· 

London und Berlin sind immer eine Reise wert

Es wird mal wieder Zeit, dass ich mich der alten Zeiten erinnere. 

Als ich damals noch so klein und so dumm war, wollte ich mal zu einer Musikaufführung, ins nicht so weite Fulda verreisen. „Nix!“ sagte da die Direktorin, die Hazienda ist voll und da musste schön arbeiten. Schön arbeiten tue ich ja im Grunde pausenlos gerne, schmollte ich so vor mich hin. Eine halbe Stunde Internet zerstreute aber bald düstere Gedanken. Wenn es Fulda nicht sein darf, dann wird es eben London und dann noch plugged in der Royal Albert Hall. Geil! Eine Woche Urlaub bastelte ich mir noch drumherum. Die Karte, Flugtickets und Hotelvoucher schenkte ich mir dann zu Weihnachten und freute mich. Mit anderen Worten, ich kann mich immer wieder selbst überraschen und der Brexit wurde auch noch pünktlich erstmal zu den Akten gelegt. Mein Dank an Theresa und die EU. Als es dann soweit war, da war die Hazienda schon wieder voll, aber ich war ja nicht mehr so klein und auch nicht mehr so dumm. Bevor die Lockungen der englischen Ferne meiner Seele dienen können, habe ich das Wochenende aber so was von schön gearbeitet. Hardcore. Egal. Na, jetzt bin ich unterwegs und die Freude ist groß. Rascher als ich denken konnte, bin ich in Berlin und treffe mich mit Sarah im Weinbergpark, genieße perfektes Sushi in der Kronenstraße und knipse den blühenden Frühling in der Großstadt. 

Pünktlich bin ich in Tegel und pünktlich bin ich in Heathrow. Da fällt mir ein, dass ich hier schon mal war. Vor neunzehn Jahren auf meinen kleinen Ausflug ins ferne Kanada. Nichts erkenne ich wieder, kann aber mit meinen kärglichen Englischkenntnissen punkten und ohne Probleme eine Oyster Card erwerben. Im Hostel in South Kensington gibt es noch ein wenig Trouble, weil ich wohl in der Anmeldung „female“ angekreuzt hätte, was ich aber nicht glaube. Ich habe mit Sicherheit „man“ angekreuzt und bleibe beharrlich. Die Übereinkunft kommt prompt, ich zahle 30 Pfund und habe dafür vier Tage lang ein Einzelzimmer statt Schlafsaal. Übrigens in der sechsten Etage mit Blick auf Courtfield Gardens mit kleiner Kirche. Besser geht’s fast nicht. Nur wenige Straßen weiter, wurde am Vortag WikiLeaks Gründer Julian Assange verhaftet. Nur so nebenbei! Ach geht es mir gut. Im „Burger Byron“ in der Gloucester Road gestatte ich mir einen riesigen Burger und im „Stanhope Arms“ ein London Ale, bevor ich doch lieber auf Forsters umsteige. Perfekt. Die Royal Albert Hall ist nur wenige hundert Meter entfernt.

Mein erstes Ziel am Morgen, ist die berühmte Speakers Corner, dort will ich der Welt mal ordentlich die Meinung geigen. Daraus wird aber nix, denn dort ist gerade Rebellion gegen das Aussterben und ich muss wohl meine Meinungsgeigung auf den nächsten London Abstecher verschieben. Rund ums berühmte Marble Arch gibt es Barrikaden aus bewohnten Zelten und mehrere Hundertschaften Polizei. Direkt an der Speakers Corner steht ein bunt bemaltes Klavier und ein Hippie spielt „Imagine“. In der nahen Bond Road hole ich mir einen „Coffee to go“, achte dabei aber auf einen umweltfreundlichen Kaffeebecher, und setzt mich dann mitten hinein ins Geschehen. Die Sonne beleuchtet, der Kaffee mundet, jede Menge Action und ich glaub es kaum, der Hippie spielt immer noch „Imagine“. Sofort erschaffe ich ein Wort im perfekten Denglisch dazu: „Lennondauerschleifeliveperformence!“ Falls ich mal nicht einschlafen kann, werde ich das Wort rückwärts buchstabieren. Jetzt aus der Distanz betrachtet, sag ich euch, das funktioniert! Ich hol mir noch ein Kaffee (im selben Becher) und bringt dem Mann am Klavier bitte endlich mal ein Bier. 

Später lasse ich mich durch die Straßen treiben. Street Food in der Carnaby Street und im Covent Garden, mit dem touristischen Drumherum. In Jamie Olivers Italian kostet das Zwei Gänge Menü 12,95 Pfund (14,69 €), aber die Schlange davor ist mir einfach zu lang. Irgendwann bin ich am verhüllten Big Ben und schon wieder in einer Demo. Bestenfalls vierzig EU-Befürworter werden von gefühlten fünfhundert Ordnungshütern in gelben Westen beschützt. Ich hätte ja noch gerne weiter demonstriert, aber was wäre London ohne Regen. Ab in den Untergrund. In South Kensington leuchtet die Sonne, als die Subway verlasse. Kurz vor sieben bin ich am Floor B an der Royal Albert Hall. Das Bier kostet sechs Pfund und die zwei Franzosen neben mir sind aus Lyon. Joe Bonamassa kann es einfach und wir haben den Blues, wir feiern gründlich ab. Hab soeben Gänsehaut gegoogelt: „Goose bumps!“ Das sagt wohl alles.  Mit meinen französischen Freunden wird beschließend im „Stanhope Arms“ der gelungene Abend gefeiert. Sie müssen noch nach St Pancras zu ihren TGW nach Paris and I want a pint of forsters. 

Am nächsten Morgen ist die Situation am Marble Arch vollkommen anders. Die Straßensperren sind weg und unter Aufsicht schrubben die Aktivisten ihre Parolen von der Straße. Im „Evening Standard“, im kostenlosen Subway Newspaper, hatte ich schon von den sechshundert Verhaftungen gelesen. Ja, das gibt mein Englisch schon her. Die Stimmung ist total grimmig und „Imagine“ spielt auch keiner mehr. Hätte ich mal lieber keine Zeitung gelesen! So hätte ich vielleicht noch meine Lesebrille. Die Gute fährt jetzt für alle Ewigkeiten U-Bahn. Falls jemand von euch in London zufällig in der Hammersmith & City Line ein schwarzweißes Brillenetui mit Brille findet, das gehört mir. Da ich eigentlich gar keinen Plan habe und auf das London Eye gerne verzichten kann, (Ich war schon mal drauf.) besteige ich unter dem Riesenrad unumwunden ein Schiff der London City Cruises und genieße die Stadt von der Mitte der Themse aus. Ach ja, ich bin der einzige Passagier und Kaffee gibt es auch. Greenwich ist echt einen Streifzug wert. Die Stadt fetzt einfach. Schon der Greenwich Market lohnt sich. Da ja London ohne den berühmten Regen nicht auskommt, besuche ich das Maritim Museum. Übrigens ist der Museumsbesuch im Vereinigten Königreich immer kostenlos und die Briten haben seefahrttechnisch wirklich was drauf. Cook, Nelson, Drake, Robinson, Piraten und Admirale sind von hier aus losgezogen. Die Sonne lacht schon wieder als ich zum berühmten Observatorium hinaufkraxle. Hier gibt es nicht nur den berühmten Nullmeridian, wohl auch die beste Sicht auf die große Stadt. 

Die Rückfahrt wird richtig genial, weil ich die Santander Cycles probiere. Erstmal muss ich zwar schieben, dass ist im „Greenwich Foot Tunnel“ einfach so. Ist ja auch ein Fußtunnel und kein Fahrradfahrtunnel. Dann aber radle ich ganz entspannt den Themsepfad entlang durchs Londoner East End. Am Big Easy stöpsle ich das Rad wieder ein und wechsle zu einen der roten Doppeldeckerbusse bis zur Oxford Road. So ein Linksverkehr ist doch nicht so leicht für mich. Abendessen im Comptoir Libanais in der Gloucester Road und bevor ich wieder in „The Stanhope Arms“ den Abend besiegle, fahre ich noch mal zum Tower und der dazugehörigen Brücke und begucke etwas London bei Nacht. 

Das gemütliche London finde ich in Nothing Hill und richtig urig wird es in der Portobello Road. Freitags ist da der größte Street Market Londons und es gibt einfach alles, sogar Thüringer Bratwürste. Schade, dass ich nur mit Handgepäck reise. Den Nachmittag verbringe ich dann im Kensington Park, Sonne tanken und Bierchen. Urlaub eben. Zwischendrin bin ich auch noch ins Britische Museum.  Im „The Stanhope Arms“ ist heute großer Fußballabend. Wahrscheinlich gehen in England wahre Fans eher in den Pub, als ins Stadion. Jedenfalls gewinnt der FC Liverpool 5:0 gegen Huddersfield Town und das wird gefeiert oder auch nicht. 

Beim Frühstück bekomme ich eine SMS von Britisch Airways das sich mein Abflug um eine Stunde verschiebt. Also keine Hektik, ich fahre mit dem wenigen Gepäck ins legendäre Hammersmith und setzte mich in ein Café und schon kommt die nächste SMS, dass der Abflug um eine weitere Stunde verschoben wird. Ich schaue mir im Internet mal den Flugplan an und sehe das jede Stunde eine BA nach Berlin fliegt und sie aus drei Maschinen eine gemacht haben. Egal, ich bummle noch ein bisschen rum und dann geht es nach Heathrow. Nun ist Berlin dran. Sarah möchte ihre neue Küche mit Rouladen, Apfelrotkohl und Thüringer Klößen einweihen und da ist ihr Papa wohl der richtige Mann. Das wird ein lustiger und sehr internationaler Abend. Übrigens wird es fast Mitternacht, bis das Essen auf den Tisch kommt. 

Am nächsten Tag wird ausgiebig im Café Riz am Heimathafen gebruncht, der irre Flohmarkt am Moritzplatz besucht, in der Hasenheide Riesenrad gefahren, übers Tempelhofer Feld getrampelt und einiges anderes gemacht.

Den nächsten Morgen widme ich der Berliner Frühstückskultur, für einen Apfel und ein Ei kann man den ganzen Tag frühstücken. Ich nehme das Kiezfrühstück. Mein neuer Lieblingsladen in Berlin ist „Comeback Records“ in der Hasenheide. Das Comeback ist ein wenig in den alten Zeiten hängen geblieben, indem es sich noch lohnt, ziellos in den Regalen zu suchen. Ich finde zwei kratzerfreie Originale aus den frühen Achtzigern von Tom Waits und Crosby&Nash. Der ICE ist irreschnell in Erfurt und am späten Nachmittag stehe ich an der Rennsteigkreuzung im Schneeregen. Die ganze Chose war richtig schön und nach dem Urlaub ist wie man weiß vor dem Urlaub. 

End of Story! 



Kommentar schreiben

Kommentare: 0