· 

IV. Kubakrise

Fünf Monate früher und etwas weiter östlich steht das wohl voluminöseste Hotel der Welt. Ja und heute wurde ein wichtiger Tag.

Eine weiße Taube mit Ölzweig im Schnabel auf dem Fenstersims. Andrei Andrejewitsch glaubte seinen Augen nicht zu trauen und kniff diese zusammen. Einen Sekundenbruchteil später ist der Fenstersims leer und staubig, so wie es sich gehörte. Die Lobby im größten Hotel der Welt umfasst alleine drei Stockwerke und von der der Empore, hat man einen ausgedehnten Blick über Roten Platz. Mausoleum und Kreml. Während die allgemeine Einrichtung, reine Geschmackssache ist. Andrei Andrejewitsch hatte die Leibwächter schon vor einer Stunde nach unten geschickt und ihnen erlaubt die Bar auf Wodkatauglichkeit zu prüfen. Eine Stunde wartete er schon. Mit der flachen Hand schlug er auf den Tisch. „Kein Problem auf der Erdkugel wird ohne meine Zustimmung so einfach gelöst und schon gar nicht Dieses.“ Rief er innerlich und vollkommen lautlos dem Kreml zu und er tat es im gebrochenen Englisch. Was bildet sich dieser kubanische Revoluzzer nur ein, was bildet sich dieser bolschewistische Zar ein. Atomraketen auf einer Zuckerrohrinsel in der Karibik? Es ist Frühling, es scheint die Sonne und er könnte schon längst auf seiner Datsche sein. Seitdem er sich auf eine politische Laufbahn begeben hatte, ist er nur noch größenwahnsinnigen Geschöpfen begegnet. Und er hat sie alle gebändigt oder wenigstens überlebt. Stalin zu überleben heißt schon etwas. Jalta! Er hatte mit Churchill zwei Streichhölzer verschoben und damit die polnischen Grenzen geklärt. Drei ernste Sätze zu Roosevelt und die Kurilen wurden russisch. Das ist Außenpolitik. Und nun verhandeln Chruschtschow nebst schleimigem Schwiegersohn mit diesen Anarchisten Ernesto über zwanzig R-Fünf-Raketen. „Das wird die Welt überfordern!“ Schon wieder sprach er lautloses Englisch. Andrei Andrejewitsch stand auf und ging zum Fenster. Im Staub auf dem Fensterbrett hatte deutlich ein Vogel seine Spuren hinterlassen.

Als Ernesto Che Guevara die Lobby im Hotel Rossija betrat, blieben ihm noch vier Jahre sechs Monate und drei Tage zu leben. Ganz schön lang, wenn man bedenkt, dass er gerade im Kreml zwei Weltuntergangsdokumente unterschrieben hatte.  Die Kubakrise begann.

 

Fünf Monate später und etwas weiter westlich. Es war der erste Schultag nach den Herbstferien. Von den Angelegenheiten weiter östlich, hatte ich keinen Schimmer und ich weiß auch nicht ob das je so vorgekommen ist. Im Grunde war es auch egal. Tatsache war, dass ich die Kartoffelferien endlich überlebt hatte. Zwei Wochen musste ich, mit einer viel zu großen Purzelwanne bewaffnet, der Kombine hinterherkriechen und die liegengelassenen Kartoffeln einsammeln.  Ich sag euch, das macht keinen Spaß, nur schmerzende Rücken. Kinderarbeit sollte verboten werden! Solche Ferien ordinierte sich kein Schulkind. Kartoffeln glaube ich aber schon. Oma Hilde machte daraus Puffer. Lecker.

Die Kartoffeln schälen und auf der großen Reibe reiben, mit Salz, Pfeffer und wenig Zucker würzen. Eier und gewürfelte Zwiebeln dazugeben. Mehl hinzu und alles ordentlich miteinander verkneten. Am besten schmecken Oma Hildes Kartoffelpuffer, wenn ihr sie in zerlassenen Speck goldbraun bratet. Für das Apfelmus braucht ihr eine flotte Lotte oder macht euch ein Glas auf. Bon Appetit.  Oma sang dazu immer Schlager. „Wenn bei Capri die Flotte Lotte im Meer versinkt.“ Oder so ähnlich. Vielleicht war es auch die Rote Flotte.

Übrigens mussten wir in den Frühlingsferien auf das Kartoffelfeld und Kartoffelkäfer sammeln. Die wurden aus tieffliegenden amerikanischen Flugzeugen über unsere Felder gestreut. Aber ich schweife mal wieder ab.

 

Man mag es kaum glauben, der erste Schultag entwickelte sich wie ein eskalierender Kindergeburtstag. In unserer Klasse und weltweit. Die erste Tatsache war, dass ich eine Banknachbarin bekam. Penelope. Penelope hatte blonde Zöpfe, einen Pelikanfüller und Sommersprossen. Von Weitem konnte man sie für einen winzigen Mückenschwarm halten. Ich meine natürlich die Sommersprossen. Ansonsten war Penelope ein hübsches Mädchen mit frechen Augen. Oder war es umgedreht? Seit langen hatte ich etwas zum Anschauen, das nicht nach Fräulein Seifurt aussah.

 „Penelope“ sagte Penelope und gab mir ihre weiße Hand. „Ich bin eine spartanische Prinzessin.“

Wenn ich auch nur geahnt hätte, was in den folgenden Tagen, Monaten und Jahren geschah, hätte ich lieber das Fräulein Seifurt nach einem anderen Sitzplatz gebeten. Noch besser wäre gewesen, ich hätte auf der Stelle das Weite gesucht.

 

Der Tag hatte aber nicht nur Höhen, auch tiefe Tiefen. Die erste Tiefe sollte in der großen Pause auf mich lauerten. Wer erinnert sich nicht noch aus seiner eigenen Schulzeit an das schöne Gefühl, wenn es klingelte und man endlich in die große Pause konnte? Wie immer um diese Zeit wurden die Brotbüchsen geöffnet. Oma Hilde hatte mir einen ganzen Ring Knackwurst reingetan. Ich liebte Oma Hilde dafür. Streng legitim gesehen, hatte Gunnar in dieser Pause, das von mir genehmigte Höchstmaß an Toleranz überschritten. Mein alter Kumpel aus Kindergartentagen hatte sich unwiderruflich zum wahrlichen Arsch entwickelt. Er nahm mir meine Knackwurst einfach weg. Ich war verdammt sauer und Gunnar war gottverdammt stärker als ich.

Mitten in der nächsten Stunde gab es keinen Feueralarm, denn den kannte ich ja schon. Es gab einen Schneeflockenalarm und der war neu. Nicht der Winter begann, nein, die böse NATO hatte eine Atombombe auf unser Dorf geworfen und wir mussten uns vor grellen Lichtblitzen und atomaren Schneeflocken schützen. Das war ganz einfach, wir legten uns ganz flach unter die Schulbank und bedeckten mit unseren Hausaufgabenbuch den Kopf. So konnten wir uns ganz sicher vor der ionisierenden Gammastrahlung schützen, die sonst mühelos unsere Körper durchdrungen hätten. Selbstverständlich war das nur eine Übung und nach zehn Minuten durften wir uns wieder setzen. Wie lange wir im Ernstfall hätten liegen müssen, kann ich euch nicht sagen. Wahrscheinlich für immer. Damit das aber nicht passiert hatte unsere sowjetischen Brüder auf einer Insel Raketen stationiert, die uns vor den Raketen der bösen NATO schützen würden. Das Fräulein Seifurt glaubte wohl selber nicht so recht, an das was sie uns gerade weismachen wollte.

 

„Eigentlich wäre es so einfach.“ Penelopes frechen oder hübsche Augen blitzten. „Die Welt zu einem Paradies auf Erden zu machen.“

„Ach!?“, war mein Erstaunen und meine Frage gleichzeitig. Gott hatte das Paradies für Eva und Adam gemacht, hatte ich in der Christenlehre gehört. Ich stellte mir immer einen wunderschönen Garten vor, in dem immer die Sonne scheint. Es gibt immer leckeres Essen und man kann den ganzen Tag spielen. Weiter konnte ich mir nichts vorstellen.

„Man müsste die blöden Atombomben einfach abschaffen!“, sagte Penelope.

Ich brachte nur einen verdutzten Blick als Antwort zu Stande. Und dann könnten wir immer im Garten spielen? Ich sagte meine Frage nicht. Penelope konnte bestimmt Gedanken lesen.

 „Ja! Man müsste alle Waffen abschaffen. Ja! Stell dir mal vor, es gäbe keine Gewehre, keine Kanonen, keine Bomben, keine Panzer, keine Flugzeuge, keine Atombomben und so weiter. Nichts, womit die Menschen sich töten oder alles in Schutt und Asche legen könnten. Wenn die Kapitalisten sich mit den Kommunisten streiten, wegen irgendeiner Weltanschauung, dann müssten Kennedy und Chruschtschow mit bloßen Fäusten aufeinander losgehen. Dabei würden sie sich allenfalls eine blutige Nase holen.“

Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren und kam zu dem Befund, Penelope wäre möglicherweise nicht ganz richtig im Kopf. Die Bestätigung meiner Vermutung nahte nur einen Bruchteil einer Sekunde später.

 „Denk nur mal daran, wie viel Wissen und Einfallsreichtum verschwendet wird, sich immer größere Atombomben auszudenken?“

Wenn nun Penelope die Eva und ich der Adam wäre? Ich begann die Sommersprossen auf Penelopes Wangen zu zählen. Weit kam ich nicht!

„Weißt du eigentlich, wie viel Mark so eine Atombombe kostet?“, fragte Penelope.

Ich wusste es nicht und sagte: „Nein!“

„Für das Geld kann man ein Krankenhaus für ganz Afrika bauen!“

„Hm“, sagte ich und war mir jetzt ganz sicher. Penelope war nicht ganz richtig im Kopf.

„Dort könnte diese Malaria, Lepra, Schlafkrankheit und sonst was geheilt werden!“

Jetzt wusste ich auch endlich mal was: „Im tropischen Regenwald von Lambarene gibt es doch schon ein Krankenhaus!“ sagte ich unsicher und ich kann auch nicht sagen woher ich das plötzlich wusste.

Penelopes freche Augen verengten sich. Ihre hübschen Augen verengten sich.

„Ruhe!“ rief das Fräulein Seifurt von der Tafel her und beendigte meine erste Unterhaltung mit Penelope und das Wort Schlafkrankheit lies mich an die Kindergartenzeit zurückdenken.

 

Als der Abend aus dem Dorf schlich und die Nacht sehr kalt wurde, da holte ich meinen zauberischen Holunderstab aus dem Versteck hinter dem Osterspaziergang hervor. Ich begann über den vergangenen Tag zu philosophieren. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich glaube der Stab fühlte mit mir. Ich zögerte nur einen klitzekleinen Moment. Abrakadabra!

 

Schneegestöber. Mit einem eisigen Wind aus dem Norden, schaffte der Winter schon mitten im Herbst einen ersten Angriff. In unserem Dorf wurden zum ersten Mal die Öfen angeheizt. Gunnar musste an diesem Abend noch mal in die Scheune, weil sein Vater dort die Kneifzange liegengelassen hatte, die er gerade benötigte um einen krummen Nagel aus der Kohlenschaufel zu ziehen. Was keiner wissen konnte, der eiskalte Wind hatte so sehr am Scheunentor gewackelt, das ein Rechen vom Haken gefallen war. Jedenfalls sah ihn Gunnar erst, als er drauftrat. Jäh schlug der Stiel auf sein rechtes Auge ein. Bevor er schreien konnte, lies ihn die Wucht des Schlages einen schmerzhaften Tanz aufführen und er trat mit dem anderen Fuß noch einmal auf den Rechen. Damit war sein linkes Auge dran. Die eh schon dunkle Scheune wurde jetzt ganz dunkel. Sein Vokalgesang füllte die ganze Scheune aus und erreichte bald Höhen wie räudige Katzenmusik. Die Hühner im benachbarten Hühnerstall waren so betroffen, sie stellten daraufhin mehrere Tage das Eierlegen ein. Mein Abrakadabra war in diesem Moment genau fünf Minuten alt.

 

Im Oval Office, im Büro des Chefs der Vereinigten Staaten von Amerika, saßen zur selben Zeit zwei Brüder zusammen.

„Es gibt so viele Möglichkeiten, wie wir Menschen uns das Leben auf der Erde verschönern könnten!“ sagte John F. zu seinen Bruder Robert.

„Wir könnten die Raketen in der Türkei anbieten.“ entgegnete der Bruder des Chefs. „Ich werde noch einmal Anatoli besuchen.“

„Genau!“ sagte John F. „Du garantierst den Russen, das Amerika auf keinen Fall Kuba angreifen wird und bietest den Abzug der Atomraketen aus der Türkei an.“ Der Chef goss noch einmal Whiskey in beide Gläser. „Ich wünsch dir und der Menschheit viel Glück!“

 

Robert hatte Glück! Und die Welt hatte Glück! Noch in derselben Nacht ließ der sowjetische Direktor Nikita über Radio Moskau und Kurzwelle den Abzug der Raketen aus Kuba feierlich bekannt geben. Der dritte Weltkrieg musste mal wieder verschoben werden.

 

Im regenreichen Urwald von Gabun brauchte die Post schon immer etwas länger. Der Postbote, dessen Ururgroßvater schon Postbote am Hof des Sultans in Konstantinopel war, musste mit seinem nigelnagelneuen Renault 4 auf der schlammigen Piste stundenlang ausharren. Eine Elefantenherde hatte es sich dort bequem gemacht. Schwester Mechthild musste für den Brief, aus der fernen Schweiz, extra unterschreiben. Wenig später konnten sich ihre finanziellen Sorgen zum Teufel scheren. Mzungu Albert hatte das Friedensnobelpreisgeld der Albert-Schweitzer-Stiftung übergeben und das Hospital würde bis in alle Zeit weiter bestehen. In Lambarene wurde zur Feier des Tages eine Flasche Schaumwein geköpft. Wenn in Lambarene getrommelt wurde, tanzte ein ganzes Krankenhaus.

 

Penelope und das Menschentum nahmen alles mit Erleichterung auf.  Wenn man es recht bedachte, würden sie höchstwahrscheinlich, die wahrscheinliche Wahrheit nie erfahren. Es waren ja mein Zauberstab und meine Wenigkeit gewesen. Die Konstellationen sprechen jedenfalls dafür. Keine Frage, wir hatten das alles bewirkt. Nur kapierte ich es damals noch nicht so richtig. Ich war ja noch so klein.  

 

Ernesto Rafael, genannt Che Guevara soll sich auf Grund der Ereignisse, so richtig schwarzgeärgert haben. Er beschloss, im Dschungel Boliviens, mit der Machete in der Hand, mit der Weltrevolution, noch mal ganz von vorne anzufangen.

Andrei Andrejewitsch rieb sich die Hände und verlangte leckere Pelmeni und Knoblauchsoße von seiner Frau.

Im Oval Office wurde endlich mal der Whisky knapp.

Afrikanische Krankenschwestern sangen ausgelassen fröhliche Lieder. Sie kümmerten sich, wenn auch leicht beschwipst, weiter um Malaria- und Leprakranke.

Gunnars Vater goss sich an diesem Abend zwei Schnäpse mehr hinter die Binde.

So war das, liebe Leser und ich gab mich beruhigt der Schlafkrankheit hin.

Ach ja, da fällt mir noch ein, dass so ein zauberischer Holunderstab noch viele sonderbare und merkwürdige Wünsche erfüllte. Aber dafür müsstet ihr schon weiterlesen.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0