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Leseprobe


1. Hustenburg

 

Ich habe einen Zauberstab hinter dem bunten Osterspaziergang gefunden!

Davon und von viel mehr, möchte ich dir berichten.

Kurz und Gut, das Betriebssystem ist hochgefahren, das Schreibprogramm hat ein leeres Blatt in den Bildschirm projektiert. Was fehlt, ist nur noch der erste Buchstabe. Aber! Wo anfangen? Ich erzähle die Geschichte am besten von Anfang an und kümmere mich nicht um solche Kleinigkeiten, wie Orthografie oder Grammatik, dass überlasse ich später dem Lektorat. So sinniere ich einige Zeit, ohne ein einziges Wort zu schreiben, vor mir her., bis Gott sprach: „Es werde Licht!“ Ja genau! Ich sollte mit dem Atemzug beginnen, ab dem ich und der Zauberstab gemeinsame Sache machten. 

Angeblich gibt es keine Zauberstäbe. Es hat auch einige Erdentage gedauert, bis ich die schicksalhafte Wahrheit begriffen habe. Es gibt sie doch, jedenfalls wenn ich mir Glauben schenke. Du bist gefragt mein lieber Leser. Niemand konnte wissen, welche Kraft der hölzerne Stab haben könnte. Du wirst der Erste sein, der davon lesen wird. Aber? Wirst du meine unglaubliche Geschichte glauben? Da gehört schon eine Portion Mut dazu. 

Zugegeben, mein Pfleger Karl rümpft auch jedes Mal die Nase, wenn ich aus meinem Leben schwatze. Vielleicht sollte ich erst einmal erkläre warum ich überhaupt einen Pfleger habe. Ein zirka dreißig Zentimeter langer Holunderstab war nicht ganz unschuldig daran. Die große Frage muss ich jetzt stellen. Lieber Herr Leser, bist du bereit? Bist du bereit mir vorurteilsfrei zu folgen?

Als erstes, werde ich dir etwas aus meinen momentanen Leben berichten. Das gibt dir einige Gewissheit, bezüglich meiner Identität.

Morgens spielte die Sonne oft, Seite an Seite mit dem Dunst, der über der Stadt hing. Noch ist es ein dicker, milchiger Nebelschleier, der mich nicht durchblicken lässt. Die schaurige Hektik der quirligen Großstadt blieb mir erspart. Hier oben auf dem Berg ist die Welt noch in Ordnung. Hellster Sonnenschein vom Smog reflektiert. Fasziniert stehe ich stundenlang am Fenster, petrusgleich, es fehlt nur die frohlockende Harfe. Weit und breit, wird die Klinik, von Groß und Klein, die Hustenburg genannt. Die Heilanstalt wurde einst als Lungenheilanstalt, praktischerweise an die frische Luft gebaut. Da wo der Berg die höchste Höhe hat, da thront sie. Vor langer Zeit wurde sie erbaut, im Zuckerbäckerstil. Es ist der Stil, den ganz schlaue Leute, besserwisserisch als Jugendstil bezeichnen. Ein imposantes  Bauwerk, mit grandioser Architektur. Bronchialkatarrhe, blutende Lungenspitzen, Schleimhautentzündungen oder die arge Tuberkulose werden hier nicht mehr behandelt. Das deutsche Volk hustet nicht mehr so schlimm. Jetzt, da die Farbe an einigen Stellen blättert und Lungenärzte anderswo  Patienten mit Raucherbein behandeln, ist aus den Zuckerbäckerpalst eine psycho-somatische Klinik geworden. Eine feine Umschreibung für eine Klapsmühle. So ein Haus will unterhalten sein und die Fenster könnten mal geputzt werden.

Es waren die typischen Dummheiten, heraufbeschworen von meinem Zauberstab, die mich ins Irrenhaus brachten. So arg, wie du momentan denkst, ist die ganze Angelegenheit nicht. Mein Auskommen ist ganz in Ordnung. Viele Denkarbeit wird mir einfach abgenommen. Essen kochen, Geldverdienen oder die Steuer erklären, brauche ich nicht mehr. Alles ist geregelt. Hach, geht es mir gut, auch wenn ich laufend übers Essen meckere. Mein Reich besteht aus vierundzwanzig grandiosen Quadratmetern. Davon sind sechs Quadratmeter für den Abort und die Dusche reserviert, der Rest ist mein Thronsaal. Die Örtlichkeit ist distinguiert mit einem Bett, einem Nachtisch, einem Stuhl, einen Tisch, einem Fenster, einer massiven Tür mit Guckloch und einem Schrank ausstaffiert. Dort ist mein stolzer Besitz aufbewahrt. Letzteres sind sechs Shirts, zwei Hemden, zwei Pullover (einer ist sogar aus Merinowolle) sieben Paar Strümpfe, fünf Schlüpfer, drei Unterhemden, drei Handtücher, zwei Jeans, ein Paar Turnschuhe, eine Jogginghose, ein Paar feste Schuhe für die matschige Witterung, ein Anorak, eine Mütze und ein Regenschirm. Das ist mehr als ein Mensch brauchen kann. Ach ja, auf dem Nachtisch steht mein Laptop und ein kleines Transistorradio. Meinen Habseligkeiten, muss ich natürlich auch einige Bücher hinzufügen. Sie liegen in der Zwischenablage des Nachttisches: „Die Ahnen“ von Gustav Freytag, „Gullivers Reisen" von Jonathan Swift, „Die Blechtrommel“ von Günther Grass, „Nobi“ von Ludwig Renn, „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne. Ganz hinten liegt noch die Bibel, aber die gehört mir nicht, sie ist Eigentum der Klinik. 

Es ist so, als würde die Welt da draußen nicht vorkommen. Manchmal frage ich mich, gibt es die tatsächlich noch? Der Nebel lichtet sich. Das ferne Häusermeer lässt Straßen erraten. Kennst du, mein getreuer Leser, noch die Schnittmuster aus längst vergessenen Frauenillustrierten? Genauso sieht die Stadt jetzt aus. Unzweifelhaft hat sich der Bau der Hustenburg an der frischen Luft bewährt. Und was für Lungenkranke und jetzt Kopfkranke gut ist, das ist auch für die Toten gut. Von meinem Fenster habe ich einen herrlichen Blick auf meine letzte Lebensstation. Lebensstation? Das klingt gut! Zwischen dem Tumult der Stadt und meinem Fenster liegt der städtische Friedhof. Der Gottesacker ist ein quadratischer Park übersät mit vielen liebevollen Details. Jeder der angelegten Wege wird von einer einzigen Baumart gesäumt. So gibt es einen Eichenweg, einen Rosskastanienweg, einen Fichtenweg, einen Ebereschenweg, einen Rotahornweg oder einen Weg an dem ausschließlich Ginkgobäume grünen. Dazwischen reihen sich Gräber, mal pompös im italienischen Marmor, mal schlicht, mal genügsam, mal arrogant, mal Jugendstil, mal anderes. Die halb und halb heruntergekommenen Grabstätten und Mausoleen sind romantisch und gruselig zugleich. Meisterwerke der Steinmetzkunst neben dem verwitterten Holzkreuz. Hinter dem Heldendenkmal der letzten Kriege reihen sich die weißen Kreuze der Soldaten und am Rosskastanienweg gibt es die grüne Wiese. Hier werde ich bald zu Hause sein. Das erheitert mich. Von Zeit zu Zeit darf ich mit Karl dort spazieren gehen. Ich liebe es in die kühlen Schatten der Bäume einzutauchen. Gerne würde ich für immer bleiben. Was gibt es Begehrenswerteres als im Schatten von Rosskastanien zu liegen?

 

Hin und wieder, bringt Karl bei seinen Besuchen eine Spritze mit.

Und eines muss ich dem Karl zu Gute halten, wenn mein Pfleger etwas beherrscht, dann professionelles Einspritzen. Er setzt die Kanüle an, trifft mit ungeheurer Selbstsicherheit die ausgesuchte Vene. Im selben Moment findet die Injektion ihren trainierten Pfad durch meine Blutbahnen. Der Stich tut nicht weh. Fürsorgliche Benzodiazepine flanieren sekundenschnell in Richtung Kleinhirn. Lauwarm prickelnd, finden sie ihren Weg. Sofort erlebe ich mich angenehm matt. Charakteristisch für die Metaboliten ist, dass ihre Wirkung sehr schnell eintritt. Sehr schnell. Nach gefühlten fünf Millisekunden, wahrscheinlich sind es viel weniger, drei Nanosekunden, niste ich auf meinem weißlichen Bett im milchigen Raum. Ich muss mich ablenken, so tun, als wären die medikamentösen Glücksbringer nicht wichtig, ihnen die Beachtung verwehren und mich auf das Wesentliche konzentrieren. Mein fürsorgender Pfleger ist verschwunden, beglückt seine bescheidenen Erdentage.

Ich muss die Füße hochlegen. Die Fähigkeit zur exakten Steuerung meiner Gliedmaßen lässt rapide nach. Die humane Temperatur meiner Blutzirkulation fällt. Sie bewegt sich nun minimal über dem Gefrierpunkt. In kurzen Worten: Ich bin glücklich. In diesem Drehpunkt zwischen Betäubung und relativer Indolenz, scheint es mir angebracht, einige Worte zu meiner Phantasie anzubringen. Wie einladend! Karl ist weg, die enge Zelle weitete sich. Das weiße Grau der Wände wird bunt bemalt. Wandelndes Graffiti. Körperlose Dinge aus meinen Leben schwirrten durch den Raum. Vergessene Gedanken bereicherten die kahlen Wände. Die Zelle wird immer bunter. Jeder noch so kleine Zentimeter meiner engen Zelle wird zur Projektionsfläche meiner Schwärmereien. Gedankenflüge schwirren durch den Raum. Mit einem Augenblick sind sie scharf wahrnehmbar und in der nächsten Sekunde verschwommenen oder verschwunden. Stimmt! Meinem Gedankenreichtum, vermochten die Benzodiazepine aber ganz und gar nichts anhaben. Fast ist es so, als wurden sie noch beflügelt.

Genau in diesem Moment beschloss ich, die Gedanken aufzuschreiben.

Wenn ich ein Buch schreibe, muss ich nur die richtigen Buchstaben abpassen, die im Raum umherirren. Sie mit einer Art Traumfänger einfangen und anschließend in fehlerfreier unzweifelhafter Reihenfolge in die Tastatur meines Laptops tippen.

Mein lieber Leser, bist du immer noch da? Möchtest du Abonnent meiner Buchstaben werden?

 

 


2.  Der Zauberstab 

 

Es ist ein Mirakel, das du dich mit meinem Text herumplagst. Hallo mein lieber anonymer Leser, du bist so großartig? 

Das ist natürlich versammelter Quatsch, wenn ich schreibe. "Ich habe den Zauberstab hinter dem Osterspaziergang gefunden!" 

Der Osterspaziergang hängt, wie du dich gewiss auskennen wirst, bei den neuen Meistern irgendwo im sächsischen Dresden rum. Aber da irrst du. Und, der Osterspaziergang heißt dort auch nicht Osterspaziergang, nein, dort heißt das Gemälde  "Brautzug im Frühling!". Nix da, vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Das Bild, was da in unserer guten Stube rumhängt, hatte Onkel Günter in schillerndes Öl gemalt. Es war um Längen farbenreicher, als es dieser Ludwig Richter, jemals hätte malen können. Gewiss hängt das falsche Bild im Zwinger. Es war Oma Hildes größter Schatz und für Opa Vincent ein ständiger Dorn im Auge. Onkel Günther malte immer bunt, sehr bunt. Ich mag bunt! Die Streitereien über das farbenfrohe Kunstwerk wurden auch nie langweilig. Bei Oma heißt das Bild – Osterspaziergang – basta! Sie duldet da keine Widerrede. Nur Opa Vincent traute sich hin und wieder ein wenig Widerspenstigkeit zu. Opa Vincent war querköpfig, aufmüpfig. Opa Vincent war äußerst renitent, wenn es um Onkel Günthers Malerei ging. Ich kann mich an einen Besuch in Onkel Günthers Atelier erinnern, das eher an ein Laboratorium für schreiende Farben hinwies. Opa Vincent bekam wegen eines Bildes, Onkel Günther nannte es Stiller Poet, einen derart starken Lachkrampf, das Oma Martha mit heftigen Schlägen auf Opas Rücken für Ruhe sorgen musste. Opa schrie: Spitzweg würde sich im Grabe umdrehen. Ich mag meinen Opa. Bevor ich zu meiner persönlichen Bildkritik ansetze, will ich kurz schildern, was passierte, als ich den farbenfrohen Osterspaziergang philiströs inspizierte.

Es war ein sonniger Tag, der letzte im August, die Sonne brannte so, als hätte sie's gewusst, dass man Stichlinge nicht mit der Hand fangen kann. Jedenfalls nicht als Dreijähriger! Da wusste ich noch nicht alles.

 

Irgendwo in meinem dreijährigen Hirn, hatte der von Onkel Günter gemalte Bach, eine abgetupfte Ähnlichkeit mit dem Welsbach. Bevor die Kinder mit bunten Kränzen und dem Hündchen den Bach erreichen, wollte ich kurz nachschauen, ob da auch Stichlinge rumschwimmen. Ich kletterte auf die Lehne von plüschigem Chaiselongue. Um die rechte Perspektive zum ölfarbigen schimmernden Bach zu erreichen, musste ich das Bild etwas anheben. Da passierte es.

 

Etwas fiel von der Rückseite herab, kullerte in Zeitlupe auf der Lehne entlang, kippte zwischen Wand und Chaiselongue, landete klackend im Staub, den Omas Stubenbesen nie erreichten würde. Augenblicklich waren die Stichlinge uninteressant. Neben der Mausefalle unter dem Kanapee fand ich ihn. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte ihn niemals gefunden.

 

Bitte verzeihe mir, mein unverdrossener Leser. Im Moment kann ich nicht weiterschreiben. Maria Magdalena ist da und serviert mir das Abendmahl. Bevor ich den Laptop zuklappen konnte, bevor ich überhaupt etwas machen konnte, presste die polnische Schönheit ihre Lippen auf die meinen und bewahrt mich so, für unbestimmte Zeit, vor weiteren Ausflügen in die – ja ich weiß nicht? In die Belletristik? Ohne Überdruss, gestattete sie mir so einiges und ich konnte restlos vergessen, wie ich in diese Zelle geraten war. Es ist nicht das erste Mal, dass ich jede Pore ihrer Haut auswendig studieren durfte. In Anbetracht dieser unerwarteten Situation, darf ich dir verraten, es ist der Anblick des Dekolletees. Ganz großer Quatsch!

Wenn es nur so wäre. Glaube mir nichts!  Wie immer ist es pures Wunschdenken, das mich kaum noch atmen lässt. Abends zur Abendbrotzeit, wenn Maria Magdalena das Tablett mit zwei Scheiben Graubrot und bescheidener Wurst oder abgemagerten Käse, den Becher verdünntem Wein bringt, Dann könnte ich unter meinem gestörten Hormonhaushalt verzweifeln. Meine Gedanken kriechen dabei förmlich unter ihrem Mieder. Maria Magdalena bleibt davon gleichbleibend unbeeindruckt, lüftet nach dem Stoßlüftungsprinzip, frische Abendluft in die Zelle, füllt die Klopapiermängel auf, räumt dies und das zur Seite, schließt die Fenster wieder, schüttelt das Federbett auf und lächelt manchmal. Das Hormon, das Serotonin kocht über, während ich in völliger Scheintotphase verharre. Ein Matador bin ich nicht, es sei denn ich würde den Zauberstab …. Blöd, in meinem Leben habe ich nur mit Zauberstab Erfolg. Doch der Zauberstab ist weit fort, zu weit fort. Ich bleibe auf meinem Bett als seelenloser Torero zurück. Sehr gerne wäre ich in ihrer Umarmung eingeschlafen oder hätte ihre Haare gekrault, ihre Rückenwirbel studiert, wie Andere das Vaterunser. Es ist nur Träumerei. So ist es halt! Ein unerfülltes Verlangen ist auch ein Verlangen, ein kleines Glück das bleibt.

Wenig später ist Maria Magdalena verschwunden, bleibt die Apostolin der Apostel und meine erotische Traumsünderin. Was wäre meine Zelle, mein kleines süßes Gewahrsam, wenn ich keine Träume mehr hätte. Nur die einsamen Nächte kommen mir immer länger vor. Hier rumzuliegen und an Maria Magdalenas Busen zu denken, bringt mich den Zeilen, die ich schreiben wollte, sollte, kein Stück näher. Maria Magdalena, sie ist fort. Es gibt noch mehr Patienten hier im Hause, denen stoßgelüftet werden muss. Maria Magdalena, liebgewonnen habe ich sie.

 

   

Verehrter Leser, bevor ich zu weiteren Albernheiten ansetze, will ich dir nun kurz erzählen, was ich im Staub unter dem Chaiselongue gefunden habe. Es war ein verdorrter Stock, den es hundertfach im Holunderbusch hinter der Scheune und dem Hühnerstall gibt. Er musste sehr alt sein, schien fast versteinert. Nichts Besonderes also. Neben dem Kachelofen stand der leere Kohleeimer, in dem noch Platz war für ein versteinertes Stück Holunderbusch. Das Beste wäre es gewesen, es wäre das Beste gewesen, aber … 

Davon erzähle später noch ganz viel mehr. Meine Geschichte sollte doch am Ursprung beginnen.

Ich weiß nicht, wie es bei dir ist? An welchen Tag in deiner Kindheit kannst du dich mit Klarheit erinnern? Bis zum ersten Angelpunkt in meiner Biographie, ist nicht viel passiert. Der erste Wendepunkt in meinem jungen Leben, war der Tag als ich vergebens Stichlinge im Welsbach mit meinen kleinen Händen fischte. Versuchte zu fischen. Es ist der erste Moment, den ich mir heute im uralten Alter, ins Gedächtnis rufen kann. Bis zu diesem denkwürdigen Moment, machte die Zeit, was sie wollte. Möglicherweise machte die Zeit was sie immer tut, sie verrinnt einfach. Sie verwehte ohne irgendwelche bemerkenswerten Erinnerungen. Ich muss wohl bis dahin eine glückliche Kindheit bewältigt haben, da mir für diese Zeit nichts Negatives einfällt. Im Grunde fällt mir gar nichts dazu ein. Absolut gar nichts. Sicherlich habe ich friedlich in dem weißen Kinderwagen vor mich hingeträumt und als erstes Wort Mama oder Papa gebraucht, wie es wohl jedes Kind einmal tut. Aber nichts Genaues weiß ich wie immer nicht. Der Stichlingtag hat sich aber memoriert. Oma Hilde kochte am selben Abend noch Holunderlikör und ich durfte probieren, ich probierte noch als Oma gar nicht mehr dabei war, bis ich auf die Hinterbacke fiel. Es war der letzte Abend in einem friedlichen Leben. Es war der letzte Abend, bevor der Ernst des Lebens mit voller Wucht auf mich einschlug. Am nächsten Tag durfte ich in den Kindergarten und ich hatte meinen ersten Kater. Wie dir schon erzählte, musste ich am ersten Septembertag in den Kindergarten.

 

Es stimmt alles, was ich der Kindergartenzeit vorwerfe. Es war wohl der erste Angelpunkt in meiner Biographie. Der erste Wendepunkt im Kindsein, im Lebenslauf, passierte. Mit anderen Worten, die unbeschwerte Kindheit war an diesem Septembertag zu Ende, Schluss aus, bums. Die Zeit bis dahin, war eh nur Babykram, mit Windel und so. Bis dahin machte die Kinderzeit, dass was sie immer tut, sie enteilte ohne irgendwelche großen Gedanken und viel zu schnell. Dass, ich bis dahin eine glückliche Kindheit vollbracht hatte, versteht sich von selbst. Es muss einfach so sein, da mir für diese Zeit, auch nach gründlichster Grübelei, nichts Negatives einfällt. Im Grunde fällt mir gar nichts dazu ein. War es bei dir etwa anders?  


3. Knutschfleck

 

Die Kindergartenzeit, ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium, wenn ich mal den Churchill frei zitieren darf.

Mir fallen die Stichlinge im Welsbach ein. Und bei den Stichlingen ist einiges anders, als bei anderen Fischen. Wusstest du, mein lieber Leser, dass Stichlinge Nester bauen? Und noch was, die Erziehung der vielen Stichlingskinder ist reine Männersache. Die flinken Schwimmer, als Dreijähriger, mit den Händen fangen, ist ein aussichtsloses Unterfangen, so wie viele Unterfangen sinnlos sind. Stichlinge kennen keine Zeitlupe. Apropos Zeitlupe, Und schon lag ich in der Erinnerung. Ich lag wieder auf dem Bauch am letzten unschuldigen Sommertag. Ich beschaue mein Spiegelbild im Welsbach an. Stimmt, die Zeit verflüchtigt sich schneller, als ohne Stichling Jagd. So schwammen die Stunden bäuchlings dahin und der Zauberstab kam näher. Und der Kindergarten. Und der Herbst. Das Wetter wurde völlig anders.

Ich entsinne mich noch an das Wetter, es war nasskalter November am ersten Septembertag. Mit diesem feuchten Tag begann der Ernst des Lebens, mein bedauernswertes Schicksal. Der Kindergarten ist und bleibt, bis heute für mich ein abstraktes Gebilde. Gleich am ersten Tag entdeckte ich, dass einige der anderen Jungs Strapse trugen. Ich will mich, an dieser Stelle, nicht Sätze lang, über andere Eigentümlichkeiten auslassen. Aber genau in diesem Moment begannen sich meine Wahrheiten, aus den vielen Schichten von denen sie überlagert werden, herauszuschälen. Die erste Wahrheit ist: Jungs, in Strapsen, waren doof! Irmchen erklärte mir dann, dass die Omas die Strümpfe immer zwei Nummern größer strickten und ohne Strumpfhalter würden die Strümpfe rutschen. Wenn dann reingewachsen wurde, oder zu heiß gewaschen wurde, erledigte sich das Strumpfhalterthema meistens. Die zweite Wahrheit ist: Danach finde ich kleine Jungs in Strapsen immer noch doof. Meine Oma strickte nämlich nicht, meine Oma fuhr mit ihrem Berliner Roller lieber auf die Jagd. Wenn im November die ersten Fröste losgingen, hingen meist ein oder zwei Hasen in der Torfahrt und als ein Fuchs unseren Hühnerstall besuchte, legte sich Oma auf die Lauer. Kurze Zeit später bekam der Fuchs eine Bestrafung, die er schließlich nicht überlebte. Schon im frühsten Kindergartenalter lernte ich nebenbei eine Form des Bonheurs kennen. Ja mein lieber Leser, ich bin bis heute meiner Familie, für passende Strümpfe dankbar. Falls mir heute mal, eine Frau in Strapsen begegnet, nun ja, das wird mir nicht passieren.

Doch nun wieder zu den fürchterlichen Dingen, die mir am ersten Kindergartentagen geschahen. Glück und Unglück liegen oft nicht weit auseinander. Merkwürdigerweise sind fürchterlichen Dinge gar nicht so fürchterlich, wenn man sie mit Abstand betrachtet. Damals war es fürchterlich und es ist so wie es ist. Mittagsruhe im Kindergarten ist fürchterlich. Drei Jahre lang wurde ich damit gequält. Fürchterlich ist mächtig untertrieben, ich hasste die Mittagsruhe! Genau an diesem Faktum begriff ich, dass es ungeheure Ungerechtigkeiten auf der Welt gibt. Die Krönung aller Ungerechtigkeiten waren die Mittagskinder. Mittagskinder sind Kinder, die kommen mit einem Zettel in den Kindergarten und dürfen zum Mittagessen nach Hause. Mittagskinder mussten nicht zum Mittagsschlaf. Ich hasste sie! Es gab auch eine Steigerungsform, es gab Straps tragende Mittagskinder. Ich hätte jeden Tag heulen können. Wie gut, dass ich noch nicht die geringste Ahnung hatte, was ich da für ein Ding, hinter dem bunten Osterspaziergang, entdeckt hatte.

Wenngleich ich keine Ahnung hatte, hatte ich es getan. Zur Schlummerstunde, kramte ich den Holunderzweig heraus und zauberte einfach drauf los. Ich zauberte die Bilder, aus meinem Kopf, einfach weg. Was dann passierte habe ich erst gar nicht begriffen. Für meinen gesunden Kinderverstand, konnte so ein Holunderzweig zaubern. Punktum. Aber sicher bin ich mir bis heute nicht.

 

Dass ich die Mittagskinder, nachdem Mittagsessen, meistens nicht mehr sah, konnte ja auch andere Ursachen haben. Beim Thema Mittagsschlaf nahm wohl meine Charakterbildung ihren Anfang. Ich wollte einfach nicht mittagsschlafen.  Damals kämpfte ich den Kampf des kleinen Kindergartenkindes gegen die Mächtigen der Welt in den Gestalten von Frl. Seifurt, Frau Müller, Frau Bergmann, Frau Goldig. Zwanzig, vielleicht zweihundert Kinder, zählen konnte ich damals noch nicht, sollten mit mir ruhen. Nur Ruhe ist etwas anderes. Ich nenne es unruhige Ruhelosigkeit. Wer soll da schlafen können? Hauptsächlich, weil überhaupt nicht müde war. Kein Bock auf diesen Blödsinn. Aber diese Kindergärtnerin, dieses Fräulein Seifurt, war unerbittlich. Ich musste in der Ecke stehen, zum Schämen, weil ich die scheinheilige Mittagsruhe störte und danach mucksmäuschenstill auf der Liege liegen musste. Schrecklich! Weshalb ich gegen den Mittagsschlaf rebellierte, ist mir heute vollkommen unklar. Zweifellos aber hat mein Gerechtigkeitsstreben an jenen Tag einen einwandfreien Reinfall erlitten. Meine Entwicklung zum rechtschaffenden Menschen begann, genau in der Eckenstehzeit. Nein, mit mir kann man es nicht machen und einen Zauberstab hatte ich. Die Erzieherin entwickelte sich zu meiner besonderen Freundin. Ihr fehlte der geringste Ansatz guter Manieren mir gegenüber. Ich kann mich noch genau entsinnen. Abends streichelte ich den Holunderstab und wünschte ihr irgendetwas Grässliches an den Hals. Tatsächlich trug das Fräulein Seifurt, am nächsten Tag, ein buntes Tuch um den Hals. Ein Knutschfleck wurde gemunkelt. Ich hatte nicht die kleinste Vermutung, was das sein könnte, aber ich erhoffte, sie würde daran erbärmlich leiden. Zum Glück, hatte ich das, so nicht zum Zauberstab gesagt. Eine Lehre sollte es ihr trotzdem gewesen sein. So, mein lesender Freund, vielleicht erahnst du schon, welche Macht in meinen Händen war.


4. Mumps

 

Es ist unmöglich, meinem Pfleger Karl etwas aus meiner Vergangenheit vorzulesen. Ihn interessiert es einfach nicht. „Jaja“, ist die einzige Unterhaltung; die er zu Stande bringt. „Jaja!“ Auch Maria Magdalena ist keine gute Zuhörerin. Da könnte es daran liegen, dass sie Polin ist und kaum Deutsch spricht. Aber wenigstens tut sie so, als würde sie verstehen, streichelt manchmal meine Wange, nickt mit dem Kopf und spricht etwas in ihrer slawischen Sprache. Ich glaube, wir verstehen uns, ohne uns zu verstehen. Sozusagen ist Maria Magdalena doch eine gute Zuhörerin, auch wenn sie nichts versteht.

Meine Güte, gut das ich dich habe, du bist ein verlässlicher Leser. Du musst es verstehen. Du weißt es ja schon, ich kann zaubern. Jetzt weißt du es, ich darf doch Du sagen lieber Leser. Die Zauberei manifestierte sich in der Folgezeit.

Das Leben besteht aus vielen Denkfehlern. Ich wedle abwehrend mit den Armen, bevor ich weiterschreibe. Wieder einmal musste ich zum Schämen in der Ecke stehen. Was wird von einem Dreijährigen auch alles verlangt. Schuld, war ich selber. Kurz um, ich prahlte damit rum, dass ich einen Zauberstab hätte. Das war nicht gut. Warum musste ich ausposaunen, ich hätte ein Knutschfleck gezaubert.

Einige Zeit später florierte kurzzeitig meine erste Geschäftsidee. Obwohl ich mir alle Mühe gab, blühte der Verkauf nur sehr kurz. Ich verkaufte allerhand Zauberstäbe, die ich mit einem Messer aus den Büschen schnitt. Hinter dem Hühnerstall war ich fündig. Nun, die Holunderstäbe hatten eine ganze Nacht im Kuhdung verbracht, bevor sie eine weitere Nacht im Abzug vom Grudeofen verbrachten. Anschließend folgte eine Spülung im Welsbach und eine Trocknung in der Sonne. Nachher sahen die Holunderstöcke ganz schön alt aus. Wie Zauberstäbe sahen sie aus.

Hast du etwas anderes erwartet, mein lieber Leser. Einige Kindergartenkinder wollten partout, ihre Träume lebendig zaubern. Als Zahlungsmittel akzeptierte ich Gummiindianer oder Matchboxautos, bis dieser elende Gunnar, eins von den Strapsen tragenden Mittagskindern, schlimmes behauptete. Er meinte, ich wäre ein Betrüger und zinkte mich beim Fräulein Seifurt an. Mit aller verfügbaren Macht und einem Großaufgebot von Kindergärtnerinnen, wurde mein Kindergartenbeutel durchsucht. Mit welchem Recht? Es half nichts, das Recht auf meiner Seite zu haben. Und schon war ich Sioux, Apachen, Delawaren, Komantschen, Mohikaner und das Zinkgussauto wieder los. Es war ein Mercedes-Benz W 198, ein Coupé mit aufklappbaren Flügeltüren, der für ewige Zeiten verschwand.

Dafür stand ich erneut in der Ecke. Ich sollte mich schämen. Logischerweise war ich nach der Lektion so aufgedreht, dass ich am Abend den Zauberstab streichelte und am nächsten Tag das Mittagskind Gunnar mit entsprechenden Wünschen in den Nachmittag schickte. Ich brauche sicher nichts weiterschreiben. Armer Kerl. Ich weiß jetzt nicht genau was schlimmer ist, Mumps oder Ziegenpeter. Ich glaube, er musste Beides erleiden. Fräulein Seifurt lief die nächsten Tage mit noch monströseren Tüchern rum. Vermutlich hatte sich der Knutschfleck ausgeweitet. Aber, nichts Genaues weiß ich nicht.

 

 

Ach ja. Schimpfe gab es auch von ganz anderer Seite, meine Mama hatte wohl den geplünderten Holunderbusch entdeckt und wollte eigentlich mit Oma weiteren Holunderlikör zubereiten und das ging nicht mehr. Selbst dafür fand der Zauberstab eine Lösung, in der Gestalt von Frau Stein. Eine gute Nachbarschaft wird stets aufs Neue bekräftigt. Ohne dass wir es bemerkt hätten, stand sie plötzlich hinter uns. Ich durfte nachher einen ganzen Tragkorb voll Holunderbeeren in ihrem Garten pflücken. Als die Sonne allmählig unterging, war der Likör fertig und ich durfte wieder ein kleines Schlückchen verkosten. Wenn du mein treuer Leser nun meinst, ich könnte die Kindergartenzeit nur mit Schwips erdulden. So glaube mir, Holunderlikör löst keine Probleme, aber das tut Holundertee ja auch nicht. Für die schwierige Angelegenheiten hatte ich einen Holunderstab. Es war schon dunkel, als ich fünf Flaschen Likör zur Frau Nachbarin bringen sollte. Eigentlich waren es nur vier.      


5. Popoklatsche

 

Das gerade du so metaphorisch an so einem merkwürdigen Ort gelandet bist, ist das nicht verrückt? Ach nein, so weit bist du noch nicht. Ich weiß überhaupt nicht, wie die Klinik ausgelastet ist. Ich werde Karl fragen. Aber ich möchte dich nicht mit Belanglosigkeiten ermüden.

Du musst mir verzeihen, aber manchmal muss ich lange nachdenken, bis ich weiterschreibe. Wie war es damals? Wie gesagt, mein lesender Freund, die Kindergartenzeit ist einige Zeit her. Danke für deine Geduld.

 

In Aufeinanderfolge epochaler Tage kam, schwuppdiwupp, ein goldener Oktober in die Landschaft. Der September war eher ein November. Die Sonne dekorierte die Zeit. Meine große Schwester war in den Kartoffelferien, lag dort auf dem Bauch und sortiere Kartoffeln. In dieser Phase nahmen einige meiner Unternehmungen eine Wendung ins Unerlaubte. Meine Mittagsschlafallergie steigerte sich gerade ins Unermessliche und Gunnar durfte nach Tagen, voller Mumps und Ziegenpeter wieder in den Kindergarten. Da er keine Strapse mehr trug, freundete ich mich etwas mit ihm an. Vermutlich von meinem schlechten Gewissen geplagt. Gunnar war ein spannender Bursche. Von ihm ging eine schwer zu beschreibende Welle, krimineller Überlegenheit aus, die mich schier beeindruckte. Seine Mutter ging jetzt in die neugegründete LPG zur Arbeit und Gunnar verlor seinen Status als Mittagskind. Das machte ihn schlagartig sympathisch. Die Zauberei mit dem Zauberstab, die bei ihm Mumps machte, behielt ich lieber für mich. Am selben Tag nahm er mich auf dem Klettergerüst zur Seite, erzählte von den Kartoffelferien, vom Unglück der Kindergartenkinder, die nicht in die Kartoffelferien durften. Kurzum, Gunnar vereinnahmte mich als Komplize, zu unserer ersten Straftat.

Ich kann mich noch genau entsinnen. Ein Schub ging durch meinen Körper, von der einen auf die andere Sekunde, stieg die frevlerische Vorfreude in mir regelrecht auf. Der Grundgedanke war - auszubüxen. Gesagt, getan! Niemand bemerkte es! Wir verließen den Kindergarten durch den Haupteingang. Sofort war alles anders. Die Sonne schien heller, der Puls schlug schneller, der Plan endete hier. Dumm war das, weil der Kindergarten genau zwischen der örtlichen Essensküche und der LPG lag. Das halbe Dorf, ging oder kam, genau zu dieser Zeit entweder zum oder vom Essen. Unter anderen Gunnars Mutter! Es gab Erbsensuppe mit Würstchen. Wenig später lagen wir innerlich völlig eingedrückt auf den Holzliegen beim Mittagsschlaf. Mir wurde klar, dass ein großer Coup akribische Recherche und Planung erfordert. Am Nachmittag untersuchte ich den Zaun zum Beninskyhof. Rostiger Maschendraht in dem eine Hecke wuchs. Mit einer Drahtschere könnte unser Plan am nächsten Tag gelingen.  Alle Kinder machen mal Dinge, die sie eigentlich nicht sollten und ich bekam einen kribbelnden Nacken, als ich beim Hausmeister Kurt, die Kombizange auslieh. Die weiteren Weichen waren auch zügig gestellt. Gunnar setzte sich auf Ramonas Platz, nahm ungeniert von ihren Anisplätzchen, die ihre Oma Margarethe so großartig backen konnte. Schon war eine lautstarke Keilerei im Gange. Fräulein Seifurt und Frau Gold hatten voll zu tun, den Pazifismus in der Gruppe wiederherzustellen. Ich schaffte indessen ein ausreichend großes Loch in Zaun und Hecke.

Hast du schon mal fünf kopflose Hühner gesehen? Wir sollten sie erblicken, sie hingen zum Ausbluten an einer alten Teppichstange, die Köpfe dazu lagen auf dem Misthaufen. Die alte Frau Beninsky saß mit dem Rücken zu uns in der Torfahrt und sprach überzeugende Trostworte zum aufgeregten Kickelhahn. Ich weiß jetzt nicht mehr genau, wer die Idee hatte. Warum oder weshalb wir ein Huhn stahlen, das kann ich mir nicht mehr ins Gedächtnis rufen. Ich weiß nur noch, dass wir durch die Johannisbeerbüsche robbten, Fühlte, dass der Hals des Huhnes ganz warm war .Das Huhn ich zitterten mächtig. Die erste Straftat sollte emotional alle irdischen Maße sprengen. Unsere Flucht führte durch endlose Getreidefelder hinunter zum Fluss. Was ein krimineller Dreijähriger alles in seinen Taschen haben kann, sollte ich nun erleben. Gunnar kramte ein Taschenmesser und eine Streichholzschachtel heraus. Vermutlich hatte doch Gunnar die Huhnidee? Später brutzelnden wir das Huhn samt Federkleid und Innereien im kleinen Lagerfeuer. Es roch köstlich und ich fand, es stank fürchterlich. Eine merkwürdige Welt. Vielleicht besiegelte ich in diesem verräucherten Moment, vom Ammoniak benebelt, im tiefen Unterbewusstsein eine spätere Liebe zur Kocherei. Der Plan sah eigentlich eine Ewigkeit in der Freiheit vor und die Ewigkeit beendeten wir in Abenddämmerung. Auf vielfach verschlungenen Wegen treten wir den Rückzug aus der Freiheit an.

Konsequenz? Das Wort hört sich nicht nur blöd an, dass ist es auch. Damals wusste ich noch nichts von diesem pedantischen Wort und trotzdem dachte ich auf dem langen Heimweg lange und mit Bangen darüber nach. Es war völlig dunkel als wir das Dorf erreichten. Die wenigen Laternen spendeten Licht, aber keinerlei Trost. So kam es wie es kommen musste. Popoklatsche die zwischen rechts und links nicht unterscheiden konnte. Konsequenz hieß auch Stubenarrest. Das Spielen mit Gunnar wurde mit der Begründung - Schlechter Umgang! - für die nächste Endlosigkeit verboten. Nur das Irmchen aus dem Gesindehaus konnte sich mit dem groben Verhalten meines Papas in keinster Weise identifizieren und freute sich das ich heile und wieder da war. Irmchen wurde früher als Magd bezeichnet. Jetzt war Irmchen irgendwie ein wichtiger Teil meiner Familie und LPG-Mitglied. Das heißt, sie machte das, was sie früher als Magd machte. Nachher, spät am Abend, bekam mein Zauberstab eine Streicheleinheit. Irmchen brachte mir heimlich eine Fettbemme mit Gürkchen. Bei der Gelegenheit heulte ich ihre Schürze feucht.  

Die nächsten Tage war ich zwar nicht tot, aber ganz lebendig war ich aber auch nicht.

Im Übrigen, mein treuer Leser, sind wir trotz Hühnerklau heißhungrig und völlig abgemagert nach Hause gekommen. Papa schickte mich ohne Abendmahl ins Bett. Gegenwärtig würde ich es höchstwahrscheinlich besser machen. Hühner eignen sich wertvoller für das Frikassee. Ich hätte da einen Tipp für dich. Für das Lagerfeuer solltest du ein junges Hähnchen stehlen und eine Pfanne mitnehmen. Weil wir keine Tiere töten, sollte das Tier im Idealfall, schon tot, gerupft und ausgenommen sein, bevor du es stiehlst. Dann solltest du es fachgerecht in Keulchen, Brüste (ohne Knochen) und Flügelstücke teilen. Dann Zwiebeln fein hacken und in der öligen Pfanne in der richtigen Hitze glasig werden lassen. Diese mit Ahornsirup, Chilisauce, Essig, einem Hauch Knoblauch, Tabasco, Rotwein, Salz, Pfeffer, Paprika und Brühe ablöschen und dann die Fleischstücke einlegen. Mehrfach wenden. Nach schätzungsweise einer Stunde die Hähnchenteile aufspießen und im Feuer vorsichtig grillen. Die Kunst besteht darin, das Hähnchen zu garen, ohne dass es verbrennt. Im Buchenholzfeuer funktioniert das richtig gut. Immer mal wieder mit der Marinade bestreichen und es braucht eine knappe dreiviertel Stunde, dann wird es richtig lecker. Guten Appetit mein lesender Freund.

 

So ein Zauberstab zelebriert manchmal ein herzzerreißendes Eigenleben. Er ließ mich warten. 


6. Ein Zauberstab vergisst nicht.

 

Magie braucht eben manchmal Zeit. Die vielen Wartetage trieben einige Erinnerungen fort. Die Kinderzeit nahm den gewohnten Lauf.

Weißt du eigentlich, wie mühselig es für mich ist, die Geschichte, meine Gedanken, meine Wünsche in geordnete Bahnen zu lenken. Fange ich mal bei den Wünschen an. Karl erklärt mir, dass der Koch, bei Sonderwünschen immer fuchsteufelswild wird. Maria Magda ist da, putzt die Fenster, poliert mit der Bildzeitung und bestätigt Karls Aussage, den Koch betreffend. Kartoffelpuffer mit Apfelmus wird den Koch überfordern.

Im Rest Bildzeitung lese ich einen sehr aufschlussreichen Artikel. Deutschland hat diplomatische Beziehungen, mit dem Königreich Bhutan, aufgenommen. Und, es wird über den dortigen Glücksminister berichtet, der das Glück per Gesetz verordnet. Kartoffelpuffer sind großes Glück, dazu Apfelmus ist ganz großes Glück. Warum gibt es in Deutschland keine passenden Gesetze und keinen Glücksminister?

Doch zurück zu längst vergangenen Kindergartentagen. Beim Gedankenwirrwarr sortieren hilft mit mal wieder Karl, wie du schon weißt, der sehr gut injizieren kann, mit bekannter Wirkung. An den Wänden verbreitet sich die Psyche aller gewesener Zeit.

Da die Warterei damals kein Ende nehmen wollte, hatte ich den Zauberstab wieder hinter dem Osterspaziergang eingelagert und fast alles vergessen. So kam es, dass ich älter wurde, ich wurde vier, besuchte mittlerweile die mittlere Gruppe.

Mein Kindsein nimmt den gewohnten Lauf. So darf ich öfters in der Ecke stehen, darf mich schämen. Warum auch immer. Ich weiß es gar nicht mehr. Aber, es gab immer noch jede Menge strapaziösen Mittagsschlaf.

Die Popoklatsche hatte ich längst vergessen, vergeben und verziehen. Es war fast alles gut. Nur ein Zauberstab vergisst nichts.

Es passierte, als Irmchen in Omas guter Stube Staub wischte. Über den Verstand kommt man da natürlich nicht weit, denn es wurde ein denkwürdiger Tag. Ein unvergesslicher dazu. Irmchen entstaubte gerade den Osterspaziergang, als der Zauberstab auf die Chaiselongue Lehne und unters Chaiselongue rollte. Die Mausefalle schnappte mit all ihrer Kraft zu.

Stellt mir bitte keine schwierigen Fragen, aber genau in diesem Moment passierte es. Dreitausendzweihundertsiebenundsiebzig Kilometer anderswo, platzte eine Bombe. Ich glaube, genau eine Sekunde später, als der Zauberstab die Mausefalle aktivierte, verwandelte die Wasserstoffbombe auf der nordsibirischen Insel Nowaja Semlja viele Millionen Tonnen arktisches Eis in strahlendes Wasser. Die AN602 war die stärkste jemals gezündete Bombe und erzeugte die größte jemals verursachte Explosion. Ob mein Zauberstab mit dem Fingerzeig auf die Überlegenheit des Ostens, etwas zu tun hatte, das weiß ich nicht. Zutrauen würde ich es ihm.

Der Zauberstab fiel herunter, die Mausefalle macht klack und Irmchen warf ihn samt der Mausefalle in den Kohlekasten. Zum Glück oder Unglück war gerade Sommer und keiner dachte ans Heizen.

Exakt zur gleichen Minute, saß ich mit Gunnar auf dem Klettergerüst. Wir diskutierten über den goldenen Westen, der hauptsächlich aus Matchboxautos bestand. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Genau in dem Moment geschah schlimmes. Es geschah im Kabuff zwischen Grudekammer und Gesindehaus. Mama erwischte Papa beim Ehebrechen. Als im vom Kindergarten kam, hing der Haussegen gewaltig schief. Es fielen Wörter, die ich dir nicht wiedergeben möchte. Irmchen ließ mich streng vertraulich wissen, Papa wäre mit der jungen Frau Beninsky fremdgegangen. Die junge Frau, die Nachbarin von Kindergartengarten, hätte Papas Herz erworben. Erinnerst du dich noch an das Huhn, das ich vom Beninskyhof mitnahm. Papa wollte die Schuld begleichen, die ja meine war. Aber die junge Frau Beninsky nahm kein Geld, nahm lieber Papas Herz. Am Abend kam Papa „Pass gut auf dich auf“, sagte Papa, danach verschwand er für viele Zeit aus meinem Leben. Daran musste ich lange verdauen.

Damals krabbelten die Gedanken kreuz und quer. Wie soll ich sortieren Es ist, als wolltest du Ameisenstraßen verkehrsberuhigen. Ist das ein gutes Geschäft? Ein totes Huhn im Tausch mit einem lebendigen Herz?

Mein Papa war nicht mehr da. Irmchen ließ mich streng vertraulich wissen, Papa wäre mit der jungen Frau Beninsky fremdgegangen und durchgebrannt. Oder beides, so genau wusste sie es auch nicht Sie waren auf den Weg nach Hannover. Dort war sein Geburtshaus, dort war goldener Westen, dort waren Matchboxautos.

Durchbrennen kann man ebenso mit Fortschleichen übersetzen. Es brauchte eine Zeit, bis ich den Inhalt der neuen Konstellation recht verstehen konnte. Meine sachlichen Denkungsweisen, machten mich richtig traurig. Jeder hat mal einen papalosen Tag, ich hatte jetzt ein papaloses Leben. Die Popoklatsche war ja gar nicht so schlimm gewesen und verjährt war sie auch schon fast. Als ich den Zauberstab im Kohlenkasten fand, war mir einiges klar. Ich befreite ihn aus der Mausefalle. Es müsste eine Mittel geben, das kein Papa mehr in den Westen ging. Ich streichelte den Holunderstab, drückte ihn an meine Brust. Wie gesagt, ich musste verdauen.

 

Apropos Verdauung. Maria Magdalena überrascht mich immer wieder. Sie kredenzt mir Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Sie hat den Pufferteig zu Hause vorbereitet, und auf der kleinen Herdplatte im Schwesternzimmer gebraten. Soviel verstehe ich von ihrem polnischen Deutsch. Das Apfelmus ist aus dem Glas. Über so viel Liebe, bin ich mehr als gerührt und ich verkaufe dafür mein Herz. Ein gutes Geschäft, ein lebendiges Herz für traumhafte Kartoffelpuffer. 


7. Strammer Max

 

Mein Papa war einfach verschwunden und ich hatte den Zauberstab gestreichelt.

Den ganzen Vormittag hatte ich vergeblich versucht, diese Dramatik in Sätze zu formen. Den Nachmittag hatte ich mit Karl verbracht. Wir waren spazieren, wir haben meine geliebten Rosskastanien besucht. Ich durfte manche Zeit auf einer geschmiedeten Parkbank sitzen, während Karl neben mir saß. Wir gaben etwas auf ergraute Damen acht, die floristische Grabpflege betrieben. Eigentlich habe ich Lust über Politik zu diskutieren. Über Darwin und die Affen, von Marx und Utopie, dass alle die gleiche Chance haben sollten, von Mao, dessen Doktrin ist weniger wert als ein Kuhfladen ist, vom Tischlergesellen Ulbricht, der sich für einen großen Baumeister hielt. Der aber von den Chinesen wissen müsste, dass Mauern nicht vor Mongolen schützen. Karl mag keine Diskussionen, drum lasse ich es lieber. Stattdessen reden wir übers Essen. Ich schilderte Karl meine bescheidenen Wünsche für Irgendwann. Er sollte doch den Koch mal höflich fragen, ob es möglich wäre, das Graubrot mit Butter zu beschmieren, mit zwei Scheiben Mortadella zu belegen, und obenauf zwei Spiegeleier drapieren. Würde er Schinken verwenden, wäre es schon fast ein Strammer Max. Habe ich wirklich Mortadella gesagt und nicht Mord im Keller? Ach herrje, das hat den Koch völlig überfordert. Maria Magdalena schilderte mir ein paar Tage später den Tobsuchtsanfall. Sonderwünsche, wenn die jeder hätte und so. Wenn ich eine Sonderbehandlung wünsche, könnte ich den Usus auf einen Zehneuroschein schreiben, dann würde er, so Koch will, eventuell darüber nachdenken. Ich habe den Eindruck, die heutige Mordimkellerscheibe hat viel mehr Fettaugen als sonst. Hätte ich jetzt den Zauberstab, bekäme der Koch ebenfalls Fettaugen. Mein braver Leser, ich will den ewigen Nörgler in mir aber zum Schweigen bringen und lieber mit dir den Blick auf meine vergangene Kindergartenzeit werfen. Ich schreibe mit roten Filzstift Strammer Max auf einen Zehneuroschein. Ich möchte ja nicht, dass jemand Herzrasen und Küchenschluss macht.

 

Ich streichelte den Holunderstab! Am Tag, als Papas Flucht in den Westen geschah. Die große Politik des Sommers traf mich in diesen Tagen mit voller Wucht. Aber ich war mit vollem Willen dabei, dass Wünsche wahr werden.

Ganz anders als der gerade sehr gewichtige Herr Ulbricht. Der niemals die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten! Das konnte jeder auf einer Pressekonferenz hören, sogar im Fernsehen sehen. Aber! Wenn ich, mein lieber Leser, wenn ich einmal richtig anfange zu zaubern, dann wird es dramatisch. An eine Mauer hatte ich eher nicht gedacht. Mit vier Jahren denkt man noch nicht so groß. Mein Zauberstab ist da charismatischer.

Ein paar Tage später, am Sonntag. Ich sah die Sonne voller Beklemmung aufgehen. Sie bekleidete sich rasch mit dichten Schleierwolken. In den unschuldigen Morgenstunden fingen Bauarbeiter an, in einer großen Stadt eine Mauer zu bauen. Es war ein Sonntag im August.

Die Welt war reichlich schwieriger, als ich bis dahin geahnt hatte. Wie sollte es nun weitergehen? Im besten Fall würde ich dem Papa hinterher fliehen. Blöd war da nur, dass da jetzt eine Mauer stand und Zauberwünsche rückgängig? Außerdem konnte ich Mama, Oma, Opa und Irmchen nicht alleine lassen. Das geht nie! Mental ging ich mir selber an den Kragen. Vielleicht hatte Irmchen Recht, vermutlich kann ich gar nicht zaubern. Ich hatte ihr alles erzählt. „Du hättest ihm einen Bandscheibenvorfall wünschen sollen, so etwas reicht meistens auch!“

Auf einmal verschwamm die Zukunft vor meinen Augen. Ich weinte Irmchen die ganze Schürze nass.

„Das macht sowieso keinen Sinn!“ sagte später Irmchen zu mir. „Einen Zauberstab den findet man nicht still und heimlich! Ich habe schon einmal einen richtigen Zauberstab gesehen,“ behauptete Irmchen in ihrem miesmachenden Monolog: „der war schwarz, der glänzte und hatte eine goldene Spitze!“

Ich wusste von was sie redete. Zur Kirmes gab es auf der Angerwiese eine kleine Bühne. Ein Mann im schwarzen Anzug stand dort, holte mit einem Zauberstab Kaninchen aus dem Zylinder und ließ Äpfel über den Tisch tanzen.

„Der konnte richtig Zaubern!“ ereiferte sich Irmchen.

Tränen stiegen wieder auf, ich wollte so was natürlich nicht hören.

„Kannst du mit deinem komischen Zweig Äpfel fliegen lassen?“ fragte sie triumphierend. „Ist doch nur ein Holunderstock!“

Nein, das konnte ich nicht. Möglicherweise wäre es besser, wenn ich nicht zaubern könnte. Hatte ja schon genug mit meiner Zauberei angerichtet.

Am Nachmittag besuchten uns ein paar Herren mit langen Mänteln

Papa und die junge Frau Beninsky hatten bereits einen uneinholbaren Vorsprung, bis die Staatssicherung endlich wach wurde und unseren Hof beehrte. In meinen Augen, viel zu spät. Das Gekeife der dunkelgekleideten, wichtigen Funktionäre, war so wichtig, dass die Kühe hinter der Scheune stehen blieben und neugierig die Ohren spitzten. Das Vokabular möchte ich hier nicht an dich, meinem Leser, restlos weitergeben, aber es wurde sehr laut vom Verrat an der Sache geredet. Oma sagte beim Abendbrot, was uns nicht umbringt, macht uns stark. Ein Spruch, der mich durchs Leben begleitete.

Erschöpft klappe ich den Laptop zu, die Buchstaben meine Kindheit betreffend machen hungrig und es ist Zeit fürs Abendmahl. Es ist fast so, als würde ich alles haarklein nochmals erleiden. Karl kommt zur Tür herein, in den Händen ein Teller, der mich erregt.

Verrückte machen verrückte Dinge! Ich umarmte Karl, als er das Abendessen serviert. Ein Strammer Max mit Schwarzwälder Schinken, der Schinken klein gewürfelt und angebraten. Zwei perfekt gebratene Setzeier krönen das Arrangement. Ich drücke meinem Pfleger ein kleines Bussy auf die Wange. Unfähig, meinen Freudenausbruch zu verstehen, wehrt Karl heftig ab. Beinahe wäre der Stramme Max ein Argument für den Besen geworden. Karl mag keine Intimitäten, ist schnell verschwunden. Der Stramme Max schmeckte lecker!

 

So gestärkt lasse ich bald das Betriebssystem wieder hochfahren. Ich muss dir, mein treuer Leser, einen wichtigen Unterschied erklären.

Von der Unterscheidung zwischen Spiegeleiern als einseitig in der Pfanne gebratenen und Setzeiern als allseitig gegarten Eiern, bei denen sich ein weißer Schleier auf dem Dotter bildet, in dem man einen Deckel auf die Pfanne legt.

Schon als Kindergartenkind liebte ich Setzeier. Meine Oma beherrschte die Herstellung eines Setzeis in Perfektion. Gleichzeitig kapierte ich vieles nicht. So Begriffe wie Ehebruch, Fremdgehen, Durchbrennen schwirrten durch meinen kleinen Kopf. Ich dachte einfacher, Papa hat sich umverliebt! Für solche Gedanken, hätte ich mich freiwillig zum Schämen in die Ecke gestellt.

Ehebruch ist, hätte ein informiertes Kindergartenkind unbedingt wissen sollen, ist eine Sünde die der Liebe Gott beim Erwischen gar nicht gut findet. Pfarrer Schmidt sagte im Religionsunterricht dazu: Das wäre eine Erfindung des Teufels, die durchkreuzt werden müsse. Das muss aber erst später gewesen sein, als ich schon Schulkind war. Rückblickend betrachtet war Treue keine besonders ausgeprägten Dispositionen in der Familie Pfarrer Schmidt. Ich kann mich dunkel an seine Versetzung ins Eichsfeld erinnern, während Frau Pfarrer, einige Zeit später, unseren Ortsparteisekretär, heiratete. Das blonde Ehepaar bekam dann zwei schwarzhaarige Jungs, die im gedeihlichen Alter, dem Herrn Giordano von der Hühnerfarm auffallend ähnelnden. Dessen Vorfahren waren Sizilianer. Ich schweife mal wieder ab.

 

Am Abend verdrängte ich den Zauberstab hinter dem bunten Osterspaziergang in der guten Stube. Ich legte ihn wieder hinten auf den Holzrahmen. Aus den Augen, aus den Sinn, dachte ich. Vorher wünschte ich mir, dass Papa Matchboxautos schickt.


8. Maulwurf

 

Papa hat keine Matchboxautos geschickt. Nach Papas Verschwinden wurde ich immer älter, kam in die Schule. Ich fand obendrein auch etliche Gründe dort zu bleiben. Dort musste ich nicht mittags schlafen, braucht ich nicht schämen, lernte ich in Zahlen zu denken, Buchstaben zu lesen und begann mir gewisse Dinge zu merken. Es gab weitere Argumente, dass ich gerne ein Schulkind war. Mein Kumpel Gunnar, aus alten Kindergartentagen, er wurde mein Banknachbar und wir hatten eine Klassenlehrerin, das Fräulein Uta Seifurt. Während um mich herum der Sozialismus in den schönsten Farben blühte, hatte ich mich in meine Klassenlehrerin verliebt. Sie war Sechsundzwanzig und ich Sechs. Und es war noch Sommer.  Durch sie lernte ich die Elektrizität kennen. Ich meine keineswegs den Strom, der durch die Leitungen im Schweinestall herausströmte.

Opa Vincent sagte immer, wenn der Strom ausfiel, die Schweine haben schon wieder den Strom abgestellt! Daran hatte ich lange keine Zweifel, denn Opa Vincent war über jeden Zweifel erhaben! Entsprechend wusste ich viele Lebensjahre, dass der elektrische Strom aus dem Schweinestall kommt.

Nein diesen Strom meinte ich nicht. Ich dachte an die zwischenmenschliche Elektrizität, an das Hochspannungsknistern zwischen Bauch und Schädeldecke. Ich verliebte mich in Uta Seifurt. Fräulein Seifurt war die die Schwester vom Fräulein Seifurt aus dem Kindergarten. Im Gegensatz zur Kindergärtnerin, die nichts weiter tat, als kleine Kinder zu ärgern, war das Fräulein Seifurt in der Schule eine richtige Lehrerin.  Meine Bauchgegend oszillierte beständig bei ihrem Anblick.

Gunnar meinte nur, das Knistern würden Neuronen sein, die ihre Verbindungen lösen. Und jedes Kind weiß doch, dass die Synapsen bei unmöglichen Aufgaben sich elektrisch entladen. Gegen das Bauchkribbeln hilft auf alle Fälle Holunderlikör.

Gunnar war eben fast fünf Wochen älter als ich und hatte schon gebündelte Ladungen an Lebenserfahrungen gesammelt, die er jetzt an mich weitergeben konnte. Die Liebe zu Uta Seifurt sollte eine unerfüllte bleiben. Aber, darüber erzähle ich dir später mehr.

 

Ich weiß nicht wie oft ich schon am Fenster stand und auf den Smog schaute, den die ruhelose Stadt in Schwaden von sich gibt. Hier oben herrscht Klarheit, ist die Luft rein. Die Amsel singt melancholische Verse daher. Zwischen Friedhof und Klinik ist ein kleiner Lustgarten, mittig thront eine weiße Skulptur mit entblößtem Oberkörper. Wahrscheinlich die Venus von Milo, nur wurden dieser Venus keine Arne abgeschlagen. Anliegend gibt es eine weiße Bank, damit die Schwestern dann und wann in der Morgensonne eine Zigarette paffen können. Maria Magdalena sitzt zuweilen mit im Qualm, raucht aber nicht. Karl ist nie dabei. Umgeben ist das kleine Areal von einer Brüstung, mit Säulen und gemauerter Krone, deren Risse immer deutlicher wurden. Fünf Tage hintereinander erschien nun ein rostiger Kastenwagen. Wahrscheinlich der Meister mit Lehrling, oder Vater und Sohn. Wer weiß das schon. Sie füllten die Risse mit Zement, verputzen alles frisch, verfugten das Gemäuer. Dann taten sie etwas Bewundernswertes, sie strichen die Balustrade samt aller Säulen weiß, aber ein besonderes Weiß. Ein Weiß, das in der tiefstehenden Morgensonne zu Orange wurde und mit der Sonne um die Wette leuchtete. Alsdann zu einem weißen Weiß verblasste, wenn die liebe Sonne den Zenit hinaufkletterte. Keine Ahnung, nicht mal eine Vermutung, wie so etwas funktionieren kann. Karl wackelte auch nur mit der Schulter, als ich fragte. Ich möchte dich aber nicht mit koloristischen Details der Hustenburg langweilen, fand es aber merkwürdig und damit erwähnenswert.

 

Also, zurück in die Schulzeit. Auch zu Hause, auf dem Hof, erblühte der Sozialismus. Opa Vincent hatte nach Papas Verschwinden, den Hof nur mit Omas Hilfe, und schließlich in die LPG geführt. Jetzt wurde aus Typ 1 Typ 3, was auch immer das heißen wollte. Opa wurde Rentner und die LPG schickte Steppard, damit die Kühe im fernen Italien gute Devisen brachten. Ich nannte ihn bald nur den Deppert, weil da steht das Wort Depp drin. Die Buchstaben für das Wort, musste ich aber erst beim Fräulein Seifurt lernen. Ich lernte viel, zum Beispiel Traktor fahren.

Gunnar und ich saßen am Welsbach unter betagten Weidenbäumen. Wir sahen Stichlinge durchs klare Wasser schillern. Ich hatte einen Schatz dabei. Seit Ewigkeit besaß ich eine Flasche Holunderlikör. Wir wollten gerade die erhabene Großartigkeit der Dinge spüren, uns dem Himmel näher fühlen und dem Fräulein Seifurt. Urplötzlich stand dieser Deppert hinter uns, zog uns kräftig die Ohren lang. Die Flasche verschwand in seiner viel zu großen Latzhose, und er drohte uns zu verpetzen. So etwas geht gar nicht. Nur eine halbe Stunde später saß ich auf Omas Chaiselongue und drückte den Zauberstab an meine Brust.

Die folgenden Tage verflüchtigten sich, nichts passierte. Gut so!

In der Maschinen-Traktoren-Station, nun Maschinenpark der LPG, gab es einen nigelnagelneuen Maulwurf RS09., der nun zu unserem Hof kam.  Das leuchtend rote Vehikel hatte zum Glück schon einen mausgrauen Überrollbügel. Sonst wären folgende Ereignisse schlimmer gewesen. Daneben hatte der Maulwurf auch ein Mehrwellenvorgelenkgetriebe. Ein kleines feines technisches mechanisches Detail, das uns für unsere Jungfernfahrt acht Gänge vorwärts und rückwärts zur Verfügung stellte. Man brauchte nur, das Lenkrad herausziehen, den Sitz drehen und das Lenkrad auf der anderen Seite wieder einstöpseln. Das probierten wir hinter den hohen Maisfeldern am Welsbach aus. Wir gönnten uns einen Riesenspaß ohne Verschnaufpause. Meine beste Idee war die Böschung im vollen Tempo und etwas zu schräg hinauf zu fahren. Erst hing der rechte vordere Reifen in der Luft und wie in Zeitlupe folgte das riesige rechte Hinterrad. Dann drehte sich mehrfach die Welt und ein Maulwurf lag im Wasser. Nicht nur die Stichlinge waren erschrocken. Zwei Sechsjährige kamen mit einem gehörigen Schrecken davon. Ich malte mir schon die heftigsten Konsequenzen aus, als ich mit gesenktem Haupt nach Haus schlich. Konsequenz, ein Wort, das ich mir bis heute nicht gefällt.

Dass es keine Konsequenzen gab, lag sicher am Zauberstab und am Holunderlikör. Es geschah so, Steppard wollte einen Hänger mit Runkeln für die Runkelmühle holen. Aber es war warm, der Deppert hatte Durst. Er suchte etwas Schatten am Welsbach, nahm die Flasche Holunderlikör aus dem Beutel. Es ist so, das Steppard der Deppert schon morgens zum Wachwerden statt Kaffee lieber Wodka trank und Likör für ihn wie Fassbrause ist. Sein Gaumen war härteres gewöhnt. Vielleicht hatte er auch eine Likörunverträglichkeit. Jedenfalls war es warm, er setzte die Flasche an, immerhin eine Literflasche, er trank sie in zwei Zügen leer. Er blickte zum Himmel, leierte die Augen, sah in Zeitlupe zu, wie die Landschaft auf seine Nase krachte.

Ein paar Stunden später stand ein Famulus 40 RT 325 auf der Böschung, zog den Maulwurf aus dem Welsbach, löste damit den Wasserstau auf, der sich gebildet hatte. Die Flutwelle überspülte bald den liegenden Steppard, der anschließend klitschnass, sturzbetrunken und einen Traktor suchend, dem neuen LPG-Vorsitzenden vor die Füße stolperte. Fast das ganze Dorf war anwesend, überschlug sich in Lachkrämpfen, beim Anblick dieser traurigen Gestalt. Oma und Mama, waren mit dem Berliner Roller SR59 vor Ort und Opa hatte die sechs Zylinder vom alten Citroën C6 gestartet.  Gunnar und ich saßen auf der Rückbank, auch wir bekamen das Grinsen nicht aus dem Gesicht.

Sogar aus der fernen Kreisstadt kam ein dunkelgekleideter Genosse von der Kreisleitung und grinste nicht. Er vermutete einen antiimperialistischen Sabotageakt, den er beim besten Willen nicht nachweisen konnte, obwohl er das ganz sehr wollte.

Da der Onkel von der Kreisleitung nun einmal da war, hielt er am nächsten Tag den vier Klassen der Grundschule einen Vortrag in Sachen Weltpolitik. Seit der Schuleinführung war die Aula, nicht so gerammelte voll gewesen. Da ich nur Augen für das Fräulein Seifurt hatte, die hinter ihm auf einem Stuhl saß, verstand ich nicht allzu viel. Vielleicht war ich auch nur zu klein. Ich möchte es dir trotzdem in drei Sätzen zusammenfassen. Wie immer waren der Papst und der Präsident an allen schuld und in groben Zügen alle westlichen Präsidenten, Könige, Kanzler und was es sonst noch gab. Westliche Staatsmänner waren alle Idioten und Imperialisten. Ein besonders idiotischer Imperialist war der Papst. Dieser imperialistische idiotische dreiundzwanzigste Johannes hatte unseren kubanischen Helden Fidel exkommuniziert. So was kann ich wahrhaftig nicht gut finden.

Warum Steppard der Deppert für den klitschnassen Maulwurf verantwortlich gemacht wurde, darüber konnte er sich bei seinem neuen Job als Abspüler und Hausmeister in der neuen LPG-Essensküche noch jahrelang Gedanken machen.

 

 


9. Wo die Liebe hinfällt

 

Als ich aufwachte, stand schon Frühstück auf dem Tisch. Maria Magdalena war zu leise für meine Träume. So verging die Chance mein unerfülltes Verlangen mit Herzschlägen aufzufüllen. Zur Erklärung, warum ich zum Langschläfer mutierte, liegt wohl an der Spritze, mit der Karl meine Gedanken beflügelte und den Abend mit Buchstaben bereicherte. In der Klinik ist das gekochte Frühstücksei, ein hartgekochtes Frühstücksei.

 

Nun aber wieder zu meiner ersten großen Liebe. Da mein Gehirn nicht mechanisch funktioniert, konnte ich mir das Knistern beim Anblick meiner Klassenlehrerin auch künftig nicht erklären. Es musste eine chemische Reaktion sein. Ich musste weiterhin damit leben. Mittlerweile war der Herbst zu Besuch im Dorf. Es wurde früher Dunkel. Von Tag zu Tag musste ich wohl immer wieder Gunnar von meinem inneren Leiden erzählten haben. Dass das ein großer Fehler war, sollte ich in Bälde spüren. Er verstand nämlich überhaupt nichts von Frauen. Dessen ungeachtet wurde das, was anfänglich in meinem Kopf knisterte, zu Gunnars Kopfzerbrechen. Dann hatte der Blödmann die Idee mit den Blumen.

Ich hatte glaube schon von meinem Dorf erzählt, dass es überschaubar klein war und dass Jeder Jeden kennt. Also unser Dorf hatte eine LPG, eine Essensküche, eine Kirche, eine HO, einen Konsum, einen Kindergarten, eine MTS, eine Post, einen Bäcker, nein, es waren sogar zwei, einen Fleischer, eine Bushaltestelle, die Eierelse mit ihrer Aufkaufstelle für Obst, Gemüse und Eier, eine Schule, den „Deutschen Hof“, eine Hühnerfarm, eine Malzfabrik, einen Schuster, einen Sattler, einen Maurer, einen Schäfer der Schafe im Sommer durch Wiesen und am Flussufer begleitete, eine Kegelbahn, Sieben Fußballmannschaften  mit Erster-, Zeiter-, Senioren-, Kinder-, Knaben-,Schüler- und Juniorenmannschaft. Ferner gab es eine Gärtnerei und einen Friedhof. Und ich tue dabei nicht meine sozialistischen Erinnerungen nachkolorieren. Vor ein paar Jahren war ich wieder dort und das Dorf ist wohl kleiner geworden und von der Aufzählung sind die Kirche, die Bushaltestelle und der Friedhof übrig. Neu waren das Ottobestellcenter, eine moderne Agrargenossenschaft, farbige Behälter für weißes, grünes und braunes Glas und der Zigarettenautomat.  Ein paar kleine Firmen sind entstanden. In der Toreinfahrt, eines leerstehenden Hauses, rostete ein Maulwurf vor sich hin, erleichtert von der schillernden roten Farbe, blieben ein paar verblasste rosa Flecken. Er hatte luftlose Reifen, die von Brennnesseln dekoriert wurden. Aber ich schweife schon wieder ab.  Entschuldige bitte den Ausflug in die Melancholie.

 

Ich war verliebt und Gunnar hatte die Idee mit den Blumen. Das Gunnars Einfälle im Chaos enden, sollte mir letztlich klar sein. Aber einen Akt brauchte es noch. Rote Rosen! Meine damaligen finanziellen Verhältnisse beschränkten sich auf die sonntägliche Mark und die ging fast immer vollständig für die Kinovorführung im Saal des Deutschen Hofes und für Fassbrause drauf. Oder für ein Eis am Stiel. Also einfach in die Gärtnerei gehen und rote Rosen kaufen fällt aus. In der früheren Zeit wurde in den Gärten lieber Grünkohl, Kartoffeln oder Rhabarber angebaut. Mit roten Rosen hatten es die Gärten nicht so. Es gab aber einen Ort der hin und wieder rote Rosen im Angebot hatte, das war der Friedhof.

Es schauderte mir bei der Vorstellung nach Anbruch der Dunkelheit den Friedhof zu begehen, doch die Kaltblütigkeit meines alten Kindergartenfreundes überzeugte mich genau wie damals beim Hühnerklau. Rote Rosen zappelten zwar nicht, hatten aber Dornen die man im Dunkeln nicht sieht. Egal der erste Teil des Planes war ohnehin der Leichtere. Nun musste ich nur noch die roten Rosen übereichen und dem Fräulein Seifurt meine Liebe gestehen. Ganz dumm war nur, dass der kleine Rosenstrauß von Opa Seifurts Grab stammte und die Seifurtschwestern …, weiter mochte ich nicht denken. Was dann geschah, das konnte ich als Sechsjähriger lange nicht wegstecken. Worüber hatte ich mir schon die ganze Zeit Sorgen gemacht? Was würden die Nachbarn und die Welt denken? Nun hatte ich es geschafft. Ich wurde Dorfgespräch. Mir wurden im wahrsten Sinn die Ohren langgezogen. Das Fräulein Uta Seifurt und ihre Schwester Fräulein Britta Seifurt zogen mich an den Ohren durch das Dorf, zu Opa Vincent, Oma Hilde und Mama. Ich schreite lauthals dazu. In sicherer Entfernung konnte ich Gunnar sehen und sein Gesicht grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ich hörte förmlich wie alle Fenster aufgingen. Auch Opa Vincent konnte das mit der Popoklatsche wirklich gut.

Die nächsten Tage konnte ich nicht gut sitzen und ich durfte sogar einen Tag zu Hause bleiben, ich saß die meiste Zeit auf dem Chaiselongue in Omas guter Stube und drückte den Zauberstab an meine Brust. Irgendwas musste passieren, unbedingt.

Am Abend kam der Herr Rektor Weinbein und führte mit Mama, Oma und Opa ernste Unterhaltungen, an denen ich nicht dabei sein durfte. Fast ein ganzer Ballon vom frischen Johannisbeerwein ging dabei drauf. Als der Direktor dann nach Hause ging, machte er seinem Namen alle Ehre. Am nächsten Tag musste ich wieder in die Schule. Am nächsten Tag läuft der generelle Wahnsinn auf Hochtouren. So dachte ich. Allerdings, das Fräulein Seifurt tat einfach so, als wäre nichts geschehen. Die doofe Kuh! Nur einen neuen Platz bekam ich. Ich durfte auf die leere Bank an der Fensterseite. Mir war es recht, wollte sowieso nie mehr etwas mit dem doofen Gunnar zu tun haben. Aber hinter vorgehaltener Hand wurde getuschelt, getratscht und gelacht, wenn ich dazu kam wurde geschwiegen mit fürchterlichem Grinsen im Gesicht. Ich musste aushalten, durchhalten. Ich legte die Arme dich an mein kleines Herz, schoss die Augen und versuchte den Herzschlag zu verlangsamen. Das Durchhalten hielt ich genau den Rest der Woche durch.

Im Übrigen war der Sommer Neunzehnhundertzweiundsechzig ein sehr sonniger Sommer, wenn ich von dem schweren Unwetter absah, das später Wasserhose genannt wurde. Ein Solches, besuchte unser Dorf nach Ablauf meiner schlimmsten Tage. Doch bevor der Sturm aber richtig loslegte, schlug ein Blitz in die Seifurtscheune ein und fraß sich gierig ins morsche Fachwerk, zündelte im trockenen Stroh. Du, mein lesender Freund, du darfst jetzt dreimal raten, woran ich dabei dachte. Es ist ja nicht so, dass ich das Feuer und die Wasserhose gut fand. Ich fand sogar, dass der Zauberstab maßlos überspannt. Nur hatten das Dorf und das Universum anderes zu tun, als sich über meine unerfüllte Liebe lustig zu machen.

Das Feuer griff vom Wind getrieben, auf den Schulhof über und bald brannte die uralte Linde wie eine Fackel. Das war jetzt gar nicht gut. Dann legte der Sturm los mit Platzregen.

Am Tag nach dem Wirbelwind, stand keine Linde mehr auf dem Schulhof. Die Straßen waren völlig rotbraun, von zerbrochenen Dachziegeln. Das Seifurthaus hat sogar gar kein Dach mehr, die Seifurtscheune stand nicht mehr. Aus dem Schweinestall waren die Schweine ausgebrochen, damit war auch der elektrische Strom verschwunden. Ach ja, auch mein Herz war völlig verkohlt. Das Unwetter hatte auch meine Gewissen erschüttert und die Liebe zum Fräulein Seifurt auf Minusgrade heruntergekühlt. Wenn sie nicht so ein Trara gemacht hätte, wegen fünf geklauten Rosen, wäre alles so geblieben wie es ist. Sie bekam eine neue Wohnung, eine Neubauwohnung, ihre Schwester auch.

Die nächsten Zeiten waren nicht gerade leicht für meine sechsjährige Psyche.  So eine Tragödie war nie meine Absicht, darum mied ich den Zauberstab bis in alle Ewigkeit. Daran änderte sich auch nichts, bis ich in die zweite Klasse kam.   


10. Ostsee

 

Du wirst denken, ich wäre süchtig nach Karls Spritze. Benzodiazepine wirken anxiolytisch, sedierend, muskelrelaxierend und vor allem hypnotisch. Im Stillen bereute ich den Kuss, den ich dem Karl auf die Wange gab. Strammer Max hin oder her. Ich sollte lernen ohne Spritze durchs restliche Leben zu kommen. Aber meine Gehirnzellen verpuffen zuweilen wie ein Benzinluftgemisch übern Bunsenbrenner. Ich wollte dir vom ersten Schultag in der zweiten Klasse berichten, aber mir fallen nicht die rechten Wörter ein. Schließlich geht es um große Weltpolitik und die große Sache. Darum werde ich das auf das nächste Kapitel verschieben. Eine große Sache geschah, aber das zweite Schuljahr muss noch warten.  

Die große Sache, geschah wenige Wochen nachdem Tornado durchs Dorf tanzte, der heftig schnaubte, aber sich sehr begrenzt tobte, die Felder waren fast unberührt. Die Schweine wurden eingefangen, es gab wieder Strom. Dachdeckmeister Johannis aus dem Nachbardorf, war fast fertig mit dem Ziegeltausch, kaputt gegen neu. Die Straßen waren gefegt, mit eifriger Hingabe hatte Steppard der Deppert gefegt. Das muss ich dir mal ans Gemüt führen. Die eh, leerstehende Seifurtscheune sollte sowieso einem Garten weichen. Der neue LPG-Vorsitzende hate Verlangen, nach dem kleinen Haus ohne Dach. Nun gut, es hatte eine Plane als Dach. Dachdeckmeister Johannis rechnete schon die Kosten, für die Versicherung. Und für ein neues Dach. Das Schuljahr ging nahtlos in die Sommerferien über, mit Zeugnis und Noten. Damals gab es noch keine Bienchen oder Schmetterlinge, damals gab es Noten. Ich hatte zwei Einsen, einige Zweien und eine Vier in Betragen. Die Ferien waren allenfalls drei Tage alt, als die große Sache begann. Zahllose junge Menschen eroberten unser Dorf, mit blauen Hemden und blauen Fahnen sangen: Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf! Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf! Nun ja, Opa Vincent saß auf einer Bank, paffte mit seiner Pfeife und tippte sich an der Stirn, als er sah, dass auf dem Sportplatz eine kleine Zeltstadt entstand. Die Katstrophe war doch schon fast vergessen, sogar eine neue Linde war gepflanzt. Frau Weinbein von der Essenküche, war in Gedanken, mit ihrem Schuldirektor und dem DKW F 9 schon auf dem Weg nach Zingst und musste nun Hals über Kopf sechzig Mäuler stopfen. Der älteste Blauhemdträger, war der gleiche Patriot, der damals die Maulwurfsache und die Sache mit dem Papst aufgeklärte. Der Kreisleitungsmensch brauchte einen vollen Tag zum Kapieren. Unser Bürgermeister, der gleichzeitig mein Opa Vincent war, bedankte sich für die willkommene Hilfe und ließ geschickt durchblicken, dass die Hilfe vielleicht woanders wichtiger wäre. Da die Jugend nun mal erwacht und im Dorf war, gab es abends einen Fackelzug, mit Fanfaren, und später riesiges Lagerfeuer mit Liedern. Vorwärts, Freie Deutsche Jugend! Der Partei unser Vertrauen! An der Seite der Genossen, wollen wir heut das Morgen bauen! Damit entschwanden die letzten Reste der Seifurtscheune, vor allem die Balken, die nicht verkohlt waren und noch brauchbar waren. Einen Tag später war der Spuk vorbei. Der Sportplatz war für den Rest des Jahres nicht bespielbar. Sieben Fußballmannschaften zogen auf die Angerwiese, die einen Hang zur Herausforderung hatte. Eine Mannschaft durfte immer bergauf spielen.

Dann waren Ferien, ich half Oma, fütterte die Hühner, nahm Eier ab, verzog Runkeln, drehte die Runkelmühle, fütterte die Schweine, pflückte mit Irmchen Johannisbeeren, ich war wirklich fleißig. Ich konnte mich kaum noch an meine geradezu besessene Liebe zum Fräulein Seifurt erinnern. Die Ferien zogen sorglos durchs Land. Opa stellte gerade die Figuren auf das Brett, wollte mir den Schäferzug beibringen, als Mama eine völlige Überrumpelung. gelang Entweder ist Opa Vincent ein guter Bühnenkünstler, oder er wusste wirklich nichts. Wir sollten unsere Koffer packen, es wird Urlaub geben. Husch, husch! Irmchen würde sich um den Hof kümmern, der neue LPG-Vorsitzende sich um die Rinder, denn die sollten im fernen Italien Devisen bringen. So viel wusste ich schon., aber nicht wie und was Urlaub ist. Mama und Oma hatten etwas ausgeheckt, machten es spannend. Die sechs Zylinder unserer alten Zitrone brachten uns zum Flughafen. Ich war so aufgeregt, als ich die Treppe zur Antonow emporstieg, die Mama fest an der Hand, damit sie keine Angst bekommt. Eine Stewardess begrüßte mich mit einem Lutschbonbon. Als dann die Iwtschenko Turboprop Triebwerke mit zweimal 2500 PS Schub loslegten, vibrierte es laut, vom Magen bis zu den Ohren. Die Sitzplatze waren nummeriert, mir fiel auf, die Nummer Dreizehn gab es nicht. Mama und ich saßen auf elf und zwölf, Oma und Opa auf vierzehn und fünfzehn. Ich durfte aus dem Fenster schauen, so weit weg war die Welt. Die Stewardess, nahm mich mit ins Cockpit, damit ich kontrollieren konnte, ob die Piloten ihren Beruf beherrschen. Meine Beurteilung war, ich denke schon, obwohl, bei der Zwischenlandung in Berlin, wusste ich, warum es eine Tüte gab. Ich musste brechen, wahrscheinlich, weil ich so aufgeregt war. Dann sah ich es, ich sah zum ersten Mal das Meer, aus phänomenaler Höhe. Eine Studienfreundin meiner Mama, Maria mit Namen, holte uns mit einem Wartburg 311 vom Flughafen, sie navigierte über eine Brücke auf eine halbe Insel und nach Born. Vorher stoppten wir an der Promenade, liefen eine Treppe hinunter zum Strand. Ich hatte keine Ahnung, dass das Meer so groß. Mein lieber Leser, dieser unvergessliche Moment, treibt mir gerade Pipi in die Augen. Seit diesem Moment, liebte ich das Meer. Dann fuhren wir weiter. Ich erklärte Maria, dass der Born, die Quelle vom Welsbach sei. Alle lachten, nur ich nicht. Das Haus in Born, lag am Achterwasser oder am Bodden und hatte ein Dach aus Schilf. Das Erstaunen, war groß als dort Schuldirektor Weinbein und Frau Weinbein von der Essensküche mit vollbeladenen DKW F 9 auf uns warteten, Herr Weinberg bedankte sich für eine Schöne Zeit, und bei Gelegenheit lud er sich ein. Wenn wieder Obstwein abgefüllt wird. Dann entschwanden sie Richtung Ahrenshoop, Rostock und zur Autobahn. So gar mir hatte der Schuldirektor die Hand zum Abschied geschüttelt. Mir war sofort klar, was damals nach dem Blumendiebstahl in Omas guter Stube beredet wurde. Mama hatte den Weinbeins eine Urlaubsunterkunft vermittelt, oder ihn damit bestochen. Oma und Opa wohnten im Haus, schliefen in richtigen Betten, Mama und ich lebten in der gemütlichen Garage. Ich schlief sogar in einer Hängematte, Mama im Feldbett. Uns fehlte nichts. Wir konnten entweder mit dem Bus nach Prerow fahren, oder die Kilometer zum Weststrand wandern. Ich weiß noch, wie sich Oma echauffierte, als uns ein splitternackter Fahrradfahrer entgegenkam. Oma und Opa fuhren dann lieber Bus, da konnte sie gemütlich im Dünenhaus Torte mit viel Sahne essen, Kaffee trinken und einen grusinischen Cognac, wegen der Verdauung. Maria hat einen Windschutz für uns, der uns vor Wind, Sonne und neugierigen Blicken schütze. Am Weststrand waren nackig, dass schien völlig normal. Bald waren wir auch nackig, was riesige Vorteile hatte. Nasse Badehose anziehen, mit dem vielen Sand, echt blöd. Bald hatte ich nackige Freunde aus der ganzen Welt. Beate und Sabine waren Berlinerinnen, Peter war Sachse, Georg, Dittmar und Uwe waren in einem Land zu Hause, dass Vogtland heißt. Die Welt musste riesig sein. Warum ich dir das alles erzähle? Es war wohl der schönste Urlaub den ich je hatte, bis heute ist der Weststrand zwischen Prerow und Ahrenshoop das schönste Stück Ostsee.

Nach Hause fuhren wie mit der Deutschen Reichsbahn zum Hauptbahnhof und mit der Straßenbahn zu unserer alten Zitrone, die am Flughafen wartete Nur die sechs Zylinder wollten nicht anspringen, auch mit der Kurbel nicht. Opa war bald fix und fertig.  Also alle Mann raus und schieben. Eine kleine Abfahrt, Opa legte den zweiten Gang ein nahm den Fuß von der Kupplung. Mit einer feuerspeienden lautstarken Fehlzündung lief die Maschine, irgendwie hatte ich das Gefühl, das französische Triebwerk klang völlig anders als früher, der Motor stotterte.  Auf der Fahrt sprach keiner ein Wort, Opa schwitzte verdächtig. Die Heimfahrt dauerte länger. Es war die letzte Fahrt unserer geliebten Zitrone.

Nun mein lieber Leser, ist dir eigentlich aufgefallen, dass ich fast ein ganzes Kapitel geschrieben habe, in dem nicht mal der Gedanke, nicht mal ein Hauch Zauberstab vorkommt. Das musste ich bald verändern. Es waren noch ein paar Wochen Ferien über, in denen sich viel erneuerte. Zwei Tage danach kam Kasimir, der fast alles wieder hinbekam, schaute sich mit ölverschmiertem Gesicht die Zitrone an, zuckte nur die Achseln und erklärte mir und Opa, was ein Benzinschlag war, erzähle von sechs Zylindern, zwei Vergasern, damit von zwei Schwimmern, in einen hatte Rost und ein kleines Löchlein gebohrt, so dass der Schwimmer nicht mehr schwamm, einfach unterging und der Motor statt einem Benzinluftgemisch, pures Benzin verdichtete. Das fand dieser nicht so gut und begann den Kolben zu fressen. Das hatte zur Folge, dass die Kurbelwelle eine Formung annahm, die Kasimir mit bestem Willen nicht zurückbiegen konnte. Zum Glück hatte der Sechszylinder zwei Kurbelwellen, so dass wir mit zwanzig Kilometern in der Stunde nach Hause kamen. Der Citroën C 6 war sozusagen ein Sechser an sich, in ihm konnten Sechs Personen sitzen, mit sechs Zylindern auf dem Kopf und er sah einfach toll aus. Auch so veränderte sich etwas, wie saßen jetzt oft zu sechst zum Abendbrot. Mama, Oma, Opa, Irmchen, ich und der neue LPG-Vorsitzende, der Hans Georg hieß und Schorsch genannt werden wollte. Opa bewahrte Etikette, sprach Schorsch mit Herr Müller an, Oma und Irmchen sagten Hans Georg, ich sagte Hans, Mamma Sch… ich hatte ganz stark die Befürchtung, dass Hans Georg Müller, also Schorsch, mein neuer Papa werden wollte. Das nennt man dann Stiefpapa. Mama hatte auch eine neue Arbeit, sie wechselte vom Sekretariat der Malzfabrik zum Sekretariat in meiner Schule. Mama und ich wurden praktisch Kollegen. Ich arbeitete als Schüler, Mama als meine und Herrn Weinbeins Sekretärin. Kasimir kam mit einem zerbeulten Tieflader holte unsere geliebte Zitrone. Unser neues Auto, war ein Porsche, ein Kugelporsche, ein aeroblauer Trabant 500. Opa sagte nur, da kann ich meinen Chapeau Claque endgültig einklappen. Das hatte noch einen anderen Grund, Opa war nicht mehr der Bürgermeister. Als sozialer Demokrat passte Opa nicht in die sozialistische Einheit, in der alle gleich sind, das geht nicht gut. Die Kreisleitung schickte ihren besten Mann. Du kennst ihn schon, ich sage nur Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf! Mit Zylinder zur Ratssitzung, das geht mit dem Trabi nicht mehr. Opa sagte nur, dass er ein Déjà-vu hätte, im Sommer 1933 wäre ihm das schon einmal passiert. Damals marschierte die Jugend auch mit Fackeln durch den Ort und weiter bis nach Stalingrad. Er nahm seinen Zylinder klappte ihn zusammen, leget ihn in die Hutschachtel, legte die Hutschachtel auf den Bücherschrank. Ich dachte an den Papst, der unsern Fidel exkommunizierte. Was verstehe ich schon von Politik, ich hatte nichts verstanden, ich war noch zu klein. Ich wollte mehr lernen, damit ich besser verstehe. Was war ein Déjà-vu?

Opa hörte auch mit dem Rauchen auf und ich musste den Zauberstab evakuieren. Das Chaiselongue stand auf einmal im Flur, gegenüber dem riesigen Bücherschrank mit samten Rauchertisch. Die gute Stube sah völlig anders aus. Unter, besser, vor dem Osterspaziergang stand nun Clarissa 53 ST, wir konnte nun fernsehen. Es gab nun eine Couch zwei Sessel und einen niedrigen Couchtisch. Voll die modernen Sechziger. Hans wollte auch tapezieren. Es war nur die Frage der Zeit, wann der Osterspaziergang anderswo spazierte. Hinter acht dicken Bänden Brockhaus, dachte ich, wäre ein guter Platz. Mir fiel dabei auf, der Brockhaus war von 1938, hatte Buchstaben, die ich nicht lesen konnte, vermutlich eine fremde Sprache. Nebenan stehen acht dicke Bände Mayers Lexikon, von 1958 mit Buchstaben die ich erkannte. Möglicherweise die Übersetzung vom Brockhaus, die zwanzig Jahre brauchte. Opa sagte auch, dass er nun mehr Zeit hätte und mehr lesen würde, die Hälfte der Bücher im Schrank wartet noch. Ging und kam mit Stehlampe und Verlängerungskabel wieder, drapierte ein Leselicht am Chaiselongue. Mir klingelten die Ohren!

So mein lieber Leser, es wurde immer noch nicht gezaubert. In diesem Kapitel wird nicht gezaubert. Übrigens hatte ich von Mama erfahren, die Maria an der fernen Ostsee heißt eigentlich Maria Magdalena.

 

Sie sind weder verschwägert oder gar verwandt. Maria Magdalene ist da, möchte Ordnung schaffen, querlüften, das Bett beziehen und holt mich in die Gegenwart zurück. Ich klappe den Laptop zu, stehe auf, gehe zum Fenster, hole ganz tief Luft, reicht für heute. Schlaf gut mein treuer Leser. Guten Abend Maria Magdalena, mehr sage ich nicht. 


11. Kubakrise

 

Ich sitze am Fenster lausche dem Gemurmel der Stadt, die Stadt liegt noch im Schatten. Ein Spinnennetz voller Lichter.  Die Sonne blinzelt durch die dünne Luft, krabbelt langsam hinterm Horizont hervor, die Balustrade vor der fast nackten Venus fängt an mit der Sonne um die Wette zu schimmern. Heute bin ich sehr unruhig, weil Karl auf sich warten lässt. Statt Karl, kommt Maria Magdalena, die Freude und das Abendessen bringt. Ich freue mich immer, wenn Maria Magdalena mein Leben wie ein Sonnenstrahl erleuchtet. Aber diesmal bringt sie mich nicht weiter im Text. Es ist so, mein lieber Leser, es geschehen irgendwann irgendwo irgendwelche Sachen, deren Materie den ganzen Kosmos beeinflussen können. Möchtest du eine Veranschaulichung? Der Krakatau brach am 27. August 1883 mit unbegreiflicher Wucht aus. Die Welt erschütterte! Es liefen hörbare Druckwellen sieben Mal um den gesamten Globus. Im Ärmelkanal kentern einige Fischerboote, in Madagaskar spülten Dörfer vom Strand. Eine riesige Aschewolke raste in die obere Atmosphäre, verhüllte den Erdball, machte so spektakuläre Sonnenuntergänge, dass überall, die Feuerwehr ausrückte um den Horizont zu löschen. Staubpartikel reflektieren das Sonnenlicht ins Weltall. Dann wurde es merklich kühler auf der Erde. Die Ernte fiel aus. Vielleicht ein zu großes Beispiel, mein lieber Keser. Aber wie soll ich es anders erklären, manchmal geschehen Sachen mit großen Auswirkungen, die sogar meinen Zauberstab hinter dem Osterspaziergang vor locken.   

Es geschah am Tag als der Tornado mit Regenhose durch unser Dorf wirbelte, nur etwas weiter östlich. Dort steht das wohl voluminöseste Hotel der Welt. Ja und damals wurde ein wichtiger Tag. Eine weiße Taube mit Ölzweig im Schnabel steht auf dem Fenstersims. Andrei Andrejewitsch glaubte seinen Augen nicht zu trauen und kniff diese zusammen. Einen Sekundenbruchteil später ist der Fenstersims leer und staubig, so wie es sich gehörte. Die Lobby im größten Hotel der Welt umfasst allein drei Stockwerke und von der der Empore, hat man einen ausgedehnten Blick über Roten Platz, Mausoleum und Kremlmauern. Während die allgemeine Einrichtung, reine Geschmackssache ist. Andrei Andrejewitsch hatte die Leibwächter schon vor einer Stunde nach unten geschickt und ihnen erlaubt die Bar auf Wodkatauglichkeit zu prüfen. Eine Stunde wartete er schon. Mit der flachen Hand schlug er auf den Tisch. Kein Problem auf dieser Erdkugel wird ohne meine Zustimmung gelöst, so einfach und schon gar nicht Dieses. Rief er innerlich und vollkommen lautlos dem Kreml zu. Was bildet sich dieser kubanische Revoluzzer nur ein, was bildet sich dieser bolschewistische Zar ein. Atomraketen auf einer Zuckerrohrinsel in der Karibik? Es ist Frühling, es scheint die Sonne und er könnte schon längst auf seiner Datsche sein. Seitdem er sich auf eine politische Laufbahn begeben hatte, ist er nur noch größenwahnsinnigen Geschöpfen begegnet. Und er hat sie alle gebändigt oder wenigstens überlebt. Stalin zu überleben, heißt schon etwas. Jalta! Er hatte mit Churchill zwei Streichhölzer verschoben und damit die polnischen Grenzen geklärt. Drei ernste Sätze zu Roosevelt und die Kurilen wurden russisch. Das ist Außenpolitik. Und nun verhandeln Chruschtschow nebst Schwiegersohn mit diesen Anarchisten Ernesto über zwanzig Raketen. Das wird die Welt überfordern! Schon wieder sprach er lautlos. Andrei Andrejewitsch stand auf und ging zum Fenster. Im Staub auf dem Fensterbrett hatte deutlich ein Vogel seine Spuren hinterlassen.

Als Ernesto die Lobby im Hotel Rossija betrat, blieben ihm noch vier Jahre sechs Monate und drei Tage zu leben. Ganz schön lang, wenn man bedenkt, dass er im Kreml geradewegs zwei Weltuntergangsdokumente unterschrieben hatte.  Die Kubakrise begann. Die folgende Gardinenpredigt von Andrei Andrejewitsch kam eindeutig zu spät!

Es lässt sich beim besten Willen nicht mehr nachprüfen. Aber! So oder so, könnte es gewesen sein. Da musste ich eingreifen! Oder genauer gedacht, ich und mein Zauberstab.

 

Drei Monate später und etwas weiter westlich. Opa Vincent saß fast immer im Flur, auch der bunte Osterspaziergang hing nun in gleicher Entfernung über der lauschigen Lehne vom Chaiselongue. Ich pustete die Lunge durch, als ich das registrierte. Bald lag mein Zauberstab an gewohnter Stelle., konnte den Osterspaziergang von hinten sehen. Dann waren die Ferien zu Ende.

Zum ersten Schultag in der Zweiten Klasse, nahm ich Mama an die Hand, damit sie sich nicht verläuft. Wir hatten nun den gleichen Weg zur Arbeit.

Von den Angelegenheiten weiter östlich, hatte ich keinen Schimmer und ich weiß auch nicht, ob das je so vorgekommen ist. Im Grunde war es auch egal. Tatsache war, dass ich wunderschöne Sommerferien hatte, mit Ostsee und Rübenverziehen. Zwei Wochen robbte ich, mit einer viel zu großen Purzelwanne bewaffnet durch erdige Runkelreihen und zerrte zu dicht gesäte Runkeln heraus. Ich sage dir, das kann auch zu schmerzende Rücken führen. Kinderarbeit? Ich robbte gerne mit Irmchen durch die Runkeln. Die größten Runkel ließen wir für die Zuckerfabrik stehen. Die ausgezupften Runkel schütteten wir in die Runkelmühle, damit die Rinder im fernen Italien Devisen brachten. Die schönsten Runkeln sortierten wir aus. Oma Hilde machte daraus Rübenhonig mit Kartoffelpuffer. Lecker.

 

Das mit dem Rübenhonig ist nicht schwer, aber einige Arbeit. Die Rüben schälst du und raspelst sie. Du kannst sie auch auf dem Krauthobel hobeln, aber je feiner, umso besser werden sie ausgelaugt. Dann begießt du sie mit Wasser, kocht und siedet bis die Rübenschnitzel weich sind. Dann wird im Presssack gepresst, was das Zeug hält. Der Saft wird dann durch stundenlanges Köcheln eingekocht, bis er dick ist. Und dann die Kartoffelpuffer. Die Kartoffeln schälen und auf der groben Reibe reiben, mit Salz, Pfeffer und wenig Zucker würzen. Eier und gewürfelte Zwiebeln dazugeben. Mehl hinzu und alles ordentlich miteinander verkneten. Am besten schmecken Oma Hildes Kartoffelpuffer, wenn du sie in zerlassenen Speck goldbraun brätst. Bon Appetit.  Oma sang dazu immer Schlager. „Wenn bei Capri die Flotte Lotte im Meer versinkt.“ Oder so ähnlich. Vielleicht war es auch die Rote Flotte. Übrigens durften wir in den Frühlingsferien auf das Kartoffelfeld und Kartoffelkäfer sammeln. Die von amerikanischen Flugzeugen über unsere Kartoffeläcker gestreut wurden. Aber ich schweife mal wieder ab.

 

Man mag es kaum glauben, der erste Schultag entwickelte sich wie ein eskalierender Kindergeburtstag. In unserer Klasse und weltweit. Die erste Tatsache war, dass ich eine Banknachbarin bekam. Penelope. Penelope hatte blonde Zöpfe, einen dekadenten imperialistischen Füllfederhalter der Marke Pelikan und Sommersprossen. Von Weitem konnte man sie für einen winzigen Mückenschwarm halten. Ich meinte die Sommersprossen. Ansonsten war Penelope ein hübsches Mädchen mit frechen Augen. Oder war es umgedreht? Penelope war ein freches Mädchen mit hübschen Augen. Seit langen hatte ich etwas zum Anschauen, das nicht nach Fräulein Seifurt aussah.

 „Penelope“ sagte Penelope und gab mir ihre Hand. „Ich bin eine spartanische Prinzessin.“

Wenn ich auch nur geahnt hätte, was in den folgenden Tagen, Monaten und Jahren geschah, hätte ich lieber die Klassenlehrerin Frau Stuhl um einen anderen Sitzplatz gebeten. Jetzt lache nicht, es war wirklich so, ich könnte Fräulein Seifurt nach einem Stuhl fragen. Wenn ich denn hätte, wollen. Ich hätte auf der Stelle das Weite suchen sollen. Oh Mann!

Der Tag hatte aber nicht nur Höhen, auch tiefe Tiefen. Die erste Tiefe sollte in der großen Pause auf mich lauerten. Wer erinnert sich nicht noch aus seiner eigenen Schulzeit an das schöne Gefühl, wenn es klingelte und man endlich in die große Pause konnte? Wie immer um diese Zeit wurden die Brotbüchsen geöffnet. Oma Hilde hatte mir einen halben Ring Knackwurst reingetan, damit ich groß und stark werde. Ich liebte Oma Hilde dafür. Streng legitim gesehen, hatte Gunnar in dieser Pause, das von mir genehmigte Höchstmaß an Toleranz überschritten. Mein alter Freund aus früheren Tagen hatte sich unwiderruflich zum wahrlichen Arsch entwickelt. Er nahm mir meine Knackwurst einfach weg. Ich war verdammt sauer und Gunnar war gottverdammt stärker als ich. Kein Wunder, er hatte nun die Knackwurst und nicht ich. Nach der Pause, fand Penelope den Gunnar auch blöd, das ging mir runter wie Öl.

Mitten in der nächsten Stunde gab es keinen Feueralarm, denn den kannte ich ja schon aus dem Kindergarten. Nein! Es gab einen Schneeflockenalarm und der war neu. Nicht der Winter begann, obwohl das Wetter komisch werden sollte, nein, die böse NATO hatte eine Atombombe auf unser Dorf geworfen, dass sollten wir uns vorstellen und wir mussten uns vor grellen Lichtblitzen und atomaren Schneeflocken schützen.  Das war ganz einfach, wir legten uns ganz flach unter die Schulbank und bedeckten mit unserem Schulranzen den Kopf. So konnten wir uns sicher vor der ionisierenden Gammastrahlung schützen, die sonst mühelos unsere Körper durchdrungen hätten. Selbstverständlich war das nur eine Übung und nach zehn Minuten durften wir uns wieder setzen. Wie lange wir im Ernstfall hätten liegen müssen, kann ich dir nicht sagen. Wahrscheinlich für immer. Damit das aber nicht passiert, hatten unsere sowjetischen Brüder auf einer fernen karibischen Insel Raketen stationiert, die uns vor den Raketen der bösen NATO schützen würden. Fräulein Seifurt glaubte wohl selbst nicht so recht, an das was sie uns gerade weismachen wollte.

„Eigentlich wäre es so einfach.“ Penelopes freche oder hübsche Augen blitzten. „Die Welt zu einem Paradies auf Erden zu machen.“

„Ach!?“, war mein Erstaunen und meine Frage gleichzeitig. Gott hatte das Paradies für Eva und Adam gemacht, so hatte ich es von Pfarrer Schmidt erfahren. Ich stellte mir immer einen wunderschönen Garten vor, in dem immer die Sonne scheint. Es gibt immer leckeres Essen und man kann den ganzen Tag spielen. Weiter konnte ich mir nichts vorstellen.

„Man müsste die blöden Atombomben einfach abschaffen!“, sagte Penelope.

Ich brachte nur einen verdutzten Blick als Antwort zu Stande. Und dann könnten wir immer im Garten spielen? Ich sagte meine Frage nicht. Penelope konnte bestimmt Gedanken lesen.

 „Ja! Man müsste alle Waffen abschaffen. Ja! Stell dir mal vor, es gäbe keine Gewehre, keine Kanonen, keine Bomben, keine Panzer, keine Flugzeuge, keine Atombomben und so weiter. Nichts, womit die Menschen sich töten oder alles in Schutt und Asche legen könnten. Wenn die Imperialisten sich mit den Kommunisten streiten, wegen irgendeiner Weltanschauung, dann müssten Kennedy und Chruschtschow mit bloßen Fäusten aufeinander losgehen oder Schach spielen. Dabei würden sie sich allenfalls eine blutige Nase holen oder graue Gehirnzellen.“

Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren und kam zu dem Befund, Penelope wäre möglicherweise nicht ganz richtig im Kopf. Die Bestätigung meiner Vermutung nahte nur einen Bruchteil einer Sekunde später.

 „Denk nur mal daran, wie viel Wissen und Einfallsreichtum verschwendet wird, sich immer größere Atombomben auszudenken?“

Wenn nun Penelope die Eva und ich der Adam wäre? Ich begann die Sommersprossen auf Penelopes Wangen zu zählen. Weit kam ich nicht!

„Weißt du eigentlich, wieviel Mark so eine Atombombe kostet?“, fragte Penelope.

Ich wusste es nicht und sagte: „Nein!“

„Für das Geld kann man ein Krankenhaus für ganz Afrika bauen!“

„Hm“, sagte ich und war mir jetzt ganz sicher. Penelope war nicht richtig im Kopf.

„In dem Krankenhaus könnte diese Malaria, Lepra, Schlafkrankheit und sonst was geheilt werden!“

Jetzt wusste ich auch endlich mal was: „Im tropischen Regenwald von Lambarene gibt es doch schon ein Krankenhaus!“ sagte ich unsicher und ich kann auch nicht sagen, woher ich das plötzlich wusste, mir fiel aber ein, das Opa und Georg darüber sprachen und ich die Ohren spitzte. Das Wort Afrika klang so wunderschön exotisch.

Penelopes freche Augen verengten sich. Ihre hübschen Augen verengten sich.

„Ruhe!“ rief das Fräulein Seifurt von der Tafel her und beendigte meine erste Unterhaltung mit Penelope und das Wort Schlafkrankheit ließ mich an die Kindergartenzeit denken. Wir hatten gerade Heimatkunde und ich fragte das Fräulein Seifurt, warum die Quelle von Welsbach Born heißt, obwohl schon ein Dorf an der Ostsee so heißt. Eine schwierige Frage, das wäre Zufall, antwortete Fräulein Seifurt. Ich sage dir mein lieber Leser, ich glaube bis heute nicht an Zufälle.

In der Diele saßen Oma und Opa spielten Schach. Ich schaute fasziniert zu, erlebte wie Oma mit einem raffinierten Zug, Opa mattsetzte. Das wollte ich unbedingt lernen. Ich fragte Opa ob er etwas über eine spartanische Prinzessin wisse? Ich musste tief Luftholen, als Opa im Brockhaus den richtigen Band suchte. Alles richtig gemacht, der Zauberstab lag wieder, vom Osterspaziergang bedeckt, in Sicherheit. Opa setzte die Brille auf und las mir vor: Penelope, in der griechischen Sage, eine spartanische Prinzessin, treue Gattin des Odysseus, Mutter des Telemach, hielt die Freier, die sie während der Irrfahrten des Odysseus, mit dem Vorwand hin, erst für Laertes ein Leichengewandt fertigen zu müsse. Mit dieser Arbeit wurde sie aber nie fertig, da sie das am Tag gefertigte, stets nachts wieder auftrennte. Jetzt war ich schlauer. Ich fragte Opa, in welcher Sprache der Brochhaus verfasst wurde, weil die Buchstaben so fremd sind. Es ist die alte deutsche Schrift und nennt sich Sütterlin. Nachher wollte ich Sütterlin und Schach lernen.

 

Ich sag dir, das Wetter war früher auch nicht ohne. Schnee am ersten September. Verrückt oder normal? Wenn das Wetter verrücktspielt, dann muss unbedingt der Klimawandel schuld sein? Damals wusste noch niemand wie das Wort geschrieben wurde. Kapriolen gab es immer schon.  Als der Abend aus dem Dorf schlich und die Nacht sehr kalt wurde, da holte ich meinen zauberischen Holunderstab aus dem Versteck hinter dem Osterspaziergang hervor. Ich schlich unter meine Bettdecke, hörte dem Wind zu wie er sein eisiges Lied pfiff und begann über den vergangenen Tag zu philosophieren. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich glaube der Stab fühlte mit mir. Ich zögerte nur einen klitzekleinen Moment, dann streichelte ich ihn.

 

Schneegestöber und das Anfang September?  Mit einem eisigen Wind aus Nordosten, schaffte der Winter schon mitten im Altweibersommer einen ersten Auftritt. Im Dorf wurden zum ersten Mal einige Öfen angeheizt. Gunnar musste an diesem Abend noch mal in die Scheune, weil sein Vater dort die Kneifzange liegengelassen hatte, die er gerade benötigte, um einen krummen Nagel aus der Kohlenschaufel zu ziehen. Was keiner wissen konnte, der kräftige Wind hatte so sehr am Scheunentor gewackelt, das ein Rechen vom Haken gefallen war. Jedenfalls gewahrte ihn Gunnar erst, als er drauftrat. Jäh schlug der Stiel auf sein rechtes Auge ein. Bevor er schreien konnte, lies ihn die Wucht des Schlages einen schmerzhaften Tanz aufführen und er trat mit dem anderen Fuß noch einmal auf den Rechen. Damit war sein linkes Auge dran. Die eh schon dunkle Scheune wurde jetzt noch dunkler, verdammt dunkel. Sein oktavenreicher Vokalgesang füllte die ganze Scheune aus und erreichte bald Höhen wie räudige Katzenmusik. Die Hühner im benachbarten Hühnerstall waren so betroffen, sie stellten daraufhin mehrere Tage das Eierlegen ein. Meine Liaison mit dem Zauberstab war in diesem Moment genau fünf Minuten alt.

 

Im Oval Office, im Büro des Chefs der Vereinigten Staaten von Amerika, saßen zur selben Zeit zwei Brüder zusammen.

„Es gibt so viele Möglichkeiten, wie wir Menschen uns das Leben auf der Erde verschönern könnten!“ sagte John F. zu seinen Bruder Robert.

„Wir könnten die Raketen in der Türkei anbieten.“ entgegnete der Bruder des Chefs. „Ich werde noch einmal Anatoli besuchen.“

„Genau!“ sagte John F. „Du garantierst den Russen, dass Amerika auf keinen Fall Kuba angreifen wird und bietest den Abzug der Atomraketen aus der Türkei an, aber ohne viel Tätärätä!“ Der Chef goss noch einmal Whiskey in beide Gläser. „Ich wünsch dir und der Menschheit viel Glück!“

 

Robert hatte Glück! Und die Welt hatte Glück! Noch in derselben Nacht ließ der sowjetische Direktor Nikita über Radio Moskau und Kurzwelle den Abzug der Raketen aus Kuba feierlich bekannt geben. Der dritte Weltkrieg musste mal wieder verschoben werden.

 

Im regenreichen Urwald von Gabun brauchte die Post schon immer etwas länger. Der Postbote, dessen Ururgroßvater schon Postbote am Hof des Sultans in Konstantinopel war, musste mit seinem nigelnagelneuen Renault 4 auf der schlammigen Piste stundenlang ausharren. Eine Elefantenherde hatte es sich dort bequem gemacht. So dauerte es. Aber die Post ist beachtenswert, Schwester Mechthild musste für den Brief, aus der fernen Schweiz, extra unterschreiben. Wenig später konnten sich ihre finanziellen Sorgen zum Teufel scheren. Mzungu Albert hatte das Friedensnobelpreisgeld der Albert-Schweitzer-Stiftung übergeben und würden finanzieren. Das Hospital würde bis in alle Zeit weiter bestehen. In Lambarene wurde zur Feier des Tages eine Flasche Schaumwein geköpft. Wenn in Lambarene getrommelt wurde, tanzte ein ganzes Krankenhaus, jedenfalls die, die noch tanzen konnten.

 

 

Ach ja, Ernesto soll sich, auf Grund der Ereignisse, so richtig aufgeregt haben. Er beschloss, im bolivianischen Dschungel, mit der Weltrevolution, noch mal ganz von vorne anzufangen, mit der Machete in der Hand.

Andrei Andrejewitsch rieb sich die Hände und verlangte leckere Pelmeni mit Butter und gerösteten Knoblauch von seiner Frau.

Im Oval Office wurde schließlich der Whisky knapp.

Afrikanische Krankenschwestern sangen ausgelassen fröhliche Lieder. Sie kümmerten sich, wenn auch leicht beschwipst, weiter um Malaria- und Leprakranke.

Auch Gunnars Vater goss sich an diesem Abend zwei Schnäpse mehr hinter die Binde.

So war das damals, mein lieber Leser. Ich brachte den Zauberstab zum bunten Osterspaziergang und konnte mich beruhigt in der Schlafkrankheit aufopfern. Penelope und das Menschentum nahmen alles mit Erleichterung auf.  Wenn man es recht bedachte, würden sie höchstwahrscheinlich, die wahrscheinliche Wahrheit nie erfahren. Es waren mein Zauberstab und meine Wenigkeit gewesen. Die Konstellationen sprechen jedenfalls dafür. Keine Frage, ich hatte das alles bewirkt. Dabei war ich ja noch so klein.  Mit dem Vulcan im fernen Indonesien hatte ich und der Zauberstab nichts zu tun, obwohl … könnte ja sein. Was wusste ich schon vom Vorleben des Zauberstabs. Nichts!

 


12. Schneemann

 

Wie wäre es ohne Wünsche im Leben? Manche Wünsche kann ich auch kaufen, ich suchte zwanzig Euro im Portmonee. Maria Magdalena, hat für mich Nutella, Kaffee und einen kleinen Wasserkocher gekauft. Maria Magdalen und ich hatten nun ein Geheimnis.  Ein Wasserkocher ist nicht erlaubt, was solls! Jetzt freute ich mich ausnehmend auf extrastarken Kaffee mit Nutellabrötchen. Begünstigt, durch unerquickliche Gedankenströme hatte ich außergewöhnlich große Esssucht und löffelte ich nach dem Brötchen fast das ganze Nutella leer. Das wird meiner Pyrosis nicht guttun. Was meinst du?

Wie auch immer, die Felder meiner Kindheit hatten einen weiten Horizont. Im Dorf geschahen Dinge, die niemand erklären kann. Woher ich das weiß? Ich weiß es gar nicht, es muss so gewesen sein. Basta! Da ich von der Zauberkraft des Holunderstabes überzeugt bin, könnte ich ja einfach schreiben: Ich hatte gezaubert. Doch das wäre viel zu banal. Ich mache erst mal Pause vom Laptop und warte auf den Moment, der mir sensationelle erzählende Buchstaben bringt. Du darfst gespannt sein, auch wenn es turbulent wird, mein lieber Leser.

Papa hatte mich vergessen! Die Briefträgerin Frau Meier brachte keine Matchboxautos. So musste Ablenkung her, ich lernte Schach in Zügen und Sütterlin in Buchstaben. Opa Vincent hatte die beiden ABC’s nebeneinander geschrieben. Sütterlin lernen ist viel bequemer zu lernen, einfach schauen, beim Schach musste ich konzentriert schauen, ganz schön denken. Mindestens zwei Züge im Voraus denken, und die voraus gedachten Züge vom Opa zu erkennen. Ganz schön knifflig. Gedrucktes Sütterlin konnte ich nach zwei Wochen lesen und ich wusste ganz nebenbei, dass Prometheus die ersten Menschen aus Lehm gestaltet und mit Eigenschaften ausgestattet hatte. Dabei soll es wohl zu Fehlern gekommen sein, unter denen die Menschheit seither leidet. Als ich viel später mit unserm Pfarrer Schmidt, darüber diskutieren wollte, wollte er mir vom Paradies und seinen Bewohnern erzählen. Nun gut, der Mann kann nicht alles wissen. Noch bin ich nicht in der Christenlehre. Außerdem wollte ich mit Odysseus auf Irrfahrt gehen. Musste ich.

 

Mama klopfte an die Tür, rief nur laut SCHULE!  Nun ging die Schule schon mitten in der Nacht los.  Ich freute mich auf den gemeinsamen Arbeitsweg mit Mama und ich freute mich jeden Morgen auf Penelopes Sommersprossen. Ich hatte sie im Traum gezählt, es waren genau sechsundsiebzig!

Eigentlich weiß ich so gar nichts über Penelope, außer, dass sie nun bei ihrer Tante lebt, in den Ferien war sie verreist. Irgendwas war mit ihren Eltern. Ich fragte nichts, doch Penelope liest Gedanken. Ich glaubte, da war eine winzige Träne über ihren Sommersprossen. Einmal erzähle ich dir alles, aber jetzt nicht.  

Darum fragte ich etwas, eine Frage die völlig in eine andere Richtung führt. Als ich fragte, wie aktuell es mit ihrer Liaison mit dem Odysseus wäre und wie weit sie mit dem Grabtuch für Odysseus Vater sei. Ich entdeckte ein winziges Lächeln in ihren Augen. Sie antworte mit einer Gegenfrage, wie gut ich mit einem Bogen schießen könnte? Ich glaube, in diesem Augenblick wurden wir beste Freunde.

Mein treuer Leser. Ich weiß jetzt nicht wie gut du die griechische Vergangenheit kennst, aber Odysseus hatte ein trojanisches Pferd erfunden, musste auf irren Fahrten durch die Welt reisen, lernte dabei Kikonen, Lotophagen, Kyklopen, Sirenen, Skylla, Charybdis und Zauberin Kirke kennen, bevor er mit brüchigen Floß nach Ithaka segelte. Ich glaube ganz fest daran, die Abendteuer vom Raumschiff Enterprise sind, alle schon mal da gewesen, Hollywood hatten viele Geschichten in der Ilias geklaut. Auf Ithaka waren die Freier gerade mit Pfeil und Bogen dabei, eine Ehe mit Penelope zu gewinnen. Sie schafften es nicht einmal den Bogen des Laertes zu spannen. Da trat Odysseus vor, spannte mühelos den Bogen und schoss den Pfeil wie verlangt durch die Schaftlöcher zwölf hintereinander aufgestellter Äxte. Danach führte der Odysseus eine Ehe mit der Penelope, eine ganz normale Ehe. Soweit mein Ausflug in die Antike. Du wirst es erahnen, das erste Buch, das ich zum geschwungenen Sütterlin lernen verwendet hatte, waren die Sagen des klassischen Altertums. Penelope hielt es pädagogisch so fest: Ein Siebenjähriger der Homer liest. Fest steht, Penelope ist bedrückt, so bin ich auch bedrückt. Ich fragte Irmchen, sie wusste auch nicht was los ist. Sie gab etwas vom Dorftratsch kund. Die Munkelei besagte, Penelopes Eltern sind im Knast Mein lieber Leser, du wirst erst im Kapitel 15 erfahren, was wirklich los ist. Ich wusste es im 12. Kapitel auch noch nicht.  Weiter im Text!

Ich las auch andere Sachen, wie Brockhaus und ein uraltes Gemüsebuch über Spargel in der Russischen Kolonie Alexandrowka in Brandenburg. Ursache war der Erdhügel, den Papa anlegte, als ich noch Kindergarten war. Ich vermutete einen Grabhügel, weil er so aussah, wie ein frisches Grab auf dem Friedhof. In dem Grab hätten der Länge nach, Vier bis Fünf ausgestreckt liegen können. Wer oder Was ist unter dem Hügel? Opa Vincent klärte mich auf, da liegt nichts drunter, da wächst was raus. Ich sah nur vertrocknetes Gestrüpp mit roten Beeren, es sei ein Spargelbeet. Die roten Beeren sind beim Naschen ungesund bis tödlich, aber den Vögeln schmeckts. Papa hat hier niemanden oder gar einen Schatz vergraben. Nun stellte sich die Frage ganz anders, wen wollte Papa vergiften, oder wollte er nur die Vögel füttern. Zum Glück konnte ich Sütterlin lesen. Ich lernte alles was ein Siebenjähriger über Spargel wissen sollte. Es geht nicht um rote Beeren, die Stiele sind wichtig, wenn sie noch im Erdreich weilen, nur die Köpfchen das Licht der Welt erblicken. Ähmm, keine Ahnung wie Spargel schmeckt. Irmchen wusste auch nichts damit anzufangen. Ich müsste laut Buch, sowieso bis zum Frühjahr warten. Also wartete ich. Oma, Opa und Mama war dieses Beet egal. Sie hatten keinen Appetit auf Spargel, weder jetzt, im Frühjahr oder sonst wann! So fragte ich, ob ich mich um das Beet kümmern dürfte. Ich durfte.  Nun hatte ich eine Zukunft, als kleiner Spargelbauer. Immerhin las ich, in schnörkelvollen Sütterlin, dass Spargel ein Edelgemüse ist. Mit der Anleitung aus der russischen Kolonie Alexandrowka, beseitigte ich den ins Kraut geschossenen Spargel, jätete Unkraut, brachte mit dem Rechen den Hügel wieder in Form. Penelope half mir hin und wieder und Irmchen brachte etwas Nascherei vorbei. Dann kamen Kartoffelferien, da lag ich zuweilen auf dem Bauch und sortierte Kartoffeln, dachte immer weniger an den Zauberstab. Mit fleißiger Zeit vergingen die Kartoffelferien. In der Schule erfreute Penelope mich mit hübschen Augen, die manchmal traurig aussahen. Penelope war, obwohl wir uns schon gut kannten, immer ein Rätsel. Ich wusste nur, dass ihre Mutter der Penelope viel von der Penelope in der griechischen Mythologie erzählte hatte. Sie wusste alle Abenteuer von Odysseus und seiner treuen Gattin. Jetzt lebte sie im Pfarrhaus gleich neben der Kirche. Oben auf dem Berg.  Nach der Schule gingen wir kooperativ zum Essen in die Essensküche, Danach trennten sich die Wege, während ich zum Hort spazierte, ging Penelope in die Christenlehre. Zu Hause erklärte mir Mama, dass ich getauft sei und auch in die Christenlehre dürfe, schließlich zahle sie Kirchensteuer. Sie explizierte aber, dass wir die Zeit in einer Hierarchie verbrachten, die Religion nicht gut findet. Ich beließ es dabei. Vorerst! Das änderte sich, als ich mit Mama und Oma am Heiligen Abend zum Krippenspiel hoch zur Kirche stapfte. Unsere Kirche ist eine schöne Kirche, die nun viel schöner aussah. Die Kinder der Christenlehre führte die heilige Geschichte auf, Penelope war Maria. So eine schöne Geschichte. Ich wollte danach der Josef sein. Unbedingt. Auf dem Nachhauseweg fiel der Schnee, wir sangen Schneeflöckchen, Weißröckchen endlich kommst du geschneit, du kommst aus den Wolken, dein Weg war so weit  

Als Penelope am Weihnachtstag erfuhr das ich zum Christentum konvertieren wollte, fragte sie, was ich über die unbefleckte Empfängnis wüsste. Ich schaute nach! Meyers Lexikon hatte keine Ahnung. Zwischen unbekannt und unbunt konnte ich etwas über Unbewusstes und unbezahlte Arbeit lesen. Sehr interessant und überhaupt nicht hilfreich. Dem Anschein nach gibt es gar keine unbefleckte Empfängnis. Unbunt ist schwarz, weiß und grau. Jedenfalls lauerte der Winter.

Dass ich wieder den Zauberstab beanspruchte, lag am neuen Bürgermeister. Du weißt schon: Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf! Der Ärger fing eine Woche vor Weihnachten an, wir hatten gerade Väterchen Frost zu Gast, der Welsbach war fast zu gefroren. Da machte Oma mit ihren Berliner Roller einen Ausflug durch eisigen Wind und frostige Felder. Später hingen zwei totgeschossene Hasen kopfüber in der Torfahrt, als der neue Bürgermeister auf dem Hof erschien und lauthals Theater spielte. Es ging wohl um die Hasen, so verstand ich es. Oma hätte mit den Hasen, Volkseigentum erschossen. Die Hasen gehörten nun der LPG, da durfte nicht jeder rumschießen wie er wollte. Opa gab hörbar zurück, dass er immer noch im Grundbuch stehe, damit gehören die Hasen ihm. Er hätte Land eingebracht, aber nicht den Weihnachtsbraten, danach präsentierte er dem Schreihals den Weg zur Tür. Danach dachte ich seit langen mal wieder an den Zauberstab, aber es kam anders. Schorsch, Hans, ich meine Hans Georg, gründete noch in derselben Woche eine Jagdgenossenschaft, lud alle potenziellen Mitglieder zu Glühwein und Bratwurst ein, kassierte von jeden fünf Mark Jahresbeitrag, stellte einen Antrag beim Kreis, ließ Mitgliedskarten drucken, machte einen Vertrag mit der LPG und die Sache ist vom Tisch, dachte ich. Alle Bauern waren zum Glühwein, aber auch Direktor Weinbein, Pfarrer Schmidt und einige andere. Lustig war die Wahl zum Jagdgenossenschaftsvorstand. Schorsch, ich meinte, Hans Georg wurde einstimmig gewählt, was überhaupt nicht geht. Er hatte schon als LPG-Vorsitzender signiert und sollte nun auch als Vertragspartner unterschreiben? Du weißt mein lieber Leser, was eine Ämterhäufung ist, das geht wirklich nicht. Weil Opa Vincent nicht wollte, wurde der Pfarrer im zweiten Wahlgang, mit Gottes Hilfe, gewählt. Fast Einstimmig. So wie es bei Wahlen in der hiesigen Landschaft damals üblich war. Ein Walter wurde fast gleichzeitig, mit gleichem Ergebnis, wieder zum Sekretär von einem wichtigen Komitee gewählt. Ich dachte nur, wenn die Lokale Politik so verzwicktes Theater ist, wie geht es da im restlichen Kosmos zu. Jedenfalls wurde es Winter, mit richtigem Schnee und Schneemännern. Alle Kinder bauten Schneemänner oder rodelten den Kirchberg herunter. Später lernte ich in der Heimatkunde, beim Fräulein Seifurt, dass unser Dorf in einer Endmoränenlandschaft wohnte und der Kirchberg ein Stück Moräne wäre. Wir hatten so viel Spaß mit der Moräne. Wie polierten die Schlittenkufen mit Kerzenwachs und sausten schneller als der Wind. Penelope und ich waren ein gutes Team und das Schnellste. Schade, dass es im Dorf keine olympischen Winterspiele gibt. Und! Wir bauten den bestimmt schönsten Schneemann von der Welt, schmückten ihn mit, Möhre, Koksknöpfen blauem Pionierhalstuch, verbeultem Kochtopf und einer Fackel im Arm. Als die Dunkelheit ins Dorf schlich, holte Opa Vincent sein Feuerzeug, damit die Fackel leuchtete. Das war wichtig, an dieser Stelle war die Straßenlampe keine Leuchte oder kaputt. Nach dem Abendbrot stolzierten Opa und ich voller Stolz auf die Straße. Wir konnten nur noch Halstuch und Kochtopf retten. Ein Auto hat alle Schneemänner überfahren und beschäftigte sich bestimmt mit Fahrerflucht. So ein Gemetzel an friedliebenden Schneemännern. Es war der Abend, als ich zum Osterspaziergang schlich, ins Bett ging, den Zauberstab fest an mein pazifistisches Herz drückte.

Am nächsten Tag war immer noch Winter. Keiner hatte mehr Lust auf den Schneemannbau, die Kinder entfernten sich zur Endmoräne. Sie rodelten oder bewarfen sich mit Schneebällen. Auch Penelope kam um zur Begutachtung der Sachlage die Endmoräne herunter. Ich holte den Schlitten und eine Kerze zur Kufenpolitur. Nachdem wir mehrfach mit neuem olympischem Rekord den Kirchberg bergab sausten, mobbten wir anschließend Gunnar mit tieffliegenden Schneebällen. Die anderen Kinder bedachten jeden Treffer mit Beifall. Damals war das Wort Mobbing völlig unbekannt.  Ich muss dazu sagen, Gunnars Augen hatten nach tiefblau, nach grüngelb, nach violett, nach gelbblau, orange, jetzt wieder normales Gesichtsrosa. Nachher nahm mich Penelope zur Seite und flüsterte mir ihre Idee ins Ohr.  Ich schwöre dir, mein lieber Leser, der Plan stammte nicht aus meinem Hirn, es musste der Zauberstab gewesen sein. Zum Schluss sah das Ergebnis richtig gut aus, mit Pionierhalstuch, alten Kochtopf, Möhre, Koksaugen, statt Fackel, opferte ich meine Polierkerze. Dass der Schneemann eine gusseiserne Seele hatte, war nicht zu erkennen.

Oma hatte Griesbrei gekocht, ein Glas eingekochter Kirschen geöffnet. Hans, ähm, Schorsch fuhr mit dem Kugelporsche zum Pfarrhaus und fragte ob Penelope zum Griesbrei bleiben könnte. Sie durfte! Er versprach auch, sie mit dem Auto, nachher nach Hause zu bringen. Daraus wurde nichts.

Ich hatte gerade einen zweiten Teller Griesflammeri unterm Löffel, als es furchtbar krachte und eine Hupe im Dauerton durchs Dorf hallte. Die Vorderseite vom Moskwitsch 408, hatte sich um die rote gusseiserne Seele, um den Hydranten gewickelt. Im Moskwitsch verweilte der neue Bürgermeister mit dämonischen Kopfschmerzen, sein Haupt war auf das Lenkrad geknallt, damit auf die Hupe, deren Kontakte so verklemmten, damit bis zur Hühnerfarm alle wussten, wer die Schneemänner nicht leiden konnte. Der Hydrant riss aus seiner Wasserleitung, Wasser strömte in die tiefgefrorene Gegend, die bis zu unserem Hof reichte. Es wurde glatt vorm Hof. Nun stieg noch der Alarmton von Schuldach in die Ouvertüren ein, die Feuerwehr rückte mit Blaulicht und Sirene an. Schorsch rannte in die Scheune, kam mit einem Eimer Sand wieder, mit zwei Kameraden der Feuerwehr sandete er sich bis zum Auto vor, stellte die Hupe aus und erlösten den Bürgermeister. Mittlerweile war das gesamte Dorf anwesend, sogar Penelopes Tante und ihr Pfarrer. Es dauerte eine Weile, bis jemand wusste, wie das Wasser abgestellt wurde. Dann kam Kasimir und kümmerte sich. Ein Krankenwagen kam, nahm den Bürgermeister mit, wahrscheinlich ins Krankenhaus, in der Stadt. Schorsch und Opa Vincent verteilten Glühwein. Mama versprach Schlittschuhe zu suchen. Irgendwann war die Veranstaltung zu Ende. Wir löffelten noch den Griesbrei leer und rieben die Teller mit Schnee ab, weil kein Wasser durch die Leitungen lief. Penelope ging mit ihrer Tante und ihrem Pfarrer nach Hause.

 

 

Die Polizei die in Person des ABV im Nachbardorf lebte, kam am nächsten Morgen mit dem Linienbus, einem Ikarus 66.  Mein lieber Leser damit du es weißt. Der ABV ist der Abschnittsbevollmächtigte und ist für die Kriminalität zuständig. Der ABV fuhr mit dem Bus, weil für seine Simson SR 1 der Winter zu hart war. Fachmännisch begutachtete er den Moskwitsch 408, vermutete einen Totalausfall, befragte etliche Leute. Niemand hatte eine Ahnung oder wollte keine Ahnung haben, von einem Schneemann schon gar nicht. Bloß der Gunnar wollte eine Ahnung haben, aber was zählt eine Ahnung vom Gunnar? Kasimir hatte bald den Hydranten restauriert, damit lief das Wasser wie es sollte. Irmchen, Penelope, Mama, und ich fuhren mit Schlittschuhen, nicht dass wir es wirklich konnten, es wurde alles besser, mit der Zeit.  Das machte so viel Spaß. Bald waren alle da, die Schlittschuhe hatten, sogar Fräulein und Fräulein Seifurt. Opa Vincent kochte Kinderpunsch, auch etwas Glühwein. Frau Weinbein brachte Trinkbecher aus der Essensküche. Opa dachte sich, wenn er noch Bürgermeister wäre, könnte jeden Winter …. er hatte Visionen.


 

13. Schwarzer Kater Stanislaus

 

Die Dinge kann ich besser beschreiben, wenn ich etwas Schmackhaftes zur Digestion bringe. Vielleicht verstehst du mich, mein treuer Leser. Da keine Spargelzeit ist, mag ich Königsberger Klopse.

Oma Hilde wusste wie das geht, von ihr hatte ich viel gelernt. Auch in der Essensküche hatten Frau Weinbein und die anderen Frauen, ein gutes Händchen. Mit Milch wird ein Brötchen aufgeweicht, Zwiebel, Sardellen, Kapern feingehackt, dann kommt Gehacktes, Ei, Salz, und Pfeffer hinzu. Dann wird geknetet, Klopse geformt und in Gemüsebrühe gegart. Die Brühe sollte nur fast kochen, keinesfalls sprudeln.  Für die Soße, gute Butter auslassen, darin feine Zwiebelwürfel schwenken, Mehl dazu stäuben, rühren mit Brühe auffüllen, mit etwas Sahne verfeinern, gehackte Kapern und einen Hauch Sardelle dazu. Oma machte meistens Rote Beete und Kartoffeln dazu. Frau Weinbein und ihre Frauen brauchten ein paar Brötchen mehr, sie mussten auch hundertfünfzig Mäuler stopfen.

Mein lieber Leser, ich möchte dich nicht mit Klopsen langweilen, doch die Klopse, die Karl servierte, sind ein völlig andere Geschichte. Ich nehme an, die Haltbarkeit dieser Büchsennahrung, war schon zu Zeiten abgelaufen, als Königsberg noch Königsberg war. Die Konsistenz glich den Bällen, die beim Tennis in Wimbledon Verwendung finden. Es dauerte volle zwei Tage, bis die ärgerlichsten Königsberger Klopse meines Lebens, quälend alle Windungen meines Verdauungstraktes durchlaufen sind, letztendlich ihren Weg in die Kanalisation gefunden haben. Zwei Tage konnte ich keine Buchstaben für Dich in die Tastatur drücken. Du bist ein geduldiger Leser. Lieben Dank dafür. Ich muss nur noch mal das letzte Kapitel lesen, damit ich nicht an völlig falscher Stelle fortsetze. Ach ja, da steht es geschrieben: Wir hatten so viel Spaß.

Die Schlittschuhbahn wurde ein voller Erfolg, am Samstagnachmittag spielte ganz spontan die Welsbach-Combo zum Eistanz auf. Opa hatte Visionen, dachte über neue Infrastrukturen nach, wie Geländer, Sitzmöglichkeiten, Grillhütte, kleiner Tribüne und Flutlicht.  Der Kegelklub versuchte sich in Eistockschießen. Während beim Curling schwere Granitsteine, werden beim Eisstockschießen Kegel aus Holz eingesetzt.  Aber egal. Am Montag waren die Ferien zu Ende, und der neue Bürgermeister, du weißt schon, Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf, hatte Silvester im Krankenhaus verbracht, mit Verdacht auf Gehirnerschütterung. Es blieb beim Verdacht. Ich weiß nun nicht, ob eine Gehirnerschütterung mehr geholfen hätte. Zweifelsohne aktivierte er den Gedanken an Steppard, dem Deppert. Nur war der Steppard kein Deppert mehr. Das erfuhr ich von Frau Weinbein, die hin und wieder bei Mama eine Tasse Kaffee trank. Steppard lebte förmlich auf, trank keinen Alkohol mehr, machte den Hausmeister, die Lagerverwaltung, räumte das Alte nach vorn, das Neue nach hinten, notierte wenn irgendwo Knappheit herrschte, war gründlich im Abwasch. Frau Weinbein schwärmte regelrecht. So etwas fand ich gut, solche Leute braucht das Land, außerdem hatten wir einen neuen Deppert. Der Bau auf- Bürgermeister kam mit dem Linienbus dem Ikarus, ging in direkter Folge zu seiner ehemaligen Unfallstelle, ignorierte die Pappe die vor Glatteis warnte, wirbelte ohne Schlittschuhe einen olympiareifen Dreifach-Axel, nur an der Landung müsste er noch üben, diesmal war das Steißbein dran. Hans Georg holte einen Eimer Sand aus der Scheune. Als ich von der Schule kam, lag der Bürgermeister mit nackigen Hintern bäuchlings auf Mamas moderner Couch und Doktor Seebach gab ihm eine Spritze. Das Bild, das ich sehen musste, möchte ich dir nicht in allen Farben ausmalen. Doktor Seebachs Diagnose, nichts gebrochen, aber zur Sicherheit und zum Röntgen kommt der Krankenwagen. Alles wird ein Nachspiel haben, drohte er zum Abschied. Opa Vincent sagte nur zu Hans Georg: Beim nächsten Mal holst du keinen Sand aus der Scheune.  Dass ich diese Warnung nicht verstand, lag an zwei Dingen erstens hatte ich eine Eins in Schönschrift bekommen, zweiten wusste ich nicht exakt, was ein Nachspiel ist. Brockhaus, verriet mir: Nachspiel ist ein kurzes, heiteres und teilweise derbes, possenhaftes Stück im europäischen Theater. Nun war ich schlauer. Am nächsten Tag brachte ein S 400 drei Tonnen dampfende Asche aus der Malzfabrik. Die Jugendbrigade der Fabrik tauchte, mit blauen Hemden über dicken Pullovern auf und ließ mit Schaufeln, unseren Winterspaß unter der Asche verschwinden. Das Nachspiel begann. Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!

Das könnte meinem Zauberstab überhaupt nicht gefallen. Nur wo war er? Mit Schrecken durchsuchte ich die ganze Diele, suchte unterm Chaiselongue, im Kohlekasten, hinterm Brockhaus, hinter Meyers Lexikon, schließlich überall. Hatte Irmchen Staub gewischt? Ich fragte! Nein hat sie nicht. Was? Irmchen glaubte sowieso nicht an meinen Zauberstab. Ich suchte tagelang, wochenlang. Mir wurde bewusst, dass ich mit einer Ascheschicht vor dem Hof zurechtkommen durfte. So verging eine Weile. Zu jener Zeit, ist uns ein kleiner schwarzer Kater zugelaufen. Mama nannte ihn immer Schwarzer Kater Stanislaus und sang dazu: Schwarzer Kater Stanislaus schnurre-di-burri-di-bum, war der Schreck im ganzen Haus, schnurre-di-burri-di-bum. Als ich Penelope von Stanislaus erzählte, hatte sie die Christenlehre geschwänzt. Die Beiden wurden sofort Freunde und als ich nach einigen Tagen ins Bett wollte schnurrte mir Kater Stanislaus entgegen. Ich erzählte ihm von früher, von schönen Zeiten, von der Eisbahn, von dem Spaß.

 

Es war noch mal recht eisig geworden. Wie jeden Morgen ging ich mit Mama zur Arbeit, heute war unser letzter Schularbeitstag vor den Winterferien. Mir und Mama klappten die Kinnladen herunter, eine aschfreie Eisbahn funkelte uns vor der Haustüre an. Upps, dachte ich, Stanislaus konnte zaubern. In der Schule gab es mal wieder Noten, drei Einsen, ein paar Zweien und eine Vier, diesmal in Musik, aber das war Nebensache.  Hans Georg Schorsch hatte das Eisvergnügen mit einem roten Seil abgesperrt. Überall hingen Pappen: Herzlich Willkommen auf der Eisbahn. Unsere Torfahrt stand weit offen. Auf einem Tisch standen zwei Waffeleisen für Waffeln mit Pflaumenmus. Ein Topf mit Kinderpunsch und eine Thermoskanne mit Glühwein. Es dauerte nicht lange, bis die Welsbach-Combo zum Eistanz aufspielte. Ein Trinkgeldglas füllte sich. Fast das ganze Dorf war anwesend, außer dem Bürgermeister, der zufällig in einer Parteischule im fernen Berlin den Sozialismus  erlernte. Es musste so gewesen sein, jemand hatte in der Nacht einige Arbeit gemacht, irgendwer hatte mit einem Hydranten-Schlüssel das Wasser aufgeschlossen, einen Gully geöffnet, die Asche weggespült, den Gully und einige Zeit später, den Hydrant verschlossen. Wie ich von den Erwachsenen vernehmen konnte, kamen nur die Feuerwehr oder Kasimir in Frage. Aber alle schwören Unschuld. Die Welsbach-Combo spielte als Letztes einen Schlager von Siw Malmkvist: Schwarzer Kater Stanislaus, schnurre-di-burri-di-bum, er war der Schelm im ganzen Haus, schnurre-di-burri-di-bum, alle Mäuse wurden blass, schnurre-di-burri-di-bum. Mama und Schorsch, Penelope und ich, tanzten im Eis.  Irmchen wirbelte Pirouetten. Stanislaus schaute zufrieden und miaute Beifall.  


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Kommentare: 4
  • #1

    Monika Gerdes (Freitag, 06 Januar 2023 22:54)

    Lieber Ulli, weilend in Esslingen bei der jungen Familie meines Sohnes, habe ich es heute endlich geschafft, deine Lesrprobe zu Ende zu lesen. Und ich kann nur sagen: Chapeau! Respekt! Wunderbar! Du hast Ideen, Phantasie und Stil. Es ist reines Vergnügen, deinem Erzählfluss zu folgen. Gerne würde ich writerlesen und erfahren, wie es deinem Alter Ego weiter ergeht... Wenn du magst, helfe ich dir gerne aus der Ferne, die kleinen Rechtschreib -, Grammatik- oder Ausdrucksfehler zu korrigieren (es sind aber nicht viele ). Liebe Grüsse aus Esslingen am Dreikönigstag sendet Dir
    Monika aus Crostwitz
    PS: Sebstverständlich würden wir uns freuen, wenn wir dich auch 2023 als Hospitalero begrüssen dürften... Einzelheiten, vor allem wann, besprechen wir später....

  • #2

    Elka (Sonntag, 08 Januar 2023 10:48)

    sehr interessant und gut geschrieben und ich würde deine Geschichte gern weiterlesen

  • #3

    Thomas (Sonntag, 15 Januar 2023 09:29)

    Sehr amüsant...weiter so. Erinnert mich sehr an Erwin Strittmatter.

  • #4

    Sven (Sonntag, 22 Januar 2023 20:21)

    Lieber Ulli, mach mal schön weiter so! Sensationell! Hoffentlich wird der kleine Ulli nie erwachsen.....