Abschied von der Via Lemovicensis, das Meer, Bordeaux und der lange Weg nach Hause


Es ist immer gut, wenn der frühe Tag etwas frische Morgenluft bekommt. Die Temperaturen sind heute wirklich angenehm, die Unterhaltung mit Madame Leeman ist gut. Wir haben uns ein wenig über mich, dann über sie, dann übers Leben, dann übers Pilgern unterhalten. Wir haben uns einfach unterhalten, weil alle anderen noch schlafen. Ihre Tochter wird im September nach Santiago radpilgern und sie begleitet sie mit dem Smart. Smartes Pilgern, ohne Stempel und ohne Urkunde. Beiläufig erfahre ich, dass sich Peter, mein australischer Pilgerphilosoph, sich für den Nachmittag angemeldet hat. Schade das ich gehen muss. Ich möchte nächstes Jahr wiederkommen und mein Auto hier drei Wochen in ihrer Obhut parken. Guter Plan, das findet auch Madame Leeman. Jetzt, als ich gerade diese Zeilen notiere, hält die Welt buchstäblich den Atem an. Corona verschiebt meine Pläne in den Sommer 2021. Mögen alle behütet und gesund bleiben! Vom Pilgern wird meine Welt nicht heiler, aber sie wird wohltuender, angenehmer, leichter. Das hilft mir den Standpunkt zu wechseln. Obendrein geht es heute ans Meer, mit massiver Hilfe der französischen Eisenbahn. Aber, noch sind zirka fünfzehn Jakobswegkilometer in der herrlichen Hügel-Wald-Gegend versteckt. Den Weg muss ich noch finden in einsamer Landschaft. Die Chance in dieser Verlassenheit auf einen Wolf zu treffen ist wahrscheinlich größer, als einem Mitmenschen zu begegnen. Mir begegnen nur braune Kühe und farbenfrohe Schmetterlinge, die mit ihren Flügeln die Zeit verflattern. Die Kühe flattern nicht! Und wenn - dann nur in amerikanischen Filmen. 

Am Bahnhof in Mussidan löse ich ein Billett nach La Teste-de-Buch, steige in Bordeaux von einem Zug in den Anderen und bin zwei Stunden später am Meer. Nur - das Meer ist nicht da! Ein paar Boote liegen im morastigen Schlick rum. Da ich ad hoc eine These dafür brauche, begründe ich das halbherzig mit Gravitation, den unsichtbaren Fähigkeiten die eventuell der Mond hat. In Wirklichkeit wollte es mich heute einfach noch nicht sehen. Es war noch nicht bereit für meinen Anblick. Dann muss es eben noch einen Tag auf mich warten, Pech gehabt du Meer. Eigentlich wäre in Mussidan am Bahnsteig meine Pilgerfahrt für dieses Jahr zu Ende, aber dem ist nicht so. Mein Pilgerherz frohlockt. Bald treffe ich im endlosen Kiefernwald eine Pilgerin aus Dresden, die von Arcachon nach Irun pilgert. Darum würde ich sagen, ich habe meinen dritten Jakobsweg gefunden. Es folgt ein halbstündiger Schwatz über Neil Young, die Elbwiesen, meine Eltern, das Grüne Gewölbe, den Neustädter Kunsthof, über die wahrscheinlich nichtvorhandenen Pilgerherbergen hier, die größte Sanddüne und noch viel Sächsisches Allerlei. Ei verbibbsch! Wenn wir auch noch der Metaphysik die Tür geöffnet hätten, würden wir heute noch dort rumstehen. Bon Chemin. Die Anziehungskraft des Mondes hebt das Wasser in die Höhe, so ein Quatsch. Tatsächlich brauche ich nur der Muschel folgen und bin dreißig Kilometer später in Sanguinet. Über Booking habe ich mich in einer halbwegs bezahlbaren englischen Pension eingemietet und treffe den nächsten Pilger. Na so etwas! Jan kam mit dem Rad von Amsterdam angeradelt. Was ist denn hier los? Was für ein Gedränge auf dem Jakobsweg. Heißen die Holländer wirklich alle Jan? Oder, pilgern hier nur die Jans? Wo sind die Eycks, die Maartens, die Piets und wie sie alle heißen, oder haben die nur schwere Holzschuhe an oder Wohnwagen im Schlepptau. Haben die Holländer, die nicht Jan heißen, womöglich alle Gründe, mit denen es sich nur jämmerlich pilgern lässt. Was weiß ich. Das möchte ich gar nicht weiter unnütz überlegen. Wenige Minuten später liegen wir am Strand. Ist das geil. Schon ein wenig baskisch und traumhaft schön gelegen, verbirgt sich in allerhand Kieferwäldern, der größte See Frankreichs. Wahnsinnig schön, extrem wohltuend, einfach herrlich! Ich darf einen halben Kilometer laufen, bis das klare Wasser über die Knie reicht. Dabei gibt es hier gar keine Ebbe und vermutlich auch keine Flut. Immer wenn ich den See seh, brauche ich kein Meer mehr. So ein Humbug. Keine Sentimentalitäten jetzt! Es gibt gleich um die Ecke eine Pizzeria mit riesigen Pizzen, einen leckeren Hauswein und märchenhaften Sonnenuntergang. Ein fabelhafter Sonnenuntergang kostet keinen Eintritt. Das Leben ist schön. Zwei Damen in islamischen Badeanzügen kommen aus dem Sonnenuntergang, steigen ins Auto und entschwinden davon. Die Pizzeria wird vier Tage lang meine Stammkneipe und ich fantasiere mit Jan über nasse Autositze. Es ist Sommer und was für einer. Jan und ich trinken noch einen halben Liter vom heimischen Wein. Morgen habe ich ganz viel Meer - vor. 

Vorher werde ich noch tief schlafen, ausgiebig frühstücken und von einem Ende zum anderen Ende des poppigen Städtchens ziehen. Bon Chemin lieber Jan, komm gut an. Les Arums de Sanguinet, wird von einer resoluten Ana navigiert. Die Pension hat alle Bequemlichkeiten die ich brauche. Das Meer muss immer noch Geduld üben, weil ich das erste Mal in meinem Leben mit einer Mexikanerin Kaffee trinke und anschließend meine ganze Dreckwäsche in die Waschmaschine werfe. Eine volle Wäscheleine später! Liebes Meer jetzt komme ich, versprochen. Und, wie versprochen, bin ich kurz nach Mittag in Biscarrosse Plage und bin ich an der Silberküste, bin ich an der Dream Beach, bin ich am Atlantik. Bin ich - ich bin. Ist das schön! Weil! Das Meer ist auch zufällig da. Wenn dann auch noch die Wellen am rechten Fleck sind, lässt sich das sofort gut an. Die Wellen fühlen sich unfassbar gut an. Und erfrischend kühl. Ich liebe Wellen! Fürs Erwachsenwerden ist es eh zu spät, ach ja, aus dem Alter bin ich schon lange raus. Lieber hüpfe ich in die nächste Welle. Ich hüpfe in ganz viele nächste Wellen. Stunden später, horche ich in die Brandung, horche in den Wind, liebes Meer willst du mir noch etwas sagen? Ich spüre wie es sagt, komm bitte morgen wieder. Ich komme wieder! Versprochen, Indianerehrenwort! Ich brauche manchmal mehr Meer. Übrigens - am Meer sitzen ist eine meiner Lieblingbeschäftigungen. So ist es. Badetag. Zurück am Grand Lac plansche ich im Wasser, bis die Sonne vor meinen Füßen untertaucht. Auf meiner Pizza sind scharfe Chorizawürstchen, die mit den Peperoni um die Wette brennen. Später, als es schon dunkel ist, wird In der Pension enthusiastisch für das Jazzfestival geprobt, Ana singt, swingt und Maurice spielt das Pianoforte. Huch, die können es. 

Der nächste Tag ist dem größten Sandhaufen gewidmet, der hier rumliegt. Ich habe schon lange nicht mehr im Sand gespielt, drum radle ich mal hin. Über hundert Meter ist die Wanderdüne hoch und ich klettere natürlich drüber, um mich ins Meer zu stürzen. Das mache ich sogar zweimal. Beim zweiten Mal wird es viel eindrucksvoller. Da bin ich abseits der Touristen, da bin ich da, wo man nur mit dem Rad hinkommt. Da bin ich alleine mit dem kunstvollen größenwahnsinnigen Atlantikwall. Abends sitze ich nach Pizza und Sonnenuntergang noch lange mit meinen eidgenössischen Zimmernachbarn zusammen. Die Zürcher rezitieren in Schwyzerdütsch und lachen so laut, wie Schwyzer um Mitternacht nicht lachen sollten. Prompt gibt’s Schimpfe von anderen Gästen. Die Schweiz ist nicht alles.

Der nächste Morgen! Ana singt nicht nur Swing, sie siedet auch verrückte Marmeladen, Mirabelle mit Ingwer, Apfel mit Chili, Schwarze Johanna mit Tequila und bäckt Zucchinikuchen fürs Frühstück. Frühstück ist wichtig. 

Der Jakobsweg der durch Sanguinet pilgert, wird Voie de Soulac oder Jakobsweg der Engländer genannt. Der Weg beginnt in Soulac-sur-Mer und pilgert in Spanien in den Küstenweg über. Interessant befinde ich das, neugierig macht mich das und es entwickelt sich ein Abstraktum, dass ich vorerst in die Defizitkammer verschieben muss. In meiner linken Gehirnhälfte, habe ich so ein Kämmerlein, wo ich alle unerledigten Wünsche, Pläne u.s.w. ablege. Zuhause habe ich noch eine Todoliste am Kühlschrank hängen. So Gott will, könnte ich ja, nach zwei Wegen die ich erstmal beenden würde, müsste, einen dritten von Paris oder von London oder vom Nordkap beginnen. Ich habe virtuelle Freunde in einem undogmatischen Forum, die sammeln Jakobswege, wie ich früher in der Arbeitsgemeinschaft Junger Philatelisten Briefmarken sammelte. Wo habe ich eigentlich die Alben hin? Werden die ungemachten Absichten in meiner Defizitkammer langsam größenwahnsinnig? Sind das erlaubte Fragen? Wenn ich keine Ziele habe, kann ich auch keine erreichen. Punkt! Die Alben mit den Briefmarken, liegen im alten Vertigo gleich neben der Konsumwertmarkensammlung. Nur so am Rande, für meine Gedächtnistafel.  Zur Stunde werde ich den Weg der Engländer ein kleines Stück mal zur Probe bepilgern. So geschieht es. Mein Pilgerwegpraktikum bringt mich zum zweiten großen See, nach Biscarrosse und zum dritten großen See, nach Sainte-Eulalie-en-Born. Was für ein schöner Name, den werde ich ab sofort bei Einschlafstörung, rückwärts buchstabieren. In Mimizan beende ich das Praktikum und bin begeistert. So ein gut bemuschelter Weg durch endlose Pinienwälder und wo ich so viele Möglichkeiten zum Baden nutzten darf. Ein Radweg an der Küste bringt mich zurück zur Pizzeria, zum magischen Sonnenuntergang. So ein schöner heißer Sommer. 

So ein schöner heißer Sommer. Ab heute geht es ganz langsam rückwärts bewegend in Richtung Heimat und ich freue mich schon auf die Winterdepression, in der ich diese Geschichten aufschreiben werde. Nur für mich, das Wort Depression sollte mit Doppel-P geschrieben werden, da steckt dann das Wörtchen Depp drin. Ab heute, sagt mir Ana, gilt eine Hitzewarnung. Es soll noch tropischer werden. So ein richtig heißer Sommer. In Sanguinet eröffnet das Jazzfestival und ich radle davon. Ana schenkt mir zum Abschied Marmelade, Aprikose mit Zitronengras und einen Hauch Lavendel. Wo will ich denn hin? Ach ja, ganz genau, nach Bordeaux. Siebzig Kilometer durch die Glut, auf geht’s! Nach drei Kilometern auf einem schmalen Streifen neben einer flimmernden Stoßstangeanstoßstangenstraße, wäre die Hölle radeln eine fast angenehme Alternative. Ich drehe um, und suche den Radweg nach Arcachon. Das ist zwar ein Umweg, aber das mondäne Strandbad hat einen Bahnhof, wo auch Züge fahren. So muss ich nur die Hälfte radeln und muss die andere Hälfte faul am Meer liegen. Ich sag es immer wieder, B-Pläne fetzen. So ein verdammt heißer Sommer.

Bordeaux ist ein heißes Pflaster. Es ist drei Uhr am Nachmittag und mir wird schon ganz wuschig hinter der Stirn. VIERUNDVIERZIG Grad! Im Eklo teile ich mir das Sechsbettzimmer mit einen Polen, der die Klimaanlage schon erfolgreich auf vierundzwanzig Grad getrimmt hat. Er geht nicht mehr raus – heute – sagt er. Er kommt gerade aus Agadir und da wäre es temperaturmäßig erstaunlich human. Agadir liegt in Afrika, denke ich - oder der Pole spinnt. Das Gegenteil von human ist glaube barbarisch. Ich geh mir die Stadt angucken und versuche so viel wie möglich Bordeaux in den barbarischen Tag zu packen. Das Eklo liegt in der Nähe der berühmten Pont de Pierre, die über die schlammig-braune Garonne führt. Was ganz praktisch ist, weil auf der anderen Seite, hinter der Porte de Bourgogne, gleich die Altstadt ist. Nur vorher ist da ein Platz, der mit kaltem Wasser übergossen wird. Irre. Hunderte toben fröhlich darin rum, ich natürlich auch. Mit klitschnassem Popo stolziere ich weiter und irgendwann gewöhne ich mich an die Hitze. Bordeaux ist so eine fabelhafte Stadt, ich fühl mich sofort pudelwohl, ich guck mir so viel an. Saint-Croix mit klingender Orgel, den La Grosse Cloche, die Rue Saint-Catherine - die längste Fußgängerzone Europas, den Marché des Quais – dreihundert Käsesorten sind nichts, den Port de la Lune und ganz, ganz viel mehr. Im verrückten Stadtviertel Saint-Pierre spielt eine zwanzigköpfige Sambakapelle tollen Samba. Bei Hausmann verkoste ich zwei, drei Schlücke und kaufe zwei Flaschen Bordeaux. Es sind die günstigsten. Dreistellig, vierstellig für eine Flasche Wein, ist mir doch etwas zu dekadent. Die Weinläden, einfach toll, irre anzusehen. An jeder Ecke ist was los. Der Pole verpasst was. In der Poissonnerie Laura schlürfe ich zwei Austern, übrigens zum dritte Mal in meinem Leben. Wie am istrischen Limski Fjord und im Kaufhaus des Westens, sind sie nicht mein Ding. Alle guten Dinge sind halt drei und vielleicht schmecken sie beim vierten Mal. Die Krone der Dekadenz ist übrigens, wenn man seine goldenen Wasserhähne versilbern lässt. Das hat der Peter Carl in Sankt Petersburg mit seinen Eiern auch gemacht, aber das ist eine völlig andere Geschichte. Ich schweife mal wieder ab. Da treibe ich es lieber etwas in der unteren Preisklasse, sitze beim Italiener und bestelle Pizza Quattro Stagioni und eins, zwei, drei Bier. La Burdigala Craft Beer – das heißt wirklich so. Und Samba gibt es völlig kostenlos dazu. Erschöpft aber voller Eindrücke, es ist fast Mitternacht, tigere ich ins Eklo. Dort erwartet mich mein polnischer Mitschläfer und fragt mich, ob ich mit Zahnpasta aushelfen könnte. Gerne. Huch ist es hier kalt. Gute Nacht Bordeaux.

Guten Morgen Bordeaux! Den Morgen kriege ich auch rum. Saint-Michel ist das Kreuzberg der Stadt, dementsprechend geht es zur Sache. Mitten im Trubel, Street Art, Demonstration, Flohmarkt, finde ich Ruhe, finde ich eine Station des Jakobsweges, die Basilika Saint-Michel. Für Pilger ist der Eintritt zum Turm frei und für den japanischen Studenten vor mir ermäßigt. Was für ein Blick? Nach dreihundert Stufen sind die Beine erschlafft, ich bin echt geschafft. Kaffee, Wasser, Bahnhof. Nach Bordeaux komme ich bestimmt mal wieder und Züge fahren in Frankreich pünktlich. Jedenfalls, wenn die Lokführer nicht streiken. Das Thermometer am Bahnhof zeigt mir fröhliche fünfundvierzig Grade an.   

Im TGV checke ich, dass mein undogmatischer Pilgerfreund Sven in Tonnere auf der Suche nach dem heiligen Gral ist und lospilgern will. Er vermeldet fast vierzig Grad im schönen Burgund. Der TGV ist wohltemperiert, rattert in Richtung Loire, vorbei an flotten Impressionen von Weinbergen, lieblichen Flusstälern, prunkvollen Schlössern und ich muss mal wieder einige Wägbarkeiten erwägen. Der springende Punkt sind die sechs Tage Urlaub, die ich noch habe. Im fernen Sachsen liegt mein Vater im Krankenhaus und meine Mutter bekniet mich förmlich, ich solle meinen Urlaub fortsetzen. Es wäre alles nicht so schlimm, dem Vater gehe es gut. Eine gute Freundin in Bayern bekniet mich, ich solle auf der Rückfahrt, Bayern besuchen. Ich entscheide mich für die beste Idee die ich haben kann, ich mache Urlaub in Burgund und werde mit meinem Pilgerfreund Sven den Rotwein trinken, über den wir schon Jahre philosophieren.   


In Tours besteige ich den nächsten TGV und befehle dem Lokführer ins schöne Burgund zu fahren.

Gute Idee.      

Wem die Schreiberei gefällt, der darf mir gerne ein Feedback geben.

Kritik an Grammatik, Orthographie und allen anderen Unzulänglichkeiten ist ausdrücklich erwünscht.

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Kommentare: 1
  • #1

    Der Undogmatische Sven �� (Dienstag, 24 März 2020 21:17)

    Ganz grosse Klasse, Ulli! Ich denke sehr gerne daran zurück....