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1.

Erstes Kapitel

DIE WAHRHEIT MACHT NICHT VIELE WORTE (DONALD TRUMP)

So war es! So ist es!

 

Du wirst die Geschichte sowieso nicht glauben. Ja du, du unvermeidlicher Leser, du bist gemeint. Warum nimmst du auch so ein Buch in die Hand und schlägst es zu deinem Unglück auch noch auf. Du hast dieses Buch gekauft, ich bekomme etwas Geld und wir könnten damit glücklich sein. Also, ich bitte dich, leg das Buch ins Bücherregal, ganz nach hinten, zu dem dicken Tutor für glückliche Usambaraveilchen, oder zu dem, was da noch so verstaubt. Glaube mir, es wird das Beste für uns sein.

 

Zugegeben, mein Betreuer rümpfte auch jedes Mal die Nase, wenn ich aus meinem verwunschenen Leben erzählte.     „Du weißt,“ pflegte Karl dann zu sagen, „Ich tue es wirklich nicht gerne!“ Karl lächelte sein überlegenes Lächeln. Während er mir die Spritze gab, konnte ich seine Seele durch seinen offenen Mund fixieren. Am Ende seiner Rachenhöhle tanzte ein bläulich rotes gelbes, ein überdies farbenfrohes Zäpfchen. Es tanzte um sein Leben. Das Zäpfchen reflektierte seine vereiterte Seele. Mein Betreuer hatte keine immune Seele. Der Satz: „Ich tue es wirklich nicht gerne!“, dieser Satz ist erlogen. Karl tut es mit Inbrunst und er tut es sehr gerne.

Eins muss ich aber sagen, wenn Karl etwas beherrschte, dann professionelles Einspritzen. Er setzte die Kanüle an, traf mit ungeheurer Selbstsicherheit die ausgesuchte Vene. Im selben Moment fand die Injektion ihren trainierten Pfad durch meine Blutbahnen. Der Stich tat gar nicht mehr weh. Fürsorgliche Benzodiazepine flanierten sekundenschnell in Richtung Kleinhirn. Lauwarm prickelnd, finden sie ihren Weg. Sofort fühlte mich angenehm matt. Charakteristisch für die Metaboliten ist, dass ihre Wirkung sehr schnell eintritt. Sehr schnell. Nach gefühlten fünf Millisekunden, wahrscheinlich sind es viel weniger, nistete ich auf meinem weißlichen Bett im milchigen Raum. Mein Betreuer Karl war verschwunden, in sein verworrenes Leben. Er lebte fort, beglückt seine bescheidenen Erdentage, die hinter der schweren Tür mit dem Guckloch lauern. Mein Pfleger Karl ist jetzt in einer Welt da draußen, die voller Gemeinheit, Lügen und Niedertracht ist.

Werter Leser bist du noch da?

 

Ich muss die Füße hochlegen. Die Fähigkeit zur exakten Steuerung meiner Gliedmaßen lässt rapide nach. Die humane Temperatur meiner Blutzirkulation fällt. Sie bewegte sich nun minimal über dem Gefrierpunkt. In kurzen Worten: „Ich bin glücklich.“

In diesem Drehpunkt zwischen Betäubung und relativer Gleichgültigkeit, scheint es mir angebracht, einige Worte zu meiner Sache anzubringen. Wie einladend! Karl war weg, die enge Zelle weitete sich. Das weiße Grau der Wände wurde bemalt. Wandelndes Graffiti. Körperlose Dinge aus meinen Leben schwirrten durch den Raum. Vergessene Gedanken bereicherten die kahlen Wände. Die Zelle wird immer bunter. Jeder noch so kleine Zentimeter meiner engen Zelle wird zu Projektionsfläche meiner Fantasien. Gedankenflüge schwirren durch den Raum. Mit einem Augenblick sind sie scharf wahrnehmbar und in der nächsten Sekunde verschwunden. Stimmt! Meinen Gedankenreichtum vermochten die Benzodiazepine aber ganz und gar nichts anhaben. Fast ist es so, als wurden sie noch beflügelt.

Genau in diesem Moment beschloss ich, die Gedanken aufzuschreiben. Endlich, es wurde aber auch Zeit. Nun sah ich mich als grübelnder, in einer Klapsmühle, residierender Schriftsteller. Ja, so schnell ging das!

 

Mit Mühe klappte ich den Laptop auf. Ja! Den durften Bewohner in diesem Haus durchaus haben. Internet nein, Computer ja. Ich musste meine Lebensfibel schreiben! Schließlich! Am Ende wäre die Weltgeschichte ohne mich höchstwahrscheinlich nie ausgekommen! Warum ich einen Laptop habe? Was weiß ich schon? Es sind mitunter absurde Verhältnisse hier. Egal, ich habe einen und kann halbwegs damit umgehen. So kommt die Nachwelt eventuell zu meiner Geschichte und muss erfahren, wie es tatsächlich war. Aber! Wo anfangen? Ich erzähle die Geschichte am besten von Anfang an und schere mich nicht um solche Kleinigkeiten, wie Orthografie oder Grammatik.

 

Ulli ist mein Name, ich bin jetzt vom Alter her schon fast uralt. Tatsächlich heiße ich Ulrich und das kommt allgemein vom germanischen Uodal. Jetzt lässt sich mein innerer Schlaumeier sehen. Neunmalkluger Wichtigtuer, schreie ich mir so laut zu, dass ich vor Schreck zusammenfahre. Ulrich! Theoretisch heißt das wohl, mächtig und reich. Praktisch bin ich beides nicht. Von Natur aus bin ich eher belanglos und etwas langweilig. So belanglos und langweilig, dass ich hinter dicken Gittern verwahrt werden muss. Verrücktheit ist immer eine Angelegenheit der Perspektive. Außerdem, bin ich noch nie einer Fliege zu Leibe gerückt. Ich glaube, man sagt es so. Menschen übrigens auch nicht, bis auf die ganz kleinen Ausnahmen. Es sind wirklich nur ganz wenige.

Dass kannst du mir ruhig glauben, lieber Leser! Dass aber, musst du schon selber beurteilen, solltest du jemals diese Zeilen lesen. Woran ich aber nicht glaube. Woran ich berechtigt zweifle. Verzweifle.

 

 

Dazu müssten meine Zeilen auch öffentlich werden und ich habe ja noch nicht einmal eine einzige Zeile geschrieben. Außerdem beschäftige ich mich momentan eh mit anderen unwesentlichen kleinlichen Angelegenheiten. Schließlich! Wenn man eine Geschichte schreiben will, so sollte man schon wissen, wo man beginnen sollte. So sinniere ich lange Zeit, ohne ein einziges Wort zu schreiben, vor mir her. Gott sprach: „Es werde Licht!“ Die Benzodiazepine haben längst die letzte erreichbare Gehirnwindung erreicht. Nur in einer engen Zelle ist man wirklich frei. Schemenhafte Kokospalmen zieren die Wände. Sie winden sich im Wind. Ein Alligator liegt faul auf dem Weg, bevor der Sturm losbricht. 

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