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MagicumPhilie

die wahrheit macht nicht viele worte - Donald Trump

Ein Holunderbusch! Genaueres Nachdenken ergibt, dass ich mit einer Sichel einen halben Meter langen Stab, von diesem magischen Holunderbusch herunter schnitt. Ich kann mich augenblicklich nicht an rosa oder goldene Funken erinnern. Unter Umständen besaß ich gar keinen Holunderzweig der Magie, keinen der wirklich zaubern konnte, aber ich hatte ein richtig gutes Gefühl. Mit dem Zauberstab in der Hand konnte ich mich schon früh um die Sorgen der Welt kümmern und das tat ich mit aller Kraft.

Ich lebte damals in dem Tal mit dem Fluss und dem großen blauen Himmel. Das Dorf war klitzeklein und Jeder kannte Jeden. Anfänglich war ich noch jung, ehrgeizig und unverdorben. Ich spielte mit anderen Kindern auf der Straße oder im Garten oder sonst wo. Dann kam aber manches anders als erwartet. Warum sollte ich euch davon etwas erzählen, zumal ihr mich eh nicht glauben würdet. Was solls, ich tue es trotzdem. So könnt ihr euch lieber ein eigenes Bild von meiner gezauberten Vergangenheit machen. Damit dürft ihr die ganze lange Geschichte lesen, oder auch nicht. Ihr könntet genauso gut auch Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen lesen, der hat schließlich auch ein Buch geschrieben.   

 

Apropos: Dabei fällt mir ein, dass ich mir viele zauberhafte Jahreszeiten später, nach einer Trabifahrt bis an die bulgarisch-griechische Grenze (In Bulgarien nieselte es vom grauen Himmel und im unerreichbaren Griechenland schien die Sonne) mal von meinem zauberischen Holunderstab gewünscht hatte, dass der eiserne Vorhang fällt. Wie das ausgegangen ist, könnt ihr in jedem Geschichtsbuch nachlesen, das nach 1990 gedruckt wurde. Ihr wisst schon, David Hasselhoff und so. Aber ich schweife ab.

Kindergarten

Bis zum ersten Knackpunkt in meiner Biographie (der Wendepunkt gelang mir in meinem dritten Lebensjahr), machte die Zeit, dass was sie immer tut, sie verrinnt. Sie enteilte ohne irgendwelche großen Gedanken. Ich muss wohl bis dahin eine glückliche Kindheit vollbracht haben, da mir für diese Zeit nichts Negatives einfällt. Im Grunde fällt mir gar nichts dazu ein. Sicherlich habe ich friedlich in dem weißen Kinderwagen vor mich hingeträumt und als erstes Wort Mama oder Papa gebraucht. Denkbar wäre auch das Wort „Hinterbacke“. Aber nichts Genaues weiß ich nicht. Jedenfalls bin ich mit Sicherheit auf eine gefallen, als ich in meinem dritten Lebensjahr in den Kindergarten kam. Mit diesem Tag begann der Ernst des Lebens. Der Kindergarten ist und bleibt bis heute für mich ein abstraktes Gebilde. Gleich am ersten Tag entdeckte ich, dass einige der anderen Jungs Strapse trugen. Ich will mich an dieser Stelle nicht Sätze lang über andere Eigentümlichkeiten auslassen. Aber genau in diesem Moment begannen sich meine Wahrheiten, aus den vielen Schichten von denen sie überlagert werden, herauszuschälen. Die erste Wahrheit ist: Kleine Jungs in Strapsen sind doof! Meine große Schwester erklärte mir dann, dass die Omas die Strümpfe immer zwei Nummern größer strickten und ohne Strumpfhalter würden die Strümpfe rutschen. Wenn dann reingewachsen wurde, erledigte sich das Strumpfhalterthema meistens. Die zweite Wahrheit ist: Danach finde ich kleine Jungs in Strapsen immer noch doof. Meine Oma strickte nämlich nicht, meine Oma fuhr mit ihrem Berliner Roller lieber auf die Jagd. Wenn im November die ersten Fröste losgingen, hing meist ein oder zwei Hasen in der Torfahrt und als ein Fuchs unseren Hühnerstall besuchte, legte sich Oma auf die Lauer. Kurze Zeit später ging es dem Fuchs an den Kragen. Schon im frühsten Kindergartenalter lernte ich somit auch eine Form des Glücks kennen und ich bin bis heute meiner Familie für passende Strümpfe dankbar. Falls mir heute mal eine Frau in Strapsen begegnet, habe ich nebenbei ganz andere Schwärmereien.

Doch nun wieder zu den fürchterlichen Dingen, die mir am ersten Kindergartentagen geschahen. Glück und Unglück liegen oft nicht weit auseinander. Merkwürdigerweise sind fürchterlichen Dinge gar nicht so fürchterlich wenn man sie mit Abstand betrachtet. Damals war es fürchterlich und es ist so wie es ist. Mittagsruhe im Kindergarten ist fürchterlich. Drei Jahre lang wurde ich damit gequält. Fürchterlich ist mächtig untertrieben, ich hasste sie! Genau an dieser Tatsache begriff ich, dass es ungeheure Ungerechtigkeiten auf der Welt gibt. Die Krönung aller Ungerechtigkeiten waren die Mittagskinder. Mittagskinder sind Kinder, die kommen mit einem Zettel in den Kindergarten und dürfen zum Mittagessen nach Hause. Mittagskinder mussten nicht zum Mittagsschlaf. Ich hasste sie! Es gab auch eine Steigerungsform, es gab Strapse tragende Mittagskinder. Ich hätte jeden Tag heulen können. Zu jener Zeit entdeckte ich in unserem Garten einen magischen Holunderbusch.  Er war versteckt hinter meterhohen Brennnesseln und anderen Grünzeug, das weh tat. Aus einem Ast schnitzte ich mir einen Zauberstab. Damit zauberte ich die Bilder aus meinen Kopf einfach weg. Tatsächlich sah ich die Mittagskinder nachdem Mittagsessen meistens nicht mehr und ich konnte hin und wieder mich auf ein paar Minuten Entspannung einlassen. Beim Thema Mittagsschlaf nahm wohl meine Charakterbildung ihren Anfang. Damals kämpfte ich den Kampf des kleinen Kindergartenkindes gegen die Mächtigen und es gab jeden Tag Groll. Dreißig, vielleicht vierzig Bälger (soweit zählen konnte ich noch nicht) machten jeden Tag Groll. Wer soll da schlafen können? Warum ich gegen den Mittagsschlaf rebellierte ist mir heute vollkommen unklar und auch hat mein Gerechtigkeitsstreben jeden Tag einen einwandfreien Reinfall erlitten.  Meine Entwicklung zum recht schaffenden Menschen begann. Nein, mit mir kann man es nicht machen und einen Zauberstab hatte ich auch. Eine Erzieherin  entwickelte sich zu meiner besonderen Freundin. Ihr fehlte der geringste  Ansatz guter Manieren mir gegenüber und ich wünschte ihr irgendetwas an den Hals. Abrakadabra sagte ich zum Holunderstab und tatsächlich trug das Fräulein Seifurt am heißesten Tag des Jahres ein Tuch um den Hals. Ein Knutschfleck wurde gemunkelt und ich hoffte sie würde daran sterben. Aber das habe ich nicht zu meinem Zauberstab gesagt. Eine Lehre sollte es ihr trotzdem gewesen sein.

Einige Zeit später florierte kurzzeitig auch meine erste Geschäftsidee. Ich verkaufte allerhand Zauberstäbe aus unseren magischen Holunderbusch. Als Zahlungsmittel akzeptierte ich Gummiindianer oder Matchboxautos. Meckerei gab es aber von ganz anderer Seite, meine Mutter hatte wohl auch den Holunderbusch entdeckt und wollte Holundergelee kochen und das ging nicht mehr. Logischerweise war ich nach der Standpauke so aufgedreht, so dass ich am nächsten Tag das Mittagskind Gunnar mit entsprechenden Wünschen in den Nachmittag schickte. Ich brauche sicher nicht weiterzusprechen. Armer Kerl.

Eigentümlicherweise konnte aber nur mein Holunderstab zaubern. Ein Skeptiker in punkto Zauberstab wurde ich nie. Warum auch? Mittagskind wurde ich aber auch nie. Für solche Wiedersprüche war ich einfach zu klein, oder ich habe es mir nicht wirklich herbeigezaubert. Wie schon gesagt ist die Zeit auch einige Zeit her.

In der weiteren Abfolge epochaler Tage kam ich schwuppdiwupp in die mittlere Kindergartengruppe. In diesem Zeitabschnitt nahmen einige meiner Unternehmungen eine winzige Wendung ins Kriminelle. Meine Mittagsschlafallergie steigerte sich gerade ins Unermessliche und Gunnar durfte nach Scharlach, Mumps und Röteln wieder in den Kindergarten. Da er keine Strapse mehr trug, freundete ich mich etwas mit ihm an. Von ihm ging eine schwer zu beschreibende Welle krimineller Überlegenheit aus, die mich schier beeindruckte. Seine Mutter ging jetzt in die neugegründete LPG zur Arbeit und Gunnar verlor seinen Status als Mittagskind. Das machte ihn schlagartig sympathisch und die Sache mit dem Zauberstab behielt ich lieber für mich. Am selben Tag nahm er mich auf dem Klettergerüst zur Seite und vereinnahmte mich als Komplize zu unserer ersten Straftat. Ich kann mich noch genau entsinnen. Ein Schub ging durch meinen Körper, von der einen auf die andere Sekunde stieg die frevlerische Vorfreude in mir regelrecht auf. Sein Grundgedanke war auszubüxen. Gesagt, getan! Niemand bemerkte es! Wir verließen den Kindergarten durch den Haupteingang. Sofort war alles anders. Die Sonne schien heller, der Puls schlug schneller, der Plan endete hier. Dumm war das, weil der Kindergarten genau zwischen der örtlichen Essensküche und der LPG lag und das halbe Dorf genau zu dieser Zeit entweder zum Essen ging oder kam. Unter anderen Gunnars Mutter! Wenig später lagen wir innerlich eingedrückt auf Holzliegen beim Mittagsschlaf. Mir wurde klar, dass ein großer Coup akribische Recherche und Planung erfordert. Am Nachmittag untersuchte ich den Zaun zum Beninskyhof. Rostiger Maschendraht in dem eine Hecke wuchs. Mit einer Drahtschere könnte unser Plan am nächsten Tag gelingen.  Alle Kinder machen mal Dinge, die sie eigentlich nicht sollten und ich bekam einen kribbelnden Nacken, als ich dem Hausmeister die Kombizange stahl. Die weiteren Weichen waren auch zügig gestellt. Gunnar setzte sich auf Ramonas Platz, nahm ungeniert von ihren Negerküssen und schon war eine lautstarke Keilerei im Gange. Fräulein Seifurt und Frau Gold hatten voll zu tun, den Pazifismus in der mittleren Gruppe wieder herzustellen. Ich schaffte indessen ein ausreichend großes Loch in Zaun und Hecke.

Habt ihr schon mal fünf kopflose Hühner gesehen? Wir sollten sie erblicken, sie hingen zum Ausbluten an einer alten Teppichstange, die Köpfe dazu lagen auf dem Misthaufen. Die alte Frau Beninsky saß mit dem Rücken zu uns in der Torfahrt und sprach überzeugende Trostworte zum aufgeregten Kickelhahn. Ich weiß jetzt nicht mehr genau, wer die Idee hatte. Warum oder weshalb wir das Huhn klauten, das kann ich mir nicht mehr ins Gedächtnis rufen. Ich weiß nur noch, dass wir durch die Johannisbeerbüsche robbten, dass der Hals des Huhnes ganz warm war und ich und das Huhn mächtig zitterten. Die erste Straftat sollte emotional alle irdischen Maße sprengen. Unsere Flucht führte durch endlose Getreidefelder hinunter zum Fluss. Was ein krimineller Vierjähriger alles in seinen Taschen haben kann, sollte ich nun erleben. Gunnar kramte ein Taschenmesser und eine Streichholzschachtel heraus. Vermutlich hatte doch Gunnar die Huhnidee? Später brutzelnden wir das Huhn samt Federkleid und Innereien im kleinen Lagerfeuer. Es roch köstlich und ich fand, es stank fürchterlich. Eine merkwürdige Welt. Vielleicht besiegelte ich in diesem verräucherten Moment, vom Ammoniak benebelt, im tiefen Unterbewusstsein meine spätere Kochlehre. Der Plan sah eigentlich eine Ewigkeit in der Freiheit vor und die Ewigkeit beendeten wir in Abenddämmerung. Auf vielfach verschlungenen Wegen treten wir den Rückzug aus der Freiheit an.

Konsequenz? Das Wort hört sich nicht nur blöd an, dass ist es auch. Damals wusste ich noch nichts von diesem pedantischen Wort und trotzdem dachte ich auf dem langen Heimweg lange und mit Bangen darüber nach. Es war völlig dunkel als wir das Dorf erreichten. Die wenigen Laternen spendeten Licht, aber keinerlei Trost. So kam es wie es kommen musste. Popoklatsche die zwischen einem Rechts und einem Links nicht unterscheiden konnte. Konsequenz hieß auch Stubenarrest. Das Spielen mit Gunnar wurde mit der Begründung - Schlechter Umgang! - für die nächste Endlosigkeit verboten. Nur das Irmchen aus dem Gesindehaus konnte sich mit dem niveaulosen Verhalten meines Papas in keiner Weise identifizieren und freute sich das ich heile wieder da war.

Die nächsten Tage war ich zwar nicht tot, aber ganz lebendig war ich aber auch nicht. Abrakadabra hauchte ich meinem Zauberstab zu.

 

Im Übrigen sind wir trotz Hühnerklau heißhungrig und völlig abgemagert nach Hause gekommen. Gegenwärtig würde ich es höchstwahrscheinlich besser machen. Hühner eignen sich wertvoller für das Frikassee. Für das Lagerfeuer sollte man ein junges Hähnchen klauen und eine Pfanne mitnehmen. Da ich keine Tiere töte, sollte das Tier im Idealfall schon tot, gerupft und ausgenommen sein, bevor man es klaut. Dann wird es fachgerecht in Keulchen, Brüste (ohne Knochen) und Flügelstücke geteilt.  Dann Zwiebeln fein hacken und in der öligen Pfanne in der richtigen Hitze glasig werden lassen. Diese mit Ahornsirup, Chilisauce, Essig, einem Hauch Knoblauch, Worcester-Sauce, Rotwein, Salz, Pfeffer, Paprika ablöschen und dann die Fleischstücke einlegen. Nach schätzungsweise einer Stunde die Hähnchenteile aufspießen und im Feuer vorsichtig grillen. Die Kunst besteht darin, das Hähnchen zu garen, ohne dass es verbrennt. Im Buchenholzfeuer funktioniert das richtig gut. Immer mal wieder mit der Marinade bestreichen und nach einer guten halben Stunde wird es richtig lecker.

 

Als ich ungefähr in der großen Gruppe war, hatte ich mal so einen Traum. Ich konnte durch die Landschaft fliegen. Ich spürte den Wind und den Regen nicht, aber es fühlt sich dennoch wie wirklich an. Das Tal mit dem Fluss sah völlig anders aus.

So ein Zauberstab führt manchmal so eine unerträgliche Art Eigenleben und ich musste erst einmal lernen Geduld zu üben. Ich wartete in den letzten Wochen und Monate Tag für Tag, dass die Sprüche zu meinem Zauberstab Wirkung zeigten. Magie braucht eben manchmal Zeit. Als ich die Popoklatsche vom Papa schon vollkommen vergessen und verziehen hatte, passierte es.

Eines Tages war er einfach verschwunden. Mein Papa war nicht mehr da. Irmchen ließ mich streng vertraulich wissen, Papa wäre mit der jungen Frau Beninsky fremdgegangen oder durchgebrannt. Oder beides, so genau wusste sie es auch nicht. Fremdgehen ist, was ein gut informiertes Kindergartenkind unbedingt wissen sollte, ist eine Sünde die der Liebe Gott beim Erwischen gar nicht gut findet. Pfarrer Schmidt sagte im Religionsunterricht dazu: „Fremdgehen wäre eine Erfindung des Teufels, die durchkreuzt werden müsse.“ Das muss aber erst später gewesen sein, als ich schon größer war. Rückblickend betrachtet war Treue keine besonders ausgeprägten Dispositionen in der Familie Pfarrer Schmidt. Kann mich aber dunkel an seine Versetzung ins Eichsfeld erinnern, während Frau Pfarrer einige Zeit später unseren LPG-Vorsitzenden heiratete. Das blonde Ehepaar bekam dann zwei schwarzhaarige Jungs, die im gedeihlichen Alter dem Herrn Elster von der Hühnerfarm auffallend ähnelnden. Ich schweife mal wieder ab.

Durchbrennen kann man ebenso mit Fortschleichen übersetzen. Es brauchte eine Zeit, bis ich den Inhalt der neuen Konstellation recht verstehen konnte. Meine sachlichen Denkungsweisen, machten mich richtig traurig. Jeder hat mal einen papalosen Tag, ich hatte jetzt ein papaloses Leben. Die Popoklatsche war ja gar nicht so schlimm gewesen und verjährt war sie auch schon fast. Papa wollte mir das Schachspiel lernen und das Schwimmen und das Traktorfahren. Eigentlich hatte ich ihn sehr sehr gerne und ich bereute meine Zauberwünsche.

„Einen Zauberspruch rückgängig machen, das geht nicht!“ Irmchen war sich da sehr sicher. „Du hättest ihm einen Bandscheibenvorfall wünschen sollen, so etwas reicht meistens auch!“

Auf einmal verschwamm die Zukunft vor meinen Augen. Ich weinte Irmchen die ganze Schürze nass.

„Das macht sowieso keinen Sinn!“ sagte später Irmchen zu mir. „Einen Zauberstab den schneidet man nicht still und heimlich aus einem Holunderbusch!“

Ich dachte nach. Die Wahrscheinlichkeit das ein Zweig aus einem Holunderbusch zaubern kann liegt wahrscheinlich bei: Eins zu Dreihundertvierundzwanzigtausendsechshundertzweiunddreißig, genau wie die Quote beim Tele Lotto. Nur konnte das ein fast Sechsjähriger noch nicht wissen. Ich konnte auch nicht wissen, dass es Tele Lotto zu dieser Zeit noch gar nicht gab. Einwand! Gab es nicht immer mal den einen Gewinner. Und, das war ich und mein Zauberstab.

„Ich habe schon einmal einen richtigen Zauberstab gesehen,“ behauptete Irmchen in ihrem miesmachenden Monolog. „der war schwarz, der glänzte und hatte eine goldene Spitze!“

Ich wusste von was sie redete. Zur Kirmes im kleinen Dorf gab es eine kleine Bühne und da trat ein Mann im schwarzen Anzug auf und holte mit dem Zauberstab Kaninchen aus dem Zylinder und lies Äpfel über den Tisch schweben.

„Der konnte richtig Zaubern!“ ereiferte sich Irmchen.

Tränen stiegen wieder auf, ich wollte so was natürlich nicht hören.

„Kannst du mit deinem komischen Zweig Äpfel fliegen lassen?“ fragte sie triumphierend. „Ist doch nur ein Holzstab!“

Nein, das konnte ich nicht. Möglicherweise war es auch besser, wenn ich nicht zaubern konnte. Hatte ja schon genug mit meinem Abrakadabra angerichtet.

Am Abend verbannte ich den zauberischen Holunderast hinter dem Ölgemälde in der guten Stube. Ich legte ihn hinten auf den Holzrahmen. Aus den Augen, aus den Sinn, dachte ich. Vorher wünschte ich mir, dass Irmchen alle Ewigkeit für mich da ist. Dann vergaß ich ihn.

 

Zu Irmchen muss ich noch was sagen. Sie wurde in einer hölzernen Kate geboren und verbrachte ihre ersten Jahre genau wie ich in einem Dorf, in einem Tal mit einem Fluss. Nur viel weiter im Osten und der Fluss war auch viel größer. Der Fluss hieß Wolga und war sogar ein Strom. Als sie Sechs wurde, wollte unbedingt ein Herr Adolf Hitler zu dem Fluss, wo es dieses kleine Dorf gab. Das fand ein Herr Josef Wissarionowitsch Stalin gar nicht gut und wollte das Irmchen vor dem Herrn Adolf Hitler beschützen. Da kamen Polizisten und brachten ihren Vater in die  Sicherheit des Gulags  und brachten ihn nicht wieder. Sie selber durfte mit ihrer Mutter transsibirische Eisenbahn fahren und sie kamen in ein kleines Dorf in einem Tal mit einem noch viel größeren Fluss. Der Fluss war ganz sicher ein Strom und hieß Amur. In dem Dorf wohnten außer ihrer Mutter nur noch die Familien der Schlitzaugen. So sagte es jedenfalls das Irmchen. Wie das Irmchen in unser Dorf kam, das ist eine durch und durch lange Geschichte und vielleicht erzähle ich sie später im Buch noch. Falls mir nichts anderes einfällt.

Die nächste Zeit trieb einige Erinnerungen fort. Wohl nahm das Leben im Dorf den gewohnten Lauf, bis Oma Hilde kurz vor meinem sechsten Geburtstag Staub wischte. Über den Verstand kommt man da natürlich nicht weit, denn es war genau der Tag als die Ewigkeit mit Irmchen endete. Der Stab fiel herunter und Oma warf ihn in den Kohlekasten. Zum Glück war gerade August und keiner dachte ans Heizen. Zum Pech war es der Tag, als Irmchen mit dem Kurt in den Westen floh. Als ich den Zauberstab im Kohlenkasten fand, war mir einiges klar. Es müsste eine Mittel geben, das kein Irmchen mehr in den Westen ging. Damit war ich ganz eisern in meinem Willen. Ganz anders, der gerade sehr wichtige Herr Walter Ulbricht. Der hatte niemals die Absicht, eine Mauer zu errichten! Abrakadabra! Die große Politik des Sommers traf mich an diesem Tag mit voller Wucht.

„Pass gut auf dich auf“, lautete Irmchens letzter Satz als sie in die Unerreichbarkeit entschwand. Irmchen und ihr neuer Freund hatten bereits einen uneinholbaren Vorsprung, bis der Geheimdienst wach wurde und unseren Hof beehrte. Das Geschrei der dunkelgekleideten, wichtigen Funktionäre war so groß, dass die Kühe hinter der Scheune stehen blieben und die Ohren spitzten. Das Vokabular möchte ich hier nicht an meine Leser restlos weitergeben, aber es war ganz schlimm.  

An einem Sonntag. In den frühen Morgenstunden fingen Bauarbeiter an in einer großen Stadt eine Mauer zu bauen. Es war ein Sonntag im August.

Die Welt war reichlich schwieriger, als ich bis dahin geahnt hatte. Wie sollte es nun weitergehen? Im besten Fall würde ich einfach heranreifen und irgendwann dem Irmchen hinterher fliehen. Blöd war da nur, dass da jetzt eine Mauer stand und Zauberwünsche rückgängig? Das geht nie! Mental ging ich mir selber an den Kragen.

Irmchen sollte auch ihre Strafe bekommen. Das Gold mit dem der Westen glänzte, wartete nicht auf eine Frau die von der russisch-chinesischen Grenze kam. Nur drei Monate später wurde Kurt, auf einer schlecht geplanten Jagd nach dem großen Geld, totgeschossen. Und Irmchen? In einer großen Hafenstadt im Norden wimmelte es zu dieser Zeit von genügenden Freundschaften, die nur ihr Bestes wollten und nahmen. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis sie ihr bisschen Verstand verlor.     

 

Nach Irmchens Verschwinden wurde ich ein Jahr älter und kam in die Schule. Ich fand obendrein auch etliche Gründe dort zu bleiben. Dort lernte ich Zahlen und Buchstaben kennen und begann mir gewisse Dinge zu ... 

 

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