachte. Es blieb beim Nachdenken, die Partei und der Fünfjahrplan hielten Spargel für die Versorgung der fleißigen Bevölkerung, nicht für relevant. Kartoffeln, Weizen, Gerste, Mais ist macht mehr satt. Übrigens Kartoffeln! Irgendwann saß ich unter dem greisen Weidenbaum am Welsbach und schaute ins Wasser. Ich schaute vergeblich, es gab keine Stichlinge mehr, auch flatterten keine Schmetterlinge. Opa Vincent sagte nur, blödes Flugzeug. Er war der Meinung, das versprühte Kartoffelkäfergift, hätte auch den Welsbach vergiftet und damit die Stichlinge. Ich fragte im Heimatkundeunterricht nach. Fräulein Seifurt erklärte, der blühende Sozialismus könnte verschwundene Stichlinge verkraften aber eine Kartoffelkäferplage nicht. Ich glaube, sie glaubte sich selbst nicht. Beim nächsten Elitetreffen vom Dorfsowjet sprach ich das Thema an. Der studierte Bauer und LPG-Vorsitzende, beteuerte, dass er schnellstmöglich wieder Heckenpflanzen würde, aber die Partei und der Fünfjahrplan, können keine Hecken und Singvögel gebrauchen. Hecken bedeuteten, erklärte er, zehn Prozent weniger Acker. Zehn Prozent weniger Kartoffeln würde der erblühende Sozialismus nicht verkraften, außerdem wären die großen Erntemaschinen mit kleineren Flächen nicht einverstanden. Ich will ja nicht an großen Ideen zweifeln. An einigen Stellen, begann der blühende Sozialismus an, zu welken. Aber es folgten große Angelegenheiten, an der neuen POS wurde Richtfest gefeiert, gleichzeitig wurde ein Plattenbau für Lehrerwohnungen gebaut und die Essensküche erweitert. Am Johannistag beendete ich die Spargelsaison und ließ den Spargel in den Himmel sprießen, dachte über eine Erweiterung nach. Die Eierelse riet davon ab, meinte der Stasimann, meinte sicher den EX-Bürgermeister Bau Auf! Der hätte sich mehrfach für meinen Spargel interessiert, ohne welchen zu kaufen. Man soll nichts schlimmes ahnen. Mama überraschte mich, bisher hatte ich fast allen finanziellen Spargelerntegewinn an Mama abgerechnet. Was ich nicht wusste, sie hat jeden Pfennig auf einem Sparbuch für mich gespart, sogar die Zinsen. Ich war fast reich!  Das Leben wurde älter, Herr Weinbein war nicht mehr mein Direktor, blieb aber bis zur Rente in der Grundschule und es gab Zeugnisse. Vier Einsen, der Rest Zweien und keine Vier. Der Schwarze Kater Stanislaus schaute ganz stolz auf mich, ich schaute stolz zurück. Mama, Schorsch, Oma Hilde, Opa Vincent, Irmchen, Steppard fanden die Noten gut. Irmchen sagte Streber zu mir. Gunnar wurde mal wieder Dorftratsch, beim Abschluss Appell, bezeichnete er die Lehrer als verwerfliche Verbrecherbande, weil er zum zweiten Mal nicht versetzt wurde. Ja, das Schönste aber, Penelope war da. Penelope zog ins alte Beninsky Haus zu Familie Weinbein, ihrem neuen Zu Hause. In den Ferien fuhren wir ans Oderhaff ins Ferienlager, nach Eggesin, wir zelteten am Peene Strom, besuchten Polen und hatten Familie Weinbein als Aufpasser dabei. Mit Nachtwanderung, Lagerfeuer und Floßtour auf der Randow. Danach machten wir Urlaub in Born am Bodden. Familie Weinbein, Penelope, Mama, Schorsch und Ich. Dieses Mal sogar mit einen Segeltörn auf dem Bodden, wir bestückten den Weststrand mit einer riesigen Strandburg, schleckten Eis im Dünenhaus, sahen die Petroleum Miezen, Brigitte Bardot und Claudia Cardinale im Zeltkino.  In Prerow wurde gerade ein Film gedreht, Robinson Crusoe, es standen Palmen am weißen Karibikstrand. Es waren schöne Ferien. Nur der Schwarze Kater Stanislaus war traurig, weil wir so lange nicht da waren. Die Grünlilie hatte viele Kinder bekommen.

Dann wurde vieles anders, mit großem Tamtam wurde die polytechnische Oberschule eingeweiht, die noch nicht ganz fertig war. Im Treppenhaus fehlten die Geländer und auf der Toilette wurden noch tschechischen Pissoirs installiert. Wir durften die Pippirinne, in der Essensküche oder in der alten Schule benutzen. Beim großen Fahnenappell, sangen wir das Lied vom kleinen Trompeter. Wir saßen fröhlich beisammen in einer stürmischen Nacht. Mit seinen Freiheitsliedern hat er uns fröhlich gemacht. In allen Klassenräumen überwachte, der großartige Vorsitzende Walter, wie wir mit den neuen Fächern, Biologie, Geografie, Geschichte, Physik, Staatsbürgerkunde und Russisch zurechtkamen.  Der neue Direktor, war für Penelope ein alter Bekannter. In der Stadtschule war Herr Baumann Lehrer. Nun wurde er Direktor, mit viel Beton in der neuen Plattenbauwohnung. Felix wurde mein Lieblingslehrer, er kannte sich gut in Geografie und Geschichte aus und war musikalisch im Musikunterricht. Es gab auch außerschulische Angebote in der Schule, das nannte sich Arbeitsgemeinschaft, kurz AG genannt. Ich trug mich in die AG Schach ein, Penelope entschied sich für die AG Singeklub. Es gab auch eine AG, die nannte sich Agitation und Propaganda, die AG durfte die Wandzeitungen auf den Fluren gestalten, aber so richtig freiwillig wollte da keiner rein. So wurde ich nicht ganz freiwillig Agitator für die Propaganda, was schließlich einem Hilfsdienst vom Zauberstab brauchte. Dazu, muss ich dir, mein politisch wissbegieriger Leser anvertrauen, wer diese Arbeitsgemeinschaft leitete.  Ex-Bürgermeister Bau Auf und neuer Vorsitzender der SED-Ortsparteileitung. Ich musste mit Gunnars besten Freund agitieren. Die erste Wandzeitung schuf ich mit Penelopes, Mamas und Opa Vincents Hilfe. Es war vielleicht nicht ganz die erwünschte Wandzeitung, aber sie schaffte es bis in den Eingangsbereich der neuer POS. Es ging um geraubte Jugend, rechte Gewalt, es ging um den kleinen Trompeter. Aber es wurde aus dem Bürstenbinder, ein Opfer, das bei den Kommunisten zum toten Helden wurde. Der Hornist im Roten Frontkämpferbund, wurde bei einer Wahlkampfveranstaltung, von der Polizei erschossen. Im großzügigen Treppenhaus stand eine trompetende Bildhauerei vom kleinen Fritz aus Halle und blickte auf die Wandzeitung. Nach Agitprop und Schach stieg ich mit Penelope den Kirschberg hoch zum Pfarrhaus, zur Christenlehre und sah die Welt aus völlig anderem Blickwinkel. Nicht, dass ich plötzlich an die unbefleckte Empfängnis glaubte. Auch Penelope, sogar Pfarrerin Tabea hatten manche Zweifel, redete von Evolution, von Dinosauriern, aber auch vom festen Glauben an Gott. Ich wusste, dass geht nicht ewig gut. Abends streichelte ich abwechselnd den Schwarzen Kater Stanislaus und den Zauberstab. Der Schwarze Kater Stanislaus schnurrte behaglich, der Zauberstab dachte lange über die Sache nach. Die Lösung die er nach reiflicher Überlegung fand, fand ich auch sehr ungewöhnlich.  

 


29. Feueralarm

 

Ich sehe deine kritisch angehobene Augenbraue buchstäblich vor mir. Unbegreifliches durchreiste die Welt. Albanien erklärt sich zum ersten glaubenslosen Staat der Welt. Für den großen Atheismus wurde m blühenden Sozialismus wurde frenetisch Beifall geklatscht, im fernen Wladiwostok, im fernen Kreml, genau wie in unserem Dorf. Immer fand sich jemand der Beifall klatschte. Allen voran die wegweisenden Vorsitzenden, der sowjetische Leonid und sein Freund Walter und unser hochgeschätzter Ex-Bürgermeister Bau Auf. Gut möglich, dass mein Zauberstab dabei die Orientierung bewahrte, auch wenn er tausende Kilometer Umweg in Kauf nahm. Aber, es ist völlig irrelevant für das damalige Dorfleben. Der Zauberstab gebrauchte wirkliches Fingerspitzengefühl, um sich der Sache anzunehmen und ging dabei über Leichen.

Wenn man in der sowjetischen Bildung sehr gut war, konnte man Klassen überspringen, man sollte dabei nicht stolpern.  In der Parteihochschule der KPdSU Wladimir Iljitsch Lenin in der Dimitroff Uliza in Sichtweite vom Kreml, auf der anderen Seite der Moskwa, begann gerade ein neues Schuljahr. Martina Schönemann, studierte gerade ihr erstes Semester marxistisch-leninistische Staatsbürgerkunde und unverbrüchliche Freundschaft zwischen unserem blühenden Sozialismus und dem sowjetischen Sozialismus, als ihr ein Missgeschick passierte. Mehrere Sto Gramm am frühen Morgen, eine Wodkaverkostung mit Studienkollegen zum Wohle der Völkerfreundschaft ist Schwerstarbeit. Sie durfte sich keine Zeit lassen, wie beim Wein, weil sie sonst ihre Zunge verätzte. Zack rein. Odin, dwa, try, chityrie. Offenkundlich brauchte Martina Schönemann plötzlich einen Hauch frische Luft, stolperte über ihre eigenen Beine, stürzte förmlich die Freitreppe herunter, tanzte den sowjetischen Nationaltanz Beroezka, sprang in die Moskwa und ertrank.

Mein lieber Leser, ob es haarklein so passierte, lässt sich mit bestem Willen nicht mehr nachprüfen. So oder so ähnlich, oder völlig anders, durfte es passiert sein. Vielleicht, hatte Martina in der Moskwa einen Tataren kennengelernt, schwamm mit ihm in die hinterste Ecke des Uralgebirges, lebte in einer Holzhütte und hütete Rentiere. Wenn sie nicht ertrunken ist, hütet sie höchstwahrscheinlich heute noch. In solch Landschaften wissen manche nichts von Glasnost und Perestroika. Was auch immer passiert war, ein Studienplatz wurde frei, vielleicht auch ganz ohne Alkoholtote. Unsere Botschaft in Moskau war sehr traurig und suchte hurtig einen trinkfesten Nachfolger, telefonierte wichtige Telefonate. Am Marx-Engels-Platz in Berlin, arbeitete Staatssekretärin Margitta, suchte etliche Personalakten, stapelte sie auf dem Schreibtisch. Frische Luft ist immer gut, sie öffnete das Fenster. Frische Luft ist immer gut. Der Minister für auswärtige Angelegenheiten Otto, liebte auch frische Luft öffnete die Tür zur Querlüftung. Zirka zweihundert Personalakten wirbelten durch die Luft. Eine klatschte Außenminister Otto auf die Nase. Er nahm die Akte, schaute kurz drauf, schaute auf verstreute Personalakten: Den nehmen wir!  So wurden damals Studienplätze an der Parteihochschule der KPdSU Wladimir Iljitsch Lenin in der Dimitroff Uliza in Moskau vergeben.  So oder so durfte es gewesen sein, mein vorurteilsfreier Leser. Ich klappe den Laptop zu.

Maria Magdalena hatte in der Früh vom Bett die Bettwäsche abgezogen und neue aufgezogen und ich hatte ein Problem, das ich nur mit Maria Magdalena klären konnte, ich gab ihr meine Kreditkarte und eine geheime Zahl. Maria Magdalena nickte verständnisvoll, ließ mich aber fast zwei Stunden warten, bis sie mit Rondo-Kaffee und Kontoauszügen wieder auftauchte. Rondo war im Angebot. Und? Mein erster Kaffee im Leben war auch ein Rondo-Kaffee aus der volkseigenen Kaffeerösterei Röstfein. Ich liebte den Geruch, wenn im Konsum alles nach frisch gemahlenen Kaffee roch. Am Ausgang, nach der Kasse standen die duftverbreitenden Kaffeemahlmaschinen. Ich weiß noch mein lieber Leser, hundertfünfundzwanzig Gramm Rondo-Kaffee kosteten stolze Acht Mark und fünfundsiebzig Pfennige. Oma Hilde mischte meistens etwas Malzkaffee unter. Einige Minuten später, kochte im Wasserkocher das Wasser, brühte ich einen armenischen Kaffee. Ich beschnupperte die Tasse, nein, wie im Konsum duftete der aktuelle Rondo-Kaffee nicht. Aber ich will dich nicht, mein wacher Leser, mit Kaffee ermüden. Mein Geist aber, ging unleugbar beim ersten Schluck Kaffee, ging in ein allmähliches Dahinfließen über, brachte mich fast in meditative Stimmung. Ich fuhr den Laptop hoch, fing an zu schreiben.

Unbeeindruckt vom Geschehen in Moskau und Berlin, ging der Ablauf meiner Kindheit weiter. Mein Lieblingslehrer Felix dozierte an der Weltkarte, dass es zirka zweihundert Länder auf der Welt gibt. Bald wusste ich fast alle Hauptstädte dieser Länder, sogar die Hauptstadt von Obervolta, die den schönen Namen Ouagadougou trägt. Im Übrigen heißt die Hauptstadt noch immer so, nur das Land hat sich geändert. Ouagadougou ist jetzt die Hauptstadt von Burkina Faso. Mein Lieblingslehrer Felix, gründete die AG Märchentheater und hatte auch die Idee mit dem Hurleburlebutz, trug mir sogar die Prinzenrolle an. Der Prinz sollte erst eine weiße verzauberte Taube sein und kopflos werden, bevor er in der Prinzenrolle aufging. Penelope spielte die Königstochter. Wir probten, und erbauten Kulissen. Mein Lieblingslehrer Felix knipste mit seiner Spiegelreflexkamera Praktika VLC 2 M 42 vom volkseigenen Betrieb Pentacon, einige Filme voll, die er mit in die Dunkelkammer nahm. Mit den Fotos gestaltete ich die nächste Wandzeitung, machte Werbung für die Arbeitsgemeinschaft Märchentheater. Mein Chefagitator Ex-Bürgermeister Bau Auf tobte, Gebrüder Grimm her oder hin, junge Mädchen die den Hurleburlebutz reiten, die einen buschigen Fuchsschwanz reiten, so etwas verträgt der blühende Sozialismus gar nicht. Er brachte das geplante Theaterprojekt fast zum Scheitern. Er wollte lieber die guten Taten von Timurs Truppe, auf der Bühne sehen. Soweit waren wir im Lehrplan noch nicht, wir durften gerade in Literatur die Reise nach Sundevit lesen, über Tim, der als Sohn eines Leuchtturmwärters ein recht einsames Leben führt, ist glücklich, als Thälmannpioniere ihre Zelte am Leuchtturm aufschlagen. Es entstehen Freundschaften und er darf mit ihnen nach Sundevit fahren, um dort die Ferien zu verbringen. Vor der Reise muss er für seinen Vater, dem Leuchtturmwärter noch einmal in die Stadt. Unterwegs trifft er immer wieder auf Menschen, die seine Hilfe brauchen. Er hilft, obwohl ihm die Zeit davonläuft. Endlich zurück, sind die Pioniere weg. Tim reist ihnen nach und gerät dabei durch Unvorsichtigkeit in Gefahr und wird von der Polizei verhaftet. Als er seine Geschichte erzählt, finden sich Menschen, die ihm jetzt helfen. So erreicht er Sundevit und seine Freunde doch noch. Eine schöne Geschichte, nur habe ich bis heute keine Ahnung wo Sundevit seien könnte, bestimmt an der Ostsee, aber wo? Und schließlich kam alles anders.

Es begann mit einem Feueralarm. Die Sirene heulte! Die Feuerwehrleute gestalteten die Übung sehr real, zündeten im Treppenhaus einige Raucherzeuger an, hüllten Gänge und Treppen in dichten Qualm.  Ich ergriff Penelope an der Hand und marschierte mit Penelope im Schlepptau in den Qualm. Mit Mühe fanden wir Notausgang und Feuertreppe. Feuerwehrmänner mit Gasmasken passten auf uns auf und nahmen uns an der Treppe in Empfang. Es war nur Manöver, aber nicht nur ich hatte weiche Knie, als wir die Feuertreppe hinuntertreppten. Auch in der betagten Grundschule quoll Qualm aus den Fenstern. Unter Führung von Ex-Direktor Weinbein und Mama, schritten vier Grundschulklassen geordnet aus dem qualmenden Inferno, zum großen Appellplatz. Beim Nachzählen fiel auf, einer fehlte. Als die dritte Klasse evakuiert wurde, sah Gunnar nicht so richtig durch. Er verwechselte die Treppe, kletterte die Bodentreppe hinauf, wo der Rauch etwas dichter ist, schaffte aber die Leiter für den Schornsteinfeger, konnte die Dachluke öffnen, kletterte in die frische Luft. Anschließend saß er im Reitersitz auf dem Dachgiebel, lehnte mit dem Rücken am Schornstein und winkte. Das Feuerwehrauto IFA N7 DL30 fuhr die Drehleiter mit zwei Feierwehrmännern aus, und Gunnar wurde gerettet. Wir klatschten Beifall für die Feuerwehr und sangen: Tatütata, tatütata, tatü, tatü, tatütata die Feuerwehr ist da. Da wir alle auf dem Appellplatz versammelt waren, gab es sogleich einen Fahnenappell, obwohl das komplett komisch war. Keiner der Schüler, hatte ein Pionierhemd oder FDJ-Hemd an. Nur Ex-Bürgermeister Bau Auf hatte wie immer ein blaues FDJ-Hemd an, wahrscheinlich hatte er kein anderes.  

 

Wichtige Funktionäre von der Leitung des Kreises waren zu Besuch und lobten die Feuerwehr, lobten die Lehrer, lobten uns die Schüler für den gelungenen Feueralarm, dann lobte sie den heldenhaften Kampf des vietnamesischen Volkes gegen die aggressive imperialistische und amerikanische Aggression in Vietnam, dann wurde der Tod unseres geliebten kubanischen Freiheitskämpfer Ernesto Che bedauert, der im bolivianischen Dschungel mit Machete und Kalaschnikow, für blühenden Sozialismus kämpfte, dann lobten sie auch EX-Bürgermeister Bau Auf, für seine Linientreue, seine Standhaftigkeit im Kampf für Frieden und Sozialismus! Ich spitzte die Ohren, dachte an meinen Zauberstab und wollte es kaum glauben. Der hochgradige Kreisparteivorsitzende dankte ihm, mit einem hochdotierten Stipendium für die Parteihochschule der KPdSU Wladimir Iljitsch Lenin in Moskau. Wir klatschten begeistert Beifall, sangen das Lied vom kleinen Trompeter, der bekanntlich, auch sehr standhaft den Heldentod erlebte und dabei ums Leben kam. Von all unsern Kameraden, war keiner so lieb und so gut!  Passt!


30. Hurleburlebutz

 

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Es ist früher Morgen, sozusagen mitten in der Dunkelheit. Ich hatte das letzte Kapitel noch einmal gelesen, stand nun am Fenster beachtete die Sterne am Himmelsgewölbe, blitzartig stürzte ein Meteoroid mit rasender Geschwindigkeit durch die Erdatmosphäre, drückte Luftmoleküle zusammen. Die Moleküle wurden sehr, sehr heiß, so heiß, dass der Meteorit in der erhitzen Luft verglühte. Er hinterließ eine leuchtende Spur und versank in der Vergänglichkeit. Da stand ich nun, wusste nicht wem ich alles erzählen sollte. Said und Maria Magdalena verstehen nicht, Karl interessiert es nicht, so bleibst nur du übrig, du darfst mein Wirrwarr an Gedanken ertragen. Eine Sternschnuppe sollte ein gutes Zeichen sein. Und, darum geht es! Ich sah Ex-Bürgermeister Bau Auf viele Jahre nicht, bis zu jener berühmten Pressekonferenz. Als Ex-Bürgermeister Bau Auf seinem Freud Günter Schabowski einen Zettel reichte und nebenbei die Mauer einriss. Ich konnte damals nicht ahnen, wer damals alles auf der Parteihochschule der KPdSU Wladimir Iljitsch Lenin in Moskau tummelte. Ex-Bürgermeister Bau Auf wurde Freund und der Banknachbar von Günter Schabowski und später die linke Hand vom Berliner Parteichef. Die beiden meisterten die Aufnahmeprüfung mit Bravour. Ex-Bürgermeister Bau Auf schaffte sogar sechs Sto Gramm Wodka in Folge, Herr Schabowski nur Vier. Hundert Gramm hochprozentiger Moskovskaya, adin, dva, tri, chityrie, piatj, schhest, zack und weg, na zdorovye. Nach der Wodkaverkostung begannen eindrucksvolle politische Karieren, die auf ebenjener Pressekonferenz in der Berliner Mohrenstraße ein Ende fand. Ich weiß jetzt nicht wie ich das Gedankenwirrwarr zusammenfassen kann, irgendwie war mein Zauberstab an Mauerbau und Mauerfall beteiligt. Man könnte es jedenfalls annehmen. Aber soweit ist die Geschichte noch nicht. Ich brühe einen Rondo-Kaffee in die armenische Tasse, schaue in den Nachthimmel, der schlagartig mehr Sterne hat als sonst. Als ich den Kopf senke, ist das Lichtermeer der Stadt verschwunden. Ich drücke den Lichtknopf neben der Tür. Opa Vincent fällt mir ein, Schweine die den Strom abgestellt haben! Hat der Meteorit das Elektrizitätswerk getroffen? Es dauerte ein Weilchen bis einige und dann alle Lichter wieder leuchten. Nur der Bildschirm blieb dunkel. Upps dachte ich, nach dem Hochfahren, wo ist das dreißigste Kapitel hin? Einfach verschwunden, ich suche in der Speicherplatte jeden Winkel ab. Dann muss ich wohl oder übel, das Kapitel noch einmal schreiben. Dabei überkommt mich der Gedanke, als würde ich einen sehr umfangreichen, kompliziert verschachtelten Roman schreiben, dessen Handlungszeilen erst im Schlussteil zusammenfinden. Kommst du überhaupt noch mit? Einmal jetzt, einmal damals und nun auch noch zwischendurch. Entschuldige lieber Leser, ich werde den Mauerfall erst wieder erwähnen, wenn er dran ist. Mittlerweile wird es hell. Said bringt das Frühstück, vielleicht kann ich noch etwas über das Essen meckern. Das Frühstück war wie immer nicht erwähnenswert. Vom Internet erfuhr ich der einzige Sohn von Arkadi Gaidar heißt Timur Gaidar, was das Internet alles so weiß.

Damals, in der Bücherstube, im Rathaus, fand ich ein Buch von Arkadi Petrowitsch Gaidar, Timur und sein Trupp. Es gefiel mir und las es in einen Ritt durch. Da wusste ich noch nicht, dass Timur in der Schule irgendwann Pflichtlektüre wurde. Wir könnten Timur in der Theater-AG spielen aber dann wären wir kein Märchentheater mehr. Mein Lieblingslehrer Felix wollte Timur, für die nächste Theatersaison, ins Auge fassen.  Eventuell, aber er dachte laut, an Einem, der auszog das Fürchten zu lernen.

Was ich doof fand, in der neuen Schule gab es keine festen Klassenzimmer, an sich schon, nur fand der Unterricht oft anderswo statt. Physik war im Physikraum, Chemie im Chemieraum und Musik im Musikzimmer mit Klavier, Biologie hatten wir auch im Chemieraum, Sport hatten wir in der Turnhalle und zum Schwimmen fuhren wir Bus. Ach ja, Werken hatten wir in der Werkstadt. Unsere Klassenlehrerin Fräulein Goldmann, hieß Beate kam frisch vom Lehrerinstitut in Dreißigacker. Deutsch, Russisch, Nadelarbeit, Mathematik, Staatsbürgerkunde, Erdkunde und Geschichte war im Klassenzimmer. Was ich noch sehr doof fand, durch die vielen Schüler aus anderen Dörfern, gab es zwei Klassen. Ich war in der Fünf B und Penelope in der Fünf A, wir verbrachten nur Hofpausen und die Märchentheater-AG gemeinsam.  Der Deutschunterricht war unterteilt in Literatur und grammatikalische Orthografie. Literatur, Musik, Geschichte und Erdkunde war Sache von Felix meinem Lieblingslehrer. Das andere Deutsch machte Fräulein Goldmann, auch Nadelarbeit, Russisch und Biologie. Fürs Werken gab es keinen Lehrer, das machte Kasimir als Nebenjob und Lehrmeister. Von ihm lernte ich, wie ich Messer scharf bekomme. Herr Schütten warf hin und wieder in Chemie oder Physik mit dem Schlüsselbund nach Schülern, die nicht bei der Sache waren. Im Sportunterricht und Mathematik ertüchtigte uns Herr Fabig. Fast hätte ich es vergessen, von Ostern bis zum Tag der Republik im Oktober gab es keine Nadelarbeit, sondern Schulgarten. Das machte auch Fräulein Goldmann, die einen Spaten von einer Schaufel nicht unterscheiden konnte. In Wirklichkeit war der Schulgarten kein Schulgarten, sondern ein Stück verwilderte Wiese. Das Fach war schließlich neu im Dorf und Fräulein Goldmann hatte keinen Plan. Gut, dass sie mich hatte, ich ging hinüber zur Essensküche, erörterte mit Steppard das Problem und die Essensküche verfügte über ein Telefon. Wenig später tauchte der altbekannte Maulwurf RS 09 auf, mit dem diplomierten LPG-Vorsitzenden als Traktoristen. Eine Viertelstunde später war die Wildnis geackert und geeggt und große Hofpause. Fräulein Goldmanns Gedanken schwankten zwischen Begeisterung und was nun? Sie fragte mich, was sie mit der A-Klasse im Schulgarten wollte. Kasimir stand gerade mit Ex-Direktor Weinbein vor der Werkstatt. Ich nahm die Lehrerin ins Schlepptau, wir diskutierten kurz an der Sache. Kasimir erklärte sich bereit, mit der Fünf B aus Zaunpfählen und Maschendraht einen Komposthaufen zu bauen, da sollte alles rein was nach Gras und Gestrüpp aussah, das reichlich auf den frischgeackerten Acker rumlag. Das klingt nach einem Plan, dachte Fräulein Goldmann.

Schach und Märchentheater spielten wir in der betagten Aula in der Grundschule. Mein Lieblingslehrer Felix leitete beide AG’s. AG hieß Arbeitsgemeinschaft, nur damit du nicht an Aktien denkst. Aktien braucht unser Schulwesen nicht, aber die AG-Märchentheater. Dem Hurleburlebutz stand nichts mehr im Wege, nur mit den tierischen Figuren gab es Schwierigkeiten. Mein Lieblingslehrer Felix und Ex-Direktor Weinbein fuhren mit dem DKW-F 9 in die große Stadt, mit Straßenbahn und Hustenburg, ans Theater, kamen tatsächlich mit einer Fuchsverkleidung zurück. Den Fuchs musste ein Erwachsener spielen. Erstens hatte der Fuchs Übergröße 8XL und eine Kuhhirtstochter, einer Gänsehirtstochter, eine Königstochter sollten den Fuchs reiten. Schwerstarbeit. Im Märchen sollten die Mädchen den Fuchsschwanz, den Hurleburlebutz reiten. So eng sahen wir das aber nicht, aber Kasimir verstärkte mit Draht den Hurleburlebutz, damit er wenigstens aufrecht wackelte. Das mit der kopflosen weißen Taube nahmen wir auch nicht so wortgetreu den Gebrüdern Grimm ab. Jedenfalls durften drei Friedenstauben durch die Aula flattern und das Fenster zur Freiheit finden. Es waren Drei von den Hochzeitstauben. Es brauchte nur eine Probe und die Tauben flogen ihre Theaterprobe perfekt, flatterten ohne Umwege einmal quer durch die Aula, zum Fenster und durch die große weite Welt, zum Taubenschlag im Nachbardorf. Hurleburlebutz war durch und durch überraschend und durchaus dramatisch. Am Ende aber wird alles gut. Die Uraufführung war gerammelte voll und der Beifall frenetisch.

Apropos Dramatik, zuweilen ging es in der Schach-AG sehr dramatisch zu. Bühnengerecht gestaltete sich eine Partie, wie bei der Schachweltmeisterschaft in Lugano, bei der Spasski gegen Weltmeister Petrosjan spielte. Immer mehr Zuschauer kamen in die Aula. Vergeblich versuchte mein Lieblingslehrer Felix mit Pferd, Läufer und König meinen königlichen Einzelkämpfer matt zu setzen. Immer wieder konnte ich mich rauswinden. Die Partie dauerte schon eine Stunde und wir einigten uns auf ein Remis. Das erste Spiel bei der Schachweltmeisterschaft am Luganer See, endete auch remis. Abends stellte ich die Schlussstellung in der Diele nach. Opa Vincent wusste die Lösung, und setzte mich in vier Zügen matt. Man lernt nie aus.

 


31. Klette

 

Der Schwarze Kater und ich erwachten und sahen die Regentropfen vorm Fenster, ein böiger Wind tätschelte an den Dachziegeln entlang, über dem Giebel flackerte blaues Licht. Blaulicht? Huch! Was war passiert? Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und drückte kurz den Zauberstab an mein Herz, dann stürzten wir die Treppe hinab. Meine Ahnung wurde Tatsache. Zwei Krankenträger trugen gerade Opa Vincent auf einer Bahre hinaus. Opa Vincent hatte einen Schlaganfall, und fuhr mit dem Krankenauto ins Krankenhaus. Oma Hilde war ganz erschüttert, Mama und Schorsch ebenfalls. Als ich die Treppe wieder hinaufstieg, wurde mir mit jeder Stufe mulmiger. Der Schwarze Kater schaute, mit verzweifelten Katzenaugen, den bunten Poeten an. Ich drückte den Zauberstab abermals ans Herz und erzählte ihm Opa Vincents Geschichte, soweit ich sie kannte. Opa Vincent entdeckte die Helligkeit der Welt, im Drei Kaiser Jahr, mitten in der Gründerzeit. Auf Kaiser Wilhelm I und Kaiser Friedrich III folgte Kaiser Wilhelm II. auf den Thron der deutschen Kaiser im strahlenden Kaiserreich. Das Kaiserreich verbleichte zusammen mit Opa Vincents Jugend in Schützengräben in der französischer Landschaft. Opa Vincent überlebte den blutüberströmten Schlamassel, sang sogar mit den englischen Feind, melodische Weihnachtslieder.

Kriege regen mich auf, mein lieber Leser, Kriege und ihre Erbärmlichkeit blieben mir bis heute erspart. Opa Vincent wurde sozialer Demokrat und Bürgermeister in der goldenen Republik. Als braune Hemden mit Fackeln später durch die Abendlandschaft streiften, das Gold von der Demokratie kratzten, mochte die Zeit keine sozialen Demokraten leiden, ganz schnell war Opa Vincent kein Bürgermeister mehr. Nichts anderes, passierte zwanzig Jahre später. Zwischen durch wurde siegreich Fahnen zur Wolga und Atlantik getragen bis der leuchtende Endsieg hintern Horizont verschwand. Sehr blutig wurde zurückgeeilt. Opa Vincent sah in Polen schlimme Dinge, Viehwaggons voller Menschen und Kinder, die durch polnische Landschaften ratterten, dem Völkermord entgegen. Am Ende schaffte es Opa Vincent über die Oder und lief zu Fuß nach Hause.  Immer in der Furcht, als Endsiegleugner erschossen zu werden. Bei den Amerikanern wurde er wieder Bürgermeister, das blieb auch so, als die Russen kamen. Dann blieb er seiner sozialdemokratischen Seele treu und wurde parteilos. Er gewann die Kommunalwahl und durfte doch kein Bürgermeister sein. Danach züchtete er mit Oma Hilde Qualitätsrinder für den Export, spülte Devisen ins Land bis mit der LPG alles anders wurde. Nun lag Opa Vincent im Krankenhaus und ich herzte meinen Zauberstab, weil Opa Vincent seinen achtzigsten Geburtstag und gleichzeitig Goldene Hochzeit feiern wollte. Wenn Opa Vincent etwas vorhat, dann macht er es auch. Mit dem Berliner Roller SR 59 fuhren Mama und ich zum Krankenhaus. Opa Vincent machte einen angenehmen Eindruck, machte sogar Scherze, die Blutversorgung wurde mit einer Operation wiederhergestellt. Die Achtzig wurde er ein paar Wochen später und fünfzig Jahre Ehe mit Oma Hilde gefeiert. Wir feierten das Ereignis im kleinen Kreis, in der Diele. Das Essen wurde vom Deutschen Hof geliefert. Onkel Günter hatte Opa Vincent in schillerndes Öl gemalt. Penelope kam mit Blumen, der Schwarze Kater Stanislaus trug stolz eine rote Schleife um den Hals. Opa trug seinen Zylinder und Oma ein geblümtes Kleid. Der Tod war duldsam mit Opa Vincent, vielleicht war es mein Zauberstab. Es war eine schöne Zeit.

Die Zeit machte, was sie immer machte, sie verging. In der Schule lernte ich fleißig, in den Pausen freute ich mich auf Penelope. Der Schulgarten sah fast wie ein Schulgarten aus. Nur für irgendeine Ernte war, die Zeit zu kurz. Alle Arbeit war eine Investition in die Zukunft. Die gesetzten Stachelbeeren und Johannisbeeren wuchsen gut an und die gesäten Astern erblühten. Dann war kein Schulgarten, sondern Nadelarbeit im Stundenplan. Häkeln, Knöpfe annähen, Sticken. Dann war Herbst mit dorfpolitischen Neuigkeiten. Die Kreisleitung präsentierte uns einen neuen Bürgermeister, der in völliger Linientreue, von nun ab das Dorf regierte. Auch ins Schulleben dirigierte er den Sozialismus. Jede Klasse musste sich eine Patenbrigade suchen. Das konnten wir noch verkraften, unsere Patenbrigade wurde die Belegschaft von der Malzfabrik, die wir gelegentlich besuchten, mit einer neuen Wandzeitung im Gepäck. Schlimmer war der neue Agitator für Propaganda. Eine dreihundertprozentige FDJlerin aus der siebten Klasse, die Margitta hieß, und Tochter vom neuen Bürgermeister war. Wir mussten alle Wandzeitungen zur Kontrolle vorlegen, auch den Hurleburlebutz brachte sie zum Wackeln. Aber nur fast. Die Premiere in der Aula wurde ein riesiger Erfolg, den wir mit zwei ausverkauften Vorstellungen im Saal vom Deutschen Hof wiederholten. Nur die drei Tauben flogen nicht so wie geplant. Sie kreisten zwei aufgeregte Runden durch den Saal, bis sie das offene Fenster zur Freiheit fanden. Sie benutzten den riesigen Kronleuchter zum Zwischenstopp. Sie brachten den Kronleuchter so in Wallung, dass die darunter sitzenden Zuschauer panisch zur Seite wichen. Das brachte etwas Geld in die Klassenkasse. Einen Tag später, schrieb Agitatorin Margitta einen ausführlichen Bericht an die Abteilung Sicherheit in der Kreisparteileitung in der Kreisstadt. Ein Märchen mit Fuchs und Königstochter, passe nicht in den blühenden Sozialismus.  

 

So verrann Zeit im Land. Nach dem Herbst wurde Winter. Ein äußerst milder Winter, der keine Eistanzfläche erlaubte. Beim Wetter zeigte sich der Zauberstab unwirksam. Die Eisbrecher an der Ostsee, brauchten keine Rinne machen, damit keiner zufällig nach Bornholm laufen konnte. Das Wetter war damals sehr unbunt und feucht. Manchmal so unbunt und feucht, dass die Hofpause in der Aula stattfand. Jede Pause freute ich mich auf Penelope. Irgendwann verglich sie mich mit einer Klette, die man nicht mehr loswird. Ich schluckte, damit niemand meine Tränen sah, entfloh ich zur Selbstfindung in den unbunten Schulhof. Eine Klette wollte ich nicht sein. Manchmal gibt es Dinge, die sieht man besser nicht. Gunnar pieselte die violetten Astern im Schulgarten an. Ich beschloss nichts zu sehen. Als wenig später Fräulein Goldmann mit frisch gepflückten Astern den Lehrertisch verschönerte, musste ich tief durchatmen. Eigentlich bin ich keine Petze oder ein Denunziant, aber eigentlich doch. Fräulein Goldmann schaute fassungslos mit ihren Augen, verschwand in der Toilette, schrubbte und desinfizierte ihre Blumenpflückerhände. Die Asternvase fand einen Platz am offenen Fenster, am nächsten Tag schillerten die Astern violett vom Komposthaufen. Kletten, mein lieber Leser, kommen aus der Familie der Korbblütler und sind sehr anhänglich. Lange dachte ich über botanische Eigenarten nach und flocht ein komisches Wort in die penelopischen Beziehungen ein. Ich übte Enthaltsamkeit. Wohl ging es mir dabei nicht. Mein mitfühlender Leser, im Nachhinein möchte ich behaupten, ich war verliebt und wollte nichts falsch machen. Der Kuss am Hermsdorfer Kreuz, der auf der Rückfahrt von der Tschechoslowakei geschah, quirlte durch die Hirnwindungen, so wie Julie Christie den Omar Sharif in Doktor Schiwago küsste.

 

Jedes Mal beim Anblick Penelopes, klopfte das Herz bis zum Hals und der Kopf bekam gar nichts mehr mit? Ich wollte keine Klette sein, schrie ich mir lautlos zu und bewahrte Anstand mit Abstand, trotz der Schmetterlinge im Bauch. Ablenkung fand ich im alten Bücherschrank. Im Bücherschrank entdeckte ich Geist und Ironie von George Bernard Shaw, mit englischen Wörtern geschrieben. Spirit and irony! Opa Vincent beherrschte die englische Sprache und wir lasen zusammen die englischen Wörter. Eine sehr effektive Art englische Vokabeln zu lernen. Ein Buch voller englischer Wörter und großartiger Momente. Wie es ist, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen. Zweifelsohne lernte ich bei Opa Vincent besser Englisch, als Russisch bei Fräulein Goldmann. Ich weiß nicht, ob du lieber Leser in der DDR zur Schule gegangen bist, und wieviel Russisch bei dir hängen geblieben ist. Mein Russisch ist sehr überschaubar geblieben. Spasiba und Poschalusta, und in meinem Bauch flatterten Schmetterlinge oder waren es Fledermäuse. . 


32. Prager Frühling

 

Ein mildes unbuntes Jahr, fast ohne Winter ging ins Land. Keine Eisbrecher in der Ostsee, keine Eistanzfläche im Dorf, ein feuchtes Osterhasenfeuer. Wenn Apostel Petrus schlechte Laune hat, ist auch mein Zauberstab machtlos, gegen den Klimawandel sowieso. Mein braver Leser, dieses Wort gab es damals nicht. Die Spargelernte würde ich als Reinfall bezeichnen. Dafür lernte ich der schulfreien Pfingstwoche meine halbe Schwester Maria kennen. Die junge, ähm, nicht mehr so junge Frau Beninsky hatte außer Maria auch Papa dabei. Mit zugeschnürten Hals, gab ich ihm förmlich die Hand und bedankte mich höflich für das Weiße Album. Nach einen paar zögerlichen Sekunden fiel ich ihm um den Hals.  Sie baten Mama ein Dokument zu unterzeichnen, dann zogen sie weiter, wohl zu einem Termin und ließen Maria einfach zurück. Diese Sache konnte ich nicht verstehen und verstand es völlig falsch, ich vermutete sie wollten Maria loswerden und hatten sie einfach abgesetzt. Mir wäre es recht gewesen. Maria fetzte, sie hatte sich förmlich in den Vierseitenhof mit dem großen Garten schockverliebt und sie kannte keine Angst. Beim Ganter bin ich äußerst vorsichtig, aber Maria und der große Gänsemann schlossen sich gegenseitig ins Herz. Er legte seinen Kopf auf Marias Schulter und sie streichelte seinen Hals und Rücken. Ein unglaubliches Bild. war diese Begegnung für die ferne Zukunft maßgebend. Aber damit greife ich mal wieder vor. Maria erzählte von ihrem Bruder und meinem Halbbruder Marius, der in Hannover auf seine Oma aufpasste. Mit Maria verstand ich mich auf Anhieb. Als Mama abends für Maria ein Gästebett vorbereitete, war ich völlig von der Rolle. Aber Mama erklärte mir, dass Papa und Frau Beninsky in Berlin seien und morgen wieder kommen. Das war dann so. Am Freitag vor Pfingsten, stach ich den letzten Spargel der Saison. Maria schaute interessiert zu. Ich glaube sie war etwas Traurig, als es zurück in den goldenen Westen ging.  Vorher fuhr ich mit Papa im nagelneuen Opel Rekord Kombi in die Kreisstadt. Im Intershop kaufte er mir eine Niethose, eine Lewis 501. Er erklärte mir ich solle mit der Hose in die heiße Badewanne steigen und sie auf der Haut trocknen lassen, dann sollte sie noch besser passen, als sie jetzt schon passt. Die Hose wurde meine zweite Haut, mindestens zwei Jahre lang, bis ich nicht mehr reinpasste. Da ich mir noch etwas aussuchen sollte, kauften wir noch die Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, für mich das großartigste Album von den Beatles. Zum Siebenschläfer gabs Regen und ein paar Tage später Zeugnisse und Ferien. Die Fünf B fuhr zum Ferienlager an den Müritz See, die Fünf A ins Ferienlager nach Graal Müritz. Zwischen beiden Müritz lag ganz Mecklenburg. Den Rest der Ferien blieb ich zu Hause, während Penelope mit Pfarrerin Tabea und meinem Lieblingslehrer Felix und elf anderen Glaubensschülern nach Spindlermühle fuhren.  

Mitten in einer nasskalten Sommernacht, kratzte der Schwarze Kater überaus aufgeregt am Erkerfenster. Der Horizont fing gerade an, leicht zu erröten. Das war es aber nicht, was den Schwarzen Kater so erregte. Es waren ohrenbetäubende Motoren zu hören, am nahen Welsbach. Es waren Panzer, die dem erröteten Horizont entgegenfuhren und einen Teil der Runkelernte zermalmten. Am Morgen hörten wir von einem verbotenen Sender, Panzer von fünf Warschauer Pakt-Staaten waren mit Panzern, in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik gerollt, um mitten im Sommer einen unfassbar imperialistischen Frühling zu bekämpfen. Der amerikanische Chef vom Weißen Haus hatte einen gefährlichen Frühling intoniert. Das war die feste Meinung von Agitatorin Margitta und hatte den ganzen Staatsapparat hinter sich. Beinahe das ganze Dorf hatte Sorge, weil Pfarrerin Tabea und mein Lieblingslehrer mit der Christenlehre in Spindlermühle zelteten. Auch Penelope. Unser ehemaliger Pfarrer Schmidt kam einmal in der Woche vom fernen Eichsfeld, um die dörflichen Seelen zu betreuen. er versuchte seinen tschechischen Kollegen telefonisch zu erreichen. Die Telefonleitungen funktionierten nicht. Das waren bange Tage. Als das neue Schuljahr begann, fehlten zwölf Schüler, mein Lieblingslehrer Felix und Pfarrerin Tabea. Ich streichelte den Zauberstab.

Es war nicht oft in letzter Zeit, dass Said mich beehrte. Augenscheinlich hatte Maria Magdalena ihren freien Tag. Said ist voller Arbeitslust, brachte einen Stapel alter Zeitungen, einen Eimer heißes Fitwasser, ein Lappen und eine Stehleiter zur Unterstützung mit. Seine Betriebsamkeit war unglaublich. Bald war das Fenster voller Unschärfe. Zum Schluss war es so, Ich stand auf der Stehleiter, Said dillerte derweil im Internet herum und die Fensterscheiben wurden wieder durchsichtig. Unsere Zusammenarbeit war frei von Kommunikationsschwierigkeiten, klappte perfekt. Als Said verschwand, holte ich die unverputzten Zeitungen aus dem Papierkorb, die Zeitungen kamen mit großen Bildern, mit großen Schlagzeilen und wenig Text aus. Mit großen Buchstaben stand da, Enkelstreit bei der Krönung, schafft Harry endlich Frieden. Was hat er vor dachte ich, wollte er in die Ukraine reisen und Putin zwingen Frieden zu machen.? Die zweite Schlagzeile: Zoff in der Ehe, schwängerte Costner ein Crewmitglied? Wichtig, sowas muss die Welt wissen. Trump steht vor Gericht, er plädierte, wie erwartet, auf nicht schuldig, das fand ich verständlich. Nach wenigen Minuten war ich fertig mit der Lektüre, die Zeitungen lagen wieder im Papierkorb, wo sie hingehören.

Es waren regelrechte Künstler die den Robur LO 2500 in einer Nacht und Nebel Aktion bemalten. Das Hellblau ließ kräftige Farben zu. Jeder Buchstabe brauchte eine andere Farbe, die noch farbig umrahmt wurden. Das Friedenszeichen bestand aus Blumen. Es wurden noch mehr Blumen gemalt und die Tierwelt bestand aus Friedenstauben. Die Buchstaben unterstrichen in einer Wellenlinie das gesamte Kunstwerk. Da stand Frieden, Paix, Peace und Mir. Penelope und die anderen staunten nicht schlecht, als sie morgens das Kunstwerk bestaunten. Eigentlich gefiel es allen, aber damit die Heimreise antreten? Die Tankstelle hatte wieder geöffnet, nachdem fast drei Wochen lang das Leben den Atem anhielt. Das nannte sich Ausgangssperre. Sie fuhren den Umweg über Polen nach Jelenia Góra und bei Przesieczany auf die Autobahn Nr. 4. Am Grenzübergang Hennersdorf rollte der bunte Robur LO 2500 über die Neiße in die Deutsche Demokratische Republik. Während die tschechischen und polnischen Beamten das rollende Kunstwerk mit Humor betrachteten, einige winkten sogar freundlich. Die deutschen Beamten hatten keinen Humor und nahmen uns unter die Lupe. Gut, dass mein Lieblingslehrer bei der tschechischen Polizei Anzeige wegen Sachbeschädigung gemacht hatte. Trotzdem durften sie nicht weiterfahren und mussten die Bemalung mit weißer Farbe übermalen. Aber die Beamten brachten einen Eimer Wandfarbe. Normale Wandfarbe, flüssige Kreide. Der September prahlte damals nicht mit Sonnenschein, eher mit Regen. Bei Bautzen war die weiße Farbe fast, bei Dresden völlig verschwunden. Dann kam die Sonne raus. Der Robur LO 2500 wurde der Star auf der A4. Vorbei fahrende Autos hupten, winkten manche fuhren langsamer um Fotos zu machen. Als der der Robur LO 2500 im Dorf vorm Rathaus anhielt, kam das ganze Dorf zur Begrüßung, das halbe Dorf lief wieder nach Hause um einen Fotoapparat zu holen.  

Einige Jahre später sah ich mal einen Bericht über den Summer of Love und die Hippies. Ein ähnlich buntgemalter VW-Bus T 1 reiste in dieser Reportage von San Francisco Kalifornien nach Woodstock New York. Also querdurch mit Musik von Jimi Hendrix, Janis Joplin, Joe Cocker, Santana & Co, aber ich schweife mal wieder ab.

Penelope schenkte mir einen tschechischen Honigkuchen, danach lagen wir uns in den Armen, obwohl wir das ja gar nicht wollten. Weil Opa Vincent nicht mehr so gut laufen konnte, fuhr mein Lieblingslehrer Felix noch eine Dorfrunde und hielt vor der Toreinfahrt, damit sich Opa Vincent und Oma Hilde auch freuen konnten. Danach ging das Leben weiter oder auch nicht.

 

Es war an ein goldener Spätsommertag, als Opa Vincent auf dem Chaiselongue einschlief. Er starb mit zufriedenem Gesicht.


33. Gefühle

 

Der Septembertag war von schonungsloser Schönheit, angenehme Temperaturen begleiteten Opa Vincent auf seinem letzten Weg, Pfarrerin Tabea predigte passenden Worte. Es ist mehr als das halbe Dorf da, aber auch mir unbekannte Menschen, die von überall her anreisten. Diesmal trug ich keinen roten Pulli, obwohl Opa Vincent sicher geschmunzelt hätte. Aber ich wollte nicht, ich wollte keine Dorfgespräch sein. Das hätte Opa Vincent auch verstanden. Stattdessen hielt ich Oma Hilde bei der Hand, für mich war Opa Vincent mehr als ein Opa, er war Opa Vincent, er war mein Freund! Auf dem Friedhof gab es die Familiengruft, in der er im schönen Sarg unter die Erde ging. Mach‘s gut mein bester Opa von der Welt.

Manchmal geht’s hinauf, manchmal hinab, dachte ich. Der Schwarze Kater Stanislaus, schmiegte sich an meine Schulter. Ich dachte über meine zwischenmenschlichen Kontakte nach. In kurzen Worten, sie waren überschaubar. Familie klar, dazu gehörte auch und irgendwie Irmchen und Steppard und manche andere. Manchmal fuhr ich mit den anderen Jungs zum Baden an den Born, oder spielte mit Boris einem zwei Jahre älteren Jungen aus der Nachbarschaft Federball. Ganz vorne in der Liste deponierte ich Penelope. Nur wurde es Schwierig mit den Gefühlen. Zu Opa Vincents Trauerfeier saß Penelope bei Ihren Adoptiveltern, bei der Grablege wünschte sie mir alle Kraft, aber drückte mich nur kurz. Nach ihrer Rückkehr vom Prager Frühling, alles schaute gut und normal aus. Doch auf dem Friedhof, doch ihr Blick war ein anderer, bodenlos, traurig und nicht zu deuten. Ich wich zurück, oder sie, so ganz sicher war ich mir hinterher nicht mehr. Na sowas. In den Wochen nach der Beerdigung begegneten wir uns mit gleichbleibender duldsam distanzierter Freundlichkeit. Ich suchte den Fehler bei mir. Eine erfolglose Suche oder? Nicht einmal, der Schwarze Kater Stanislaus konnte helfen, obwohl er sich Mühe gab. Aber es geschahen Sachen die etwas ablenkten. Mama und ich fuhren jeden Tag mit dem Berliner Roller zur Arbeit. Ich weiß nicht mehr, wer die Idee hatte, an einem goldenen Oktobertag fuhren wir mit dem Rad zur Arbeit. Sonst hätten wir nicht gesehen, was wir gar nicht sehen wollten. Gunnar stand im Schulgarten, stand mitten im letzten Salat der Saison und pieselte die Salatköpfe an. So was, war nicht gut. Niemand fand das gut. Nein, es war einfach nicht gut, da nützt auch kein miesepetrisches Betrachten der angepissten Salatköpfe.   

Die Diskussion wurde hitzig im Lehrerzimmer, Maßnahmen wurden erwogen, verworfen. Keiner wollte den Salat essen, Herr Weinbein telefonierte mit Frau Weinbein in der Essensküche. Das wäre ein psychologisches Problem, das bisschen Pippi im Salat, zweimal waschen, zweimal schleudern, alles wäre gut. Aber die Psychologie will das nicht. Sie schlug vor, den Salat erst nach den Herbstferien zu ernten. Gunnar dieser Blödföhn, entschuldige meine Wortwahl mein geschätzter Leser, Gunnar hatte nicht anderes zu tun, als mit seiner Heldentat zu prahlen. Als ich mit dem Schwarzen Kater Stanislaus unterm bunten Poeten saß, wusste nicht so recht, ob ich mir etwas wünschen sollte. Manchmal entscheidet mein Zauberstab von ganz alleine, was zu tun ist! Am letzten Schultag vor den Herbstferien, kam Gunnar nicht zur Schule, sondern musste ins Krankenhaus. Mama, erzählte mir dann, Gunnar durchlebte gerade eine entzündete Phimose und müsste dringend operiert werden. Vom Brockhaus erfuhr ich, eine entzündete Phimose ist eine Vorhautverengung, die riesengroßes Aua macht, beim Pinkeln, wenn sie entzündet ist. Aus guter Quelle, hörte ich von einem Katheter. Der Brockhaus wusste auch darüber einige Details, die ich dir ersparen möchte. Zuviel Kopfkino, das ich nicht in Buchstaben wiedergeben will. Mama sagte, so etwas bräuchte ich nicht fürchten. Wieso, fragte ich. Weil bei mir alles in Ordnung ist. Sie hätte das kontrolliert! Gunnars Mama, hätte das versäumt.  Darüber war ich etwas bestürzt. Sie hatte es gemacht, als ich noch ein Baby war. Na gut, daran konnte ich mich nicht mehr erinnern und schenkte meiner Mama mein Vertrauen, dass am Bullermann, alles in Ordnung ist. Abends huschte der Schwarze Kater Stanislaus übers Dach und miaute vor meinem Fenster. Als ich ihm die Ereignisse erzählte, fing der Schwarze Kater Stanislaus an zu grinsen, wie die Grinsekatze bei Alice im Wunderland. Dann waren Herbstferien und einige Klassenkameraden aus meiner Klasse lagen, genau wie ich auf dem Bauch und sortierten Kartoffeln vom Förderband. Mein lieber Leser, du darfst mir glauben. Kinderarbeit kann auch Spaß machen und damals war es so. Abends gab es ein Lagerfeuer, wir hielten dabei Kartoffelspieße in die Flammen. Frau Weinbein brachte eine Schüssel Kräuterquark und mein Lieblingslehrer Felix spielte Gitarre. Oh, deep in my heart, I know that I do believe. We shall overcome, someday.   

Wir waren bereit für Frieden und Sozialismus. Früher waren wir für immer bereit. Früher hatte ich, an der Seite von Irmchen tagelang Rübenverzogen. Das machte zwar keinen Spaß, machte aber Freude, weil sich Irmchen freute, dass ich ihr hilfreich zur Seite kniete. Im Dorf wurde nach dem Erntedankfest, unterhalb vom Kirchberg ein Feuerlöschteich angelegt. Es sah aus, als hätte der Deutsche Hof einen Swimming Pool Schorsch, Steppard, die Feuerwehr und das Nationale Aufbauwerk waren fleißig beim Anlegen dabei. Dann war wieder Schule, irgendwann wurde der Salat in der Essensküche verarbeitet, ohne weiteren Aufhebens. Ich aß kein Blatt davon. Gunnar kam wieder in die Schule, auch ohne weiteres Aufheben. Ohne Annäherung an das blonde Mädchen aus der Parallelklasse, das Penelope, wurde aus dem Herbst ein Winter. Frost fing schon im Advent an und es schneite Schnee. Die Zeit für Plätzchen. Oma Hilde backte mit mir Deckelplätzchen. Dazu brauchten wir dreihundert Gramm Zucker, vier Eier, zweihundert Gramm Mehl, fünf gehäufte Esslöffel Kartoffelstärke, etwas gemahlener Anis. Und so hatten wir es gemacht, die Eier mit dem Zucker eine halbe Stunde schaumig geschlagen. Mehl, Stärkemehl, Anis dazugeben und nochmals mindestens eine Viertelstunde rühren, ich rührte mit dem Schneebesen, bis mir fast der Arm abfiel, dann machten wir kleine Häufchen auf ein gefettetes Blech. Die Teighäufchen ließen wir mindestens eine Nacht trocknen, damit sich der Deckel bilden kann. Als Mama mit mir zur Arbeit in die Schule musste. Fing Oma Hilde mit dem Backen an und schaute öfters nach, damit sie nicht verbrennen. Im Foyer erwartete mich Penelope und fragte, warum ich nicht zur Krippenspielprobe war. Nun, das Fehlen hatte mehrere Gründe. Erstens hatte ich die Probe völlig vergessen, zweitens wollte ich mich die nächsten Jahre auf die Jugendweihe konzentrieren und nicht mehr in die Christenlehre und drittens wollte ich keine Klette sein. Ich sagte ihr nur zwei Gründe, die Klette verschwieg ich. Na gut! Sagte Penelope und ging von dannen. Ich muss dir, mein lieber Leser noch etwas dazu schreiben! Es brauchte die doppelte Zeit bis ich die Treppe schaffte, so pochte mein Herz, zitterten die Knie. Was meinst du dazu. Lieber unglücklich verliebt, als gar nicht verliebt. Endlich mal wieder ein spartanisches Gespräch mit der spartanischen Prinzessin.

Als ich die Treppe geschafft hatte, wurde meine Atmung ruhiger. In Literatur, bekamen wir alle von meinem Lieblingslehrer Felix ein Buch, dass wir bis zu den Weihnachtsferien, lesen sollten. Ein Buch von Arkadi Petrowitsch Gaidar, Timur und sein Trupp, dass ich schon kannte. Und, wir sollten uns überlegen, wer welche Rolle spielt, im nächsten Theaterprojekt der AG Theater, das Timur und sein Trupp heißen sollte. Da musste ich mich melden. Ich würde gerne die alte Frau spielen, die im vierten Stock frieren muss, weil ihr die Kraft fehlt, Kohlen die Treppe hoch zu schleppen und genau im kältesten Monet, Kohlen vor ihrer Wohnungstür findet. Mein Lieblingslehrer Felix ignorierte mich. So konnte ich nicht mein damaliges Lieblingsbuch, Alice im Wunderland, für die nächste Theatersaison einbringen aber ich liebte solche Szenen:  

Alice irrt durch den Garten der Königin und trifft die Grinsekatze: Würdest Du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen muss? fragt Alice.

Das hängt in beträchtlichem Maße davon ab, wohin du gehen willst, antwortete die Katze. ÖH, das ist mir ziemlich gleichgültig, sagte Alice. Dann ist es auch einerlei, welchen Weg du einschlägst, meinte die Katze.

Hauptsache, ich komme irgendwohin, ergänzte Alice.

Das wirst du sicher, wenn du lange genug gehst, sagte die Katze.

Alice im Wunderland, von Lewis Carroll, lies sich wunderbar lesen, so schön, dass ich das Buch zweimal las. Dazu saß ich in der Diele mir einer Schale Deckelplätzchen. Heute nennt man das Multitasking, weil ich nebenbei den Schwarzen Kater Stanislaus am Hals kraulte, weil ich nebenbei Plätzchen naschte, weil ich nebenbei oft an Penelope dachte. Damals war das Multitasking noch nicht erfunden oder es hieß anders.

Dann war Weihnachten mit Krippenspiel. Gemeinsam gingen wir in die Kirche, sahen Penelope als unbefleckte Maria, Boris als Joseph. Ich staunte, Gunnar spielte den Baltasar, der in der spannendsten Sekunde, lautstark pupsen musste. Vor Schreck war das Strohkamel gestolpert. Irgendwer lachte laut. Nachher war Bescherung in der Diele unterm Weihnachtsbaum, mit Geschenken. Mama und Schorsch schenkte mir Nobi von Ludwig Renn, weiße Winterhandschuhe und eine neue Kapuzenjacke, schön warm. Oma schenkte mir Geld und Papa schickte ein Paket aus dem goldenen Westen. Jakobskaffee, Lux Seife, Orangeat, Zitronat, Sultaninen und für mich gabs dekadente Filzstifte von Faber Castell und einen Pelikanfüller inklusive eine Großpackung Patronen. Ich hatte bunte Pulswärmer gehäkelt, dabei hatte mir das Fräulein Goldmann und der Elastikfaden geholfen. Damit sie hautnah wärmten. Jeder bekam ein Paar, auch Irmchen und Steppard, alles Unikate. Im Rinderstall fehlten zwei der jungen Gänse. Oma nannte den Weihnachtsschmaus, beschwipste Weihnachtsgans. Sie hatte nicht am Rotwein gespart für die Soße. Ich fand, es schmeckte super. Wie auch einen Tag später die blauen Karpfen. Diesmal stand Steppard mit Gasmaske in der Toreinfahrt. Das neue Jahr begrüßten wir in der Diele, mit einer Obstbowle, selbstgemachten Eierlikör, Deckelplätzchen, Salzstangen, Erdnussflips, Mama, Schorsch, Irmchen, Steppard und Familie Weinbein. Und welche Verwirrung, Penelope! Mitternacht nahm sie mich an der Hand, wir liefen alle hinaus in die Nacht, sahen die Raketen blitzen, hörten die Trompeter, die vom Kirchturm das neue Jahr mit einem Trompetenständchen begrüßten. Ich fühlte mich auf einmal umärmelt, Penelope gab mir eine zärtlichen Kus auf die Wange, den ich irgendwie erwiderte. Dann war der Spuk, der magische Moment vorbei und wir gratulierten all die anderen Menschen auf der Straße, wünschten ein gutes neues Jahr. Später saßen wir auf der Treppe und stießen mit Waffelbecher und Eierlikör an. Penelope sagte, irgendwann, dessen sei sie sich sicher, würde sie an meiner Seite alt werden. Aber noch ist sie dafür nicht alt genug, dafür hätte sie noch nicht genug gelebt. Und ich sollte Vertrauen haben, auch wenn es dauert. Familie Weinbein wollten dann nach Hause und Penelope entschwand mit ihnen. Es brauchte die doppelte Zeit bis ich die Treppe zu meiner Kammer schaffte, so pochte mein Herz, zitterten die Knie. Das war bestimmt der Eierlikör, den machte Oma Hilde mit tschechischem Rum.   


34. Vertrauen

 

Wie lange dauert eigentlich Vertrauen? Nur, das Leben verging zu jeder Zeit weiter!

Ich konnte es nicht glauben, sie kamen zu dritt. Maria Magdalena, Karl und Said, sie hatten ein kleines Yes-Törtchen mit einer Kerze versehen und sangen ein englisch-deutsches Kauderwelsch. Happy birthday, happy birthday, happy birthday to you, zum Geburtstag viel Glück! Wenn es nicht so geschehen wäre, ich hätte meinen eigenen Geburtstag vergessen. Maria Magdalena hatte noch ein rotes Sträußchen roter Rosen dabei. Oh Mann, wie alt war ich denn? Biblische Fünfundsechzig? Kaum war ich wieder allein, sprudelte heißes Wasser im Wasserkocher, ich brauchte Kaffee zum Törtchen, der Tortenriegel schmeckte nach Karamell. Udo Jürgens kam mir in den Sinn, wie sang er noch? Mit fünfundsechzig Jahren, da fängt das Leben an, mit fünfundsechzig ist noch lange nicht Schluss. Nonsens, er sang: Mit sechsundsechzig Jahren, da bekommt man Spaß daran. Beim Spaß müsste ich noch ein Jahr warten, wenn ich dem Udo glauben darf. Egal! Ich machte schon mal virtuelle Wegweiser für den Spaß in der Zukunft, aber dazu bräuchte ich Hilfe. Ich betrachtete die roten Rosen, mir fielen die Rosen ein, die ich einst dem Fräulein Seifurt schenken wollte. Mir fiel dabei auch ein, dass der Arbeitsweg von Maria Magdalena, über den Friedhof führte. Sollte…, nein diese Hypothese verwarf ich sofort. Oder? Nein!

Zu meinen elften Geburtstag sollte Eisfasching sein. Diesmal nicht vor unserer Torfahrt, sondern auf dem neuen Feuerlöschteich zwischen Kirchberg und dem Deutschen Hof.. Eine neue Idee vom neuen Bürgermeister, von dem ich noch nichts weiß, nicht mal wie er heißt. Es wurde eine sehr abgespeckte Version vom Glanz verflogener Jahre. Das lag hauptsächlich an der Feuerwehrzufahrt, die es unmöglich machte, Bühne oder Kiosk zu einrichten. So ohne Versorgung und Beschallung. Es plärrte ein Transistorradio, ein Stern Party 2 rauschte Mittelwelle, Musik von DT 64. Öffentlich konnte ja, die großen Acht von Radio Telefunken Luxemburg, nicht gehört werden. Ich sah auch kaum Kostüme, Penelope hatte eine Krone auf und tanzte mit einem Jungen aus der Acht A, der einen Cowboyhut trug. Sie tanzten den heißen Sommer von Chris Doerk, Nun ja! Ich drehte mich einfach um und ging den Weg zurück. Oma Hilde und Mama trugen schwarz und Trauer und wollten von dem Fasching nichts wissen, irgendwie war ich auch traurig und dezent gekleidet. Bald saß ich wieder in der Diele, auf dem Chaiselongue, kraulte den Schwarzen Kater Stanislaus am Nacken und schaute nebenbei in ein Buch, ein Buch über die hohe Kunst der Liebe. Es war ein Buch aus dem fernen Indien und es hieß Kamasutra. Das Buch, das ich im hintersten Winkel vom riesigen Bücherschrank gefunden hatte, in sehr verschnörkeltes Sütterlin übersetzt. Aber, es war mehr ein Bilderbuch, mit Menschen, die sich verknoteten. Bei manchen Bildern, war ich total schockiert, manche Bilder, drehte ich mehrmals im Kreis bis die Groschen gefallen waren. Die hohe Kunst der Liebe, das, auweia, das wird abgründig. Ich will nicht auf alle Details eingehen, mein treuer Leser. Ich legte das Buch zurück an die Fundstelle. Der Schwarze Kater Stanislaus schüttelte den Kopf! Aber vielleicht auch nur, weil ich aufhörte seinen Nacken zu krabbeln.

Kaum hatte ich das Lehrbuch mit indischer Akrobatik weggelegt, kam Oma Hilde, brachte ein Teller mit Schittchen und Mama brachte eine Kanne heißen Kakao. Ich sprang in die Küche holte Tassen und Kuchenteller. Dann schwatzten wir über Dies und Das und speziell über meine Beziehung zu Penelope. Danach wurde ich alles los, was meine Seele bedrückte. Mama nahm mich in den Arm und hoffte, dass Vertrauen sei eine gute Sache sei. Genau wie Optimismus und Zuversicht. Oma Hilde nickte dazu, und sagte das Penelope ein Mädchen wäre, dass sie in ihr Herz geschlossen hätte, der Schwarze Kater Stanislaus nickte auch zustimmend, wollte aber kein Schittchen probieren. Oma Hilde ging in die Küche, kramte eine Dose mit gekochtem Gehackten hervor, drapierte ein Stück auf einer Untertasse und machte den Schwarzen Kater Stanislaus richtig glücklich. Oma Hildes Schittchen und heißer Kakao, mir ging es jedenfalls besser. Schorsch und Mama hatten noch eine Geburtstagsüberraschung. Ich sollte dicke Sachen in meinen Koffer packen, wir fahren nach Elend. Handschuhe, Mütze und Schal nicht vergessen! Wir fuhren mit unseren Kugelporsche in den Winterurlaub in den Harz. Wir machten FDGB-Urlaub im Ferienheim Fritz Heckert. Vom FDGB-Heim konnten wir den Brocken sehen. Der lag aber im sowjetischen Sperrgebiet. Die Sowjetischen Soldaten, schützten von dort den antiimperialistischen Schutzwall Beim Nachtrodeln am Barenberg brannten Fackeln zu Beleuchtung, es gab Musik, Soljanka in tiefen Schüsseln, Glühwein und Kinderpunsch, und Bockwurst mit Brötchen. Das tollste war die sowjetische Schneekatze Buran, die alle Schlitten, nach den Rodeln, wieder bergauf zog.  Da es richtig kalt war, baute Schorch, dem Trabi die Batterie aus, damit sie sich nicht, auf dem Parkplatz erkältete. Wir machten ausgedehnte Langlauftouren, nach Schierke zum Feuerstein. Viele Warntafeln warnten vorm Ende der Deutschen Demokratischen Republik. Von einem Punkt sahen wir Häuser. Schorsch behauptete, dass dort sei Braunlage und Niedersachsen. Soviel wusste ich schon, Hannover war die Hauptstadt von Niedersachsen, da wohnte mein Papa mit meinen halben Geschwistern. Ein Nachbardorf von Elend war Sorge. Sabine, kam aus Berlin und war die völlige Antithese zu Penelope. Lange schwarze Haare, braune Augen, sprach sehr berlinerisch, sagte Icke und meinte ich, also sich. Ich. Zum Abschlussball, keine Tanzrunde kam ohne uns aus. Wir schauten uns von den Erwachsenen, den Walzer ab. Anfangs latschten wir uns gegenseitig auf den Fußspitzen rum, als es fast funktionierte war die schöne blaue Donau zu Ende. Sabine wurde meine erste Brieffreundin. Dann fuhren wir mit frisch aufgeladener Autobatterie, wieder nach Hause. Mama hatte sich eiskalten Trabant, zwischen Elend und Sorge erkältet, Schnupfen, Husten, Fieber. Zu Hause waren kein Schnee und keine Winterferien mehr. Da Mama fürchterlich hustete, durfte ich alleine zur Schule gehen und sofort schlechte Laune bekommen, das passierte mir nun öfters. Penelope unterhielt sich beschwingt mit dem Jungen aus der Klasse Acht A, der beim Eisfasching einen Cowboyhut trug und mit der spartanischen Prinzessin tanzte. Penelope registrierte mich mit einem kurzen Nicken, um sich sogleich wieder dem Gesprächspartner zu widmen. Sie lachten sich an, sie himmelten sich an. Schlechte Laune, so konnte ich das nicht mehr nennen, ich erhielt Schwierigkeiten mit meinem Verstand. Dachte an Sabine, dachte an die schöne blaue Donau, die wir tanzten. Das machte Spaß, machte aber keine Gefühle. Da war ich eine sensible Natur. Dachte an den Zauberstab, der hinter dem bunten Poeten wohnte. Verwarf, den Gedanken wieder. Abends saß ich dann in der neuen Stube, das war kein schlechter Platz, um unklare Gefühle zu ordnen oder durcheinanderbringen. Die neue Stube hatte noch den Vorteil. Es gab dort Musik vom Plattenspieler, Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band, aber nur so lange bis der Schwarze Kater Stanislaus auftauchte und das Sandmännchen schauen wollte, dann schauten wir Beide, den Abendgruß mit Frau Puppendocktor Pille mit der großen runden Brille.. Als das Sandmännchen Sand streute, war der Schwarze Kater Stanislaus eingeschlafen. Da wollte ich nicht stören.

 

35. Verkündigung

 

Ich lachte unnatürlich los, musste ich mir Sorgen um meine geistige Verfassung machen? Es ist eine Mit-mir-selbst-Debatte, dabei bekomme ich Penelope nicht aus dem Hirn. Obwohl ich fast ein ganzes Jahr mit Bauchkribbeln verbrachte. Ehrlich, für mich ist das Leben zuweilen ein Beschiss. Eigentlich nehme ich solche Wörter nicht in den Mund, nicht mal in die Hand, und nun? Ich schaue den bunten Poeten an und haue mir gehörig auf die Finger, schließlich hole ich ihn doch aus der Verbannung, streichle den Zauberstab und wünsche mir für Mama eine Heilung von ihrem Dauerhusten und eine gute Spargelernte. Die Herzenssache mit Namen Penelope, wollte ich völlig ohne Zauberstab hinbekommen. Von meinen Herzproblemen erfuhr nur der Schwarze Kater Stanislaus und manchmal Mama, der es immer besser ging. Sie sagte zu mir, dass zu viel Kopfzerbrechen einsam macht. Da hatte sie wohl nicht ganz unrecht. Ich spürte und das war ärgerlich, irgendwie war mir Penelope durch meine Finger geglitten, so viel zu meiner mulmigen Verfassung. Während die Gefühle immer unübersichtlicher wurden, gab es im Leben feste Regeln und Reihenfolgen. Es wurde Frühling, Spargelzeit, Sommerferien mit Ostsee, ganz ohne Penelope.  Ein neues Schuljahr begann. Nach kurzem Frühstück mit Oma Hilde, fuhr ich, mit dem roten Diamanten, zur Arbeit in die Schule mit allen Tatütata, Fahnenappel und wichtigen Reden vom Direktor und Parteisekretär. Große Politik. Der westdeutsche Chef Willy und Friedensnobelpreiträger wäre in Erfurt zu Besuch. Politik ist ein weites Feld. Auch die Schule ist ein weites Feld, besonders der Unterricht. In Geschichte fand die antike griechische Vergangenheit endlich ein Ende und die Römer waren dran und in Mathematik die Brüche. Wir lernten, dass die Sklaven im römischen Reich vom Kommunismus träumten und den Gladiator Spartakus zu ihrem Generalsekretär wählten. Dann machten sie Revolution. Die imperialistischen Römer, fanden das gar nicht gut. Sie besiegten die Sklaven in der Schlacht von Lukanien. Sechzigtausend Sklaven wurden in der Schlacht getötet, Spartakus mit vielen anderen entlang der Via Appia, zwischen Capua und Rom, ans Kreuz genagelt. Somit hatte die sozialistische Historie ihren ersten Heiligen. Die nächsten Heiligen waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die gründeten daraufhin den Spartakusbund, träumten vom Kommunismus, wollten Revolution und landeten erschossen im Landwehrkanal. Aber, das Ende im Landwehrkanal, war viel viel viel später. Geschichte ist oft so bitter und Mathematik schwer zu verstehen. Brüche sind Divisionen. Dabei ist der Zähler der Dividend und der Nenner der Divisor. Naja, dafür brauchte ich viel Verständnis, bis ich das verstehen konnte. Drei geteilt durch vier, sind dreiviertel. Oder? Alles klar, mein lieber Leser? Im Sport wurden wir im Völkerball unterrichtet, mit Handbällen. Gewonnen hat das Team, das alle Spieler der gegnerischen Mannschaft abgeworfen hatte. Konnte schmerzhaft sein, so ein Abwurf. Ich war nicht gut im Abwerfen, dafür war ich ein gutes Ziel. Auwei, macht es, wenn ein Handball mit voller Wucht auf meinen Rücken donnerte. Dieser Abwurf nahm mir den Atem. Als ich schaute, wer so brutale Abwürfe macht, war ich fassungslos. Irgendwie hatte sich Gunnar in die Gegenmannschaft geschmuggelt und bejubelte lauthals seinen Treffer, das sollte nicht sein. Ebenso schnell, wie er aufblitzte, so war er fort. Ich schnappte nach Sauerstoff und durfte mich setzen.

Entgeistert wachte ich auf, verbrauchte schnappend den Sauerstoff in meiner Zelle auf. Sprang zu den Fenstern in Bad und Thronsaal, faltete sie zur Querlüftung auf. Bald konnte ich mich nicht an den Traum erinnern. Nur war ich mit dem Kopf auf der Tastatur vom Laptop eingeschlafen. Dabei wurden endlose Zeilen mit Fragezeichen getippt. Wie auch immer das geschah, eigentlich bräuchte man dazu zwei Finger. Maria Magdalena nahte mit dem bestellten Päckchen Kaffee, gerade passend, hatte sie ein Stückchen Mohnkuchen dabei. Bald sprudelte Wasser im Wasserkocher. Frischer Kaffee und Mohnkuchen, ist das Beste, was passieren kann. Ich frage mich gerade, was mich vorhin so aus dem Traum schreckte. Der Völkerball ist ewig her und Gunnar liegt nicht weit von meiner Residenz unterm grünen Rasen. Also alles gut. Karl ging mit mir spazieren, wir besuchten die Baumstraßen mit Ginko, Ahorn und anderen Arten. An der grünen Wiese unter den Rosskastanien verblieb ich einen Moment. Laut Schiefertafel wohnten vierundzwanzig tote Seelen unterm Rasen. Gunnar stand an zwanzigster Stelle. Ich schaute mir die grüne Wiese genauer an, das wird ganz schön eng da unten. Nein, da passe ich nicht mehr hin. Nein, da will ich nicht mehr rein. Karl suchte eine Bank, wir setzten uns und erörterten Geschichte. Heute weiß ich, dass das römische Reich hatte viel mehr Geschichte, als Spartakus, zu bieten. Es gab Kleopatra, jede Menge Intrigen, Pharaoninnen, Herodes, Ovid und andere. Ferner gab es punische Kriege mit alpinen Elefanten. Und es gab Vandalen, die Rom plünderten, anschließend in Afrika ein Reich gründeten und dass die letzte weströmische Hauptstadt Trier hieß. Aber das war für den Revolutionären Geschichtsunterricht nicht so wichtig. Weil die Spartakisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vom Spartakusbund, die Großeltern von der SED waren. Für sozialistische Geschichten waren alpine Elefanten nicht so wesentlich. Ich erzählte Karl, davon, der zum ersten Mal richtig zuhörte. Er kannte Hannibal, wusste das die Punier in Karthago wohnten und eigentlich seefahrende Phönizier waren und Hannibal als Chef hatten. Er wusste auch von Konstantin der das Heidentum im Reich beendete, der nach seiner Zeit in Trier, das oströmische Reich hervorbrachte und Byzanz zu Konstantinopel machte. Das erstaunte mich, ein Gespräch auf Augenhöhe. Der Himmel hatte sich zugezogen, regelrecht verdunkelt. Es fing an zu blitzen und donnern. Hurtig schritten wir den Rückweg zur Hustenburg zurück. Referierten, mit hastigem Atem, über Kleopatra, Cäsar und Marcus Antonius. Wir machten römische  Geschichte, in raschen Schritten. Der Blitz schlug ein und das römische Reich ging unter.   

Mama, rieb meinen Rücken mit einer grünen Paste ein, die Oma Hilde aus Brennnessel, Löwenzahn, Teufelskralle zusammen mengte. Das half prickelnd durch die freudlose Phase. Ich blieb einen Tag krank zu Hause, das passte gut, weil Mama einen Haushaltstag für den Haushalt brauchte. Abends saßen wir alle in der Diele und spielten Mensch Ärgere Dich nicht. Wie gewohnt verdächtigte Irmchen, Oma Hilde der Schummelei. Oma Hilde wehrte sich übertrieben heftig gegen diese Vorwürfe, füllte aber als Erste alle Innenfelder mit ihren Kegeln ab, das fünfte Mal in Folge. Ob das mit rechten Dingen geschah?

Mein lieber Leser, ich will dich nicht mein treuer Leser, mit belanglosen Details plagen. Doch Mama sagte diesen Abend, etwas Wertvolles für meine Seele. Sie sagte ich wäre ein großartiger Verlierer, dass ich bei Omas Glücksträne so ruhig geblieben wäre, das wäre wahre Stärke. Ich fragte, warum sollte ich mich darüber beklagen? Erstens freue ich mich, wenn Oma mit ihrer Schummelei glücklich ist, zweitens ist es ja nur ein Spiel. Da muss man kein Tatütata machen, dafür bräuchte es keine Feuerwehr. Da nahm mich Mama in die Arme drückte mich so fest sie konnte, ohne dass es weh tat. Ich will auch mal gewinnen wenn’s wichtig ist, wenn’s richtig ist. So besprach ich es auch meinem Zauberstab.

Nicht weit von der Hühnerfarm mündet der Welsbach in die Unstrut. Seit einer ewigen Zeit, lag auf dem Damm, genau da wo der Welsbach in die Unstrut mündet, ein ausgedienter Traktorreifen. Ein Kirowetz aus der Sowjetunion musste ihn verloren haben. Wie auch immer? Gunnar hatte sich auf ihm niedergelassen, schaute dem grünen Wasser zu. Je nachdem, welche Farbe in der neuen Lackfabrik gerade angerührt wurde, genau diese Farbe schäumte als schillerndes Schaumbad, das Wehr hinunter. Das Gras am Ufer, wurde wieder grün, nachdem es in den vergangenen Stunden, blau, gelb und rot schimmerte. Im Dorf wurde über Detonationen in der neuen Lackfabrik in der Kreisstadt gemunkelt. Wertvolle Farben liefen unkontrolliert in den Fluss. Ob Unfall oder imperialistische Sabotage, konnte noch nicht gesagt werden. Die Staatssicherheit sei vor Ort und hat Ermittlungen begonnen. Den Dorftratsch konnte aber Gunnar nicht hören. Das hatte mehre Gründe, zwischen dem Wehr und dem Dorf lagen mehre wortlose Kilometer, das Wasser rauschte sehr laut und schließlich hatte Gunnar anderes zu tun. Mit dem riesigen Traktorenreifen konnte Gunnar wippen. Erst leicht, aber dann schaukelte er sich mehr und methodisch auf, rutschte über die Dammkrone. Gunnar wollte gerade abspringen, doch sein Hosenbein hatte sich derart mit dem Ventil verheddert. Hurtig ging es dem Abhang hinunter. Einen Atemzug später, wurde es grün für Gunnar. Sehr brennend grün, jedenfalls brannten seine Augen, obwohl er sie geschlossen hielt. Für Sekunden kämpfte Gunnar mit dem grünen patschnassen Tod, der unendlich tief auf ihn lauerte. Dann richtete er sich auf, öffnete ängstlich die grünen Augenlieder und betrachtete verwundert den Traktorenreifen, der handbreit aus der grünen Brühe ragte. Die grüne Brühe reichte gerade bis zu seinen Knien. Der Tod war gnädig mit ihm und er rannte als grünes Männchen durch die Landschaft. Fröstelnd! Ein Famulus RS14 tuckerte heran, der Traktorrist aus der LPG hatte Erbarmen, nahm das grüne Alien auf, breitete aber sicherheitshalber eine alte Zeitung über den Notsitz aus. Der Traktorist fuhr direkt zur LPG, dort nahm ihn der Vorsitzende in Empfang. Er informierte Gunnars Eltern. Anschließend klebte die Zeitung, klebte das Volk so fest am Hintern, ein Bildnis vom ganz großen Vorsitzenden, klebte an Gunnars Arsch. Entschuldige lieber Leser meine unfeine Ausdrucksweise, aber manchmal geht es nicht anders. Gunnars Mutter legte Holzscheite auf. Es dauerte eine Weile, bis das Wasser im Badeofen heiß wurde, wahrscheinlich zu lange, denn das leuchtende Grün blieb einige Tag erhalten. Kasimir versuchte es mit Waschbenzin, was schließlich etwas bewirkte. Jedenfalls hatte das ganze Dorf etwas zum Lachen, obwohl die Sache äußerst traurig war. Die Explosionen die Löcher in die Farbtanks der Lackfabrik machten, waren durch Verpuffungen und unüberlegtes Schweißen entstanden. So wussten wir es, von jemandem, der arbeitsmäßig am Tatort war. Aber die freie Presse vom Volk, wusste es besser, die Kettenreaktion die fünf Löcher in die Tanks machte, nannte sich im Volk: Sabotage.  Insgesamt fünf Farben, waren geflüchtet, zuletzt die Grüne. Als wir von den grünen Begebenheiten hörten, waren wir allesamt in der Küche beim Abendessen, wir bekamen das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Obwohl Oma Hilde Mitgefühl mit dem grünen Männchen zeigte. Armer Kerl, das machte mich nachdenklich. Aber, Gunnar hatte mich einst mit den geklauten Rosen vom Friedhof auch zum Dorftratsch gemacht. So etwas vergeht mit der Zeit. Es dauerte über vierzig Jahre, bis das Wasser der Unstrut wieder so sauber war, dass wieder Fische dort wohnten. Sogar im Welsbach kümmerten sich wieder die Stichlings Männchen um die Stichlingskinder.

Der Blitz schlug ein, genau in dem Moment, als Karl und ich unter einem Vordach auf der Veranda Schutz fanden. Der Blitz schlug in die Kuppel der Hustenburg, sprang auf den Blitzableiter, rauschte flimmernd in die Tiefe, im Zickzack blitzte der Blitz, nur wenige Meter von uns über den Rasen, schlängelte sich auf der frisch sanierten Balustrade entlang, von Ende zu Ende. Die zweiarmige Venus von Milo beendete den elektrischen Spuk. Gestank und etwas Qualm blieben, wehten über die Veranda. Karl behauptete, ein griechischer Bauer hätte auf der Insel Milos die Göttin Aphrodite gefunden, aber der Bauer suchte keine Göttinnen, sondern Steine für seine Hütte, hatte keine Ahnung von griechischen Göttinnen und verkaufte die armlose Aphrodite für einen Apfel und ein Ei an Franzosen, die zufällig in der Nähe weilten. Die schafften sie in den Louvre, wo Aphrodite immer noch als Venus residiert. Ich starrte Karl an, wegen so viel profanen Wissen und gab vor auch etwas zu wissen, sagte: Venus war  römische Göttin der Liebe und Aphrodite war die griechische Göttin der sinnlichen Begierde. Karl nickte nur. Zweifellos kannte Karl alle griechischen und römischen Götter und Göttinnen, anscheinend sogar persönlich. In diesem Moment knisterte der Blitz ein letztes Mal. Es machte zweimal Knacks! Wir wollten den Augen nicht trauen, beide Arme der armen Aphrodite, brachen wie in Zeitlupe von der Gottheit, kullerten ins Gras, neben dem Sockel. Das ist jetzt ganz große Geschichte, bemerkte Karl etwas erschrocken und wir betraten den gemauerten Jugendstil der psychosomatischen Klinik, wo die elektrische Energie fehlte. Wir waren Augenzeugen geworden, wie in Sekunden die klassische Götterwelt korrigiert wurde. Jetzt sah die Venus von Milo, wie das Plagiat im Louvre aus, oder war es umgedreht? Die weiße Balustrade müsste mal wieder gestrichen werden.  

 

Es dauerte eine Weile bis Gunnar den Grünstich wieder verlor, dabei wurde es Weihnachten. Im November machten wir Schlachtfest für leckere Wurst, Heiligabend gabs Wiener Würstchen und Weihnachten eine beschwipste Weihnachtsgans und in den Weihnachtsferien gab es mal wieder eine Eistanzfläche, neben dem Deutschen Hof, der nebenbei Glühwein, Kinderpunsch, Linsensuppe oder Kartoffelsuppe mit Bockwurst verkaufte, es gab auch Schittchen und Kaffee. Beim Krippenspiel wedelte Gunnar mit grünen Palmwedeln aus Fichtenzweigen. Ich kümmerte ich mich um Max, den Esel von Ramonas Oma Margarethe, konnte aber nicht verhindern, dass er bei der Verkündigung, mit heftigen Iaaahs jubelte. Die Gemeinde begleitete die Jubelschreie mit dem kräftigen Halleluja. Solche eine aphoristische Verkündigung hatte Kirche und Dorf noch nicht erlebt. Alle klatschten, sogar Pfarrerin Tabea klatschte die Hände. Anschließend traf ich eine endgültige Entscheidung. Jugendweihe oder Konfirmation oder Beides. Wird das auch eine Verkündigung? Ich ließ mir alle Zeit dafür. Ach ja, Silvester waren die Sechziger zu Ende und es trennten sich die Beatles mit Let it be, let it be, let it be, Lass es sein, lass es sein, lass es sein, sangen sie. 



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Kommentare: 6
  • #1

    Monika Gerdes (Freitag, 06 Januar 2023 22:54)

    Lieber Ulli, weilend in Esslingen bei der jungen Familie meines Sohnes, habe ich es heute endlich geschafft, deine Lesrprobe zu Ende zu lesen. Und ich kann nur sagen: Chapeau! Respekt! Wunderbar! Du hast Ideen, Phantasie und Stil. Es ist reines Vergnügen, deinem Erzählfluss zu folgen. Gerne würde ich writerlesen und erfahren, wie es deinem Alter Ego weiter ergeht... Wenn du magst, helfe ich dir gerne aus der Ferne, die kleinen Rechtschreib -, Grammatik- oder Ausdrucksfehler zu korrigieren (es sind aber nicht viele ). Liebe Grüsse aus Esslingen am Dreikönigstag sendet Dir
    Monika aus Crostwitz
    PS: Sebstverständlich würden wir uns freuen, wenn wir dich auch 2023 als Hospitalero begrüssen dürften... Einzelheiten, vor allem wann, besprechen wir später....

  • #2

    Elka (Sonntag, 08 Januar 2023 10:48)

    sehr interessant und gut geschrieben und ich würde deine Geschichte gern weiterlesen

  • #3

    Thomas (Sonntag, 15 Januar 2023 09:29)

    Sehr amüsant...weiter so. Erinnert mich sehr an Erwin Strittmatter.

  • #4

    Sven (Sonntag, 22 Januar 2023 20:21)

    Lieber Ulli, mach mal schön weiter so! Sensationell! Hoffentlich wird der kleine Ulli nie erwachsen.....

  • #5

    Ille (Dienstag, 11 April 2023 13:09)

    Ein ehrliches, gutes und humorvolles Zeitporträt, welches so manche Erinnerung hervorruft. Viele der Charaktere deines Buches wachsen einem so richtig ans Herz. Möge der kleine Ulli noch lange klein bleiben und uns an seinem Leben teilnehmen lassen.

  • #6

    Sabine (Samstag, 17 Februar 2024 20:49)

    Lieber Ulli,
    ich habe in den letzten Tagen nochmal alles am Stück gelesen.. einfach richtig richtig toll geschrieben...
    Wann gehts weiter?