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Hans im Glück wäre stolz auf mich!


DIE WAHRHEIT BRAUCHT NICHT VIELE WORTE (DONALD TRUMP)


Du Unglücklicher! Ja du, du unvermeidlicher Leser, ja du bist gemeint. Du brauchst dich nicht umdrehen, hinter dir ist niemand. Warum nimmst du auch dieses Buch in die Hand und schlägst es zu deinem Unglück auch noch auf. Warum machst du so etwas? Es könnte doch alles so einfach sein! Du hast dieses Buch gekauft, ich bekomme etwas Geld dafür. Wir könnten uns darauf einigen - damit glücklich zu sein. Also, ich bitte dich, schichte das Buch ins Bücherregal, ganz nach hinten, zu dem dicken Tutor über bedauernswerte Usambaraveilchen. Kleine Buchstaben und dicke Bücher liegen da überall herum, da bin ich mir sicher. Ich bin da absolut kein Erbsenzähler, aber ich kenne mich in der Leserschaft aus. Dem Anschein nach besteht deine überschaubare Bibliothek aus einigen Bänden Weltliteratur übers Heimwerken und das Gartengrünen, angereichert mit einem halben Dutzend Groschenromanen. Falls ich mich täusche, gibt es andere Orte, die das Buch nützlich machen. Möglicherweise wackelt dein Küchentisch und das Buch eignet sich als Antiwackelunterlage. Mach was du willst, nur lese nicht weiter. Das wäre vergeudete Energie. Nimm das Buch und reihe es zu dem, was da sonst noch so verstaubt. Glaube mir, es wird das Beste für uns sein. Du wirst meine Geschichte sowieso nicht glauben. Aber die Wahrheit ist das einzig Wahre. Daran gibt es nichts zu rütteln. Diesen Nektar, diese Wahrheit wirst du nicht vertragen. Keiner kann das!

 

Zugegeben, mein Betreuer rümpft auch jedes Mal die Nase, wenn ich aus meinem verhexten Leben plausche.                                                    „Du weißt,“ pflegte Karl dann zu sagen, „Ich tue es wirklich nicht gerne!“ Karl feixt und grinst dann sein überlegenes Lächeln. Während er mir die Spritze gibt. In dieser Sekunde kann ich seine Seele durch seinen offenen Mund fixieren. Am Ende seiner Rachenhöhle tanzt ein bläulich rotes gelbes, ein überdies farbenfrohes eitriges Zäpfchen. Es hopst um sein Leben. Das Zäpfchen reflektiert seine vereiterte Seele. Ich sage dir: Mein Betreuer besitzt keine immune Seele. Er hat die erkrankte Seele, die Menschen innehaben, die mit pharmazeutischen Hilfsmitteln den großen Heiland spielen. Sein Zäpfchen verrät es. Der ironische Satz: „Ich tue es wirklich nicht gerne!“ Diese unverschämte Aussage ist schlicht erlogen. Karl tut es mit Inbrunst. Karl tut es gerne. Sehr gerne. Verdammt gerne.

Eines muss ich aber dem Karl zu Gute halten, wenn der Kerl etwas beherrscht, dann professionelles Einspritzen. Er setzt die Kanüle an, trifft mit ungeheurer Selbstsicherheit die ausgesuchte Vene. Im selben Moment findet die Injektion ihren trainierten Pfad durch meine Blutbahnen. Der Stich tut gar nicht mehr weh. Fürsorgliche Benzodiazepine flanieren sekundenschnell in Richtung Kleinhirn. Lauwarm prickelnd, finden sie ihren Weg. Sofort erlebe ich mich angenehm matt. Charakteristisch für die Metaboliten ist, dass ihre Wirkung sehr schnell eintritt. Sehr schnell. Nach gefühlten fünf Millisekunden, wahrscheinlich sind es viel weniger, drei Nanosekunden, niste ich auf meinem weißlichen Bett im milchigen Raum. Ich muss mich ablenken, so tun, als wären die medikamentösen Glücksbringer nicht wichtig, ihnen die Beachtung verwehren und mich auf das Wesentliche konzentrieren. Mein Betreuer Karl ist verschwunden, fort in sein verworrenes Leben. Er weilt ekdemisch, beglückt seine bescheidenen Erdentage, die hinter der schweren Tür, mit dem Guckloch lauern. Mein Pfleger Karl ist jetzt in dieser Welt da draußen, die voller Gaunerei, Lügen und Niedertracht ist. Eine Welt in der die Vögel von der menschlichen Schuldigkeit zwitschern, die todgeweihte Natur hunderttausend Verheißungen nicht erfüllt. Es wäre mehr als absurd, bekäme ich meinen Glauben an die Menschen ein wenig zurück. Die Menschen werden es nie kapieren, dass nur ich sie retten kann. Ihr müsstet mich nur machen lassen. Leser wirf das Buch weg! Du willst gar nicht wissen wie sich Menschen wie du, sich selbst im Weg stehen. Was willst du nun tun? Weiterlesen? Du Armer!

 

Ich muss die Füße hochlegen. Die Fähigkeit zur exakten Steuerung meiner Gliedmaßen lässt rapide nach. Die humane Temperatur meiner Blutzirkulation fällt. Sie bewegt sich nun minimal über dem Gefrierpunkt. In kurzen Worten: „Ich bin glücklich.“

In diesem Drehpunkt zwischen Betäubung und relativer Indolenz, scheint es mir angebracht, einige Worte zu meiner Sache anzubringen.

Wie einladend! Karl ist weg, die enge Zelle weitete sich. Das weiße Grau der Wände wird bunt bemalt. Wandelndes Graffiti. Körperlose Dinge aus meinen Leben schwirrten durch den Raum. Vergessene Gedanken bereicherten die kahlen Wände. Die Zelle wird immer bunter. Jeder noch so kleine Zentimeter meiner engen Zelle wird zu Projektionsfläche meiner Fantasien. Gedankenflüge schwirren durch den Raum. Mit einem Augenblick sind sie scharf wahrnehmbar und in der nächsten Sekunde verschwunden. Stimmt! Meinen Gedankenreichtum vermochten die Benzodiazepine aber ganz und gar nichts anhaben. Fast ist es so, als wurden sie noch beflügelt.

Genau in diesem Moment beschloss ich, die Gedanken aufzuschreiben. Endlich, es wurde aber auch Zeit. Nun sah ich mich als grübelnder, in einer Klapsmühle, residierender Schriftsteller. Ja, so schnell ging das! Wenn ich ein Buch schreibe, muss ich nur die richtigen Buchstaben abpassen, die in der Rückkopplungsschleife umherirren. Profane Sachverhalte brauchen …

 

Das gibt es doch nicht! Ein Leser ist noch da! Bist du vielleicht ein Ausländer und verstehst die deutsche Sprache gar nicht, liest einfach ohne ein Wort zu verstehen. Welcher Jahrgang bist du eigentlich? Entweder zu alt oder zu jung. Was du betreibst du nur für einen Unfug in deinem Alter? Willst du Abonnent meiner Gedanken werden? Bitte, tue es nicht. Bücherlesen, ist doch brotlose Kunst! Du sollst es als zeitraubende Nutzlosigkeit abtun.

In deinem Garten muss der Zaun gestrichen werden, das Gras wächst schon himmelhoch und will gesenst werden, oder gesichelt. Die Bratwurst ist lange nicht gebrutzelt worden. Oder, oder! Dein kränkelndes Usambaraveilchen muss gestreichelt werden. Bevor du Brötchen magst, musst du sputen, denn der Bäckerladen macht gleich zu. Du siehst es, es gibt sinnvollere Sachen zu erledigen, als … Wenn du weiterliest, wirst du nur misstrauen, mächtig argwöhnen, verzweifelt zweifeln und deinem Wissen nicht trauen. Willst du deine Geschichtslehrer, deine Mentoren, deine Eltern als Lügner bezeichnen? Willst du das wirklich? Magst du alle deine Freunde und Bekannte als Komödianten abtuen. Überdenke es noch mal, deine Bildung wird nicht gut dabei wegkommen. Deine zukünftige Zeit ist dein einziges Vermögen, gib deinen Reichtum nicht leichtsinnig aus, nur um hier die Buchstaben zu zählen. Noch hast du die Möglichkeit …  Du solltest lieber Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen lesen, der hat schließlich auch ein Buch geschrieben.  

 

So ein Laptop ist doch eine praktische Angelegenheit. Fasziniert beschaue ich die digitale Sanduhr, die ihre Körner verschüttet, bis die Betriebssysteme ihre Betriebstemperatur erreichen. Falls du jetzt fragst, wo in aller kleinen Welt, ich in meiner engen Zelle, plötzlich einen Laptop hernehme? Was weiß ich! Warum ich einen Laptop habe? Was weiß ich schon. So ein Ding darf ich haben, Computer ja – Internet nein. Es sind mitunter absurde Verhältnisse hier. Egal, ich habe einen und kann halbwegs damit umgehen. So kommt die Nachwelt eventuell zu meiner Geschichte und muss erfahren, wie es tatsächlich war. Aber? Wo anfangen? Ich erzähle die Geschichte am besten von Anfang an und schere mich nicht um solche Kleinigkeiten, wie Orthografie oder Grammatik.

Die Weltgeschichte würde ohne mich höchstwahrscheinlich nie ausgekommen, anders verlaufen, !

Mein Name steht hier nicht zur Sache, ich bin jetzt vom Alter her schon fast uralt. Tatsächlich habe ich einen Namen und der kommt allgemein aus dem germanischen und bedeutet: Berühmter Denker. Jetzt lässt sich mein innerer Schlaumeier sehen. Neunmalkluger Wichtigtuer, rufe ich mir so laut zu, dass ich fast vor Schreck zusammenfahre. Berühmter Denker? Praktisch bin ich beides nicht. Weder berühmt noch kann ich besonders gut denken. Von Natur aus bin ich eher belanglos und etwas langweilig. So belanglos und langweilig, dass die ermüdende Welt da draußen, hinter dicken Gittern verwahrt werden muss. Die Welt ist ein Blendwerk, eine Utopie. Verrücktheit ist immer eine Angelegenheit der Perspektive. Die da draußen sagen, ich wäre verrückt und gefährlich. Wieder bin ich beides nicht. Umgestülpt wird ein Schuh draus. Außerdem, bin ich noch nie einer Fliege zu Leibe gerückt. Ich glaube, man sagt es so. Wenn mich in der Nacht eine Mücke ärgert, dann nehme ich sie vorsichtig an der Hand und geleite sie zum Fenster. Töten tue ich nicht! Damit preise ich laut, dass ich kein Mörder bin! Denn töten ist ja morden. Menschen morde ich übrigens auch nicht, bis auf die ganz kleinen Ausnahmen. Es sind wirklich nur ganz wenige. Du lieber Gott, ich schweife mal wieder ab.

Die Fiktionen sind schon viel weiter als meine Finger tippen können. Schlimmer, ich habe ja noch nicht einmal eine einzige Zeile geschrieben. Die Einleitung habe ich noch gar nicht hinbekommen, weil mir die Buchstaben bislang zu unattraktiv sind. Außerdem beschäftige ich mich momentan eh mit anderen unwesentlichen kleinlichen Angelegenheiten. Schließlich! Wenn man eine Geschichte schreiben will, so sollte man schon wissen, wo man beginnen sollte. So sinniere ich lange Zeit, ohne ein einziges Wort zu schreiben, vor mir her. Gott sprach: „Es werde Licht!“

Die Benzodiazepine haben längst die letzte erreichbare Gehirnwindung erreicht. Nur in einer engen Zelle ist man wirklich frei. Schemenhafte Kokospalmen zieren die Wände. Sie winden sich im Wind. Ein Alligator liegt faul auf dem Weg, bevor die tropische Wut losbricht.

“Es werde Licht!“ und ich sehe, dass das Licht für meine Lebensfibel fürwahr nicht gut genug ist. Es ist der völlig falsche Ausgangspunkt, ich sollte von meiner Geburt schreiben und nicht von meinem Urgroßvater, der in Kuba dem amerikanischen Präsidenten das Leben verlängerte. Das ist eine radikal andere Geschichte. So ist das mit den Hirngespinsten, die machen was sie wollen. „Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels“ Du lieber Gott! Glaube mir lieber Leser, es wird nicht einfach werden, willst du meinen Fantasien folgen. Jetzt musst du tapfer sein! Bislang gleicht mein Getipptes in den Laptop, eher einem schlaffördernden Schleiertanz, ist es langatmige Einschlaflektüre. Dabei suche ich nur nach einem geeigneten Anfang. Wie, wann und wo ging die Vergangenheit, eigentlich los? Wahrscheinlich am ersten Tag, mit dem Urknall, mit der Sintflut, mit der Vertreibung aus dem Paradies.      

Daher brüte ich über meine Geburt nach und finde keine schlaue Reflexion dazu. Fast eine Stunde verbringe ich so, in überflüssiger Trance. Es ist schlicht zum Verzweifeln, aber ich kann meine Geburt überhaupt nicht ins Gedächtnis rufen. Wahrscheinlich war ich gar nicht dabei. Und Gott sprach: „Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen …!“ Krokodil und Palmen verschwinden hinterm Welsbach, der schon Jahrhunderte lang nicht dem kleinsten Wels ein Refugium gegeben hat. Eine empfindungsvolle Sonne bescheint das kleine Idyll unter der Salixweide, in dem ich Dreijähriger versuche, mit der bloßen Hand, Stichlinge zu fangen. Es ist Sommer und morgen muss ich zum ersten Mal in den Kindergarten. Die Vertreibung aus dem Paradies. Das ist es! Angenommen, du wackerer Leser, ja, wenn du, einen verzuckerten Anfang von einer Geschichte begehrst, bei dem die Größe meiner Schlauheit den Sieg davonträgt, dann ist der erste Tag im Kindergarten, ein passender Beginn. So schlimm, die ganze Sache auch war. Von all diesem Zinnober schreibe ich aber erst im nächsten Kapitel. Hab Geduld mit mir, mein literarisches Debüt will Weile haben. Maria Magdalena kommt mit dem Abendmahl.    


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