Mit dem Herzen auf der Via Lemovicensis Périgueux - Saint-Astier - Douzillac


Wie bin ich überhaupt hierhergekommen? Radfahren oder Telekinetische Fähigkeiten? Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich sitze gerade beim Frühstück am großen Markt in Périgueux und schaue dem Treiben zu. Hier bekomme ich noch ganz viel mehr Käse zu sehen, als in Thiviers und zur Abwechslung gibt es auch schon reichlich Sonne. Das Thermometer über der Apotheke zeigt schon winzige vierzig Grade an. Morgens Halb Zehn in Frankreich. 

Na gut, der Hitzemesser hängt in der prallen Sonne. Aha, danke, das wird mich noch interessieren. Ich bin, beim Käse und Kaffee, gerade in einer kniffeligen Phase, was meinen Weg betrifft. Mein ursprünglicher Plan, ist noch machbar, wenn, ja wenn, das Wörtchen, wenn, nicht wäre. Erstens müsste in Port-Saint-Foy-et-Ponchapt oder in Bergerac endlich mal jemand ans Telefon gehen. Außer den französisch referierenden Anrufbeantwortern oder kurzatmiges Tütütütüt ist nichts Relevantes zu hören. Zweitens müsste ich drei Tage lang immer um die einhundert Kilometer fahren. Dazu habe ich absolut kein Verlangen. Mein grober anfänglicher Plan sollte in etwa so gehen: Ich würde über Bergerac nach Bazas pilgern und von dort aus würde ich zu den Grand Lacs am Atlantik radeln und meine Pilgertour mit Seelenbaumelei für dieses Jahr beenden. Ich hänge meiner Planung irgendwie einen Tag hinterher, hab wahrscheinlich zu sehr gebummelt. Ich bin halt eine Bummelliese, ein Bummellieserich. Was vollkommen tadellos schön war. Der Fakt ist nur, die vier Tage in Sanguinet sind gebucht und fast bezahlt. Dessen ungeachtet frage ich mich, wozu Pläne gut sind, wenn ich sie auch über den Haufen schmeißen kann. Ich schmeiße gerne mal etwas über den Haufen. Das mit den Plänen wird sowieso immer maßlos überschätzt. Jetzt ist ein kleines bisschen investigativer Journalismus gefragt und ich hole mir noch einen Espresso an der Theke. Wie gut, dass irgendwann dieser schlaue Tim Berners das Hypertext-System, genannt World Wide Web, erfunden hat. B-Pläne fetzten, denke ich mir, als ich eine halbe Stunde später noch etwas Käse kaufe und nachfolgend mit meinem Fahrrad in kongenialer Weise verschmelze. Der Weg ist heute richtig gut gelaunt und verblüfft mich immer wieder. Am Ufer der Isle gibt es geballte Renaissance aufs Auge und die bejahrte Abtei Chancelade gefällt mir auch sehr gut. Sodann geht es sehr eben am Fluss entlang und ich treffe einen belgischen Pilger, der in Périgueux in derselben Herberge übernachtete und den ich gar nicht mitbekommen hatte. Er hätte uns in der Küche schwatzen gehört. Ich ihn nicht. Egal. Schön ist das kleine Café in Les Andrivaux im alten Gemäuer mit großem schwarzen Kater. Der Belgier erzählt beim Kaffee Americano aus einer wirklich romantischen Vergangenheit. Er ist vor zehn Jahren von Antwerpen nach Santiago gepilgert und hat dabei die Liebe seines Lebens kennengelernt. Ein halbes Jahr später wurde geheiratet und er ist zu Ihr nach Bordeaux gezogen. Er ist jetzt der glücklichste Mensch der Welt. Jedes Jahr pilgert er eine Woche, dieses Jahr von Périgueux, solange und soweit ihn die Füße in einer Woche tragen. Bon Chemin. 

Saint Astier ist ein hübsches Städtchen, mit Kirche und Fußbad im Fluss. Der Name der Stadt geht auf einen als heilig verehrten Einsiedler mit Namen Asterius zurück. War Asterius nicht der Freund von dem, der als Kind in den Topf mit dem Zaubertrank gefallen ist und gegenwärtig mit gebrauchten Hinkelsteinen handelt? Höchstwahrscheinlich bringe ich da etwas durcheinander. Errare humanum est! Wenn ich schon bei Asterix und der Tour de France bin. Bis jetzt wallfahre ich gemütlich am Fluss Isle, irgendwelchen Kanälen, an windschiefen Mauern und ausgebrannten Rostlauben entlang. Doch nun offenbart sich, das Frankreich auch in dieser herrlichen Gegend ganz erstaunliche Hügel hat. Radfahren fast wie daheim. Ich liebe Vergleiche, auch wenn die Metapher hinkt. Eins ist aber in aller Hügelei gleich, früher oder später bin ich oben. Meistens! Meistens später! Fast immer kollidiere ich auf Wegen nach oben mit mir selbst. Psyche ist halt ein weitläufiges Feld. Glücklicher Belgier, nein gar nicht schlimm, Gallier die die Römer boxen. Ich hör den Obelix: Römer können warten, Wildschweine nicht. Seit zehn Jahren bin ich Single und habe alle zwei Jahre eine Freundin für zwei Wochen und es geht mir so gut wie nie. Nur im Einzelspiel, darf ich den Berg beziehungsunfähig hochschwitzen oder die Rechte kommt noch. Hallo Doktor Wald, kannst du mein Ego verkleinern? Ihr sinnlosen Gedanken, macht ihr euch nur über mich lustig und schon bin ich oben und könnte mich selbst umärmeln. Manchmal bin ich hoffnungslos obenauf. Die Anhöhe vervollkommnet ein uralter Herrensitz mit dem schönen Namen Chateau de Puy-Ferrat, mit privater Pilgerherberge, einer Tasse Kaffee und einer kecken Hausherrin. Ein ausgesprochen schöner Ort. Wir wissen beide nicht, die Dame des Hauses und ich, dass der Esel in der englischen Sprache the donkey heißt, also werde ich pantomimisch aufgeklärt, dass vor kurzem ein Pilger mit Esel hier unterwegs war. Da ich manchmal sehr begriffsstutzig bin, wird die Aufführung etwas nachdrücklicher. Da bekomme ich jetzt beim Hinschreiben noch einen Lachkrampf. Dummerweise, ist die kesse Grautierpantomimin am Morgen nicht an den Telefonapparat gegangen und ich werde nicht länger bleiben. So bleibt der guten Frau der mögliche Heiratsantrag und das undenkbare Schicksal mit mir erspart und ich habe noch ein Stückchen vom weiten Weg. Das ist von jetzt auf gleich ein Grund zur Freude. Die urig-schöne Landschaft stellt hin und wieder manches in Frage, was ich über Landschaft weiß. Der Farn zum Beispiel wächst in den Himmel. Hundertprozentig leben hier, dem Lazarus-Effekt gedankt, so ausgestorbene Tiere wie Mamut, Quagga, Maushirsch oder das Einhorn. Bald ist es so heiß, da unterlasse ich lieber das phlegmatische In-der-Gegend-Herumdenken. Mein unqualifiziertes Naturverständnis überlasse ich den Kühen, die im Schatten stehen. Die haben eh viel größere Köpfe.

Aus telefontechnischen Gründen lande ich bei der belgischen Familie Leeman im beschaulichen Douzillac. Die Antwerpener Antiquitätenhändlerrentner wollten einst, eigentlich nur einen alten Schrank kaufen. Aber dann, haben sie kurzentschlossen, das antiquare Haus um den Bauernschrank herum, gleich mitgekauft. Die private Pilgerherberge ist die schierste Altertümersammlung. Saugemütlich und lauschig. Meine heutigen Herbergseltern freuen sich so über meinen Besuch, dass sie mich mit Rotwein, Obst und Käse empfangen. Am Nachmittag versuche ich mich in allen Feinheiten des Nichtstuns, was nur bedingt gelingt. Nach einer Stunde Müßiggang, lechzte ich förmlich nach Betätigung und schaue mir bei der Gelegenheit das Dörfchen an. Wie ausgestorben ist es, nur ein greiserer Herr pflückt in einem Garten kleine gelbe Pflaumen. Der aufmerksame Mirabellenpflücker, bemerkt meine mühsam verborgene Mirabellenunterversorgung und schenkt mir eine Tüte frischgepflückte Mirabellen. Saulecker, allein für frischgepflückte Mirabellen, würde ich fast alles machen. Fast! Schon dafür lohnt die Mühsal der überschaubaren Dorfbesichtigung. Nicht nur alles, auch die Kirche hat zu. Im Laufe des Abends kommen noch weitere Gäste ins altehrwürdige Gemäuer, eine urlaubende belgische Familie mit lebhaften Kindern und zwei junge Algerier, die in der Nähe zu tun haben. Bald wird ausgiebig getafelt, gefuttert, geschmaust, getrunken. Dordongnische Sülze und kaltes Eisbein. Melone, Käse und viel roter Wein. Ein vierjähriger belgischer Dreikäsehoch erzählt mir ausgiebige belgische Geschichten in französischer Sprache und ich gebe ausführlich die passenden deutschen Antworten. Ich glaube wir verstehen uns. Es ist mein letzter Abend auf der Via Lemovicensis. 

Morgen fahre ich ans Meer. Plan B! Soviel dazu.                            

Wie immer werde ich mich über Kommentare freuen.


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