Drei Jahre Pause

Das Pilgern auf der Via Lemovicensis war mit Sicherheit der Höhepunkt im letzten Jahr. Ein Jahr mit vielen Höhen und einigen Tiefen, so wie das Leben es geradeso schreibt. Wo anfangen? Ich trinke noch einen Schluck Kaffee, denke nach, schaue auf die Tastatur und höre buchstäblich die Sonnenblumen wachsen. Millionen Sonnenblumen wachsen in Frankreich, soviel weiß ich längst. Apropos, ich brauche mehr Schlucke Kaffee um die passenden Wörter zu finden.   

Auf eine Frage mit einer Gegenfrage antworten, gehört sich einfach nicht. Das geht doch angeblich gar nicht. Das ist rhetorischer Schnickschnack. Mit Leichtigkeit schaffe ich es und fühle mich in gewissem Maße arrogant dabei. 

Worum geht es eigentlich? Ich werde häufig gefragt: „Das machst du ganz alleine?“

„Warum sollte ich Vogel mir auch nur eine Feder stutzen lassen, geschweige einen ganzen Flügel?“ sagt eine gute Freundin mal zu mir. Diese Gegenfrage gefällt mir. Ein Leben so bunt und voller Möglichkeiten, für Irgendwas opfern? Ne ne. Ein paar Experimente habe ich da schon gefeiert. Alle schön und gut. Aber hierüber wollte ich ja auch gar nicht referieren. Das Leben ist bunt!

Viel brisanter ist doch die Frage, warum ich drei Jahre Pause vom Jakobsweg machte. Nichts geht immer nach Plan. Aber alles erstmal auf Anfang. Im Jahre Zweitausendfünfzehn kramte ich einen verstaubten Vorsatz aus der hintersten Ecke meine Defizitkammer hervor. Dachte mir, solange Du noch fit genug, jung oder alt genug, gesund und ungebunden genug bist, dann mach es! Und ich fühlte mich fit, Jung und Alt genug, gesund und ungebunden genug und machte es. Schon er erste Tag war unbeschreiblich. Ich ging also auf Pilgerschaft und spätestens nach dem zweiten Tag komme ich auf die oben gestellte Frage zurück. Da fragte ich mich selber und das immer wieder. Wie kann es sein? Wie kann man alleine so glücklich sein, dass einen fast das Herz überkocht. Ab sofort könnte ich mich jeden Tag selber umarmen. 

Da mögen die Zurückgebliebenen mutmaßen was sie wollen. Argumente, wie Weglaufen oder wie einsam, hörte ich im Vorfeld und im Nachhinein. Aber in Wirklichkeit spürte ich hin und wieder eine Portion Neid im Nacken. Jede Sekunde genieße ich! Im Übrigen kann ich mich an dieser eindrucksvollen Welt berauschen. So jetzt muss ich mal was essen und die Beine ausruhen, bevor ich weiterschreibe. Es gibt Toast mit Quittengelee, nur so am Rande. Spotify hat ZAZ für mich, ist ja klar. Frankreich, französische Musik. Quittengelee macht mich traurig, es ist von meiner Mutti. So ist das Leben und der Tod gehört dazu. Hab gerade eine Meuterei der Gedanken, sie gehen in der Vergangenheit spazieren.   

Ich lausche den Sekunden, sie schleichen sich ohne viel Worte davon. Tief Luft holen!

Das alles beantwortet immer noch nicht die Frage, warum ich drei unendlich lange Jahre brauchte, zur weiteren Pilgerschaft. Da muss ich wohl etwas genauer ins Detail gehen. Im Jahr Fünfzehn ging es los, vom Rennsteig, nach Erfurt, Eisenach, Marbach, Flieden, Gelnhausen, Frankfurt, Bingen, Hunsrück, Trier nach Luxemburg. 

Nur ein Jahr später entdeckte ich meinen Weg durch ein spannendes Frankreich. Metz, Nancy, die Champagne, Auxerre, Vezeley und die schöne Loire lernten mich kennen.

Kaum wieder zu Hause konnte ein Ventil die Luft nicht anhalten, und lies mich auf einen Felsbrocken stürzen. Ein paar Brüche retteten dann wohl mein Leben, denn bei der Gunst des Augenblicks, wurde Krebs in der Lunge und in den Lymphbahnen entdeckt. Glück gehabt! Alles gerade noch rechtzeitig. Operationen, Chemo und über dreißig Klinikwochen verursachten erstmal Pause vom Weg an das Grab des Apostels. Aber! Kapitulieren war noch nie eine Option für mich.

Im Juli 2019 war ich endlich fertig mit Warten. Die Chronologie schrieb sich etwa so: Zweiter Juli, Kurztrip nach Dresden zu Neil Young auf die Elbwiesen. „Rockin' In The Free World!“ Anschließend Krebsnachsorge in Bad Berka mit erfreulichem Ausgang. Nach Hause, Klamotten packen und losfahren. Knapp tausend Kilometer später bin ich im sonnigen Burgund. Umberta und Arno in der unbeschreiblich schönen Herberge L'esprit du Chemin empfangen mich auf das herzlichste.  Der perfekte Ort zum runterkommen. Übrigens wird man zum Eroberer des Abends, wenn man Eierlikör und Waffelbecher dabei hat. Eine junge Holländerin knutscht mich dafür. Drei Jahre Pause haben ein Happy End. Sooo schön. 

Am rechtzeitigsten Morgen fahre ich nach Nevers, parke mein Automobil am Bahnhof und eröffne meinen Weg, genau an der Stelle, wo er vor drei Jahren ausging. Die heilige Bernadette wird dabei meine Zeugin. Ultrea. Ich kann mich mal wieder selbst umärmeln. Das sind die Hormone.


Ich werde mich mal kundig tun, wie es weitergeht. Bin ganz gespannt. 


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