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Rheingold

In mythischer Vorzeit hatte Siegfried einen Drachen erstochen und in dessen Blut gebadet. 

So gewappnet ist der Held an den Hof der Burgunder in Worms gereist, um Kriemhilds legendäre Schönheit zu bewundern. Es waren eben andere Zeiten und da herrschten wohl dazu andere Sitten. Auch ich bin frisch geduscht, als ich spontan vom frühlingshaften Wetter gezirpt, beschließe mal etwas vom sagenhaften Rheingold zu finden. Kurzum, die besten Ideen, habe ich morgens kurz nach Sechs. Auf nach Worms und den Rhein beradeln! Es werden vier grandiose Tage und knapp zweihundert nachhaltige, intensive, besonnte Radelkilometer. Ich gebe ja zu, die Idee hatte ich schon etwas länger, doch die Umsetzung geschieht intuitiv. Ich buche eine Bleibe, packe und fahr los. Alles fast gleichzeitig und zur besten Mittagszeit fahre ich übern Rhein und durchs Nibelungentor nach Worms. Kaum angekommen, begucke ich die Grablege der Salier. Meine Freunde im nahen Heppenheim überrasche ich mit einem Foto vom mächtigen Kaiserdom. Die Einladung zum Kaffee kommt prompt. 

Meine erste Fahrradtour hat nun ein Ziel und führt mich am Eisgraben entlang durch erste Weinberge, die hier eher Weinfelder sind. Heike hat zur Begrüßung eine Erdbeertorte gemacht. Wie gesagt es ist März und wir sitzen in der Sonne. Zum Abend verabreden wir uns in Worms zum Abendessen. Hüsch die ganze Sache und der Wirt bezeichnet das Backhähnchen als Broiler. Ich nehme einen in der Chilikruste. 

Am nächsten Morgen nehme ich die Treppe, zur Entscheidungsfindung und zum Frühstücksraum. Ich zähle die Stufen, die geraden Zahlen sind Mainz und die ungeraden Stufen heißen Heidelberg. So kommt es, dass ich an einem Sommertag mitten im März nach Heidelberg radle. Ja ein Radler in Kurpfalz, der radelt durch die grüne Heid, gleich wie es ihm gefällt. Juja juja, gar lustig ist die Radelei auf grüner Heid. 😊 Übrigens, das Frühstück konnte sich echt sehen lassen. Mit Lachs und so. Etwas später bin ich unumgänglich auf dem Rheindamm in Richtung Süden unterwegs. Ein exorbitantes Industriegebiet hält auf mich zu und ich erkenne schon bald die BASF, die mir da entgegenkommt.Ich kann gar nicht ausweichen und muss mitten durch. Ludwigshafen wird eine echte Herausforderung für mein Orientierungsvermögen. Die Stadt hat sicher ihre schönen Seiten, doch bleiben die unentdeckt. Viel Verkehr, geschäftiges Treiben und lautstarke Laute. Beeindruckt bin ich vom Rheinhafen. Die nächste Stadt ist Mannheim und schnell finde ich den Neckar. Der nördliche Neckarradweg führt durch eine liebliche, duftende blühende Welt. Eine Gänsefamilie ist unterwegs. Spätestens hier macht die Radtour riesig Spaß, und wirklich resiliente Menschen haben mit Esoterik nicht viel am Hut, denke ich. Was für insgeheime Gedanken und Bilder durch meinen Kopf schwirren, ist natürlich Privatsache. Der Radweg führt durch riesige Klinikbereiche. Eine Stadt für sich. Am Neckarufer am alten Campus ist kaum noch grün zu sehen. Ja wer kann, räkelt sich in der Sonne rum. Kaum zu glauben, dass erst einmal März ist! In der Altstadt habe ich als erstes einmal etwas Hunger. Wie gut, dass da im alten Marstall die Mensa ist und ich mir für einen Apfel und ein Ei ein tolles Menü zusammensetzen kann. Nach einem Studentenausweis fragt keiner. Dann bin ich Tourist und nehme den steilsten Weg zur Burg hinauf, hinab den flachsten. Falls es den überhaupt gibt.  Dann begucke ich noch ein paar der schönen Gassen, bevor ich auf dem südlichen Neckarradweg gegen Mannheim radle. Von Mannheim fahre ich mit dem Zug zurück nach Worms. Erstens will ich mir nicht noch einmal Ludwigshafen antun und zweitens reichen achtzig Kilometer für die erste Tour des Jahres vollkommen. Mein Gesäß meckert gebührlich. Im Hotel teste ich die Sauna auf Tauglichkeit.

Abends streife ich ein wenig durch die Stadt und lande irgendwann bei Mostafa Davarzany, den verrücktesten Perser den Worms zu bieten hat. Genau wie ich ist er durch Zufall dem Tod von der Schippe gesprungen und nimmt das Leben nun einfach von den wundervollen Seiten. Es wird ein seltsam fremdartig schöner Abend und ich habe wohl einen neuen Freund gefunden. Tolle Pizzen kann er übrigens auch. Es wird sehr spät oder sehr früh. Das ist womöglich Ansichtssache. 

Nunmehr ist die gerade Stufe dran und die heißt Mainz. Durch weinselige Dörfer geht es den Rhein entlang, mal am Ufer, mal in den Weinbergen. Oppenheim überrascht mich mit den Gebeinen von zwanzigtausend Toten und sehenswerter Altstadt. Auch Mainz begeistert mich. Ich lasse es mir einfach gut gehen und zurück nehme ich den Zug. Abends radle ich noch nach Weinheim am Rhein und treffe mich mit Freunden zur Weinverkostung im Weingut Lohr. Nicht nur der 18zener Riesling überzeugt mich und zu zehnt schweifen wir noch zum Dorfkrug und testen die Speisekarte. Da ich nun unfähig zum Radeln bin, lasse ich das Rad zurück und der andere Ulli kutschiert mich zum Hotel. 

Am nächsten Morgen erfahre ich, das Heike Oma geworden ist und freue mich. Nach dem Frühstück checke ich aus, fahre nach Weinheim zu meinem Fahrrad und kaufe eine Kiste von dem Wein, der mich echt hingerissen hatte. Der Sommer im März hat sich merklich abgekühlt und Regen kündigt sich an. Egal, ich fahre nach Speyer, eine liebe Freundin zu besuchen. Sozusagen kenne ich Annette Elisabeth noch gar nicht persönlich und doch schon etliche Zeit. Da sie sich in Orthografie und Grammatik besser auskennt als ich, korrigiert sie einige meiner Texte. Nach einem Stadtbummel in Speyer schwinge ich mich aufs Rad und fahre nach Waldsee und besuche die Beamtin auf ihrem Amt. Wir trinken Kaffee und schwatzen über Jerusalem und den Sinn des Lebens. Ich mag sie.

 

Über den Rheindamm geht es zurück nach Speyer und das Weltkulturerbe will auch noch besichtigt werden. Anschließend gießt es aus Gießkannen und ich fahre zurück in meinen Thüringer Wald. Schön wars.    


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